Sex im rechten Licht

Ein skurriler Aushilfsjob

Seit zwei Wochen hat Mimi einen Freund, oder zumindest etwas Festeres. Seitdem ist alles anders. Sie ruft mit fünf Tagen Verspätung zurück, kichert und sagt nicht mehr „Ich“, sondern „Wir“. Es klingt garstig, aber ich hoffe, dass die Sache bald ein Ende hat. Auf Dauer macht es keinen Spaß , ohne Mimi auszugehen. Letzten Sonntag wachte ich so ausgeschlafen und frisch auf, dass mein erster Gedanke war. Irgendwas stimmt hier nicht. Dann klingelte das Telefon. Es war 9 Uhr. Um die Zeit ruft normalerweise höchstens meine Mutter an.

Guten Morgen, sagte ich, und bemühte mich, dabei so zu klingen, als hätte ich gerade eine nobelpreisverdächtige Forschungsarbeit abgeschlossen oder sonst irgendwas, das Mütter unheimlich stolz macht.

Hey, Alte, hier ist Henning, sagte eine Stimme. Henning ist ein alter Freund von mir. Er ist wahnsinnig intellektuell und hat eine bekannte Filmschule besucht. Leider gibt es offenbar ziemlich viele Regisseure auf dem freien Markt, und da Henning sich zu wertvoll ist, Serien zu drehen, hat er eine eigene Produktionsfirma gegründet. „Niveauvolle Unterhaltung für den gehobenen Geschmack“ nennt er seine Filme, aber in Wahrheit ist es natürlich trotzdem Porno, Niveau hin oder her.

Ich hoffe, Du hast heute noch nichts vor, sagte Henning. Mir brennt die Hütte, ich brauche Ersatz.

Ich hoffe, es ist nicht das, was ich denke, sagte ich. Sonst habe ich ganz bestimmt was vor.

Eine Stunde später war ich am Set. Es gibt Berufe, von denen glaubt man gar nicht, dass es sie gibt. Lichtdouble beim Porno zum Beispiel.

Ist nicht schwer, hatte Henning mir gesagt, du musst nur das tun, was die Darstellerin morgen macht. Wir müssen einen guten Hautton hinkriegen, sonst wird sie wahnsinnig sauer.

Eine halbe Stunde später saß ich ziemlich unbekleidet auf Micha, dem männlichen Lichtdouble. Wir probierten eine Einstellung, in der die Tennislehrerin, also ich, ihrem neuen Schüler ein paar Extra-Stunden gibt. Kurz darauf sollten beide von dessen Frau erwischt werden, die dann später von der Tennislehrerin auf dem Court vernascht wird.

Der ganze Raum war voller Lampen, Generatoren, Kabel und Folien. Und zwischen dem ganzen Kram standen Leute herum, die Mikrofonstative hielten oder kleine Schreibblöcke. Einer war nur dafür da, an verschiedenen Positionen winzige Streifen von Klebeband anzubringen. Ich kam mir vor wie eine Maus auf dem Seziertisch. Dabei finde ich es grundsätzlich nicht übel, Sex in Gegenwart anderer zu haben. Aber das hier war komisch. Wir mussten so tun, als hätten wir Sex, schließlich waren wir ja auch nackt. Gleichzeitig war an Sex nicht zu denken. Nur: Dieses ständige Herumgereibe am männlichen Lichtdouble machte mich mit der Zeit ganz wuschig, zumal der davon eine ansehnliche Latte bekommen hatte. Aber an einen kleinen Orgasmus war gar nicht zu denken. Ständig quatschte einer dazwischen. Der Kameramann rief: Pack sie an den Brüsten, das darf nicht so wackeln, sonst krieg ich Reflexe. Kurz darauf unterbrach uns der Lichttyp. Stopp, rief er, ich hab da ein paar ungute Schatten auf dem Nippel.

Und dann diese ständigen Positionswechsel. Ich musste am Türrahmen hocken, über dem Gartentisch, auf dem Esstisch, im Ankleidezimmer. Und damit ich mich dabei ja nicht entspannen konnte, säuselte mit Micha ständig ins Ohr. Nichts Erotisches leider. Mein Anlageberater rät mir zu Zucker und Aluminium, sagte er zum Beispiel. Ich frage dich jetzt mal ernsthaft: Ist das nicht total aus den Neunzigern?

Leider habe ich keine Ahnung von Zucker oder Aluminium. Ich merkte aber, wie mir vom vielen Auf-einem-Bein-stehen und Auf-allen-Vieren-hocken das Blut aus dem Kopf sackte. Dann kippten mir die Beine weg und ich knallte gegen eines der großen Stative. Ich glaube, die Lampe daran fiel auf den Aufnahmeleiter, denn ich hörte ihn schreien: „Heiß, heiß!“ Das letzte, was mir durch den Kopf schoss, waren die Worte: „Du bist heiß? Was soll ich erst sagen?“ Dann wurde es schwarz.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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