Die neue Reichsautobahn
In Hamburg müssen sich SPD und GAL erst noch zusammenraufen
Die Alte Harburger Elbbrücke war die erste Straßenverbindung nach Wilhelmsburg. Heute führt ein Fußweg vom südlichen Sandsteinportal über den Fluss.
Vernachlässigt wurde der Hamburger Süden seit jeher. Das hat viele Gründe, insbesondere historische. Die südlichen Stadtkreise Harburg und Wilhelmsburg gehörten lange zur Provinz Hannover und gelangten erst durch das (erzwungene) Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 zu Hamburg. Dicke Freundschaft schlossen der reiche Norden und der arme Süden auch nach 1945 nicht. Man blieb sich fremd. Selbst die von der großen Flut 1962 ausgelöste Hilfswelle verebbte schon bald wieder im grauen Hafenschlick. Zwischen Nord und Süd eine Ära der Kooperation und des gegenseitigen Verständnisses einzuleiten (und damit die 1995 gegründete Metropolregion Hamburg endlich ernst zu nehmen), könnte also zur zentralen Aufgabe des nächsten, vermutlich rot-grünen Senats werden. Doch ist dieses Projekt mit der real existierenden GAL überhaupt möglich?
Beim großen „Sprung über die Elbe“ (dem wohl bedeutendsten deutschen Stadtentwicklungsprojekt) ist der gescheiterte schwarz-grüne Senat schon zu oft in politischen Fettnäpfchen gelandet. Denn das Areal südlich des Hafens und der Hafencity sollte eigentlich aufgewertet und für alle Bewohner attraktiver werden. In mancher Sonntagsrede wurde von einem ökologisch-sozialen Vorzeigeprojekt gesprochen.
Die anfängliche Begeisterung der Menschen über die neue, nach Süden orientierte Stadtpolitik wich jedoch schon bald dem Zorn über die mangelnde Bürger-Beteiligung an den Planungen. Die „Wutbürger“ Wilhelmsburgs haben das Gefühl, beim Umbau ihrer Heimat nicht wirklich mitentscheiden zu dürfen. Als „Riesensauerei“ empfinden sie zum Beispiel den dreisten Versuch, die neue Wilhelmsburger Stadtautobahn schnell noch vor der Wahl zu verabschieden. Sie würde dem sowieso schon geplagten Viertel noch mehr Lärm und Abgase bescheren. Für den Senat zählt offenbar nur, wie die vielen Container, die sich im Hamburger Hafen stapeln, möglichst rasch ins Hinterland abtransportiert werden können. Was die Wilhelmsburger dazu meinen, interessiert den Senat eher wenig. Zwar hatte die grüne Ex-Senatorin Anja Hajduk den Bürgern noch für November 2010 ein ausgearbeitetes Verkehrskonzept versprochen, aber es liegt bis heute nicht vor. Nun soll die Hamburger Bürgerschaft am 9. Februar, nur elf Tage vor der Wahl, die Stadtautobahn per Blankoscheck genehmigen.
Gegen diese Basta-Politik protestierten die "Engagierten Wilhelmsburger" am Samstag auf dem Rathausmarkt – und zwar mit stark riechenden Mitteln. „Diesmal“, schreiben sie, „werden wir die Reichsstraße im Klo runterspülen und ganz plastisch darstellen, was wir von der Hamburger Verkehrspolitik halten...“
Ob Hamburgs Ex-Bürgermeister Ole von Beust dieses Thema in seiner neuen Abendblatt-Kolumne aufgreifen wird, oder ob er doch lieber über die stetig steigenden Kosten der Elbphilharmonie philosophiert, konnte bis Redaktionsschluss nicht ermittelt werden.



