Wo Johann Wolfgang kotzte

Schwein reimt sich auf Wein und Durst auf Wurst

Schwein reimt sich auf Wein und Durst auf Wurst. An meinem Wohnort Tübingen liefen sich die Dichterfürsten ständig über den Weg, an jedem zweiten Haus in der Altstadt hängt ein Messingschild: „Hier wohnte . . . .“ Tübingen ist die Stadt mit der höchsten Dichterdichte. Uhland, Mörike, Hölderlin, Mayer (kennt keiner mehr) lebten hier, und Schiller nebst Goethe kamen wenigstens besuchsweise vorbei. Ein Spaßvogel hat an einem Fachwerkhaus in der Innenstadt vor Jahren schon ein Schild angebracht: „Hier kotzte Goethe.“

 

Was nicht verbürgt ist. Verbürgt ist, dass die deutschen Vordenker des 19. Jahrhunderts kübelweise den Wein in sich hinein schütteten. Von Großdichter Goethe ist bekannt, dass er zum zweiten Frühstück um zehn Uhr eine halbe Flasche Madeira schluckte, gefolgt von bis zu drei weiteren Flaschen Wein, die, über den Tag verteilt, den Staub der Schreibstube hinunterspülten. Schiller soll etwas weniger gebechert haben als Goethe, aber mindestens soviel wie Hölderlin.

Auf meinem täglichen kurzen Fußweg zum Bäcker und zu meiner Lieblings-Weinstube komme ich an drei Dichterhäusern und einem Denkmal vorbei. Im ersten wohnte Karl Mayer, der, den keiner mehr kennt, im zweiten wohnte Uhland (beherbergt heute ein Kebab-Stand) und im dritten Haus, eher einem Turm ähnlich, lebte der arme „Hölderle“ mehr als dreißig Jahre in geistiger Umnachtung. Vor ein paar Jahren kamen die Tübinger auf die Idee, ihrem Hauptdichter Friedrich „Fritz“ Hölderlin ein Denkmal zu setzen. Da war Hölderlin allerdings schon über 160 Jahre tot, und weil sie so spät dran waren, schämten sie sich vielleicht ein wenig, darum beschlossen sie, auch weil es wahrscheinlich politisch viel korrekter ist, nicht dem Dichter selbst, sondern seiner Pflegerin und Köchin das Denkmal zu setzen.

Deshalb führt mein Weg zum Bäcker also am einzigen Köchinnen-Denkmal der Welt vorbei. Die Frau hieß Lotte Zimmer. Von weitem ähnelt die Stahlkonstruktion ein wenig der in Schwaben sehr berühmten Kehrschaufel. Lotte Zimmer fegte die Stube, schnitt dem Dichter die Fingernägel und kochte für ihn. Was genau? Wir wissen es nicht. Nur soviel ist bekannt: Hölderlin hasste herumstehendes, dreckiges Geschirr und stellte seinen Teller sofort nach dem Essen vor die Zimmertür.

Leider bedichtete der Großmeister niemals seine Köchin sondern immer nur die ganze Welt. Schon reichlich umnachtet schrieb er Verse wie diesen: „So wie der Wechsel ist, ist übrig vieles Wahre; / Daß Dauer kommt in die verschied’nen Jahre.“ Ein Vers, an dem sich vielleicht noch in tausend Jahren die Literaturforscher die Zähne ausbeißen werden. Ach, Hölderle, warum hast du gar nichts über den leckeren Nachtisch von Lotte Zimmer geschrieben? Warum dichtetest du nicht: „Erhaben liegt die weiße Birne in ihrem Sonnenschaum / gleich wie des Menschen ewig Streben nach Zeit und Raum.“ Oder so ähnlich. Die Tübinger hätten dir dann vielleicht auch ein Denkmal gesetzt.


Rezept: Birne mit Weinschaum

Zutaten:

4 Birnen (besonders die Sorten Abate oder Kaiser Alexander eignen sich)

1 Vanilleschote

200gr. Zucker

1/8 l Weißwein

Saft einer halben Zitrone

½ l Wasser


Für die Weinschaum-Sauce:

¼ l Wein

150 gr. Zucker

6 Eigelb


Birnen schälen, halbieren, das Kerngehäuse entfernen und zusammen mit der Vanilleschote mit dem Zuckerwasser, dem Wein und Zitronensaft kurz aufkochen lassen. Dann im Saft abkühlen lassen.

Eigelb mit Zucker cremig rühren und im Wasserbad langsam erhitzen, dabei vorsichtig den Wein unterrühren. Nicht zu heiß werden lassen, vom Herd nehmen sobald die Masse stockt.

Birnen fächerförmig aufschneiden und mit dem Weinschaum übergießen.



 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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