Mach's gut und danke für den Fisch!

Günter Grass in Portugal

Von Emanuel Eckardt

Zu den vielen farbigen und respektvollen Porträts der Nachrufe auf den großen Günter Grass möchte ich ein kleines Bild hinzufügen, das nicht fehlen darf. Es zeigt den Dichter im wilden Westen Europas.


„Mir ist bekannt, dass ich schmecke“, sagt der Butt, der Literaturgeschichte gemacht hat. Bei Günter Grass reden die Fische. Auch der rötlich schimmernde Barsch auf dem Tisch kann unmöglich geschwiegen haben. Er zog eine Flunsch, wie Barsche es so an sich haben, glänzte silbern in der Sonne Portugals und lag vor dem Dichter, zum Ausnehmen bereit, hingegossen in einer Landschaft, in der Fische gegrillt und nicht gezeichnet werden. Aber bei Günter Grass schloss das eine das andere nicht aus.

Der Grill muss warten, weil da erst mal ein Bogen Ingrespapier gespannt wird. Und dann greift der Dichter zum Marmeladenglas mit der Sepiatusche, die er nach Art der Alten Meister aus Tintenfischen gewonnen hat. Melken nennt er das. Und diese Milch ist schwarz, tiefschwarz mit diesem besonderen braunen Ton, der beim Lavieren zum hellen Gold werden kann. Die Rohrfeder liegt bereit oder der Federkiel, den er irgendwo am kilometerlangen Muschelstrand bei Alvor gefunden und zurecht geschnitzt hat.

Nach Portugal, in sein Haus in der Algarve, zog es ihn, wenn er in Ruhe arbeiten wollte. Hier begann er seine großen Arbeiten, in seinem schmucklosen Arbeitszimmer, in dem er zeichnete und schrieb, ohne Übergang. Wie das ging, hat er einmal so erklärt: „Der Schreibprozess löst zeichnerische Varianten aus, und beim Zeichnen schreiben sich Sätze fort.“ Günter Grass betrieb ein Handwerk mit doppeltem Boden. Und es ist merkwürdig: Der farbigste unter den großen deutschen Dichtern sah die Welt in Grau. „Es sind die Grauwerte, die unsere Wirklichkeit tönen, stufen, eintrüben, transparent machen. Weiß ist nur das Papier. Es muss befleckt, mit harter oder brüchiger Kontur belebt oder mit Wörtern besiedelt werden, die die Wahrheit immer neu und jedesmal anders erzählen.“

Ein schreibender Zeichner, sagte Günter Grass, sei jemand, der die Tinte nicht wechselt. Und so sind die Urfassungen seiner Manuskripte keine Maschinentexte, sondern echte, temperamentvolle Handschriften, in denen die Tinte von Wort zu Wort eilt, und immer wieder zu einem Bild zusammenläuft, mal stockend und kratzig, mal spielerisch, wie auf der Suche nach einer Form, mal kraftvoll und entschieden. Der Federkiel folgte dem Dichter Grass ins Reich der Gedanken, der Bilder, die im Kopf entstehen, und er folgte dem Beobachter Grass, der über das Blatt hinausblickte, um die Wirklichkeit zu erfassen, zu zeigen was ist. So zeichnete er den Butt, lange bevor er ihn als Roman zu Papier brachte. Die Urfassung seiner „Unkenrufe“, die er in Portugal begann, zieren dicke Krötentiere. Vor jedem Kapitel eins.

Nur über den rosafarbenen Barsch gibt es nicht viel zu erzählen. Der Meister hatte ihn, nachdem er ihn gezeichnet hatte, mit Salz eingerieben, gegrillt und mit einer Soße aus Öl, Knoblauch und klein geschnittenen Salbeiblättern zubereitet. Er hatte mit seiner Frau Ute im Freien gesessen. Gemeinsam haben sie den Fisch verzehrt und Vinho Verde dazu getrunken. Dann bekam die Geschichte „Der Barsch“ von Günter Grass noch einen Epilog. Eine zweite Zeichnung zeigt das abgenagte Tier vor portugiesischer Landschaft. Wie tote Zweige starren die Gräten ins Bild.

Dann und wann taucht die Algarve in seinen Bildern auf, aber nicht in seinen Büchern. Er könne überall arbeiten, sagte er. Es bereite ihm Vergnügen, in glühender Hitze unter einer Pergola zu sitzen, und über die vereiste Ostsee zu schreiben. Wir gingen durch seinen Garten. Der war alles andere als üppig, karg, trocken und steinig. Stolz zeigte auf seine Kakteen. Ihnen galt seine Aufmerksamkeit und sparsame Zuwendung. Er mochte diese Pflanzen, weil sie Überlebenskünstler sind.

Er mochte Portugals Korkeichenwälder, den weiten Muschelstrand bei Lagos, das Gefühl, am Rande Europas zu leben, ohne abgeschieden zu sein. Er kaufte deutsche Zeitungen, die es hier einen Tag später gab, hing am Radio, um die Deutsche Welle zu hören. Auch hinter den Bergen von Monchique blieb Günter Grass der Beobachter, der Widerspruchsgeist, der sich einmischte, der seinem Zorn Luft machte. Manches lässt sich schärfer sehen, wenn man so am Rand steht, sagte er. Eine Randfigur war er nie. Er blieb sich treu. Er kam aus einer anderen Zeit, in der die Fische Geschichten erzählten. Und die Tintenfische gaben ihren Saft dazu, in Sepia. Wir trauern um einen alten Meister.

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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