Abschied von einem großen Reporter

Zum Tod unseres Kollegen Heinrich Jaenecke

Foto: Nele Braas

Heinrich Jaenecke,1928-2014 (Foto: Nele Braas)

In der Nacht zum 4. Oktober ist unser Freund und Kollege, der Reporter Heinrich Jaenecke, nach langer Krankheit gestorben. Er wurde 87 Jahre alt. MAGDA, das Magazin der Autoren, war das Reporterteam, dem er bis zuletzt angehörte. Er war einer von uns, aber es trennten uns Welten, die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, das bewusste Erleben des Wiederaufbaus der Demokratie. Und seine unbestreitbare Klasse. Er war einer der besten, einer der fähigsten Reporter, die ich kenne, einer der einflussreichsten Kolumnisten der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Weltreporter Felix Zimmermann hat ihn für MAGDA interviewt: „Der Mensch braucht so ein Stück Papier“. Ein unterhaltsames und aufschlussreiches Dokument über das Goldene Zeitalter der Reportage, ein Blick in eine Epoche, die es so nicht mehr geben wird.

Geboren am 25. Februar 1928 in Berlin, wuchs er an der Wilhelmstraße auf, wo sein Großvater Friedrich Ebert als Gründungspräsident der Weimarer Republik die erste deutsche Demokratie in Leben rief, die aber – wie Heinrich es einmal formulierte – aus Mangel an Demokraten zugrunde ging. Er hatte seinen Großvater nicht mehr kennengelernt, und als er fünf Jahre alt wurde, war es auch mit der Demokratie bald vorbei. Sein Weg war vorgezeichnet: Schule, Gymnasium, Reichsarbeitsdienst, und dann wurde er, gerade mal 17 Jahre alt, Soldat und beschützte in der Nähe von Aumühle bei Hamburg, die letzten Düsenflugzeuge der Luftwaffe.

Heinrich Jaenecke kam, wie viele Journalisten seiner Generation auf Umwegen zu seinem Beruf. Er lebte als junger Architekt in Buenos Aires, als er seinen ersten Artikel schrieb. Im „Argentinischen Tageblatt“, einer deutschsprachigen antifaschistischen Zeitung in Buenos Aires, erschien sein Bericht über die „Stunde Null“, seine persönlichen Erfahrungen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Er hatte seinen Beruf gefunden, der eine Berufung war, ging zurück nach Deutschland, schrieb als freier Mitarbeiter für die „Süddeutsche Zeitung“, die „Passauer Neue Presse“, auch für „Revue“ und „Quick“. 1966 holte ihn Henri Nannen zum „stern“. In der Riege der Reporter war er bald eine Ausnahme-Erscheinung, eine herausragende Persönlichkeit, sprachmächtig, glasklar in der Argumentation, unbeirrbar als leidenschaftlicher und kritischer Demokrat. In den Redaktionskonferenzen konnte er explodieren, wenn Kollegen schwurbelnd Vortrag hielten. Ich habe ihn für seinen gerechten Zorn bewundert. Zu Henri Nannen hielt er Distanz, aber die beiden wussten, was sie aneinander hatten. Heinrich berichtete von den Brennpunkten der Welt, verlor aber nie den Blick für die Ursachen und Hintergründe der Konflikte. Er recherchierte wie kaum ein anderer, stieg in die Archive, ein politischer Kopf mit untrüglichem Blick für Verbrechen. Seine Themen: Die Apartheid in Südafrika, die Teilung Polens, der atomare Wahnsinn von Hiroshima bis Tschernobyl, und immer der Umgang mit unserer Vergangenheit.

Eine seiner besten Reportagen erschien im Januar 1981 im „stern“. „Die Welt von gestern“, über die Beerdigung von Großadmiral Karl Dönitz auf dem Waldfriedhof von Aumühle. Fünftausend Trauergäste waren gekommen, um das letzte Staatsoberhaupt des Dritten Reichs zu ehren, „alte Männer, einem Totenreich entstiegen, Helden des Untergangs mit dem Eisernen Kreuz über der Krawatte.“ Der Reporter Heinrich Jaenecke wählte einen Kunstgriff, um diese für ihn sehr persönliche Geschichte zu erzählen: das stumme Zwiegespräch mit einem der alten Männer, die neben ihm im dichten Gedränge standen. Dem Mann müssen die Ohren geklungen haben. Über Lautsprecher erfuhren die Trauergäste, was den Verblichenen ausgezeichnet hatte: „Die unwandelbare Treue zur Staatsführung.“ „Da war es“, notiert der Reporter, „das Wort das alles entschuldigt: Treue – die große deutsche Lüge, der Generalpardon für alle Blindheit, Feigheit, Verantwortungslosigkeit.“

Als Dönitz, der Mann im Sarg, noch letzter Alleinherrscher des Deutschen Reiches war, tönte seine Stimme über Lautsprecher ins Leben des 17-jährigen Soldaten Jaenecke: „Der Führer ist gefallen, einer der größten Helden unserer Geschichte.“ Als er diese Worte hörte, sprang der Junge aus dem Fenster, warf den Stahlhelm in einen Straßengraben, irrte durch Schleswig-Holstein, vorbei an Deserteuren, die an Bäumen hingen, voller Angst, bis er endlich die ersten Engländer sah.

Heinrich Jaenecke schrieb bis 1995 für den „stern“, danach als freier Autor vor allem für „Geo-Epoche“. Als Historiker war er Autodidakt, aber was für einer! Anders als die meisten deutschen Historiker, schrieb er nicht für Seminare sondern für Leser, sieben Millionen hatte der „stern“ in seinen besten Zeiten. Er dozierte nicht, sondern konnte Geschichte erzählen. Er schrieb Bücher über die deutsche Teilung, die Geschichte Südafrikas („Die weißen Herren“) den Spanischen Bürgerkrieg („Es lebe der Tod!) und die Tragödie Polens („Träumer, Helden, Opfer). In seinem letzten Buch „Der blinde Adler - Reflexionen über Deutschland“ (vergriffen) beantwortete er die Frage nach dem Wohin: „Die Antwort ist sehr einfach: Zu bewahren, was wir an Einsichten gewonnen haben, und abwehren, was uns diese Einsichten wieder rauben will: die Anmaßungen der Macht, den Opportunismus der Etablierten und die Kräfte des Unheils, die in diesem Land immer noch nicht überwunden sind.“


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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