Heute: Baumaterial

Frau Holles Baum und andere Hölzer

Märchenhafte Postsache aus dem 20. Jahrhundert: Frau Holle auf einer Berliner Wohlfahrtsmarke

Sehe ich aus dem Fenster vor meinem Schreibtisch, so kann ich durch die Flut von Schneeflocken kaum mehr den Holunder erkennen, der im Garten wächst. Die Landschaft ­- wie sagt der Kitschier? – wirkt wie verzaubert, was uns unwillkürlich an eine alte Zaubergestalt erinnert, die in der Literatur auch als germanische Göttin beschrieben wird. Wir formulieren mit dem uns eigenen Stilgefühl: Frau Holle treibt’s bunt. Dabei kann von bunt doch keine Rede sein, sogar der Efeu schafft es mit seinem immergrünen Laub kaum mehr, durch die, kitschdeutsch gesprochen, weiße Pracht zu schimmern.

Frau Holle schüttelt, wie uns aus dem von den Brüdern Grimm aufgeschriebenen Märchen vertraut ist, ihre Betten aus, und es schneit auf die Erde. Natürlich hat sie es besonders mit dem Holunder, denn der ist, wohl seiner weißen Blütendolden wegen, nach ihr benannt, womit die Kurve zu unserem eigentlichen Thema geschafft ist, ohne dass wir unter dem Zwang zu einer winterlichen Einleitung allzu heftig gelitten hätten.


Bäume im Winter-Outfit (Foto: Dietrich Albrecht)

Das Thema sind die Bäume. Wer es sich heute moralisch noch leisten kann, kein Interesse an Bäumen zu haben, den vertröste ich fürs erste damit, dass unser Thema auch was mit Wahrheit und Treue zu tun hat, die ausnahmslos allen am Herzen liegen, entfernt sogar mit dem Raumschiff Enterprise, was allerdings noch ein paar Absätze lang dauert. Hier sei nur soviel gesagt: „Beam me up, Mr. Scott!“

Zu den Holunderbeeren, aus denen meine Oma einen Saft gewann, der mir im Gegensatz zu den Pfannkuchen, in die sie Holunderblüten einbuk, nicht schmeckte  – zu diesen Beeren sagte mein aus dem Altbayrischen stammender Opa Hollerbeeren, das ganze Gewächs nannte er Hollerbaum. Hätte er Holunderbaum gesagt, hätte ich ihn auch nicht schief angesehen, ich hatte zu seinen Lebzeiten ja keine Ahnung, dass im Wort Holunder der Begriff Baum bereits enthalten ist.

Der Baum steckt in der Nachsilbe –der. Wir teilen uns das Erbe der indoeuropäischen Silbe dr(a) mit den Angelsachsen, die, anders als die Deutschen, vom tree nie herunter gekommen sind. Wir hingegen gönnen dem Wort sein Dasein nur noch im Schatten von Holun-der, Wachol-der, Flie-der und Rüs-ter. Zu Rüster sagen wir heute lieber Ulme, Rüster ist nur noch als Holzsorte im Gebrauch. August von Platen dichtete: Die Winde wehn und flüstern/im Laub erhabner Rüstern. Aber das Flüstern ist verstummt, die Ulme in meinem Garten musste ich fällen lassen, Schlauchpilze haben sie zermürbt wie die meisten ihrer Artgenossen in Europa.

Ehe es wieder besser wird, kommt es noch schlimmer. Englisch und deutsch sprechende Menschen kennen das Wort tar oder Teer, was den im Schiffsbau unentbehrlichen, aus Baumharz gewonnenen Teer meinte. Und unser Trog, englisch trough, war dereinst ein ausgehöhlter Baumstamm.

Böse Droge Wacholder

Langsam nähern wir uns erhabeneren Wendungen im Schicksal dieses Wortes, es bezeichnete nämlich eine Zeitlang auch die langlebige Eiche, die den Germanen heilig war und zum Sinnbild für Ausdauer, Durchhaltevermögen, Beständigkeit, Kraft wurde. Wozu braucht der Mensch mehr Kraft als zur Treue? Und siehe, der Begriff Treue entstammt derselben Wurzel wie -der im Wacholder ­- dessen zum geistigen Getränk vergorene Frucht der Treue nicht eben förderlich ist. Man hört gelegentlich von Gin-Exzessen, bei denen die Betroffenen mit Treue nichts mehr im Sinn hatten, zur Untreue indessen nicht mehr fähig waren.

Angesichts solcher Ausschweifungen gönnen wir uns eine Abschweifung und schauen mal, was die Chinesen mit den Bäumen verbindet. Diesmal sind keine Pioniertaten zu melden, wenngleich anzumerken ist, dass sie dem Holzbau viel länger und mit hinreißenden Ergebnissen treu geblieben sind. Eine großartig lapidare Redensart lautet „mu yi cheng zhou“: Baum ist schon Boot. Will sagen: Da ist nichts mehr zu machen, da gibt es kein Zurück.

Nein, wir leisten uns kein Zurück zu Holun-der und Flie-der, wir fragen jetzt nur noch, was es mit dem Wort Baum auf sich hat, und erkennen mit Hilfe des vor 156 Jahren erschienenen  Bandes 1 des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm, dass unsere Sprachahnen wohl von der Verwendbarkeit der Bäume auf ihren Namen gekommen sind. Das Wort hängt mit bauen zusammen, der Baum war (außer bei den Inuit) das gegebene Baumaterial, viel leichter zu bearbeiten als Stein, aus dem man Messer und Pfeilspitzen und Amulette formte, aber keine Wände. Wand kommt von winden, aber winden Sie mal eine Wand aus Stein. Da eignen sich Zweige doch viel besser.

Frau Holle, hilf!

Der Treue-Schwur ist halbwegs eingelöst, aber wie entern wir im Abgang das Raumschiff Enterprise? Wir machen das im Handstreich, verkünden, dass das englische Wort beam ein Verwandter des deutschen Wortes Baum ist, was wir Zweiflern mit dem Hinweis einbleuen, dass beam im Englischen nicht nur Strahl, sondern, bautechnisch gesehen, auch Balken heißt.

Der Sprung vom Balken zum Strahl und seinem Verb strahlen mutet tollkühn an. Frau Holle, die uns dicke Schneedecken liefert, möge uns weich fallen lassen. Aber wir sagen jetzt mal: Der Balken und der Strahl (vorzeiten ein Wort für den Pfeil) unterscheiden sich, bei Licht betrachtet, im Wesentlichen dadurch, dass sie aus verschiedenem Material bestehen. In ihrer länglichen Form ähneln sie sich beträchtlich.

„Beam me up, Mr. Scott.“ Die märchenhafte Technologie der Teleportation von einem Ort im All zum anderen, die uns das Montieren der Winterreifen ersparen würde – ganz soweit sind wir noch nicht. Die Bäume wachsen einfach nicht schnell genug in den Himmel, von dem es noch immer auf den Holunder schneit.

 


 

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Dietrich Albrecht

Mittwoch, 24-02-10 20:49

Lieber Alfred, nun fühle ich mich ja über Gebühr geehrt mit meinem Foto im Internet. Sehr gefällt mir, wie Du den Titel Deiner Kolumne erklärst auch den Untertitel "Spritztouren im Wunderland der Sprache" mag ich. lass mich wissen, wenn Du wieder zurück bist von Deiner Spritztour in die Staaten.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



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