Der Nordwind ist ein laues Lüftchen

Oh Himmel, der neue "Stern"!

Copyright: Stern

Was für Tage. Konnte nichts essen. Nicht schlafen. Der neue "Stern". Halte ihn endlich in den Fingern. Sie zittern. Schweiß  auf der Stirn. Stoßatmung. Die Kopfgeburt eines neuen Kometen. Ein Sturm im Blätterwald. Kahlschlag. Weg mit dem Muff. Mindestens. An einem Nachmittag machte es Klick, sagt Chef Wichmann, und er wusste: Das isses!

Alles anders. Alles besser. Alles teuer. Seit Monaten gab es Nordwind, die Arbeitsgruppe. Gute Leute, wirklich gute Leute. Sie wollte den Journalismus neu erfinden. Bliesen die Backen auf. Man flog mal eben nach New York. Wochen über Schriften brüten. Bei einem tollen Typotypen. Die Themen wurden eher pathologisch geordnet. Kopf. Herz. Bauch. Wo bleibt da nur die Brust für Brüderle?

Ich blättere. Was uns bewegt, steht überm Editorial. Damit wirbt die Bahn schon seit Jahrhunderten. Dann Diwo. Diese Woche. Gab es bereits, als ich kurz nach dem Krieg beim "Stern" arbeiten durfte. Die trostlose Müllhalde für Geschichten, die es nicht in den Hauptteil schafften. Jetzt bunt, kleinteilig, beliebig. Von und zu Guttenberg. Dieter Pfaff. Gauck. Kim Jong Un. Golfrausch bei VW. Weiter hinten fordern zwölf Priester die Abschaffung des Zölibats. Gütiger Himmel. Musste eben sein, in dieser Woche. Wegen des Papstes. Das Ganze ist so modern, als würde Heribert Faßbender wieder Fußball kommentieren.

Eine Reise ins Ich. Kollegin Winnemuth sahnte bei Jauch ab und fährt zur Strafe ein Jahr lang um die Welt. Um zu sich selbst zu finden. Gähn. Darf Reklame für ihr druckfrisches Buch machen. Das große Los. Zu Hause fragt sie sich: Was brauche ich eigentlich wirklich? Vielleicht wieder Kohle? Dazwischen, darunter, daneben: winzigste Anzeigen, Magenmittel. Veluxfenster. Nachhilfe. Nur Mercedes lässt sich nicht lumpen. Zwölf Seiten A-Klasse. Hochglanz, versteht sich. Das riesige Impressum ist werbefrei. Was die Werbung für Produkte angeht. Es gibt sogar Managing Editors.

Gorbatschow. Er wollte damals kein Blut vergießen. Aha. In Indien dürfen Frauen nicht surfen. Im Netz tanzt man den Harlem Shake. Oh Mann, da schüttelt´s dich! Ein Mädchen ist seit ihrer Geburt heiser. Nicht weit davor wirbt ein Mittel gegen Kratzen im Hals. Sicher nur Zufall. Schweine glücklich, saulecker. Besser fressen. Frecher bechern. Was weiß ich. Vom Charme der Unrasierten. Mit Pilawa ins Bett. Wovon würden Sie gern öfter träumen? Jetzt, da Sie mich fragen, sagt Jörg, ich hab seit Jahren nicht mehr richtig geträumt. So schindet man Zeilen, ohne was zu sagen. Und am Ende, wenn nichts mehr hilft: Scharzweiß, Salgado, Starfotograf. Einzig neue Erkenntnis: Er knipst gern im Gegenlicht. Weil er im Schatten aufgewachsen ist. Immerhin.

Sorry, Henri Nannen, es musste sein. So entschuldigten sie sich beim Gründer des Blattes. Der wollte immer einen lauten Musikdampfer haben. Aber nun dümpelt ein Papierschiffchen im Mainstream herum. Der Nordwind ist ein laues Lüftchen. Ein Shitstorm der Langeweile. Es kann nur besser werden.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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