Kein Platz für den Gründer des Freistaates

Warum sich Bayern mit Kurt Eisner so schwer tut

Von Claus-Peter Lieckfeld

Kurt Eisner (1867-1919), erster Ministerpräsident Bayerns (Bild: bearbeitetes, historisches Foto, W.Kastner)


Wolfram Kastner, bekannter Münchner Künstler und Öffentlichkeitsarbeiter wider das Vergessen, nervt. Das ist sein erklärtes Ziel, darin sieht er seine Lebensaufgabe. Meist nervt er mit Kunstaktionen, jüngst wieder mit weißen Koffern, die vor Münchner Haustüren stehen, dort, wo einmal Juden wohnten, die in aller Regel in den letzten Kriegsjahren verschleppt, vergast und beraubt wurden. Die Koffer stellvertreten.

München, namentlich Oberbürgermeister Ude und die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Münchens, Charlotte Knobloch, möchten nicht, dass in dieser Stadt – wie beispielsweise in Hamburg und Berlin – Stolpersteine in den Boden eingelassen werden, gut handtellergroße Metallplatten, die namentlich und dauerhaft an die Ermordeten erinnern. Die kolportierte Begründung: Man wolle nicht, dass das Andenken der Toten mit Füßen getreten werde.

Diese Befürchtung spielte offenbar keine Rolle, als 1989 in Münchens Kardinal-Faulhaber-Straße die Silhouette eines dort erschossenen bayerischen Politikers in die Fußwegplatten gezeichnet wurde. Der hier Ermordete ist Kurt Eisner, Bayerns erster Ministerpräsident und damit auch der Begründer des Freistaates Bayern.

Als Kastner und Freunde zur 90. Wiederkehr der Eisner-Ermordung am 21. Februar 2009 der Staatskanzlei ein Bild überreichen wollten (Kastner: „ … auf Kurt Eisner gibt es an der Wirkungsstätte seiner Nachfolger keinen Hinweis, wir dachten uns, dem Mangel muss abgeholfen werden.“)  erhielten sie bei Annäherung an den Sitz der Freistaatsmacht zweifache Polizeibegleitung, nach vorheriger Passkontrolle. Das Bild wurde entgegengenommen, aber nicht aufgehängt. Die Begründung: In der Staatskanzlei seien nur Ministerpräsidenten ab 1946 vertreten.
 
Fünf Jahre später, im Februar 2014, machten sich Kastner und Freunde abermals auf den Weg, ein künstlerisch gestaltetes Eisner-Portrait in Gepäck. Ob denn Eisner, wenn schon nicht in der Staatskanzlei, so doch wenigstens im Landtag ein ehrendes Andenken bekommen könne, galt es zu ergründen.

Nein, könne er nicht, be- und entschied die Präsidentin des Bayerischen Landtages, Barbara Stamm, mit Schreiben vom 11. Februar: es gebe im Landtag „bislang keine Galerie mit Portraits von Ministerpräsidenten“. Und es „entspricht dem Grundgedanken der Gewaltenteilung und dem Selbstverständnis des Hohen Hauses, dass hier nur die Landtagspräsidenten – seit 1946 – zu sehen“ sind. Mit Bitte um Verständnis.

„Damit tue ich mich schwer“, meint Kastner, und resümiert: Einmal verhindere die große Zäsur, die mörderischen Hitlerjahre, ein ehrendes Andenken an das Mordopfer eines rechten Feme-Mörders (Graf Arco wurde nach der Füsilierung Eisners verurteilt, aber rasch amnestiert; Ende der Zwanziger wurde er Direktor der aus Reichsmitteln finanzierten Süddeutschen Lufthansa.). Zum anderen verhindere es angeblich die Gewaltenteilung, Eisner ehrend zu platzieren. „Die Gewaltenteilung“, so Kastner, „kann durch ein Porträt des Staatsgründers wohl kaum aufgehoben werden.“
Immerhin, die SPD-Fraktion – Eisner war viele Jahre seines Lebens Parteimitglied – versprach das Portrait des Kopfes der Münchner Novemberrevolution öffentlich zugänglich und an einem würdigen Ort zu platzieren.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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