Der Balkan bebt

Volker Handloik* unterwegs im serbischen Guča

Foto: Daniel Pilar

Foto: Daniel Pilar

Es wurde langsam Abend, und die Tschetniks holten ihre furchtbarsten Waffen heraus: Blasinstrumente. Das Städtchen Guča (auch Gutscha oder Gudzha geschrieben) glich einer belagerten Balkanfestung, das 2000-Seelen-Nest ertrank in den Fluten von ufta-ufta-seligen, tanzenden und hüpfenden Massen. Die Hänge waren voller Heerlager, die Zufahrtsstraßen verstopft, die Kirche von Spanferkelbuden umzingelt. Kakophonie quoll aus der gebeutelten Stadt wie serbische Bohnen, wenn sie zu schnell aufgehen. Jedes Zimmer war vermietet, jeder Vorgarten eine Bierschänke, jedes Plätzchen ein Freßmarkt. Es gab Kohl mit Schweinebauch, Heiduckengrill, Kevapcici und scharfe Würstchen. Drei lange Tage und Nächte wurde in Guča das größte Blasmusikfestival der Welt abgehalten (es läuft seit 41 Jahren) - mit Saufen und Völlen und Grölen, bis keiner mehr gehen konnte. Es lebe der heilige Emir Kusturica.

Ich kam am Freitag mit einem Überlandbus aus Belgrad und wollte schon nach einer Stunde sterben. Denn im Bus saßen echte Fanatiker, die die ganze Zeit auf Plastiktröten patriotische Lieder schmetterten. Dazu wurden hausgemachte Fettigkeiten und gelbschimmernder Pflaumenschnaps herumgereicht. In den scharfen Bergkurven klatschte die Reisegesellschaft regelmäßig gegen die Fenster und hinterließ dabei unschöne Abdrücke. Ich saß neben einer Unterstufenlehrerin, die Bier trank, bis sie an meiner Schulter einschlief und Bohnenpupse von sich gab. Ich haßte sie.

Vor Guča standen wir eine Stunde im Stau, seltsamerweise störte das keinen, und das Bier wurde auch nicht alle. Das Inferno umhüllte mich wie Bierteig einen gut gebackenen Rotbarsch. Ein kleines Mädchen nahm mich an die Hand und brachte mich zu seiner Familie, wo ich im Kinderzimmer inmitten des Plüschtierzoos schlafen durfte. Das Zimmer war so groß wie ein Geigenkasten, und es roch auch so.

In den Festzelten tanzten die Leute auf den Tischen und balancierten Schnapsflaschen auf ihren Köpfen. Die Musikanten hatten Fünfzig-Mark-Scheine an die Stirnen geklebt, sie wurden von funkelhaarigen Schönen umtanzt, die ihre Arme gen Zeltdecke schüttelten, verzückt die Augen schlossen und Heißaheißa schrien. In manches Zelt paßten 2000 Trinker - ganz Guča also. 

Jericho hat Posaunen – Guča bevorzugt Trompeten

An jeder Bankreihe, manchmal an jedem einzelnen Tisch, spielte eine Band auf. Scharf, rhythmisch, zackazackapoffhump, die Gesichter glühten, der Schweiß perlte. Zwischen den Musikanten wurden Fleischplatten durchgereicht und Bierfässer gerollt. Frauen warfen ihre Jacken weg und ihren Schmuck in die Menge. Raubvogelgesichtige Männer mit Blicken wie Dolche, schwarzgewichsten Schnauzern und grünen Tschetnikmützen mit dem serbischen Doppeladler in der Kokarde schmissen ihre Beine im Takt und lachten, ohne zu lächeln.

Musik und Rhythmus kreisten durch die Stadt, und mit ihnen ungezählte Orkestárs, bestehend aus vier oder fünf Hörnern, einer Trompete, einer Tuba und einer Pauke. Gelegentlich blieben sie stehen, kassierten ihren Spielmannslohn und zogen weiter. Alt tanzte mit Jung. Sie verketteten sich zu Polonaisen, die sich durch den halben Ort zogen. Der Hauptplatz war taghell ausgeleuchtet. Trachtengruppen aus dem ganzen früheren Jugoslawien zogen fahnenschwenkend um ihn herum. Die Jugend schrie Srbia, Srbia und machte das dreifingrige serbische Victory-Zeichen, und die Mädchen sahen alle aus wie Zigeunerprinzessinnen beim Jahrestreffen. Am nahen Fluß waren ein Riesenrad und eine Karussell-Zentrifuge aufgebaut. Regelmäßig flog Kotze aus der Schleuder.

Um die Kirche herum ging es am schlimmsten zu (so muß es sein): Hier war die Musikantendichte höher als ihr Atomgewicht, und man mußte Richtfunkohren haben, um noch eine einzelne Melodie ausmachen zu können. Aber das war eigentlich scheißegal, denn die Orkestárs spielten einem direkt ins Ohr hinein, direkt ins Hirn.

Am letzten Tag trafen sich das Publikum (es sollen 250.000 Leute teilgenommen haben) und die Musikanten im Fußballstadion zu einem gigantischen Konzert, bei dem schließlich alle Musiker ein Lied unisono spielten. Da bebte der Balkan. Die beste Trompete, die beste Tuba und das beste Orkestár wurden gekürt.

Zurück nach Belgrad bin ich dann getrampt. In einem Vorort ging ich nachts noch in eine dunkle Kneipe, wo man nach jeder Runde die Gläser an die Wand werfen mußte.

 

 

* Volker Handloik war in den neunziger Jahren einer der gefragtesten und begabtesten Reporter in deutscher Sprache.

 

Im November 2001 wurde er bei einem Hinterhalt

in Afghanistan erschossen, zusammen mit zwei

französischen Kollegen.

 

Wir widmen diese nachgelassene Geschichte

der Erinnerung an ihn.

 

 

Mehr über das Festival erfahren Sie in der Bildgeschichte

von MAGDAS ALBUM

 

 

 


 


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