Familiensache

Kommunalpolitik am Wohnzimmertisch

Von Susanne Fischer

Copyright: Susanne Fischer
Parteibüro in Damour (Foto: Susanne Fischer)

Nun finden sie also tatsächlich statt, die lang diskutierten Kommunalwahlen. Die erste Runde lief am 2. Mai in der Region Mount Lebanon, der bevölkerungsreichsten Region Libanons. Laut Innenministerium waren dort 795372 registrierte Wähler stimmberechtigt, 313 Gemeinderäte aus 9559 Kandidaten und 921 Ortsvorsteher aus 1377 Kandidaten zu wählen.

Letzten Sonntag wurde in Bekaa und Beirut abgestimmt. Insgesamt zieht sich der Wahlmarathon über vier Sonntag hin.

Kurios finde ich, dass jeder dort wählen muss, wo er geboren wurde. Mein Mann zum Beispiel lebt seit 1976 nicht mehr in seinem Heimatdorf Damour, nicht mehr seit jenem Tag zu Beginn des Bürgerkriegs, als die ganze Familie Hals über Kopf um ihr Leben rennen musste. Seit über 20 Jahren wohnt der Großteil der Familie in Zalqa, einem der nördlichen Ausleger Beiruts. Darauf aber, wer dort über Schulen, Straßen und andere Gemeindefragen entscheidet, haben sie keinen Einfluss, an ihrem Wohnort dürfen dort nicht wählen.

Stattdessen sollen sie bestimmen, wer in der alten Heimat im Gemeinderat sitzt. Und so brachen wir am Sonntagvormittag mit der ganzen Familie nach Damour auf, etwa eine halbe Stunde Autofahrt nach Süden von Beirut.

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Damour mag nicht das schönste aller Dörfer sein. Die Umgebung aber ist unschlagbar. (Foto: Susanne Fischer)

Ich mag Damour. Obwohl es deutliche Spuren des Krieges trägt, vor allem in Form vieler hässlicher, mehrstöckiger Neubauten, die traditionellen Einfamilienhäuser mit großen Gärten ersetzt haben. Viele Häuser sind über den Rohbaustatus nie hinausgekommen, da die Regierung nach dem Krieg nur für das Grobgerüst des Wiederaufbaus Hilfe leistete. Das Geld musste innerhalb einer bestimmten Zeit verbraucht werden, also fingen viele an zu bauen, beließen es dann aber bei dem  Betongerippe.

Trotzdem. Der Blick nach vorn auf die Bananenplantagen und das sich anschließende Mittelmeer tröstet das Auge. Auch das im Rücken von Damour ansteigende Schuf-Gebirge ist wunderschön.

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Wahlhelfer bringen die Listen unters Volk (Foto: Susanne Fischer)

Zurück zum Wahlsonntag. Gleich am Ortseingang, als wir von der Autobahn auf die Zufahrtsstraße nach Damour bogen, fingen uns die ersten Jugendlichen in roten Wahlkampf-T-Shirts ab und drückten uns Wahllisten in die Hand. Ein paar Meter weiter die nächste Truppe, diesmal in Grün und Weiß mit der Konkurrenzliste.

Die Kommunalwahl im Libanon bestimmt über zwei Dinge: den Gemeinderat und den „muchtar“, was soviel bedeutet wie „der Ausgewählte“. Er ist eine Art Ortsvorsteher, der sich um Behördendinge und Verwaltungsangelegenheiten kümmert.

Jeder hat also zwei Stimmen - wobei man auf die Listen für den Gemeinderat beliebig viele Namen schreiben darf. Den konkurrierenden Listen wäre es natürlich am liebsten, die Wähler nähmen einfach die vorgedruckte Liste mit all ihren Kandidaten und werfen sie in die Urne.

Mit vier Listen ausgestattet, von jeder Gruppierung eine für den Gemeinderat und eine für den Ortsvorsteher, saß also die Familie im Wohnzimmer meines Schwagers, der inzwischen wieder in Damour wohnt, und ging die Namen durch. „Wer ist denn das?“, fragte mein Mann seinen Vater, der sich noch besser an die Familien aus Damour erinnern kann. „Und zu welcher Familie gehört der?“ „Das ist der Sohn von x, und das ist der Onkel von y.“

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Die Wahlhelfer sind dabei oft noch zu jung, um selbst wählen zu dürfen (Foto: Susanne Fischer)

Politik im Libanon ist generell, vor allem aber auf Kommunalebene, Familiensache. In 18 Prozent der Gemeinden in Mount Libanon haben gar keine Wahlen stattgefunden, weil sich die in der Politik aktiven Familien der Gemeinde vorab auf eine Liste von Kandidaten geeinigt haben, die exakt so viele Namen enthält wie es Sitze im Gemeinderat gibt. Gegenkandidaten: keine. Wozu also den Wähler fragen, wenn es auch ohne ihn, geht, scheint dort die Devise.In Damour immerhin gab es Auswahl, rund 40 Kandidaten für 18 Sitze im Gemeinderat. In der Familie meines Mannes blieben die vorgedruckten Listen auf dem Wohnzimmertisch liegen. Jeder schrieb seine eigene Liste mit den Namen seiner Wahl, gab also genau nur den Kandidaten eine Stimme, die er oder sie auch im Gemeinderat vertreten wissen wollte, ohne sich um die Vorauswahl der Parteien zu scheren.

Ein durchaus basisdemokratisches Verfahren.

In Beirut dagegen lag die Wahlbeteiligung nach ersten Schätzungen bei gerade mal 21 Prozent, in manchen Bezirken bei beschämenden elf Prozent. Ein Teil der Christen und ihre schiitischen Verbündeten haben die Wahlen in der Hauptstadt boykottiert, weil sie mit der von Premierminister Rafik Hariri ins Leben gerufenen "Beiruter Einheitsliste" nicht einverstanden waren.

Die einen dürfen, die anderen wollen nicht wählen. Und so werden sich im Alltag auch unter den neuen Gemeinderäten viele Libanesen auf die Einheit stützen, der sie am ehesten vertrauen: die Familie.

 

 



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