Geboren im KZ

Sieben Kinder kamen im Außenlager von Dachau zur Welt

Für schwangere Jüdinnen im KZ gab es nur einen Weg: den ins Gas. Trotzdem haben in den letzten Kriegsmonaten sieben Jüdinnen im KZ-Außenlager Kaufering I Kinder geboren – und überlebt.Das Foto entstand wenige Tage nach Befreiung des KZ-Außenlagers durch aliierte Soldaten.

 
Das Wunder ist siebenfach. Sieben Kinder, die im KZ-Außenlager Dachau, in Kaufering I bei Landsberg, geboren wurden, überlebten. Und zwei Mütter fanden schließlich, nach fast sieben Jahrzehnten, Worte, das Unsagbare zu sagen.

Ein Film*, ein Buch** und eine Ausstellung***, die seit dem 7.April im Neuen Stadtmuseum Landsberg am Lech zu sehen ist, berichten vom „Wunder von Kaufering I“.

Die Regel in den Lagern war es, Jüdinnen, deren Schwangerschaft entdeckt wurde, noch vor Geburt ihrer Kinder zur Ermordung in die Vernichtungslager abzuschieben. In Kaufering überlebten sieben Mütter und ihre hinter Stacheldraht geborenen Kinder. Wesentlich wegen außerordentlicher Solidarität der weiblichen Häftlinge untereinander. Aber auch deshalb, weil wenige Monate vor Kriegsende die Infrastruktur im Deutschen Reich soweit zerstört war, dass Abtransport ins Gas nicht mehr möglich war. Außerdem versuchten, schon angesichts vorrückender alliierter Streitkräfte, einige KZ-Wächter – in sicherer Erwartung ihrer Verhaftung – ihre persönliche Schreckensbilanz zu schönen: Etwa indem sie den Müttern Milchpulver und Kleidung zukommen und sich diese Wohltaten quittieren ließen.

Die Autorin und Dokumentarfilmerin Eva Grubenová zeichnete "Das Wunder von Kaufering I" nach. MAGDA entnimmt Gruberovás Beschreibung ihrer Arbeit an dem 45-minütigen Dokumentarfilm dem Ausstellungsprospekt "Sie gaben uns wieder Hoffnung", Schwangerschaft und Geburt im KZ-Außenlager Kaufering I":

Im Herbst 2007 suchte ich während einer Recherchereise in der Slowakei nach jüdischen Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau. Ich erfuhr von einer Frau, die 1944 im Außenlager Kaufering I ein Kind zur Welt gebracht haben soll. (…) Ich fuhr sofort nach Dunjaská Streda, einer südslowakischen Kleinstadt an der Grenze zu Ungarn. Dort, so hoffte ich, würde ich Antwort auf meine Fragen finden. So lernte ich Eva Fleischmannoá und ihre Tochter Marika kennen. Aus dieser Begegnung entstand dieser Film … und mehr.

Eva wollte zu dem Treffen in der Wohnung ihrer Tochter zuerst nicht kommen. Aber dann saß sie doch da, klein, zierlich und fast versunken in dem großen Sessel. Sie schwieg. Ihre Mutter, so erklärte Marika, habe noch nie „darüber“ gesprochen. Und sie, die Tochter, wisse nur wenig.

„Ja, das bin ich, die Frau in der Mitte“, sagte Eva schließlich, als ich ihr das Foto zeigte. Sie kannte es. Miriam Rosenthal aus Toronto hatte es ihr vor Jahren geschickt. Auch sie hatte in Kaufering I ein Kind zur Welt gebracht.

Und dann begann Eva doch zu erzählen. Von Auschwitz-Birkenau und von ihrer Schwester Ida, mit der sie in drei Konzentrationslagern war. Ida war nach Kriegsende nach Kanada ausgewandert, ohne zu wissen, dass ihre Schwester überlebt hatte. Erst nach 20 Jahren trafen sich die beiden wieder. An dieser Stelle brach Eva ab. „Ich kann nicht“, sagte sie kopfschüttelnd, und ich sah hinter ihrer Brille Tränen.

Von den sieben Jüdinnen, die im Winter 1944/45 im Dachauer Außenlager Kaufering I Kinder entbunden hatten, sind heute nur noch zwei Über-Neunzigjährige, Eva Fleischmannová und Miriam Rosenthal (in Toronto/Kanada), am Leben. Vor mehr als 20 Jahren hatten sich die beiden über eine Annonce in einer ungarischen Tageszeitung wieder gefunden. Auch die anderen fünf Mütter, die in Ungarn, Israel, den USA und Brasilien lebten, nahmen wieder Kontakt auf.

Antworten hatte ich während meines ersten Besuchers in Dunajská Streda nicht bekommen. Wie war es möglich, dass diese Frauen und ihre Babys überlebt hatten? Die Nationalsozialisten hatten fast eineinhalb Millionen jüdische Kinder ermordet. Wie überstanden diese Frauen und ihre Säuglinge den Terror der Konzentrationslager?

Über eine Stunde dauerte das erste Telefonat mit Miriam. Die Idee, einen Dokumentarfilm über sie und Tochter Eva zu machen, hatte ihr sofort gefallen. „Ich muss erzählen“, sagte sie. Aber es dauerte dann doch noch neun Monate, bis meine Co-Autorin Martina Gawaz eine Fernsehredaktion von unserem Film überzeugen konnte. Holocaust-Themen, mussten wir erfahren, finden schon seit längerem kaum mehr das Interesse der Fernsehsender. Schließlich aber produzierte die Redaktion für Zeitgeschichte des WDR den Dokumentarfilm.

Die lange Wartezeit hat jedoch etwas Wichtiges ermöglicht. Mutter und Tochter, Eva und Miriam, telefonierten wieder öfters miteinander; und auch die Kinder der anderen „Kauferinger Mütter“ erfuhren von dem Filmprojekt. Ich bekam Post aus Ungarn, einen Anruf aus Brasilien und nahmen mit Hilfe von Miriams Tochter Lilian Kontakt mit anderen „Kauferinger Kindern“ auf. Die meisten hatten noch nie miteinander gesprochen, obwohl sie von einander wussten. Ein wenig unsicher rief Marika im Dezember 2008 Ibolyas (auch sie eine Kauferinger Mutter) Tochter Agnes in Ungaren an und freute sich über deren spontane, herzliche Reaktion. Judith meldete sich nach vielen Jahren wieder und schrieb Agnes einen Brief. Inzwischen haben sich die beiden besucht. Georg aus Sao Paola gratulierte telefonisch am 8. Januar 2009 der überraschten Marika zu ihrem 64. Geburtstag. Miriams Sohn sprach schließlich den Wunsch aus, den alle hegten: „Es wäre schön, wenn wir alle sieben uns einmal in Dachau reffen würden.“

Und dann begannen die Dreharbeiten. „I am ready“, sagte Miriam am Telefon, und das Team flog nach Toronto.

Der 45-minütige Dokumentarfilm erzählt die Geschichte der sieben Babys aus der Perspektive der beiden Mütter Miriam Rosenthal und Eva Fleischmannnová. Aber da war noch Evas Schweigen, das wir respektieren wollten. Deshalb vertritt sie bei der Spurensuche (die die Kamera dokumentiert) ihre 64-jährige Tochter Marika. Die Kamera begleitet sie auf der Suche nach ihrer Herkunft und ihrer Identität in Auschwitz, Plaszów, Augsburg und ab ihrem Geburtsort bei Landsberg (Lager Kaufering I). In Toronto traf Marika dann zum ersten Mal die 87-jährige Miriam. (…)

Vier Stunden lange erzählte Miriam Rosenthal ihre Geschichte, Die größte Überraschung bereitete uns aber in den letzten Drehtagen Eva Fleischmannová. Sie brach plötzlich ihr Schweigen. Zögerlich, in knappen Sätzen, und voller Schmerz erzählte sie von der Deportation der Juden aus Dunasjká Streda und von ihrer Angst, als sie an der Rampe in Auschwitz-Birkenau vor dem SS-Arzt Mengele stand. Sie hatte nichts vergessen. Mit bewundernswerter Detailgenauigkeit beschrieb sie die Evakuierung des Lagers Kaufering I. Sie erzählte von dem Fliegerangriff der Aliierten auf den Zug mit den Häftlingen und von der Befreiung der sieben Mütter und ihrer Kinder in Dachau. Zum ersten Mal hörte Marika von ihrer Mutter Eva die ganze Geschichte ihrer Geburt und ihrer Rettung.

Sechs der sieben Kinder trafen sich am 29. April 2010 in Dachau zur Eröffnung der Ausstellung „Sie gaben uns wieder Hoffnung“, die ihren Müttern gewidmet ist.


* Information über den Film (produziert vom WDR): eva_gruberova@yahoo.de

** Eva Gruberová und Helmut Zeller Geboren im KZ: Sieben Mütter, sieben Kinder und das Wunder von Kaufering I: Sieben Mütter, sieben Kinder und das Wunder von Kaufering I [Kindle Edition]

*** Informationen über die Ausstellung (kuratiert von der Historikerin Sabine Schalm im Auftrag der KZ-Gedenkstätte Dachau und der Journalistin Eva Gruberová): info(at)kz-gedenkstaette-dachau.de; hervorragend zusammengestellter Katalog zu bestellen unter: ISBN 978-3-9812808-2-1

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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