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Neutronenstrahlung – unwirksam durch Verschweigen?

Lieblingswahrheit der Atomlobby: Die Halbwahrheit

Von Claus-Peter Lieckfeld

magda.de-Autor Claus-Peter Lieckfeld, Mitglied von Nuclear Free Future Award, sprach mit Dr. Wolfgang Meiners über den Strahlensalat, der in Diskussionen über Schädlichkeit oder Unschädlichkeit der Atomenergie häufig angerührt wird. Meiners, 63, ist Chemiker, Spezialist für Gefahrenstoff-Chemie, ehemaliges Mitglied mehrerer Normenkommissionen der EU, Betreiber eines Ausbildungslabors in Iffens/Landkreis Wesermarsch, Berater für Problem- und Konfliktfälle im Bereich Umwelt, Nachhaltigkeit, Recycling und Unfall-Ursachenermittlung.

Frage

Herr Meiners, Sie beginnen Ihre Vorträge zum Bereich Strahlengefahren häufig mit der Frage, warum sich Polizisten nicht in unmittelbarer Nähe der Castorbehälter aufhalten dürfen. Weiß Ihr Publikum die Antwort?

Meiners

In der Regel nicht, oder nur sehr ungenau. Die Ursache der Gefährdung – und damit auch der Grund  für das Aufenthaltsverbot – sind die Neutronen.

Frage

Neutronen? In der Diskussion sind doch immer nur Alpha-, Beta- und Gammastrahlen.

Meiners

Eben! Diese drei Strahlungsarten sind sozusagen Schulbuchstandard. Die drei lassen sich durch Abstand von der Strahlungsquelle einigermaßen beherrschen. Vorausgesetzt, dass die strahlende Materie eingekapselt ist und sich nicht frei im Raum bewegt.

Frage

Und das ist bei Neutronenstrahlung … anders?

Meiners

Das besondere an dieser Art der Stahlung: Neutronen durchdringen die umschließende Hülle. Aber nicht nur das; sie können andere Materie, auf die sie treffen, radioaktiv machen. Man nennt das auch Neutronenaktivierung.

Frage

 … und die bedeutet?

Meiners

Na ja, es entstehen neue radioaktive Stoffe, wo vorher keine waren. Und diese Stoffe – die ja nicht mehr eingekapselt sind –, sind im Raum frei beweglich.

Frage

… keine gute Sache, oder?

Meiners

Wirklich nicht! Diese Stoffe kann die belebte Umwelt – und natürlich auch der atmende Mensch – aufnehmen. Und dann strahlen die Stoffe direkt in den Körperzellen. Dauerbeschuss von innen, sozusagen.

Frage

Der Schaden ist absehbar … manifest?

Meiners

Es ist nicht exakt absehbar, welche Art von Schaden entsteht. Unschädlich oder so gut wie unschädlich  ist es – nach wissenschaftlicher Mehrheitsmeinung –, wenn sich ein radioaktiver Stoff nur kurzfristig im menschlichen Körper aufhält. Bekanntes Beispiel aus der Röntgendiagnostik: Radioaktives Jod wird rasch wieder ausgeschwemmt. Anders ist es, wenn radioaktive Stoffe im Körper mehr oder minder fest eingebaut werden. Bei starkem Knochenwachstum könnte das zum Beispiel das radioaktive Strontium 90 sein.

Frage

Deshalb sind Kinder besonders strahlungsgefährdet?

Meiners

Ja. Allerdings stellt die Atomlobby diesen Zusammenhang in Abrede. Sie sagt, es gäbe keine ursächlichen Zusammenhänge. Die – statistisch belegte – erhöhte  Krebsrate in der Nähe von Atomkraftwerken habe nichts mit Strahlenemissionen zu tun.

Frage

Und das sagt sie, obwohl sie es anders weiß?

Meiners

Die Atomlobby bedient sich eines Tricks. Mit den üblichen Verdächtigen, Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlung, hat die Verstrahlung der Umwelt wohl wirklich nichts zu tun. Wohl aber mit der Neutronenstrahlung. Manchmal kann man sehr effizient lügen, ohne die Unwahrheit zu sagen. Übrigens, die Polizisten, die Atomtransporte begeleiten, haben keine spezielle Schulung zum Umgang mit offenen Strahlern. Sie wissen nichts über die Beschaffenheit von Castoren.


 


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