Dumm gelaufen, blöd gefallen
Großstadtbewohner im Spital
Der Winter beförderte mich in die hauptstädtische Abteilung für glatteisbedingte Knochenbrüche im Südosten Berlins. Ich war – vom Nutznießer des Winters zu seinem Opfer geworden – nicht eingeplant und wartete mit gebrochenem Oberarmkopf (Humerus) nüchtern und immer ernüchterter von morgens um acht bis mittags um zwölf auf ein sogenanntes Entlassungsbett. Die Spitäler waren überfüllt, in ihnen herrschte, neben den Ärzten, erregtes Kommen und Gehen.
Mit den anderen Knochenbrüchen meines Zimmers wurde ich schnell bekannt. Sie waren in einem fortgeschrittenen Stadium ihrer persönlichen Wintertragödie, hatten ihre Operationen hinter sich, während die meine für Nachmittag ab vier geplant war, wenn man nicht noch brisantere Notfälle einlieferte, womit sich die Stunden der totalen Nüchternheit vermehren könnten, nichts essen, nichts trinken, null.
Der Steinsetzer, ein, nun, untersetzter Urberliner im, abermals nun, gesetzten Familienvateralter, konnte auf einen lupenreinen Arbeits- und Wegeunfall verweisen und genoss als Versicherter der Berufsgenossenschaft Spitzenbedingungen. Er war nach der Arbeit dumm gelaufen und blöd gefallen wie einige tausend andere Berliner auf Wowereits wüsten Straßen ebenfalls, schleppte sich im Wahn, nur den Fuß verrenkt zu haben, einige Strecken zwischen Bahn und Bus heroisch nach Hause, was die Lage im Inneren des Beins nicht gerade verbesserte.
Der Kunsttherapeut war auf dem Weg zu seinem Trompetenlehrer. Auch ihm genügte ein harmloser Schritt, auch er gedachte, sein Leben weiter zu führen wie bis dahin, er klopfte an die Tür, er setzte das Mundstück an, er blies und dachte den Standardsatz solcher Situationen: Ein Trompeter kennt keinen Schmerz!, bis er schließlich klein beigab und es aussprach: Ich glaube, mir wird schlecht.
Wie mancher moderne Mensch verfügte der Trompetenlehrer über ein zweites Standbein. Er war Homöopath und verachtete die Schulmedizin, der er, wann immer es ging, gerne eins auswischte. Er bettete seinen tapferen Schüler auf ein weiches Lager und behandelte den Bruch zwei Tage und zwei Nächte mit köstlichen Salben, bis der Kunsttherapeut ein weiteres Mal die bittere Wahrheit sagte: Ich halt’s nicht mehr aus. Nichts gegen die Homöopathie.
So ließ er sich ins Krankenhaus im Prenzlauer Berg (westdeutsch: Prenzlberg) fahren, wo er versorgt wurde, aber so, dass man im Spital im Berliner Südosten die Hände über dem Kopf zusammen schlug: so schlecht gemacht!, um ihn nun wirklich fachgerecht zu verarzten.
Ich war dabei, wie der Gipsverband aufgeschnitten und ein Hightechspezialschuh angepasst wurde, mit dem der Kunsttherapeut aussah wie ein Vancouver-Held, der er nicht war, aber er vermochte, den Fuß, fünf Tage nach der Operation, schon wieder zu zwanzig Prozent zu belasten.
Der dritte an Bord war die berühmte Ausnahme. Ein junger Mann namens Richter. Er hatte keinen Bruch. War vielmehr daheim aus dem Bett und ungebremst aufs Gesicht gefallen. Nun machte er sich in der Art der Jugend von heute Sorgen darum, dass da etwas zurückgeblieben sein könnte im Kopf, den er noch ein Leben lang brauchen würde. War aber wohl nicht. Es ging ihm gut.
Auch ich hatte Glück. Kein größerer Notfall kam mir mehr dazwischen. Zum Sitzen war ich zu schwach, im Liegen fand ich keine erträgliche Position, da wurde endlich mein Bett in die Chirurgie geschoben, ich erinnere mich, wie eine verhüllte Gestalt den Vorbereitungsraum betrat und Scheiße sagte. Im halbbewussten Zustand ängstigte ich mich, wohin ich geraten sei. Der Verhüllte sprach es aus: verfluchter Laden. Und dann: nichts vorbereitet. Als ich noch glaubte, in einen der unheimlichen Romane Mankells geraten zu sein, änderte sich der Ton. Der Mann kam aus derselben Kleinstadt in Mecklenburg wie ich. Das sprach zu meinen Gunsten. Er stellte mir einige Fragen, um zu erfahren, ob ich noch bei Trost war, dann dämmerte ich weg.
Als nächstes hörte ich, dass alles vorbei sei, Operation gelungen, Patient still alive. Ich griff nach links. Der Arm war noch dran. Selbstverständlich war das nicht.
Die Wirkung der Narkose ließ schnell nach. Ich erinnere mich, dass ich im Krankenzimmer im Kreis der anderen drei Tragöden munter daher redete. Wahrscheinlich Schwachsinn. Ich hing an Schläuchen, durch einen wurde Wundflüssigkeit abgeführt, über einen anderen erhielt ich ein Narkotikum. Die Nachtschwester versorgte mich mit einer Ente und mahnte mich, nicht eigenmächtig aufzustehen.
Und nun zur Nacht nach der Operation. Deren ersten Teil gestaltete der Kunsttherapeut. Er tat es mit einem trockenen, schnörkellosen, kraftvollen Schnarchen, das die Wände beben machte. Die Power reichte für die gesamte erste Hälfte der Nacht. Danach löste der Steinsetzer den Therapeuten ab, er schnarchte eruptiv, krachend, röchelnd, untersetzt von Winseln, Lallen, Pfeifen und Ächzen. Der Mann, der am Tage voller Chuzpe zu sein schien, machte die Nacht zum Horrorfilm. Nie hätte ich gedacht, dass eine solche Menge explosiver Tagesreste in ihm lauerte.
Jenseits von Tisch und Bett war er überraschend klein und nahezu kugelrund. Wenn er sich, im dezent gemusterten Krankenhaushemd und Thrombosestrümpfen, zwischen den Krücken fortbewegte, wirkte das beängstigend monströs. Nach einer weiteren Horrorhalbnacht wurde er nach Hause entlassen. Die Berufsgenossenschaft zahlte den Krankentransport. Vor ihm war schon der junge Mann heimgeschickt worden mit einem Pflaster über der rechten Augenbraue, sonst nichts. Er arbeitete in einem weltweit tätigen Unternehmen, das sich damit befasste, das Fernsehprogramm aufs Handy zu bringen; in Japan ist man angeblich ganz wild darauf. Der junge Mann war voller Misstrauen der Wirtschaft gegenüber, aber er räumte ein, dass er ein Teil des Systems und ein Teil des Problems war. Da sollte es normal sein, wenn man ab und zu aus dem Bett fällt.
Ich wusste nun, dass das Wort Ewigkeit in einem Krankenzimmer entstanden sein muss. Ewigkeit ist Zeit, die nicht vergeht. In der man nichts tun kann. Zeit ohne Inhalt außer jenen abstrusen Gedanken und Bitten, die sich träge durch den Kopf wälzen. Ich lag noch nie im Krankenhaus. Ich musste das alles von Grund auf lernen.
Der Kunsttherapeut, ein kahler Mann von 40 Jahren, in dessen Stimme ich den befreundeten Tubisten Georg wiederzuerkennen glaubte, eine schüchterne, gleichwohl selbstbewusste und beseelte Stimme, beanstandete, dass die Krankenhäuser sich keine Gedanken machten, was die Patienten mit der Unmenge Zeit anfingen, der sie hier unvermutet gegenüberstanden oder -lagen. Man könnte so viel tun. Er hatte ein kleines Büro mitgebracht, versank in Tätigkeiten, kritzelte, schnitt aus, klebte, entdeckte die Sendungen von Deutschlandradio und Deutschlandfunk, allein die Nächte gehörten jenen Trompetenstößen, für die er keine Trompete benötigte. Am Tage verschwand er oft auf Stunden, am Anfang glaubten wir, uns Sorgen machen zu müssen, wenn Physiotherapeuten ihn suchten oder auch sein Sohn, der ihm, wie Rotkäppchen, einen Kuchen brachte, aber das war überflüssig. In diesem Spital muss es ihm gelungen sein, einen magischen Raum für sich zu finden. Er war anders als alle und betonte, wie selig er sei, dass der Bruch ihm eine lichte Perspektive voller Möglichkeiten beschert hatte, er würde jetzt kochen, malen, schreiben, kreativ sein, seine Bekannten besser kennenlernen, Visionen entwickeln.
Ich, der ich mit viel Sinn für Optimismus und Illusionen ausgestattet bin, meinte, bremsen zu müssen: Der Unfall hat mir vieles vermasselt, das finde ich einfach schlimm, und dann diese Hilflosigkeit, alles, was man tut, ist beschwerlich.
Ja, ja, bestätigte er, ich finde das auch sehr schlimm, aber jetzt freue ich mich auf die Zeit, die ich haben werde, ich bin sehr, sehr glücklich. Ich will jetzt einfach glücklich sein…
Fortsetzung droht




