Und sieht sie, dass wir nichts wissen können?

Albrecht Dürers Melencolia-Stich

Abbildung: Wikipedia

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Der vor genau 500 Jahren, nämlich anno 1514 gefertigte Kupferstich gehört zu den wichtigsten Schöpfungen des berühmten Nürnberger Künstlers Albrecht Dürer (1471 – 1528); er gibt auch dem gegenwärtigen Betrachter - nimmt er sich nur genügend Zeit zu Betrachtung - eine Fülle von Rätseln auf.

Mit „Ritter, Tod und Teufel“ und „Der heilige Hieronymus im Gehäus“ zählt „Melencolia I“ zu den „drei Meisterstichen“ Dürers. Was die römische I zu bedeuten hat, ist unbekannt (einen Stich „Melencolia II“ o. ä. gibt es nicht!). Die Entstehung im Jahr 1514 ist durch Dürers Signatur gesichert, außerdem taucht diese Zahl auch in der untersten Reihe des im Bild oben rechts sichtbaren magischen Quadrates auf. 1514 war auch das Todesjahr von Dürers Mutter. Die Quersumme der waagrechten und senkrechten Zahlenreihen des magischen Quadrats ergibt stets die Zahl 34 – warum, ist ebenfalls unbekannt; dass es sich um einen etwas verqueren Hinweis auf Dürers Lebensalter handeln könne (Dürer war bei der Fertigung seines Meisterstücks 43 Jahre alt), ist möglich, aber bloße Vermutung.

Das im Original 24 cm x 18,8 cm messende Bild wird in der oberen Hälfte exakt in der Mitte geteilt durch die linke Kante eines Gebäudes. Vor diesem Gebäude sitzt auf einer Stufe eine geflügelte Gestalt in Frauenkleidung, die - den nachdenklichen, aber nicht eigentlich traurigen Blick in die Ferne gerichtet - den Kopf in die linke Hand stützt. In der Rechten hält sie einen Zirkel, auf ihrem Schoß liegt ein verschlossenes Buch. Ob ihr Geschlecht wirklich weiblich ist, scheint mir indes keineswegs derart sicher, wie es die meisten Betrachter ganz selbstverständlich annehmen.

Vor und neben dieser Gestalt liegen, auf dem Boden scheinbar wie ausgestreut, die Gerätschaften eines Handwerkers: Hammer und Nägel, Zange, Hobel und Säge, ein Richtscheit, ein Streichmaß. Auch eine Kugel ist zu sehen, und weiter ein Tintenfaß.

Etwas weiter im dahinter liegt ein großer Hund auf dem Boden, ein mageres, kränklich wirkendes Tier. Neben ihm lehnt ein Mühlstein, auf dem ein geflügelter Knabe, ein „Putto“ sitzt. Sein linker Flügel und der rechte der Frauengestalt berühren einander. Noch weiter im Hintergrund, recht genau in der Mitte der linken Bildhälfte, sieht man einen Polyeder, eine große geometrische Figur, von der – wie auch bei der Kugel – nicht klar ist, aus welchem Material sie bestehen mag. Auch ein Kohlenbecken ist zu sehen, auf dem ein Schmelztiegel steht, daneben eine Pinzette. Daneben lehnt eine Leiter mit sieben sichtbaren Sprossen an der Wand des Gebäudes. Im Hintergrund erblickt man Meer, Land und einen Hafen mit einigen Gebäuden. Ein Bogen, aber auch ein fallender Stern, ein Komet oder Meteor, erhellen den nächtlichen Himmel – die Astrophysikerin Ursula Marvin hat gemeint, in diesem niederstürzenden, von einem „Feuerschweif“ gefolgten Himmelskörper den „Meteoriten von Ensisheim“ erkennen zu können, der am 7. November 1492 über dem Oberelsass niedergegangen ist. Dürer hielt sich damals in Basel auf, es wäre durchaus möglich, dass er diese Himmelserscheinung beobachtet hat. Bewiesen ist dies alles freilich nicht… Links von dem fallenden Stern bewegt sich ein kleines Flugtier, eine Mischung aus Drachen und Fledermaus, durch die Luft – es hält jenes Spruchband, auf dem wir die Inschrift „Melencolia I“ lesen können.

Erwähnenswert sind noch die an der Hauswand angebrachten Gegenstände: eine Glocke, eine Sanduhr, eine Sonnenuhr, eine Waage, und dazu das bereits erwähnt magische Quadrat. Davor also sitzt die geflügelte Melancholiefigur, auf dem langen Haar einen Lorbeerkranz. Sie scheint in Gedanken versunken, der Meditation hingegeben zu sein, wirkt aber zugleich wach und durchaus bei Sinnen.

Die Deutungsversuche des rätselhaften Bildes sind unübersehbar – und vielleicht hat Dürer es in voller Absicht so konzipiert, dass sie allesamt vergeblich bleiben müssen, dass sein Meisterwerk letztlich unergründlich wirken muss? Immerhin darf angenommen werden, dass die meditierende Figur eine Wissenschaft verkörpern soll, auf die Astronomie, auf die ja auch der niederstürzende Meteor einen Hinweis gibt. Die Melancholie könnte, wenn man dieser Deutung folgt, darin begründet sein, dass auch der rationalsten, exaktesten aller Wissenschaften das Weltenganze letztlich unergründlich bleibt – ganz so, wie Dürers Kupferstich für den Betrachter.

Soll heißen: Wir mögen uns Weltbilder fertigen noch und noch – religiöse wie das Mittelalter, wissenschaftlich-exakte wie die frühe Neuzeit (Dürers Bild ist mitten im Umbruch von dem einen zum anderen Zeitalter entstanden!), aber die Welt wird uns nicht zum Bild, allenfalls in der meditativen Schau, der sich die Melancholiefigur denn auch überlassen hat, werden uns ihre groben Umrisse spürbar – auf emotionalen, nicht auf kognitiven Wegen...

Vielleicht meditiert die Melancholiefigur also über den faustischen Satz: „…und sehe, dass wir nichts wissen können…“, aber anders, als Dr. Heinrich (eigentlich Johann) Faustus reagiert sie auf diese Einsicht nicht mit Schmerz und Aufbegehren, sondern mit stiller – eben melancholischer! – Demut. Durchaus für möglich halte ich es, dass der zu dieser Zeit schon sehr berühmte Künstler Albrecht Dürer, der die wissenschaftlichen Erkenntnisse der frühen Renaissance sehr wohl zu nutzen wusste, aber dabei stets ihrer Grenzen eingedenk geblieben ist, sich in dieser lorbeerbekränzten, engelsgeflügelten Melancholiefigur mit ihrem ruhigen Blick in die Ferne auch selber dargestellt hat.

Von Till Bastian erschien beim Kösel-Verlag gerade das Buch "Melancholie als Chance" (als E-Book).


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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