Friedensnobelpreis für WikiLeaks!

Die Arbeit der Whistleblower-Website WikiLeaks sollte belohnt werden

Von Wolfgang Michal

Lange Zeit hatten es die Whistleblower schwer. Sie galten als Nestbeschmutzer und Verräter, und wurden deshalb in ihrer unmittelbaren Umgebung geschnitten. Wer Interna oder Betriebsgeheimnisse der eigenen Firma „verriet“, weil diese gegen die Gesetze, die guten Sitten oder die öffentlich propagierten Firmenwerte verstoßen hatte, war zwar für Außenstehende ein Held (aus Gewissensgründen) - intern dagegen wurde er zum Outlaw, zum Ausgestoßenen, der beruflich nie wieder Tritt fassen würde. Es sei denn, die verratene Sache hatte eine Dimension, die nicht nur eine Firma und ihre Mitarbeiter, sondern alle etwas anging.

Als Daniel Ellsberg, ein hochrangiger Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums, im Sommer 1971 die so genannten Pentagon-Papers an die Redaktionen der New York Times und der Washington Post schickte, versetzte er damit der amerikanischen Vietnam-Politik einen entscheidenden Schlag. Die streng geheimen Dokumente belegten (auf mehr als 7000 Seiten), dass die amerikanische Öffentlichkeit über die Entwicklung und das Ausmaß der US-Kriegführung in Vietnam systematisch von der eigenen Regierung hinters Licht geführt worden war.

Was Daniel Ellsberg vor fast 40 Jahren mit Hilfe etablierter, hochangesehener Medien gelang, erledigt heute ein kleiner mobiler Briefkasten mit Hilfe einiger Server und Laptops. Die Internetplattform WikiLeaks, hervorgegangen aus einem Computer-Hackerclub in Melbourne, Australien, aufgebaut von einer Handvoll idealistischer Leute der Generation Commodore-64, publiziert weltweit, was Regierungen, Konzerne, Parteien und kriminelle Organisationen gern unter der Decke halten: brisante Dokumente über Korruptionsfälle, Waffengeschäfte, Politikerspenden, Polizeiübergriffe, Folterhandbücher, Kriegsverbrechen oder Finanzbetrügereien.

Der Vorteil für die neuen „Verräter“, die ihr Informationsangebot selbstständig auf die Internet-Plattform WikiLeaks hochladen können, liegt auf der Hand: Es gibt keine stationären Redaktionscomputer, die von der Polizei „bei Gefahr im Verzug“ beschlagnahmt werden können, es gibt keine Redakteure, die – wenn sie ihre Quellen nicht preisgeben wollen - in Beugehaft genommen werden können, und es gibt keine Verleger, die auf Schadenersatz verklagt oder wegen Landesverrat vor Gericht gezerrt werden können - und dabei vielleicht einknicken.

Der Unsicherheitsfaktor Redaktion entfällt. Ein etabliertes Medium als Zwischenhändler wird nicht mehr unbedingt gebraucht. Zwar überprüft auch WikiLeaks – wie eine ganz normale Redaktion - die hoch geladenen Dokumente vor Veröffentlichung auf Echtheit, beachtet Persönlichkeitsrechte, gewährleistet den Schutz von Unbeteiligten, stellt die Informationen in einen redaktionellen Zusammenhang, verfasst Überschriften und erklärende Vorspänne, reichert Informationen mit zusätzlichem Material an, doch die Überbringer der heiklen Dokumente spielen in dem ganzen Prozess keine Rolle. Die Gefahr, entdeckt und für das eigene Handeln zur Rechenschaft gezogen zu werden, entfällt.

Nicht ganz. Als WikiLeaks im April dieses Jahres seinen bislang größten Coup landete, wurde die Brisanz des Materials zwar weltweit beachtet (und WikiLeaks wurde mit Spenden geradezu überhäuft), doch plötzlich stand die Plattform unter einem schlimmen Verdacht. Die Veröffentlichung des Videofilms „Collateral Murder“, auf dem zu sehen ist, wie eine US-Helikopter-Besatzung im Jahr 2007 unbewaffnete Zivilisten, darunter Kinder und Journalisten, in Bagdad zusammenschießt und dabei zynische Witze reißt, brachte der „Enthüllungsplattform“ den „Supergau“. Derart harsch (und vielleicht auch etwas schadenfroh) urteilten erfahrene Journalisten, denen in der Whistleblower-Website eine echte Konkurrenz erwachsen war.

Und plötzlich war WikiLeaks nicht mehr die tolle kleine NGO, sondern eine reichlich suspekte, zur partiellen Verantwortungslosigkeit neigende Geheim-Organisation, die Spendengelder für teure Reisen verpulvert und außerhalb jeder demokratischen Kontrolle agiert. Die Reporter der großen Magazine und Zeitungen begannen zu recherchieren. Und im Netz kursierten bald Theorien und Andeutungen darüber, wer WikiLeaks insgeheim finanziere oder für bestimmte politische Zwecke benutze.

Dabei hatte es den „Supergau“ gar nicht gegeben. Der US-Soldat, der das Irak-Video an WikiLeaks gegeben haben soll, verriet sich selbst. In E-Mails hatte er sich angeblich mit der Tat gebrüstet und weitere Enthüllungen angekündigt, woraufhin ein Ex-Hacker den Mann ans US-Militär verraten habe. Bei WikiLeaks selbst hatte es keine undichte Stelle gegeben.

Trotzdem war diese Erfahrung für die junge Organisation ein Wendepunkt. Allein gegen alle – das konnte nicht funktionieren. Die Betreiber der Website sahen ein, dass sie sich öffnen und mit den etablierten Medien zusammenarbeiten mussten, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, als wirrer Haufen ess- und schlafgestörter Computerjunkies abgestempelt zu werden. Denn das Image von WikiLeaks (und damit die öffentliche Sympathie oder Antipathie) hing nach wie vor zu einem Großteil von den traditionellen Medien ab.

Nach den ärgerlichen Erfahrungen mit dem Irak-Video startete WikiLeaks deshalb eine regelrechte Öffentlichkeits-Offensive. Julian Assange, der Gründer, und Daniel Schmitt, der Pressesprecher der Organisation, absolvierten eine ganze Serie von Exklusiv-Interviews. Daniel Schmitt redete mit dctp, Spiegel-Online und dem Freitag, Julian Assange ließ sich von Nikki Barrowclough für den Sidney Morning Herald über sein unstetes Leben ausfragen, Raffi Khatchadourian durfte im New Yorker die Gruppendynamik und das Undercover-Leben des Inner Circle beobachten und die persönlichen Motive und Verhaltensauffälligkeiten des Gründers beschreiben, und Chris Anderson konnte den locker plaudernden Assange im Rahmen seiner TED-Gesprächsreihe einem begeisterten Publikum präsentieren.         

Auch inhaltlich trug die neue Charme-Offensive Früchte. Assange, der bislang ein freches Gegenmodell zur staatstragend und harmlos gewordenen Presse aufbauen wollte (Motto: Wir werden den Journalismus neu definieren!) und selten mit spöttischen Bemerkungen sparte („WikiLeaks hat mehr Dokumente veröffentlicht als die gesammelte Weltpresse“), gab sich gegenüber Anderson ungewohnt konziliant. WikiLeaks, sagte er, sei „ein Offshore-Hafen für die freie Presse“. Man setze auf Kooperation, nicht auf Konfrontation.

Gesagt, getan. Am Montag dieser Woche präsentierten der Spiegel, der Guardian und die New York Times gemeinsam und exklusiv die so genannten Afghanistan-Protokolle, Auszüge aus über 90.000 geheimen Berichten für das Pentagon. Stolz schreibt der Spiegel: „Der Londoner Guardian, die New York Times und der SPIEGEL haben das Material gründlich geprüft und mit unabhängigen Berichten verglichen. Alle drei Medien sind übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass die Dokumente authentisch sind und ein ungefiltertes Bild des Krieges bieten - aus Sicht der Soldaten, die ihn kämpfen.“

Geprüft (und ausgesiebt) hatte das Material natürlich schon WikiLeaks, aber die Organisation wollte den inzwischen eher nachrichtenarmen Blättern doch den kleinen Triumph gönnen, die Afghanistan-Dokumente mit ihren großen Zeitungsnamen verbinden zu dürfen. Es sollte noch einmal ein bisschen so aussehen wie 1971 bei den Pentagon-Papers.

Die Medienpartnerschaft mit den großen Drei war sicher der schlaueste Coup, den Wikileaks bisher landen konnte. Mit ihm ist die kleine NGO endgültig etabliert und kann nun sogar ein wenig die Bedingungen diktieren. Wie heißt es doch so unnachahmlich selbstbewusst auf der Startseite der pfiffigen Whistleblower: „Wikileaks... could become as important a journalistic tool as the Freedom of Information Act.“   

Allein deshalb muss WikiLeaks - nach US-Präsident Barack Obama - den Friedensnobelpreis bekommen. Als Peacemaker des Jahres! Und natürlich als Retter der freien Presse!

 


 

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Torsten

Mittwoch, 28-07-10 09:08

"Ein etabliertes Medium als Zwischenhändler wird nicht mehr unbedingt gebraucht. "

Ähm - falsch. Einfach Mal zuhören, was Wikileaks selbst sagt: sie brauchen die Medien weil sie eben die Analyse, das Anreichern der Informationen nicht leisten können. Das Ergebnis hat man bei "Collateral Murder" gesehen - die Anklage des bearbeiteten Videos gingen ins Leere, weil die Fakten nicht stimmten.

Das Modell Medienpartnerschaft ist auch nicht neu: die Toll-Collect-Papiere wurden über den Stern und den Heise-Verlag veröffentlicht.

 

Jan

Mittwoch, 28-07-10 10:25

Was ich schon bei Barack Obama nicht verstanden habe, erschließt sich mir bei WikiLeaks genau so wenig. Der Friedensnobelpreis soll an Menschen gehen, die sich aktiv für den Frieden auf dieser Welt und das menschliche Miteinander einsetzen. Welche dieser beiden Funktionen erfüllt WikiLeaks? Beendet es Kriege oder Konflikte? Nein im Gegenteil wird noch neuer Zündstoff ins Feuer geworfen. Oder glaubt ernsthaft jemand, dass nun nach der Veröffentlichung der 92.000 Pentagon-Dokumente der Frieden in Afghanistan einkehrt?
Trägt WikiLeaks zur Versöhnung sich bekämpfender Interessensgruppen bei? Wohl kaum....ein paar veröffentlichte Dokuemnte werden kaum Hass, Gier und Machtanspruch überflügeln können. Wenn dann erzeugt WikiLeaks Empörung, Misstrauen und neue Anfeindungen.
Im Übrigen frage ich mich, wer denn für die Echtzeit der von WikiLeaks veröffentlichten Informationen bürgt? Wie nahe liegt die Verführung, relevante Informationen zu fälschen um ein falsches Bild zu erzeugen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Informationen ungeprüft veröffentlicht wurden, wenn sie nur in das eigene Bild eines potentiellen Gegners passen.
WikiLeaks for Friedensnobelpreis? No Sir

 

Tomtom

Mittwoch, 28-07-10 11:46

"Der Vorteil für die neuen „Verräter“, die ihr Informationsangebot selbstständig auf die Internet-Plattform WikiLeaks hochladen können, liegt auf der Hand: Es gibt keine stationären Redaktionscomputer, die von der Polizei „bei Gefahr im Verzug“ beschlagnahmt werden können, es gibt keine Redakteure, die – wenn sie ihre Quellen nicht preisgeben wollen - in Beugehaft genommen werden können, und es gibt keine Verleger, die auf Schadenersatz verklagt oder wegen Landesverrat vor Gericht gezerrt werden können - und dabei vielleicht einknicken."

Dieser Abschnitt sagt alles und vor allem: Wikileaks ist ein rechtsfreier Raum, wie so viele andere Bereiche im Internet leider auch .... :-(

 

Wolfgang Michal

http://www.magda.de

Mittwoch, 28-07-10 12:21

@tomtom: Mir scheint der rechtsfreie Raum eher in Afghanistan zu liegen.
@Jan: Wer gießt denn hier Öl ins Feuer - Wikileaks oder das kriegführende Militär?
@Torsten: Wie gesagt, im Prinzip braucht WikiLeaks keinen Zwischenhändler, anfangs haben sie ohne Medien gearbeitet. Dass sie diesmal mit drei großen Medien zusammenarbeiten, war klug. Denn sie brauchen mehr Leute für die Verifizierung des Materials. Wikipedia wird ja auch nicht von fünf Leuten gemacht.

 

Jan

Donnerstag, 29-07-10 10:45

"Wer gießt denn hier Öl ins Feuer - Wikileaks oder das kriegführende Militär?"
@Wolfgang Michal:
Ich würde spontan sagen, dass beide Seiten nicht gerade sparsam mit dem Benzinkanister umgehen. Das Problem an einem Krieg ist, dass man ihn niemals "sauber" führen kann. Fehler gibt es immer wieder, sie lassen sich nicht vermeiden und haben gerade in Zusammenhang mit Waffengewalt oft schreckliche Folgen. Nicht alle Aktionen der Nato in Afghanistan werden Fehler gewesen sein, es wird auch teilweise Absicht oder Kalkül dahinter stecken. Aber wer sieht in den veröffentlichen Dokumenten denn was Fehler und was Absicht war? Kann WikiLeaks das beantworten? Ich glaube ja nicht.

Man muss jedoch auch sehen, dass viele Dinge die WikiLeaks "aufgedeckt" hat, teilweise schon bekannt waren. So die richtig großen Überraschungen waren da nicht dabei.

Ich allerdings bleibe bei meiner Ansicht, dass WikiLeaks in keinster Weise zum erhalt des Friedens beiträgt. Und wie bereits Tomtom angesprochen hat, WikiLeaks muss sich nicht großartig an geltendes Recht binden. En Freifahrtsschein für "gemachte" Wahrheiten.

 

Wolfgang Michal

http://www.magda.de

Donnerstag, 29-07-10 23:35

@Jan: Nicht derjenige gießt Öl ins Feuer, der Geheim-Dokumente über einen Krieg veröffentlicht, sondern derjenige, der bewusst einen geheimen Krieg führt. Die Behauptung, dass dies alles schon bekannt war, ist lächerlich. Was wussten Sie vorher von der TaskForce 373? Gar nichts.

 

tiffany bracelets

http://www.ukonlinejewelry.org/tuk7-tiffany-bracelets.html

Mittwoch, 22-12-10 08:33

Ähm - falsch. Einfach Mal zuhören, was Wikileaks selbst sagt: sie brauchen die Medien weil sie eben die Analyse, das Anreichern der Informationen nicht leisten können. Das Ergebnis hat man bei "Collateral Murder" gesehen - die Anklage des bearbeiteten Videos gingen ins Leere, weil die Fakten nicht stimmten.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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