Clintons Hoden

Stierkampf auf Amerikanisch

An diesem Wochenende haben sie beim Testy Festy in der Kleinstadt Clinton im US-Bundesstaat Montana bestimmt wieder viel Spaß. Die Gemeinde Clinton in Montana ist ungefähr so bedeutend wie Kirchentellinsfurt in der Nähe der Schwäbischen Alb und ungefähr ähnlich vielfältig sind dort das soziale Gefüge und das kulturelle Angebot. Aber einmal im Jahr, eben an diesem Wochenende, ist in Clinton wirklich der Bär los. Sie kommen von überall her um den kulinarischen Höhepunkt des Festivals nicht zu versäumen: den „ball eating contest“. Stierhoden werden in allen Variationen zubereitet, gegrillt, geschmort, gebacken. Übrigens findet das Festival in diesem Jahr in Clinton schon zum 31. Mal statt.

Hoden heißen auf Englisch testicles und erinnern damit anders als im Deutschen noch an den Ursprung des Wortes: an den Zeugen. Bei uns hat sich der Wortstamm nur noch im Erzeuger erhalten, also jenem männlichen Wesen, der dank seiner Hoden die Fortpflanzung garantiert. Da sind wir aber auch schon beim Problem: Weil die Hoden irgendwie etwas mit Sex zu tun haben, ist es schwierig ruhig und objektiv über sie reden. Die einen fangen sofort zu kichern an, die anderen machen obszöne Bemerkungen und die dritten denken an Oliver Kahn. Ich möchte heute versuchen, ruhig und objektiv über Hoden zu reden.

Hoden gehören von ihrer Funktion her betrachtet zu den primären Geschlechtsmerkmalen von Säugetieren. Kulinarisch zählen sie zu den Innereien. Was die menschlichen Hoden angeht, so sind sie etwa pflaumengroß und wiegen etwa 20 Gramm. Für die Küche interessanter sind dagegen Kalbs- oder Stierhoden (50 bis 100 Gramm) oder Lammhoden. Mir ist es ein Rätsel, weshalb ich auf deutschen Speisekarten noch nie auf sie gestoßen bin. Hirn, Bries, Nieren, Herz, alles findet man. Aber Hoden? Selbst der Papst der Innereien, der Stuttgarter Starkoch Vincent Klink, traut sich nicht, Hoden auf die Karte zu setzen. Fast ist man geneigt zu sagen: Die deutschen Köche haben keine Eier. Aber weil ich ruhig und objektiv sein will, sage ich es nicht.

Wäre ich vor zweihundert Jahren geboren, ich hätte von England bis Spanien hunderte von Hoden-Rezepte gefunden. Sie galten als Spezialität, und bei einer Hausschlachtung war es Ehrensache, die Hoden dem Schlachter zu überlassen. Manche aßen sie allerdings nicht nur wegen ihres zarten Bisses oder ihres nussigen Geschmacks. Bis heute hält sich in manchen abgelegenen Gebirgsregionen (siehe Clinton, Montana) der Aberglaube, der Verzehr von Stierhoden erhöhe die eigene Fruchtbarkeit. Doch mit zunehmender Industrialisierung der Landwirtschaft und Globalisierung der Nahrungsaufnahme gingen die Hoden irgendwo verloren.

Als ich sie daher zum ersten Mal auf einer Speisekarte fand, war ich verzückt. Es war vor einem Jahr in Rumänien. Das Lokal lag in einem Außenbezirk von Sibiu (Hermannstadt) und war mir wegen seiner Kuttelsuppe (ciorba de burta) empfohlen worden. Dann las ich aber auf der noch mit einer alten Schreibmaschine getippten Karte das Wort „testiculele“ und war elektrisiert. Sollten sie hier tatsächlich . . . ??? Sie sollten.

Die junge Kellnerin verzog auch keine Miene, als ich testiculele bestellte (was beweist, dass man in Rumänien ruhig und objektiv über Hoden reden kann). Sie waren aufgeschnitten und am Stück gebraten und sie schmeckten, naja, interessant.

Für alle, die vielleicht noch nicht wissen, wohin in den Urlaub: Das Lokal heißt übrigens Kon Tiki und liegt in der Tudor Vladimiresco Straße Nummer 12.

 

Rezept: Austern nach Art der Rocky Mountains

Zutaten (für 4 Personen):
500 Gramm Kalbshoden (beim Metzger vorbestellen) 1⁄2 Liter Bier
2 Hühnereier
Mehl, Paniermehl, Pfeffer, Salz

Die äußere Haut an den Hoden mit einem scharfen Messer entfernen (geht leichter bei noch leicht gefrorenen Hoden). Die Hoden in ca. 1cm dicke Scheiben schneiden und zwei Stunden in Bier marinieren. Anschließend abtrocknen, mit Mehl, Eiern und Paniermehl panieren und in der Pfanne ausbacken.

Mehr Infos zum Stierhoden-Festival unter: www.testyfesty.com

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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