Heute: Londoner Extravaganzen

Wie man Sachen und Sätze raffiniert verziert

Copyright: Garry Knight

Pearly Queens und Kings sammeln für wohltätige Zwecke in London - eine ehrwürdige Tradition (Foto: Garry Knight)

 

In Weltiswortwechsel vom letzten Mal ging es um den Reim. Ein böser Geist diktierte mir die Schlussbemerkung, es gebe einen Dialekt, der den Reim so hochhält, man könnte sagen: so haushoch, dass er, der Reim, gleich wieder verschwindet. Auf dieses Phänomen, versprach ich, würde ich im nächsten, also in diesem, Beitrag kommen. Das war leichtsinnig, was ich unter anderem daran merke, dass meine liebenswürdige Leserin B. B. aus Miami mich, hoffentlich nur ausnahmesweise, keiner Mail gewürdigt hat. Offenbar langweilte mein Traktat sie derart, dass die Aussicht auf ein weiteres Reim-Kapitel sie verstummen ließ. Also reiße ich fürs erste das Ruder herum und erzähle eine Lesebuch-Geschichte in garantiert ungebundener Sprache.

Vor 80 Jahren, am 1. Januar 1930, ging in London das Leben des Menschenfreundes Henry Croft zu Ende. Er starb in Armut, wiewohl er Zeit seines Lebens Tausende von Pfund, nach heutigem Geldwert ein paar Hunderttausend Euro, lockergemacht hatte. Crofts Beerdigung war ein Spektakel, wie es London noch nicht erlebt hatte. Der Mann war ein König der Herzen, der so ein Prädikat wirklich verdient hätte. Zu der Menge, die dem Pferdegespann mit seinem Sarg folgte, gehörten nicht nur viele viele schwarzgewandete Trauergäste, sondern auch Hunderte von ebenso seltsam wie prächtig gekleideten Männern und Frauen. Abertausende von Perlmuttknöpfen glitzerten auf ihren Anzügen, Kostümen, Hüten.

Der Charme der Straßenhändler

Aufgewachsen war Croft, Jahrgang 1862, in einem Waisenhaus, das er mit 13 verlassen musste. Die paar Pennies, von denen er leben musste, verdiente er als Straßenkehrer und Rattenfänger. Zu den wenigen, die ihm gelegentlich einen Bissen zusteckten, gehörten die Costermongers, die Straßenhändler in den Arbeiter- und Elendsvierteln von London, typische Cockney-Leute also.  Zur Erinnerung: Als Cockney-Gegend gilt, nach einer gar zu strengen Definition alles in Hörweite der Glocken von St. Mary-le-Bow, soziologisch (und sprachlich) betrachtet, gehören weitere Viertel dazu, in denen einst nur Angehörige der Unterklasse hausten. Manche davon sind inzwischen schick geworden.

Zu den Costermongers fühlte sich der halbwüchsige Henry hingezogen. An diesen Kleinsthökern, denen kein fester Standplatz erlaubt war, bewunderte er den Lebensmut, der auch den gemeinsten Polizeischikanen trotzte, die Solidarität und Barmherzigkeit untereinander und das weite Herz für jene, denen es noch dreckiger ging als ihnen. Sie gefielen ihm, der in Lumpen herumlaufen musste, wegen ihres Geschicks, sich trotz aller Entbehrungen gefällug zu kleiden, was, versteht sich, mit guten Stoffen nicht zu leisten war. So zierten sie ihre abgetragenen Klamotten mit Perlmuttknöpfen, die sie im Dreck der Straßen fanden oder hin und wieder mit winzigen Beträgen aus dem Sparstrumpf kauften.

Ein Knopfsammler von Format

Henry Croft wollte werden wie sie und achtete beim Kehren darauf, ob sich unter all den Abfall, der samt dem Inhalt der Nachttöpfe auf der Straße landete, solche Knöpfe verbargen, und bald entwickelte er einen Blick für die Glitzerdinger – auch wenn sie, drecküberzogen, gar nicht mehr blinkten. Irgendwann hatte er eine neiderregende Sammlung zusammengetragen, und der Ausstellungsort war die Kleidung des schmächtigen Straßenkehrers, was sonst. Henry Croft war nicht nur ein gewiefter Sammler, sondern auch ein guter Präsentator, und bald fiel er mit seiner Kluft, auf der sich die Knöpfe zu pittoresken Mustern fügten, derart auf, dass er den von gutgemeintem Spott durchzogenen Ehrennamen Pearly King verdiente.

Der Pearly King, inzwischen ein junger Mann, der sich auch zu bewegen wusste, zog die Blicke der Passanten auf sich. Wenn er sich irgendwo postierte, bildete sich um ihn alsbald ein Grüppchen von Gaffern und Bewunderern, und die Frauen machten ihm schöne Augen, so dass es ihm leichter als anderen fiel, um Bienen und Honig zu betteln, wobei er…

Wie bitte? Worum hat der gebettelt?

…wobei es ihm nicht um den eigenen Vorteil ging, sondern um die Ärmsten der Armen, nämlich jene, die nicht nur arm, sondern auch noch krank waren. Was in seiner Sammelbüchse landete, kam einem der Armenhospitäler zugute, wo die Patienten fiebernd auf Arznei…

Honig, na ja, aber wie soll den Kranken denn mit den Bienen geholfen…

Lieber Himmel, da habe ich mich jetzt verplappert. Vergiss die Bienen, vergiss den Honig und lass mich Henry Crofts Geschichte schnell zu Ende erzählen. Und wenn du sie nicht glaubst, darfst du mich gern als Dunlop-Reifen beschimpfen.

Dunlop-Reifen?

Ja, mein lieber Porzellanteller, als Dunlop-Reifen. Henry Croft jedenfalls wurde zum erfolgreichsten Spendensammler der Londoner Unterschicht, selbst hartgesottene Abergavenny-Fuchser…

Aberga-was?

…konnten seinem Charme und der skurrilen Pracht seines Kostüms nicht widerstehen und warfen ihm ein paar Scheidemünzen in die Büchse. Aus dem Waisenkind und Hungerleider, der einem Roman von Charles Dickens entsprungen sein könnte, wurde ein vielgepriesener Wohltäter, eine lokale Berühmtheit. Sein Perlmutt- Aufzug machte Mode, immer mehr Spendeneintreiber ahmten ihn nach, ein Verband der wohltätigen Pearlies wurde gegründet, heute gibt es drei davon.

Warum heißt das Hinterteil Queen Mum?

Bei seiner Beerdigung trugen Abgesandte der Hospitäler ihre Bettel-Transparente mit Trauerflor hinter dem Sarg her, gefolgt von Hunderten herausgeputzer Pearlies. Ende der wahren Mär vom guten Henry Croft, den sie Enry riefen, weil der Cockney für den H-Laut nicht zu aben ist. Gib zu, die ganze Geschichte war frei von jeglichem Reimzwang. Und wenn du erlaubst, erwähne ich jetzt einige wenige Beispiele für den Cockney Rhyming Slang, eigentlich nur, um nicht als wortbrüchig dazustehen.

Aber zuerst musst du mir endlich verraten, was es mit Bienen und Honig auf sich hat, warum du mich Porzellanteller nennst, und warum ich dich Dunlop-Reifen schimpfen soll.

Sollst du ja gar nicht. Der Cockney von heute reimt Dunlop-Tyre auf Liar – Lügner. Zu Henry Crofts Zeiten sagte man, noch witziger, Holy Friar – Heiliger Frater. Bees and honey reimt sich auf money, aber ein Cockney, der von einem Haufen Geld spricht, formuliert gern auch so: a hopping pot of bread and honey, wobei sich a pot worauf wohl reimt?

Auf a lot?

Gut geraten, china plate. China plate heißt auf Englisch bekanntlich Porzellanteller und reimt sich auf mate – Kumpel. Damit haben wir den Anfängerkurs schon hinter uns. Die Kunst des Rhyming Slang funktioniert in der Regel so: Für das Wort, das gemeint ist, wird ein zweiteiliger Begriff oder Eigenname gesucht, der sich darauf reimt. Nehmen wir bum, ein ordinäres Wort für den Glutaeus maximus…

Für was?

Für den Po, Uncle Willy. Uncle Willy reimt sich auf silly. Also, für bum sagt man zärtlich Queen Mum, oder, gut christlich, Kingdom come, ein Wortpaar aus dem Vaterunser: Thy Kingdom come, Dein Reich komme. Damit leiten wir über zum Rhyming Slang für Fortgeschrittene. Der Cockney von echtem Schrot und Korn lässt bei vielen Ersatzwortpaaren den zweiten Teil, also den Reim, einfach weg. Bittet dich einer: Could you move your kingdom, china, dann heißt das in etwa: Rück ein bisschen zur Seite, Kumpel. Der Reim wird nicht artikuliert, sondern nur gedacht. Hohe Kunst, wenn du mich fragst. 

Aber was soll denn das Ganze, und wer, in Gottes Namen, hat das erfunden?

Eine exakte Antwort auf die letzte Frage wäre einen dicken Sack voll Abergavennies wert. Abergavenny ist ein Städtchen in Südostwales, das durch ein Massaker im Jahr 1175 in ganz Britannien bekannt ist, und reimt sich schön auf Penny. Was das ganze soll, darauf gibt es mehrere gute Antworten. Erstens: Die Leute aus der Unterschicht brauchten etwas, was nur ihnen gehörte, was sie vor den Wohlhabenden auszeichnete. Deshalb wendeten sie es besonders gern an, wenn ihnen Großkopferte zuhörten. Hört her, wir haben was, das ihr superschlauen King’s-English-Sprecher nicht begreift

Ein Vergnügen, billig und kostbar

Der Rhyming-Slang war, zweitens, auch eine Art Geheimsprache wie das Kauderwelsch, mit ihr konnte man sich über kleine oder größere Gaunereien ungestört verständigen. Die dritte, schönste und vermutlich treffendste Erklärung ist wohl die: Der Rhyming Slang war ein Spiel mit Worten, ein Vergnügen, das nichts kostete außer ein wenig Phantasie und Energie - genau die Eigenschaften, die man auch braucht, um auf Kleiderstücken Tausende von Perlmuttknöpfen zu wunderbaren Ornamenten zusammenzufügen.

Die Liste der Persönlichkeiten, die den Aufstieg aus dem Cockney-Milieu geschafft haben, ist lang, Charlie Chaplin und Michael Caine gehören zu ihnen. Sie haben das Ihre dazu beigetragen, den Rhyming Slang weit über London hinaus bekannt zu machen. Längst haben auch Britanniens Studenten den Reiz der Reimsprache erkannt, und gebildete Spaßvögel basteln an Wörterbüchern und Übersetzungscomputern, die immer aktuellere Reime, für meinen Geschmack allerdings zu viele Namen, enthalten. Für „I lost my money“ liest man da zum Beispiel „I Kate Moss-ed me bread and honey“.

Was könnte der Satz “I need a Robin Hood Barclays“ bedeuten? Robin Hood reimt sich auf good. Barclays ist ein britisches Bankhaus von einst untadeligem Ruf. Bank reimt sich auf wank. Wank ist vulgär. Es steht in der vierten Auflage des wunderbaren „Collins German English English German Dictionary“ in der ersten Spalte auf Seite eintausendneunhundertdreiundachtzig.



Kommentar



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Kurt-Michael Westermann

http://www.km-westermann.com

Dienstag, 09-03-10 15:50

Mein lieber Jolly, Alfred, da hast Du ja meisterlich eine Sprache so kreativ erklärt, dass sie mit etwas Mut eine Chance für eine günstige London-Reise auftut. Nein – im Ernst: ein Klasse-Ansatz Menschen und Geschichte tiefergehend zu verstehen und zu schätzen! Danke!

 
 

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