Wenn der heilige Geist fällt

Nur gute Menschen gehen zum FC Sankt Pauli

Manchmal ist es echt schön, so eine Kolumne zu haben. Da kann ich endlich mal schreiben, was ich mich sonst niemals trauen würde. Zum Beispiel: Ich hasse den FC Sankt Pauli! Das linke Klubgetue, die bigotte Selbsteinschätzung der Fans, den aufdringlich tuntigen Präsidenten, und das ständige Betteln nach Geld. Ja, ich glaube, ich spüre Hass. Jetzt ist es raus, und mir geht es richtig gut dabei. Aber sicher ist auch, dass ich mit diesen Zeilen ein paar Freunde verlieren werde. Ich habe (oder hatte?) nämlich Freunde, die in brauner Bettwäsche schlafen, ihre Freizeit nach den Spieltagen ausrichten und den Kindern gnadenlos die ungewaschenen Heldenhemdchen überstülpen. Ob sie wollen oder nicht. Ich despektiere diesen schrecklich politisch korrekten und unheimlich anderen Verein. Ich kann es nicht mehr hören, wenn das Sa-hankt Pau-li-hi! über die Reeperbahn schallt. Und dieses ewige Gefühlsgedusel vom Freudenhaus der Liga. Für mich ist viel Muff im Puff.

Eigentlich bin ich ja genauso wie meine Freunde ein ganz normaler Fußballfan, weil ich am liebsten die Bayern verlieren sehe. Aber damit fängt das Problem schon an. Die von Pauli und Bayern können ziemlich gut miteinander. Uli Hoeneß, der wo jetzt Präsident in München ist, mag den Kiezklub auch sehr, wie er nicht müde wird öffentlich zu erkären; und hilft ihm gern pekuniär aus der Patsche, wenn er mal wieder völlig klamm ist. Wie immer. Ich finde, der nette Herr Hoeneß wird dadurch so kumpelhaft, so sozial und so herrlich alternativ. Und dann sach ich nur: Weltpokalsiegerbesieger! Da haben sie denen doch wirklich vor ziemlich genau acht Jahren die Lederhosen ausgezogen, ach was, die liefen nackt überm Platz. So blank hat Pauli damals gezogen, als sie die Bazis, die damischen, mit Zwei zu Eins abgeledert haben.

Davon reden sie heute noch im Stadion auf dem Heiligengeistfeld. Wo Sankt Pauli heilig ist. Da heben sie zitternd ihr Bier, da flüstern sie bloß, auch wenn es noch so laut ist, da schwelgen sie von Thomas Meggle und Nico Patschinski, weißt du noch, wie die den Kahn zum Olli machten, und ihre Blicke sind dabei umflort wie ein Oberstudienrat beim Loben seiner Musterschüler. Das sind solche Momente, in denen der heilige Geist mit engelsgleicher Sanftheit  übers Heiligengeistfeld fällt, und ein heidnischer Ruhrgebietsfußballer wie ich keinen Fehler begehen darf. Nur nicken, du pöttischer Atheist, und Pauli plötzlich prima finden. Jetzt bloß nicht von Schalke oder Dortmund reden, oder schlimmer noch: vom Ha Es Vau. Wenn du denen sagst, ich will hier in Hamburg schönen Fußball sehen, in einem schönen Stadion, nicht frierend auf den billigen Plätzen, mit schalem Bier beschüttet, sondern nachgerade schnöselig in einem beheizten VIP-Raum mit Fenster zum Hof - dann schauen dich die Kollegen so mitleidig an, als hättest du soeben den Pulitzerpreis ablehnt.

Das mit dem Hass ist eben so, ganz einfach, für mich unwissenden Bottroper. Pauli hat was von Lehrerseminar, von ökologisch angebautem Feldsalat, Birkenstock und pädagogisch wertvollen Trommelseminaren, und nur von weit, seeeehr weit, klingt noch die Punkband aus den alten Zeiten von Altona durch. Die meisten da erinnern mich an meinen Onkel Pliefke, aber das zu erklären, führt jetzt zu weit. Wenn sie ihre Stimme senken, von Eisen-Dieter, Trulle, Manzi oder Sonny Wenzel schwärmen, und mit heißem Herzen Krethi und Plethi bemühen, obwohl sie beide nicht bei Pauli kickten; und landen danach in Brokdorf, in der Hafenstrasse oder bei Petra Kelly. Was Onkel Pliefke auch vortrefflich konnte. Wenig später heißt es, voll auf die Knochen, und Pauli bis zu den Knien im Klischee. Aber was mich am meisten stört: Es gibt Sankt Paulianer, die brauchen nicht mal Alkohol dazu. Sind wir nicht alle so wunderbar intellektuell? So voller Mythos? So losgelöst vom gemeinen Fußballvolk? Sind wir nicht Helden, oder was? Als wir Astra bis zum Umfallen tranken, um dem Verein mit einem Euro pro Kasten über die größte Durststrecke zu helfen. Astra! Fast ein Fall für Amnesty International, man gönnt sich ja sonst nichts. Das Bier schmeckt zwar echt scheiße, aber die 120 000 Euro haben geholfen, dass wir (sie sagen immer wir!) die Lizenz behalten konnten. Einige von ihnen kamen monatelang mit T-Shirts zur Arbeit, auf denen „Retter“ stand

Oder, oder, oder. Oder das Saufen für Sankt Pauli auf dem Kiez, bei dem jeder Wirt fünfzig Cent für den Verein draufschlug. Oder als Volker Ippig sich für die Besetzer am Hafen stark machte, ein Torwart im bezahlten Fußball, mit einem Fuß im Knast, wo gibt`s denn so was? Volker hört die Signale, schrieb eine boulevardeske Zeitung damals, und als viel später Corny Littmann, der Chef des St. Pauli Theaters, Präsident wurde, zeigte die Hamburger Morgenpost den sehr bekennenden Schwulen im rosafarbenden Rüschenfummelchen mit viel Tütü, das klang stark nach Schwuchtel mit Haaren auf der Heldenbrust, die jetzt die harten Kerle deckt. Aber, wo wir gerade beim Thema sind: die Hamburger Morgenpost liegt ja gern mal daneben und brachte zum Tod des Teebeutelerfinders einen traurig tropfendenTeebeutel auf die Titelseiten und schrieb darunter: „Mein Papa ist tot!“ Das nur am Rande.

Ich hasse Sankt Pauli und dieses Ihr-könnt-spielen-wie-ihr-wollt aber Wir-gefallen-uns-so-unheimlich-in-unserer-linken-Fußballecke. Wir sind alle so wahnsinning verständnisvoll, so wahnsinnig beieinander, so wahnsinnig wahnsinning. Nein, wir sind kein Verein. Wir sind eine Lebensauffassung. Wir sind eine Weltanschauung. Haste gehört, Onkel Pliefke? Welt. Mindestens! Die Haare sind ab, aber der Mut ist lang, und wie. Geh ans Millerntor, geh in Frieden, und du bist ein guter Mensch. Amen. Überhaupt, was heißt hier Freudenhaus? Sankt Pauli hat das Amenhaus der Liga für sich gepachtet, in jeder moralischen Hinsicht. Auch wenn du nach dem Spiel zu Hause einen Mate Tee aufsetzt und mit einer Tüte in der Hand die gewesene Janis Joplin hörst, statt in dröhnenden Kneipen noch mal jeden Angriff durchzudiskutieren. Sa-hankt Pau-li-hi! Wir haben an die Grünen geglaubt, und vertrauen jetzt nur noch unseren ... darf man überhaupt Braunen sagen? Alles ist gut, gut, gut, verdammt noch mal. Dabei kann ihre häßliche Anhängerschaft natürlich genau so häßlich wie in anderen deutschen eingetragenen Ballsportvereinen sein. Himmel, ja!  Das haben sie bereits mehrmals mit nicht besonders alternativen Keilereien gezeigt, und das sowieso: die Spieler der heiligen Paulis treten genauso fies gegen die Beine der Gegner wie in Oberhausen oder Düsseldorf.

Keiner braucht so einen Miesmacher wie mich. K.e.i.n.e.r. Schon gar nicht jetzt. Denn Sankt Pauli schwebt oben, es steigt auf, weiß der Teufel, wie sie es geschafft haben. Kann denn Triebe Sünde sein, so nah an der Meile des Lasters? Wie ist das Wunder geschehen, oh, ihr Studienräte, ihr müslifressenden Zehntsemester und wassergeburtsfreundlichen Hebammen? War das der Wille der Pille,  die Vorsehung oder die Versuchung, indem, ihr wisst schon, die Wetter nie netter waren und das eine oder andere Törchen von Ante Sapina verramscht wurde? Zum Teufel, heiliges Sankt Pauli, was bin ich doch für ein Frevler; so was darf man nicht mal denken, geschweige denn kolumnieren, aber einen, nur einen, habe ich noch, bevor mir alle meine Freunde die Hölle wünschen.

Ich saumäßig schlecht kickender Defätist habe mal mit den ehemaligen sanktpaulianischen Trainern Helmut Schulte und Seppo Eichkorn in den meist späten Tagen der frühen Achtziger Leibesübungen studieren dürfen. Der Erste ist heute Manager bei Pauli (nicht böse sein, Helmut, es geht nicht gegen dich), der Zweite seit langem die weitaus bessere Trainerhälfte vom großen Meister Felix Magath. Nie werde ich vergessen, wie die beiden in der kleinen Mensa der Sporthochschule ziemlich bedröppelt zusammensaßen, heute käme einem fast Hartz vier in den Sinn, und irgendwas von „Ich krieg keinen Job, ich nicht!“ in die Teller ihres Stammessen II murmelten. Doch da segnete sie der Heilige Pauligeist, während er mir schon damals auf den selben ging, das habe ich nun davon: Helmut und Seppo verdienen  vermutlich am Tag soviel wie ich im ganzen Monat. Und da wir gerade in Köln sind: der Eff Zee ist auch so einer, mal rauf, mal runter, mal rauf, ein Fahrstuhl zum Schafott der rheinischen Seelen. Daher singen sie in der Südkurve oftmals ein gar heiteres Lied: Erst steigen wir wieder ab, dann steigen wir wieder auf. Dann steigen wir wieder ab, dann steigen wir wieder auf. Das finden wir lustig, weil wir bescheuert sind.

Nur über meine Leiche würde ich es wagen, Pauli mit Köln zu vergleichen. Das käme einer Fußballgotteslästerung gleich, und würde für mich vermutlich mit einem hartnäckigen Albtraum nicht unter einer Saison bestraft: Ich müsste jeden Sonntag, den das Heimspiel werden lässt, um 13 Uhr dreißig (wer hat sich nur so was ausgedacht?) bei Schneeregen und Astra ins Freudenhaus gehen. Bevor ich wieder schweißgebadet aufwache: Liebes Sankt Pauli, Glückwunsch zum Aufstieg!
 


 

Anzeige: 1 - 3 von 3.
 

schopis sohn

Samstag, 30-01-10 15:22

Ich finde alle Artikel von Michael Schophaus einfach toll:
Er hat es raus was zu schreiben!! Und wenn einer Wortwitze und zeideutige Sachen raus hat, dann ER! Magda ist eine tolle Idee und macht weiter so,
simon

 

Christian

Sonntag, 31-01-10 18:49

Auch wenn ich mich nicht so sehr für Fußball interessiere, habe ich den Artikel dennoch mit Interesse gelesen! Ich wünsche Michael Schophaus viel Erfolg mit diesem Internetauftritt!

 

Thomas Heuck

Montag, 08-02-10 12:49

Großer Schophaus!
Du bist doch ein übertriebener Untertreiber!
Von wegen "saumäßig schlecht kickender Defätist" - ich seh' Dich immer noch auf der Moorweide unbarmherzig Ball und Mitspieler an und vor Dir hertreiben... - genau wie mit dieser schön unbequemen Kolumne die ganzen "ewigen" Paulianer, die zu Zeiten der 3.Liga lieber in die Kissen furzten, als bei eisiger Kälte Rumpelfussball und halbgefrorene Astra zu ertragen.
Dir und MAGDA einen langen und duftigen Atem wünscht
Heucki

 
 

Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015