Nachbeben

Japan unter Schock

Von Meiko Matsudaira

 

Die Tiefseeplatten knirschten gewaltig.

Die Spannung von Jahrtausenden entlud sich

Mit einem Mal.

 

Ein schwarzes, sich aufbäumendes Ungeheuer

Verschlang, verschlang die ganze Stadt

Mit Haut und Haar.

 

Aus dem Fernseher schwappt die riesige Tsunami;

Schüttet das Meer über die Küste aus.

Ich fliehe vor dem Fernseher.

 

Seither schwirren die Hubschrauber über uns.

Das Tremolo der Rotoren

Prasselt vom Himmel.

 

In Stücke gerissen die Sanriku-Küste, zuta zuta.

In Stücke gerissen die Familie, zuta zuta.

Im Frühstücksfernsehen, über Tage hinweg.

 

Tausende von Toten;

Grob geschätzt nach Augenschein.

Erloschene Dörfer. Schweigen Tag um Tag.

 

Das Auto hängt auf dem Dach.

Der Tisch krönt den Strommast.

Ist die Welt eine Collage?

 

Kann auch der Himmel zerspringen?

Wie stark ist sein Blau?

Beim Nachbeben entdecke ich einen Riss im Himmel!

 

Spaltung im Kernreaktor, Spaltung im Ich.

Währenddessen wasche ich Spinat, zabu zabu.

Bis meine Finger klamm werden, zabu zabu.

 

Meeresstille.

Die Herzen der Leidtragenden beben weiter.

Wiederkehrende Gedanken unterm Regenschirm.

 

* * *

 

(geschrieben am 23. März 2011 -

frei übersetzt von Mayako Kubo und Stefan Schomann)

 

Meiko Matsudaira gilt als eine der wichtigsten zeitgenössischen Lyrikerinnen Japans. 1954 in Okasaki geboren, veröffentlichte sie sechs große Gedichtbände und erhielt dafür zahlreiche Preise. Matsudaira benutzt traditionelle Gedichtformen wie Haiku oder Tanka, füllt sie jedoch mit einer dezidiert modernen Befindlichkeit aus und erzählt von der großstädtischen Gegenwart. Den Gedichtzyklus Nachbeben schrieb sie unter dem unmittelbaren Eindruck der Katastrophen in Japan.

Die japanische Komponistin Mayako Kubo vertont derzeit diese Gedichte. Zunächst entsteht ein Klavierstück, in Auftrag gegeben von der Pianistin und Kulturpolitikerin Agnes Krumwiede. Die Uraufführung findet am 10. Mai 2011 im Rahmen einer Kulturtagung von Bündnis 90/Die Grünen statt, im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Parallel entsteht ein größeres Werk für Sopran und Kammerorchester. Es soll am 21. Juni bei einem Gedenkkonzert an der Berliner UdK uraufgeführt werden, anläßlich des weltweit begangenen Fête de la Musique, und gespielt von YACOB, dem Young Asian Chamber Orchestra Berlin.

 


 


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