Bauch, Gene, Po!

Schon 20 Minuten Radeln verändern das Erbgut

Copyright: Bruno Hotz

Was Sie hier sehen, sind Billionen und Aberbillionen von Zellen beim angestrengten Denken (Foto: Bruno Hotz)

Meinen Methylgruppen ist es vollkommen egal, ob ich vornüber gebeugt auf meinem rostigen Rennrad liege oder kerzengerade auf dem neuen Hollandrad sitze. Es geht ihnen, sofern sie in meinen Oberschenkeln zu Hause sind, so oder so an den Kragen, sobald die Beine in die Pedale treten. Das jedenfalls haben Forscher aus Schweden herausgefunden.

Sie ließen untrainierte Männer und Frauen auf einem Fahrrad-Ergometer strampeln, pieksten vor und nach dem Experiment in deren Oberschenkelmuskel, entnahmen winzige Gewebeproben, und schauten nach, was Bewegung in den Zellen anrichtet. Resultat: Schon 20 Minuten Radeln verändert die DNA. Sprich: Methylgruppen verschwinden. Eine Nachricht, die bei Forschern und Radlern gleichermaßen für Optimismus sorgt, denn unser Körper, mitsamt Seele und Gehirn, scheint doch weit formbarer als lange gedacht.

Offenkundig ist das Genom hochgradig kommunikativ und reagiert aktiv auf neue Herausforderungen, auf Stressoren, auf Training, auf Essen, auf Erlebnisse. Etwas salopp formuliert treffen Zellen Entscheidungen und verändern sich, wenn’s drauf ankommt. Dabei wird der genetische Code selbst gar nicht variiert, sondern sogenannte Schalter-Moleküle, eben jene Methylgruppen, die eine Erbanlage ein- oder ausschalten. Fachbegriff: Epigenetik.

Seit der Augustiner-Mönch Gregor Mendel im Altbrünner Stift 300.000 Erbsen zählte, haben die Genetiker vieles über unser Erbgut herausgefunden. Doch, dass die zehntausend Billionen Zellen, aus denen ein Mensch besteht, „klug“ sind, das beginnen wir erst langsam zu verstehen. Womöglich können Menschen manch unliebsame Prägung einfacher wieder loswerden, als man das bislang für möglich hielt. Das ist eine sehr gute Nachricht.

„Meine Gene lassen mich dick und unsportlich sein?“ Von wegen! So leicht kann sich nun keiner mehr rausreden und auf dem Sofa sitzen bleiben, wenn unsere Substanz derart plastisch ist. Das neue Mendelsche Gesetz lautet: Wer trainiert, macht seinem Genom Beine. Übersetzt fürs abendliche Workout: Bauch, Gene Po! Also rauf aufs Rad, eine Runde bladen oder joggen. Das ist gesund für den Körper (Methylgruppen!) und tröstet traurige Seelen (Glückshormone!).

Die Sache mit dem Hollandrad ist die: Mittlerweile sitze ich lieber aufrecht, und halte meinen Kopf nicht mehr starr über den Lenker gebeugt, Blickrichtung staubige Piste, sondern schaue, wie weiland hoch zu Ross, mal nach rechts, mal nach links. Da oben hat man einen wunderbaren Ausblick! Vielleicht haben auch die Methylgruppen in meinem Nacken die vielen Bewegungen bereits registriert, die Halsmuskeln jedenfalls gaben ihre Unbeweglichkeit schon auf. Nach ungefähr 20 Minuten.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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