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Alles fließt

Grundwasser für Verbraucher oder für Händler?

Von Claus-Peter Lieckfeld

Copyright: Frieder Blickle

Die Wasseruhr läuft - für Hamburg und gegen die Heide? (Photo: Frieder Blickle)

Der Wasserkrieg vor den Toren Hamburgs ist ein norddeutscher Klassiker. Jüngst flackerte er wieder auf. Das Wasser auf Pump erregt wohl auch deshalb überregionale Aufmerksamkeit, weil es erkennbar nicht nur um die Versorgung einer Zweimillionenstadt mit dem Lebensmittel Nummer Eins geht – dieser Zweck wird allseits akzeptiert –, sondern auch darum, satt zu verdienen. Das ist unakzeptabel. Wasser ist Allgemeingut und sollte nicht abgeleitet werden, um die Liquidität von Wasserhändlern zu erhöhen.

Aber der Reihe nach.

Im Jahre 1974 bewilligte die Bezirksregierung Lüneburg den Hamburger Wasserwerken jährlich 25 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Nordbereich des Naturschutzparks Lüneburger Heide. Laufzeit der Genehmigung: 30 Jahre.

Es gab ein paar Zeitungsmeldungen, ein paar irritierte Nachfragen am Sitz des Kreistags in Winsen (Luhe). Aber das war’s denn auch. Erst als ein riesiges Wasserwerk in den Hügelkamm des Garlstorfer Waldes gesenkt wurde, merkte die Bevölkerung auf: Fünf-und-zwan-zig-Millionen-Kubikmeter! Das entspricht einem Wasserwürfel von fast 3 Kilometer Kantenlänge … dreißig Jahre lang!

Der Schock vom Frühjahr 1979 war die Geburtsstunde der Interessengemeinschaft Grundwasserschutz Nordheide (IGN), die seither die ökologischen, naturschützerischen, wasserrechtlichen und bürgerbewegten Belange der Heidjer vertritt. Man lud Experten ein. Von ihnen erfuhren die aufgebrachten Bürger („Lüneburger Wüste – Nein danke!“) in überfüllten Schützenhallen und Dorfsälen, dass in praktisch allen Entnahmegebieten immer derselbe Zweiakter zur Aufführung kommt: Am Anfang regnet es Unbedenklichkeitsversprechen seitens der Antragsteller. Kommt es nach einiger Zeit gleichwohl zu Schäden, steht die Behauptung im öffentlichen Raum, was immer die Risse an Hauswänden verursacht haben mag oder Bäche und Flüsse austrocknet: Sie, die Wasserförderer, seien es nicht gewesen.

Nach heftigen Auseinandersetzungen, in denen die IGNler sich nolens volens zu Hydro-Geologen, Wasserrechtlern und zu vifen Lokalpolitikern mauserten, senkten die Hamburger Wasserwerke ihre Jahres-Entnahmemenge auf 15 bis 16 Millionen Kubikmeter. Der Verzicht auf 10 Millionen wurde zur Hälfte vom Geber-Landkreis Harburg mitgetragen; er verzichtete auf die 5 Millionen Kubikmeter, mit denen er sich den Deal hätte bezahlen lassen wollen.

Als der Vertrag am 31. Dezember 2004 nach dreißig Jahren und nach rund 480 Millionen Kubikmetern Wasserabfluss auslief, geschah etwas Merkwürdiges: Die Bezirksregierung Lüneburg verlängerte die Entnahmegenehmigung – unbefristet.

Fünf Jahre förderte Hamburg daraufhin vertragsfrei weiter. 2009 schließlich legten die Hamburger Wasserwerke dem Landkreis Harburg (der nach Abschaffung der Regierungsbezirksebene in Lüneburg jetzt für Wasserdinge zuständig ist) ihren Bewilligungsantrag auf den Tisch: 16,6 Millionen per anno sollten es fortan sein.

Bis zum Stichtag am 25. Januar 2010 gingen im Kreishaus Winsen/Luhe rund 500 Einwendungen ein, darunter auch die der betroffenen Gemeinden Hanstedt, Salzhausen, Tostedt sowie der Stadt Schneeverdingen. Trotz der schieren Menge der Einwendungen wurde eine vermisst. Der Verein Naturschutzpark (VNP) hatte, soweit öffentlich bekannt wurde, keine Bedenken. Aber müsste nicht zu allererst der VNP ein Hauptbetroffener sein, fragte man sich rund um Deutschlands ältestes Groß-Naturschutzgebiet. Schließlich ist der VNP jene Körperschaft, die Niedersachsens lila Juwel, die Heide rund um den Wilseder Berg, pflegt und für Naturschutz und Tourismus in Bestform hält. Was, wenn der malerische Radenbach – zumal in Zeiten klimawandlerisch verringerter Niederschläge - zu viel Wasser verlöre? Oder wenn die Schmale Aue nicht mehr kräftig genug schlängelte? Pikante Personalie am Rande: Der Vorsitzende des VNP, Wilfried Holtmann, war zuvor bei der Bezirksregierung Lüneburg beschäftigt, wo er 2004 höchstselbst die unbefristete Förderverlängerung abzeichnete.

Im Sommer wird es zu einer Anhörung der wichtigsten Einwender kommen. Spätestens dann muss der Landkreis Harburg erkennen lassen, wie er sich zur weiteren Wasserentnahme in beabsichtigter Höhe stellt. Doch zuvor muss er sich mit den Argumenten der Einwender auseinandersetzen. In der umfangreichen Einwendungsschrift der IGN wird dargelegt, dass dem Antrag der Hamburger Wasserwerke keine Umweltverträglichkeitsprüfung zugrunde liegt, wie sie bei großen Eingriffen in den Naturhaushalt obligatorisch ist. Weiter wird nachgewiesen, dass Hamburg sehr wohl auf eigenem Territorium genügend Wasserreserven für den Eigenverbrauch hätte. Und es wird enthüllt, dass die Hansestadt erhebliche Mengen des Heidewassers an Lübeck weiterverkauft und auch in Zukunft weiterverkaufen will. „Die HWW haben aus dem bisherigen Grundwasserangebot für die Trinkwasserversorgung Hamburgs insgesamt etwa 10 Mio. Kubikmeter pro Jahr zugunsten der Belieferung neuer Kunden in Lübeck und in Südwest-Holstein herausgenommen“, heißt es auf der Homepage der IGN.

Letzteres ist der eigentliche Schlag ins Wasser. Karl Hermann Ott, 60, und seit 1979 Frontmann der IGN, kommentiert die nördliche Wasserableitung: „Natürlich muss das Umland zur Wasserversorgung einer nahegelegenen Metropole beitragen. Aber Grundwasser ist Allgemeingut und nicht die Einkommensquelle eines Unternehmens, das sich zum überregionalen Großdienstleister aufschwingen will.“

Ob der Kreistag im Sommer das auch so sehen wird, ist noch nicht sicher. Es gibt nämlich noch eine interessante Personalie: Das Hamburger Senator Axel Gedaschko, zuständig für Stadtentwicklung und Umwelt, war zuvor Landrat im Geber-Landkreis Harburg und sitzt außerdem im Kuratorium des VNP. Alles fließt. Nur wohin?

 


 


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