Hau den Lukas!

Podolski und sein perfektes postaktionales Verdikt

Ich mache mir große Sorgen um Lukas Podolski. Das kann Ihnen ziemlich egal sein, und ihm erst recht. Aber ich darf das vielleicht behaupten, weil ich mich mal lange mit ihm beschäftigt habe. Vor vier Jahren brachten zwei Kollegen und ich ein Buch über ihn heraus, das nicht nur mitleidiges Kopfschütteln bei anderen Kollegen bewirkte, sondern sich bis heute auch nur zweihundertdreizehnmal verkaufte. Damit kämen wir bei gleichbleibendem Erfolg und nach Verrechnung sämtlicher Vorschüsse ungefähr im Jahr 2051 in die Gewinnzone. Leider haben Verleger selten einen so langen Atem, und Podolski wäre ja dann auch schon Rentner.

Wir gingen damals dorthin, wo es weh tut. Um seine Liebe zum Fußball zu verstehen, seinen Fleiß, sein „Nicht labern, lieber drauf!“ Wir gingen nach Bergheim nahe Köln, zurück in seine Kindheit, zu den staubigen Bolzplätzen, zu Trainer Horst Brüschke, zur Eisdiele von Signore Marino, der ihm väterlich riet: „Nische gän nach München, Juve isse gutt für disch.“ Von Bergheim aus fuhr der kleine Lukas mit dem Bus und der Straßenbahnlinie 19 zum Training. Er wollte dort niemals weg, die Welt hatte noch Wände, hinter denen er sich verstecken konnte, und der Eurogrill um die Ecke die besten Pommes rotweiß. Es gab Pyjamapartys mit Piccolo in der Stadthalle, die Metzgerei Nussbaum hatte saugute Spanferkel und im Schaukasten der Georgskapelle lud die Pfarrkirche Sankt Remigius zur „Wallfahrt zum Gnadenbild der schmerzhaften Mutter“ ein. Hier, sagte er mir, konnte sich seine polnische Seele entfalten. Da ließen sich auch die tiefergelegten Opel Mantas, die Marokkaner auf dem Sozialamt und der alte Streit mit dem nicht weit entfernten Siegburg und ihrer beiden Autokennzeichen ertragen. SU? Suche Unfall. BM? Beteilige mich.

Aber wie gesagt. Er gefällt mir jetzt gar nicht mehr. „Hätte! Würde! Könnte! Der Konjunktiv trägt keine Rückennummer!“ rief einer dieser Möchte-gern-Zimmermänner kürzlich übers Mikro in die Mittelwelle hinein, und wirklich, die Verzweiflung ist groß: Sein letztes Tor in der Bundesliga lag bis zum vergangenen Samstag gefühlte tausend Stunden zurück, er stolpert durch den Strafraum, ohrfeigt den Ballack und bringt einigermaßen verwirrte Sätze wie „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel“ heraus. Er hat sogar nach der Niederlage der Deutschen gegen Argentinien einen Reporter verprügeln wollen, nur weil der es wagte, die Gründe seiner Unpässlichkeit wissen zu wollen. Sie waren beide kurz davor, sich an die Wäsche oder besser ans Leibchen zu gehen, und wenn Sie mich fragen: Die Bayern sind schuld.

Ganz klar, die Bazis. Da hätte er nie hingehen dürfen, da verlor er seine Bergheimer Unschuld, den Boden unter den Füßen, auch wenn er mittlerweile wieder im Kölner Klüngel versinkt. Das Problem von Lukas Podolski lautet: Er hört ständig auf die falschen Leute, er ist so unbekümmert, dass es fast schmerzt, der Lausejunge wird zum Großkotz. Aber das alles ist leider sehr bezeichnend für die Branche mit den kurzen Hosen. Er hat früher einfach drauf gehalten und nicht drumherum geredet, seine Sprache war die linke Klebe; er dachte nicht nach und zog ab, volles Rohr. Die Sportwissenschaft nennt das ein perfektes postaktionales Verdikt. Diese Erkenntnis hilft ihm aber gerade auch nicht weiter.

Er spürt immer Menschen hinter sich. Vor sich. Neben sich. Mit guten Ratschlägen, die vor allem gut für deren Brieftasche sind. Er ist fremdgesteuert, seitdem er dieses ehrliche, spießige Bergheim verließ. Seitdem stoßen sie ihn, geh dahin, geh dorthin, doch nicht die Trainer, sondern die Ausrüster haben das Sagen. Und machen ihn reich, nicht nur an Erfahrung. Plötzlich steht so ein dicker Benz ganz in Leder vor ihm und nicht die verdreckte Straßenbahn, und abends hast du selten weniger Probleme, als mit der Playstation ins nächste Level zu kommen. Da möchte ich Sie mal sehen, beim Abflug in die Wichtigkeit.

Nie werde ich das erste Treffen mit Lukas Podolski vergessen. Das heißt, zuerst kam sein Berater Kon Schramm, der früher Konstantin hieß, ein gutaussehender Mittvierziger mit Viertagebart, und schob mir eine Visitenkarte zu, auf der stand: „Gott erschuf die Erde, der Mensch erschuf den Ball ... ANS Sport GmbH kümmert sich um den Rest.“ Er hatte so ein überlegenes Mobiltelefon vor sich auf dem Tisch, in dem man Verträge speichern konnte. Der Lukas ist noch viel besser als der Effenberg, schwärmte er, mit dem er natürlich auch schon zu tun hatte. Dann erschien sein Schützling und durfte mir Fragen beantworten, mit hastigem Blick und der Gewissheit, dass unser Dialog nicht länger als zehn Sekunden dauern durfte. Sonst griff Herr Schramm sofort ein. So fragte ich “ Fühlen Sie sich als Star?“ Und er sagte: „Die Mannschaft ist der Star.“ Dann fragte ich „Sind Sie ein Spaßfußballer?“ Und er sagte: “Spaß gehört immer dazu.“ Undsoweiterundsoweiter. Bevor mir dann zum Schluss doch noch eine wahnsinnig investigative Frage mit dem spontanen Auswurf „Haben Sie eigentlich eine soziale Ader?“ gelang, den er mit „ Ich bin Ehrenpräsident der Rollstuhlfahrer“ beantwortete, räusperte sich der schöne Kon sehr streng und beendete das Gespräch.

So gelang mir ein Rekord für die Ewigkeit. 49 Fragen in 38 Minuten, dananch schickte ihn sein Berater zum Essen nach Hause. Nicht ohne mir einen langen Vortrag darüber zu halten, wie sehr er alles fernhalten würde von Lukas Podolski. So wenig Öffentlichkeit wie nötig, war sein Fazit; in dieser Zeit unserer Unterhaltung nahm er Termine bei Radiosendern und Fotoshootings bei Zeitschriften an und - wie zum Hohn - eine Einladung bei „Wetten dass ...?“ mit damals noch zwölf Millionen Zuschauern. Ich notierte mir: Konstantin Schramm ist ein Mann des Wortes. Ein paar Monate später, als das Buch herauskam, beschimpfte er mich am Handy, als ich irgendwo in Lappland war. Idiot! Kretin! Fußkranker Zeilenschinder! Zuhause musste ich auch noch 20 Euro für die telefonische Erniedrigung bezahlen, aber ich habe nie wieder was von ihm gehört. Ich notierte mir: Eure Rede aber sei, ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist von Übel. Matthäus (nicht Lothar!), 5. Vers 37.

Und jetzt hab ich auch mal eine Idee. Die Sorgen sind zwar weniger, nachdem Lukas Podolski ausgerechnet gegen die Bayern seine 1425 torlosen Minuten beendete. Doch damit das gefälligst so bleibt und er auch bei der WM in Südafrika zu alter Stärke zurückkehrt, möchte ich die Stiftung „Schau den Lukas!“ gründen. Mit ihr werde ich ihm Psychologen besorgen, Schusstrainer, Computerspiele, neue Ledersitze, Straßenbahnkarten, einfach alles. Dazu müssen Sie nur unser Buch kaufen, meine Kollegen werden sich bestimmt auch darüber freuen. Los, geben Sie sich einen Ruck, werden Sie der 214. Leser und sorgen Sie dafür, dass es bald die magische Grenze von dreihundert durchbricht. Es heißt: „Ich mach das Ding rein und fertig!“, Heyne, 7,95 Euro. Kaufen! Und an Poldi denken! Keine Angst, der Server bei Amazon hält was aus.


 

Anzeige: 1 - 10 von 18.
 

Teo

Dienstag, 09-03-10 09:12

das war mal eine charmante eigenwerbung. find ich gut. :)

 

jensen

Dienstag, 09-03-10 09:21

Das sich immer noch hartnäckig das Gerücht hält, der "Schach ohne Würfel"-Spruch sei von Poldi ... Tatsächlich stammt er vom Journalisten/Komiker Jan Böhmermann, gesagt in einer Podolski-Satire beim Radiosender 1Live. Ich zitiere dazu Wikipedia, der man zwar auch nicht alles glauben darf, die es in diesem Fall aber gut auf den Punkt bringt:

"Böhmermann ist Urheber des Ausspruchs „Fußball ist wie Schach - nur ohne Würfel!“, der u.a. von Spiegel Online und dem Kicker fälschlicherweise Lukas Podolski zugeschrieben und darum im Jahr 2008 um ein Haar von der Deutschen Akademie für Fußballkultur zum Fußballerzitat des Jahres 2008 gewählt wurde."

 

jensen

Dienstag, 09-03-10 09:22

Ich kaufe nachträglich noch ein "s" für mein erstes Wort. 'tschuldigung.

 

Oliver Fritsch

http://www.indirekter-freistoss.de

Dienstag, 09-03-10 10:20

Kon Schramm - ist das eigentlich ein Künstlername?

 

R2

Dienstag, 09-03-10 10:30

Tja, mit den 300 Verkäufen wird das wohl nicht - Amazon führt das Buch nicht und auch dort gibt es das gute (?) Stück nur GEBRAUCHT!!!

Nicht genug also, dass der Ladenhüter nur 213x verkauft wurde, nein, diese 213 wollen das Ding auch noch wieder loswerden!

Ach, nein...

 

Sebastian

Dienstag, 09-03-10 11:52

Ich bin einer der 213 Besitzer des Buches. Kein Witz! Fühl mich jetzt irgendwie elitär...
Aber es war auch ne schräge Idee, seine Karriere anhand von SID-Meldungen nachzeichnen zu wollen...

 

Richard

Dienstag, 09-03-10 11:59

Wollte auch darauf hinweisen, dass der Schach-ohne-Würfel-Spruch von Jan Böhmermann ist. Siehe auch http://www.derwesten.de/staedte/oberhausen/Fussball-ist-wie-Schach-Nur-ohne-Wuerfel-id1330923.html

 

Viego

Dienstag, 09-03-10 12:55

Ich bin über "6 vor 9" vom Bildblog hier gelandet. Ich muss sagen, dass ich seit langer Zeit zu meinem Bedauern festellen muss, dass die Links seit geraumer Zeit immer schlechter werden...Das soll keine Kritik an Sie sein, der Artikel ist interessant geschrieben. Aber außer Eigenwerbung für Ihr Buch kann ich keinen sonstigen Inhalt erkennen. Ich habe kein Verständnis für solche Verlinkungen

 

Hoffi

Dienstag, 09-03-10 13:27

Ich besitze ebenfalls ein Exemplar des oben erwähnten Buches. Aber auch nur, weil ich es vor Jahren zur Weihnachtsfeier meines Fußball-Vereins an unseren damaligen Top-Stürmer verschenken wollte. Der hat dann aber im Eifer des Gefechts (und als solches kann man die Veranstaltung wirklich bezeichnen...) vergessen, das Buch mitzunehmen.

 

Zaffod

Dienstag, 09-03-10 14:05

Und wegen der Satire von Jan Bömermann meidet Poldi den WDR. Er oder seine Berater können so nachtragend sein.

 
 

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