Vermaist unsere Zukunft?

Energiepflanzen bedecken immer mehr Ackerflächen

Von Claus-Peter Lieckfeld

Foto: CP Lieckfeld

Postkartenidylle in Bayern?

 

Steinebach muss sich nicht herausputzen. Ungeschminkt und bei fast jeder Beleuchtung bietet die Kleinsiedlung, ein paar Kilometer westlich des oberbayerischen Ammersees, ein Bild, das jedem Prospekt „Naherholung und ländlicher Tourismus“ als Aufmacherfoto dienen könnte.

Noch. Nicht wenige in der zuständigen Gemeinde Windach sehen in Steinebach so etwas wie Opfergrund für die moderne Landwirtschaft. Genauer: für jene Landwirtschaft, die sich zur Energiewirtschaft mausert. Stich-Wort: Biogasanlage – seit einiger Zeit eines, das tief hinein sticht in den ländlichen Frieden. Und womöglich auch in die Hoffnungen, die sich an die Energiegewinnung aus nachwachsenden Rohstoffen knüpften und noch immer knüpfen.

Ursula Klas, die mit ihrem Mann in Steinebach die Pension Lindenhof betreibt und unmittelbare Nachbarin einer künftigen 200-Kilowattanlage sein wird, zeigt auf ein Sträßchen, das am idyllischen Dorfweiher in Höhe einer Kapelle abzweigt. „Für unseren Bürgermeister ist diese Straße – mitten durch ein „Vorranggebiet Naherholung“! – geeignet, 100 Prozent mehr Schwerlastverkehr und jede Menge 30-Tonnen-Lastwagen für den Mais-Transport aufzunehmen“.

Und Mais en masse wird nötig sein, um die Steinebacher Biogasanlage ihres Nachbarn zu füttern, der sich gerade anschickt, vom Bauern zum Energiebauern zu mutieren.

Mais ist der Schlüssel, denn die robuste Pflanze bringt die besten Erträge. Die hoch aufschießenden Pflanzen erweisen sich als unschlagbar, wenn es um  „Verstromung“ geht. Biogas entsteht, wenn organische Stoffe von Mikrobakterien unter Sauerstoffabschluss abgebaut werden. Dabei setzen die Bakterien effizient Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette in die Hauptprodukte Methan und Kohlenstoffoxid um: in die Generator-Antreiber. Idealerweise soll die dabei entstehende Prozesswärme im Nahbereich Wohnhäuser oder Gewerbe-Betriebe mit Heizwärme versorgen - Kraftwärmekopplung! In Steinebach wird die heiße Luft verpuffen, ein großer Malus.

Strom im Gegenwert von 4,7 Milliarden Euro schaffte Deutschlands Biogas-Branche im Jahr 2011, so der Fachverband Biogas e.V. Die Lobby-Organisation verweist stolz auf circa 6000 Einzelanlagen (davon 2000 in Bayern), die 4,3 Millionen Haushalte zwischen Flensburg und Lindau versorgen können.

Gegen solche Erfolgsbilanzen – gar noch vor dem Hintergrund abgeschalteter Atomkraftwerke und strahlender Trümmer in Fukushima – sind selbst schwere Lastwagen vielleicht nicht schwer genug. Zu leicht, um gegen Strom aus Bauernhof-Reaktoren in die Wagschale zu fallen?

Allerdings zeigte der Fall Steinebach noch eine Reihe anderer Absonderlichkeiten. Beantragt und genehmigt bekommen hatte der Antragsteller eine 132-kw-Anlage, mit einer Erweiterungsmöglichkeit auf 264 kw. Die Baudimensionen (Fahrsilo und Gärbehälter) wurden aber – wie man den Plänen bei detailliertem Studium im Gemeinderat hätte entnehmen können – von vornherein auf das Doppelte ausgelegt. Ein Gemeinderat, der diesem Trick bei der Abstimmung aufgesessen war, ärgerte sich später über seine „Fehlentscheidung“. Er war, wie andere auch, davon ausgegangen, dass eine Erweiterung durch neuen Ratsbeschluss genehmigt werden müsste.

Und in der kritischen Dorföffentlichkeit wurde alsbald die Frage laut: Was wäre denn wohl einem Bauherrn in unserer Gemeinde geschehen, der ein Einfamilienhaus mit späterer Erweiterungsmöglichkeit einreicht, aber sogleich den Bau eines Mehrfamilien-Reihenhauses angeht?

Nachbar Michael Klas jedenfalls verstand die Welt nicht mehr. Und noch weniger, wie mit der Liste der „Einsatzstoffe“ (die bei jeder Biogasanlagen-Genehmigung vorliegen muss) verfahren wurde. Der Antragsteller muss nachweisen, dass die Stoffe, mit denen er seine Anlage füttert, eine bestimmte Zusammensetzung haben: 30% des Gewichts muss Gülle sein und 51% der Einsatzstoffe müssen aus Eigenanbau stammen. Es stellte sich heraus, dass der Antragsteller – obgleich er ja eine 264-kw-Anlage anstrebte – seinen Einsatzstoff-Mix auf 132 kw ausgelegt hatte. Das zuständige Landratsamt (Kreisverwaltung) Landsberg am Lech reduzierte – nachdem entsprechende Proteste aus Steinebach bei ihm aufliefen – die Anlage auf 200 kw, Obergrenze.

Doch wie all das so verhältnismäßig glatt über die lokale Bühne gehen konnte, bot allerhand Diskussionsstoff im beschaulichen Windach. Eine häufig gehörte Spekulation: Der Antragsteller ist in so ziemlich allen relevanten örtlichen Vereinen verankert, zählt zum „Dorfadel“ und gilt ansonsten als sympathische, integre Persönlichkeit. „… und so oam erlaum’s ois!“

Immerhin, der Petitionsausschuss der Regierung von Oberbayern prüfte, fand die Sache „sehr unmöglich“ (wörtliches Zitat), sah aber keine Möglichkeit etwas zu tun oder gar zu stoppen, sofern die Gemeinde eingewilligt hat. Und die hatte. Daraufhin versuchte CSU-Landtagsabgeordneter Dr. Thomas Goppel (Wahlkreis Landsberg) – immerhin ein politisches Schwergewicht, das in verschiedenen Funktionen Mitglied der Bayerischen Staatsregierung war – zwischen Kritikern, Anliegern und Antragstellern zu vermitteln. Vergeblich. In Steinebach wird gebaut. Das Äußerste, was sich der künftige Energiebauer abringen ließ, war eine Extra-Zufahrt, die den Schwerlastverkehr von einer gefährlichen Engstelle im Ort fernhält.

Was sich in Steinebach/Windach im Kleinen abzeichnet – Energie-Anbau, koste er, was es wolle – hat mittlerweile bundesweite Dimensionen. Innerhalb von sechs Jahren hat sich die Anbaufläche für Energiemais von 70 000 auf 800 000 Hektar vervielfacht. Strom aus Kuhstall und Abfallkübel war einmal als ökologisch sinnvolle Verwertung problematischer Stoffe gedacht, entwickelte sich aber binnen kurzem zur ruinösen Konkurrenz für den Lebensmittel-Anbau. Energie-Bauern können, dank günstiger Vergütungen durch das Energie-Einspeisungsgesetz (EEG), locker Pachtpreise für Maisäcker zahlen, die für den Lebensmittelanbau indiskutabel sind.

Dass attraktive Landschaftsbilder mit breitem, mais-dunkelgrünem Strich überpinselt werden – kaum etwas ist öder und biologisch toter als Maisäcker –, spielt in der öffentlichen Diskussion bisher nur eine untergeordnete Rolle. Und auch die schlägeweisen Hiebe ins Artenspektrum figurieren bisher, allen deutschen Biodiversitäts-Schwüren zum Trotz, nur als ärgerliche aber unvermeidliche Störgeräusche am Rande. Alarmierender klingt in den Ohren lokaler, regionaler und bundesweiter Entscheidungsträger da schon die Gefährdung des Lebensmittels Nummer eins: Wasser. Allenthalben hört man von Überdüngung der „Energiefelder“ und nachfolgender Schädigung von Grundwasser, Bächen und Flüssen. Und auch die Diskussion, ob in den großen Gärtanks nicht schädliche Keime á la EHEC ausgebrütet werden könnten, scheint noch nicht entschieden zu sein.

„Es ist paradox“, resümiert Hans Schuh in der ZEIT: „Im Prinzip ist Biogas sinnvoll und wichtig für die Energiewende. (…) Zwar verbrennt Biogas klimaneutral, das entstehende Kohlendioxid haben ja Pflanzen zuvor aus der Luft geholt. Doch dem stehen Klimabelastungen [anderer Art] entgegen.“

Um die Silos zu befüllen, muss gespritzt, gedüngt, gehäckselt und viel Diesel verfahren werden. Und aus Gärresten - aus Gülle und Dünger - entweicht wiederum Lachgas in die Atmosphäre: ein sehr potenter Klimakiller. Ein weiterer Negativeffekt, so beklagen die Kritiker der Biovergasung ganzer Landschaften, wird in fast allen Bilanzen unterschlagen: Meist ist es Grünland, das zu Maisäckern umgebrochen wird. 

Der tief greifende Pflug setzt große Mengen an CO2 frei, die zuvor im Wurzelmasse und Humus gebunden lagen. Oft qualmt soviel Treibhausgas aus dem umgepflügten Boden, dass eine Biogasanlage viele Jahre laufen müsste, ehe sie diesen Geburtsfehler ausgeglichen hat.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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