Fahnenflucht!?

Horst Köhler hat etwas getan, was man hierzulande nicht tun darf: kapitulieren.

Von Wolfgang Michal

Gewitterwolken über schwarz-gelb?

 

Es gibt in Deutschland, was die Beurteilung politisch motivierter Rücktritte angeht (Oskar lässt grüßen), eine unselige Tradition: „Fahnenflucht“ heißt das Schmähwort, das dann schnell bei der Hand (und in den Mäulern der Stammtischhelden) ist. Dahinter verbirgt sich eine Mentalität, die selbst dem vernünftigsten Deserteur noch Jahrzehnte nach dem Untergang seiner Armee feige „Fahnenflucht“ vorwirft. Soll heißen: Ein Deutscher hält aus bis zum Schluss. Er beißt die Zähne zusammen. Er kapituliert nicht.

Und nun hat „Null-Bock-Horst“ (Kurt Kister in der SZ) ausgerechnet vor einer militärischen Frage kapituliert! Er hat den Fahneneid mit Füßen getreten. Das verzeihen die Fähnriche der deutschen Leitmedien niemandem! Und so dominierte die „Fahnenflucht“ mal wieder ihre Leitartikel - von den Ruhrbaronen bis zur Mitteldeutschen Zeitung, vom Wiener Kurier bis zur Frankfurter Rundschau, von der Freien Presse Chemnitz bis zur Financial Times Deutschland.

Dabei ist Horst Köhler keineswegs zurückgetreten, weil er angesichts der Kritik an seinem Bandwurmsatz kapitulierte, er ist zurückgetreten (und so steht es auch in seiner kurzen Erklärung), weil man ihn, den Bundespräsidenten, nicht ernst nahm. Anstatt sich mit seinen Äußerungen auseinanderzusetzen, stellten ihn die politischen Eliten als Trottel hin. (Dieser Rücktritt war ein klassischer, narzisstischer Bilanzselbstmord – aufgrund mangelnder Anerkennung).

Horst Köhler hatte nicht die selbst-ironische Distanz eines Gustav Heinemann, dessen legendärer Satz „Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau“ allen Autoritätssüchtigen deutlich machen sollte, dass man ihn, den Bundespräsidenten, nicht mit allzu großen Hoffnungen überfrachten möge - weder im populistischen Sinne (als bequemen Anti-Parteien-Knüppel) noch im moralischen Sinne (als Übervater und Zeigefinger der Nation).

Gustav Heinemann (der ja einen gepflegten Rücktritt gegen die Adenauersche Wiederbewaffnung bereits hinter sich hatte) war der ideale Präsident für dieses Amt, weil ihm bewusst war, was das Amt hergab und was nicht. Er wollte weder den guten König für die Untertanen der Yellow Press spielen, noch den Versöhner der Klassen, weder den Grüßaugust der Sommerfeste noch den Frühstücksdirektor, weder den volksnahen Wandersmann noch die bessere Bundesregierung.

Horst Köhler hat dieses Amt nicht „beschädigt“, wie es nun landauf, landab selbst liberale Autoren vom Blatt greinen. Ein Amt, das kein aktiver Politiker je ernst genommen hat, kann nur Schaden nehmen, wenn man es über die Maßen heilig spricht, anstatt es - wie Gustav Heinemann - hin und wieder mit Füßen zu treten. 

Respekt also (um den Kabarettisten Georg Schramm zu zitieren) vor diesem Fußtritt. Es war das Beste, was Horst Köhler für das Amt des Bundespräsidenten tun konnte. Denn schon einen Tag nach seinem Rücktritt sind unsere schwarz-gelben Parteistrategen wieder dabei, das angeblich so heilige Amt für eine kleine Personalrochade zu missbrauchen. Der clevere "NRW-Große-Koalition-Rüttgers-nach-Berlin-von-der-Leyen-for-President-Plan" bestätigt die schlimmsten Ahnungen des Zurückgetretenen. 


 

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Jeeves

Donnerstag, 03-06-10 09:26

Gysi läßt übrigens auch grüssen.
(Danke für den wohltuenden Artikel)

 

Bastian

Donnerstag, 03-06-10 10:03

Sehr guter Bericht!
Dazu ein Zitat aus dem 'Weißbuch 2006 zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr - Kapitel 1 Grundlagen deutscher Sicherheitspolitik' herausgegeben und für jeden nachzulesen auf der Internetseite des Bundesministeriums für Verteidigung:
S. 24, Zeile 25 – 35: „Risiken und Bedrohungen muss ... begegnet werden ... . Dazu gehören diplomatische, wirtschaftliche, entwicklungspolitische, polizeiliche und militärische Mittel, wenn geboten, auch bewaffnete Einsätze. ... .Die Bundesregierung wird daher auch künftig in jedem Einzelfall prüfen, welche Werte und Interessen Deutschlands den Einsatz der Bundeswehr erfordern.“

 

Kai

Donnerstag, 03-06-10 12:21

Sehr gut.

An Heinemann denke ich auch mit Freude.

 

Drizzt

Donnerstag, 03-06-10 14:09

Vielleicht hätte man noch anmerken können, dass das Horst Köhler angeblich „vor einer militärischen Frage“ kapituliert ist. Das scheint mir in der Tat eher unwahrscheinlich. Da halte ich Erklärungsversuche wie die von Hadmut Danisch schon wahrscheinlicher. Obwohl ich natürlich genauso wenig Einblick in Köhlers näheres Umfeld habe wie all die Anderen. Aber rein von der Logik her, „passt“ die Ansage mit dem Interview nicht so ganz.

Grüße,
Drizzt

 

Drizzt

Donnerstag, 03-06-10 14:14

Nachdem der Filter des Blogs die zweite Hälfte des Kommentars geschluckt hat, hier nochmal der zweite Teil, so gut ich ihn rekonstruieren kann:
... zum Beispiel die Erklärungsversuche von Hadmut Danisch (das ist der Beitrag vom 01.06.2010, bitte auf danisch.de danach suchen, da der Filter vorher wohl wg. des Links angesprungen ist) für viel wahrscheinlicher. Andererseits weiß ich natürlich auch nicht genau, was Köhler bewegt hat und was nicht. Aber die offizielle Variante enthält meines Erachtens einige Lücken.

Grüße,
Drizzt

 

Julian

Donnerstag, 03-06-10 15:00

Das ist ja wohl mal einer der besten Artikel im ganzen Internet, man. Danke!

 

Dirk Burchard

http://www.ryker.de/dirk/

Donnerstag, 03-06-10 21:37

Köhler hatte die Parolen derjenigen runtergebetet, die seit der Wiedervereinigung die Remilitarisierung der deutschen Außenpolitik betreiben. Vielleicht wähnte er sich unter Soldaten zu privat und hat einfach nicht daran gedacht, daß dieses Radio-Interview eben nicht nur die Kreise erreicht, die er als internationaler Wirtschaftsfachmann mit so etwas erfreut haben dürfte. Für jene, deren Parolen er vertreten hat, ist sein Rücktritt selbstverständlich Fahnenflucht, und das sind auch genau diejenigen, denen ich als Pazifist diese Niederlage von ganzem Herzen gönne. Köhlers Rücktritt markiert nicht weniger als den Schlußpunkt der Remilitarisierung der deutschen Außenpolitik, die zukünftig massiv schwieriger zu kommunizieren sein wird. Das ist gut so, und auch wenn er das so nicht gewollt hat, danke, Horst.

 

Stefan Preuß

Donnerstag, 03-06-10 22:43

..nicht schlecht, aber ich habe immer Schwierigkeiten, wenn der Wiener Kurier als deutsches Leitmedium genannt wird...deutschsprachig vielleicht?
MfG
spr

 

Philip

Freitag, 04-06-10 08:22

"Fahnenflucht" ist tatsächlich ein Unwort, und dass man in Deutschland nicht kapitulieren darf, eine schöne und provokante These.

Aber wer sich über "Fahnenflucht" aufregt, darf doch nicht "Selbstmord" sagen! Dass aus psychologischer Sicht weder die Existenz eines Bilanzsuizids noch ein Zusammenhang mit dem Narzissmus als besonders haltbare Thesen erscheinen, ist in Isolation sicher kein so großes Problem: aber dass hier nicht allzu subtil suggeriert wird, Köhler hätte sich doch gleich selbst töten können, finde ich schon ziemlich schlimm.

Diagnosen psychischer Krankheiten und der Persönlichkeitsstörungen haben in der politischen Debatte nichts zu suchen, Suizidvergleiche erst recht nicht.

Was "Fahnenflucht", "Hochverrat", aber auch "Kapitalverbrechen" (außerhalb der jeweiligen juristischen Verwendung) zu Unworten macht, ist die immer noch bestehende Assoziation zur Todesstrafe. Und genau das suggeriert auch "Selbstmord": ein Verbrechen gegen die göttliche Ordnung der katholischen Kirche, das eine genauso schwere Sünde darstellt wie ein Mord. Von dieser Moralvorstellung hat sich die katholische Kirche selbst vor Jahrzehnten verabschiedet, der Katechismus erkennt jetzt den Suizid als krankheitsbedingte Handlung. Schade, dass Sie noch nicht so weit sind und den Mythos vom rationalen bzw. verachtenswerten Suizid aufrechterhalten.

 

Christian

Freitag, 04-06-10 08:46

Naaaaja!

"Super Horst" hat sich eben doch der Yellow Press angedient und den Pannkuchen-mit-Haaren-gesichtigen Müller-Vogg first Hand Facts für irgendwelche unnötigen Bücher zum Super Horst Hype gegeben.

Was Köhler da sagte... man mag drüber streiten, ob's nun im Endeffekt so ist/ so kommt; nur daß er's in so einer unkritischen Attitüde sagte ist fragwürdig!

Meiner Meinung nach hat er das Amt mit der Verquickung von Springer und Bellvue beschädigt.

Die Frage ist, ob Merkels und Co das Amt mit ihrem parteipolitischen Postengeschachere nicht noch mehr beschädigen und jeglicher Glaubwürdigkeit berauben werden.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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