Rote Soße

Die SPD will Kraft, Gabriel gibt ihr Kraft

Copyright: Dominik Baur

Parteichef Gabriel: Trendwende für die geplagte Sozialdemokratie?

Sonntagabend im Willy-Brandt-Haus, es gibt Currywurst. Das Nationalgericht sowohl von Berlinern als auch von Ruhrpottlern, um dessen Urheberschaft sich beide Landsmannschaften seit jeher streiten, ist bereits in großen Massen aufgeschnitten worden und schwimmt wie Gulasch in der roten Soße. Auf der Bühne, auf der später Sigmar Gabriel das Wahlergebnis in Nordrhein-Westfalen kommentieren wird, steht die Liberty Band und trällert Oldies. "Sounds of Silence", "All My Loving", "Stand By Me"...

"Stand By Me", nein das spiegelt nicht das Gefühl der Genossen hier im Atrium der Berliner Parteizentrale wider. Die Zeiten sind vorbei, jetzt wird gefeiert. Komme, was da wolle. Und was da kommt - rein regierungstechnisch - ist noch immer ungewiss. Es ist ungewiss, als die ersten Hochrechnungen auf den Bildschirmen zu sehen sind, und auch, als Sigmar Gabriel mit Frank-Walter Steinmeier und den Mitgliedern des Parteivorstands die Bühne betritt.

Und doch bricht mehrfach Jubel aus an diesem Abend. Zum ersten Mal als Jörg Schönenborn, der Herr der Balkendiagramme, um Punkt 18 Uhr Prognose Nummer eins verkündet: 34,5 Prozent für die CDU, das schlechteste Ergebnis allerzeiten. Die Genossen grölen. Dann das Ergebnis der SPD: auch 34,5 Prozent - 2,6 Prozentpunkte weniger als noch vor fünf Jahren und ebenfalls das schlechteste Ergebnis seit Jahrzehnten; der Jubel schwillt noch an. Vor fünf Jahren, das war die Schicksalswahl, die das Ende der rot-grünen Schröder-Ära eingeläutet hat.

Doch heute ist alles anders. So wird der Applaus schließlich am stärksten, als der ARD-Moderator für die Grünen ein Ergebnis von 12,5 Prozent prognostiziert. Das riecht nach Rot-Grün. Zu guter Letzt allerdings ist klar: Auch die Linken haben es geschafft, sie werden in den Landtag einziehen. Damit ist klar: Schwarz-Gelb wird es die nächsten fünf Jahre in Nordrhein-Westfalen nicht mehr geben, aber ob es für eine rot-grüne Mehrheit der Mandate reicht, dürfte noch eine ganze Weile offen bleiben.

Aber davon lässt sich hier niemand die Feierlaune verderben. Und Sigmar Gabriel schon gar nicht. Der Mann, der nach der für die Sozialdemokraten katastrophalen Bundestagswahl den Parteivorsitz übernommen hat, lässt sich gleich von den feiernden Parteimitgliedern ein Stück Pappe in die Hand drücken, das er artig in die Luft reckt. "NRW, gib uns Kraft!" steht darauf. Er spart auch nicht an Lob für die "Frau, die das möglich gemacht hat" und gratuliert sogar "den Freunden von den Grünen". Aber vor allem dürfte er eines auskosten: den eigenen Triumph. Seit Jahren hat die SPD eine Watschn nach der anderen kassiert, jetzt bei der ersten Landtagswahl seiner Amtszeit scheint sie endlich wieder das Ruder zumindest ein bisschen bewegen zu können.

Ob es wirklich die "Trendwende" ist, die Gabriel begeistert ausruft? Die Genossen wissen es nicht. Und als die drei Jungs von der Liberty Band zwei Stunden später noch einmal zu ihren Instrumenten greifen und ein paar Nummern von den Eagles, Neil Young und Co. zum Besten schrubben, wissen sie auch noch nicht, ob es denn nun reichen wird oder nicht. Aber sie wissen eines: Schwarz-Gelb haben sie's endlich wieder gezeigt. Und das genügt doch, um zur Abwechslung mal wieder zufrieden ins Bett zu gehen.


 


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