Gibt die SPD ihren Geist auf?

Wie Thilo Sarrazin und Peter Sloterdijk die Sozialdemokratie „überfremden“

Von Wolfgang Michal

Zwei hartgesottene „Sozis“ prägen seit Jahren die öffentliche Debattenkultur: der Philosoph Peter Sloterdijk und der Finanzbeamte Thilo Sarrazin. Abwechselnd holen sie ihre große Keule heraus, zerschlagen das herumstehende Porzellan und beobachten anschließend vergnügt, wie Heerscharen von Journalisten und Politikern gewissenhaft versuchen, die Scherben zu sammeln, zu deuten und „vernünftig“ wieder zusammenzufügen.

Obwohl in ihrer Redegabe grundverschieden, benutzen die beiden schlitzohrigen Sozialdemokraten eine ganz ähnliche Provokations-Rabulistik. Es ist eine Technik der Andeutung (die immer ein Hintertürchen des „Missverstandenwerdens“ offen lässt). Und sowohl Sloterdijk als auch Sarrazin berufen sich gern auf das Halbwissen, das aus ihrer lebenslangen Beschäftigung mit einem speziellen Hobby (der Biologisierung des Sozialen) resultiert.

Den Anfang machte Peter Sloterdijk 1999 mit seiner berühmt-berüchtigten Elmauer Rede „Regeln für den Menschenpark“. In ihr schwadronierte der Philosoph absichtlich vage über Zucht(wahl) und Ordnung, und zwang so das (noch) weitgehend humanistisch geprägte Feuilleton zu einer erregten Debatte. Manfred Frank schrieb damals in der ZEIT einen Offenen Brief an Sloterdijk:

„Ihre Elmauer Rede ist ein merkwürdiges rhetorisches Gebilde: ein raunendes Geschweife und Geschwefel, ein pointenloses Flirten mit verfänglichen Materien, die sich todsicher zur Publikumsprovokation eignen. Dem Vortrag eine klare These, eine Überzeugung, gar eine rationale Handlungsempfehlung abzugewinnen ähnelte der Mühe, einen Pudding an die Wand zu nageln. Aber Sie ersetzen ziemlich geschickt den Mangel an Argumenten durch die Faszination, derer Sie sich sicher sein können, wenn Sie die eugenischen Züchtungsfantasien von Platon und Nietzsche anspielender- oder beschwörenderweise und mit düster-prophetischem Ernst für Aufgaben erklären, die das Sein uns, der heutigen Menschheit, stellt. Das ist ärgerlich oder beunruhigend, nicht wegen der Sache, sondern wegen der Art, wie Sie sie präsentieren.“

Von der Gentechnik wechselte Sloterdijk 2009 - nach der Finanzkrise - auf das Feld der Steuerexperten und schlug in einem abermaligen „Weckruf“ vor, die staatlich erhobenen Steuern doch künftig durch wohltätige Spenden zu ersetzen, um auf diese Weise eine neue bürgerlich-antike „Stolzkultur“ zu etablieren. Da der Staat von den „Leistungsträgern“ im Lande stark überhöhte Steuern erpresse, um sie den „Leistungsfernen“ in den Rachen zu werfen, sei ein Bürger-Aufstand gegen den demokratischen Zwangsstaat geboten. Die Sozialschmarotzer, jene „Leistungsfernen“, die von den staatlichen Transferleistungen lebten, rückte Sloterdijk nebenbei in die Nähe von Krebsgeschwüren, die man aus dem kranken Volkskörper herausschneiden müsse, damit dieser wieder gesunden könne.

Starker Tobak, vermutlich in der Tüte geraucht.

Da nützte es den empörten Kritikern gar nichts, dass sie in ihren bescheidenen Medien (etwa in kleinen Gewerkschaftspostillen) akribisch nachweisen konnten, wie unsinnig Sloterdijks Steuer-Berechnungen waren. Die wenigsten Journalisten wollten anstrengende Mathe-Aufgaben lösen - sie fanden einfach o.k., dass jemand mal auf die Kacke haut („Man wird doch wohl in Deutschland noch sagen dürfen“).

Dass die oberen 20 Prozent der Steuerpflichtigen 2008 mehr als 68 Prozent der Einkommensteuer aufbrachten, während die untere Hälfte gerade mal 6,5 Prozent beisteuerte, stimmte sogar. Es war aber eine (typische) Halb-Wahrheit. Die andere Hälfte der Wahrheit hätte nämlich gelautet, dass die oberen 20 Prozent auch 62 Prozent des Markteinkommens unter sich aufteilten, während die untere Hälfte der Steuerpflichtigen mickrige 2,5 Prozent vom Kuchen bekam. (Überdies wäre zu berücksichtigen gewesen, dass die Einkommensteuer im Jahr 2008 nur 29 Prozent des Gesamtsteueraufkommens ausmachte. Nur leider will die umständliche Widerlegung von einfachen Provokationen selten jemand hören oder lesen).

Zurück zur Sozialdemokratie. Im Gespräch mit Spiegel-Reporter Matthias Matussek rechtfertigte Sloterdijk seine Thesen (leicht zurückrudernd) mit einem freimütigen Bekenntnis zur SPD:

Sloterdijk: Ich spreche als lebenslanger Sozialdemokrat, der über die Zustände erschrocken ist. Riefe ich zur Demontage des Sozialstaates auf, was ich in keiner Weise tue, wäre die Empörung mancher Kritiker wohl erklärbar. Doch mir ging es um etwas völlig anderes, nämlich den sozialpsychologischen Umbau der Gesellschaft oder besser um eine psychopolitische Umstimmung. Ich möchte darauf hinwirken, dass das Klima, in dem die Bürger a priori als Schuldner des Staates gesehen werden, abgelöst wird durch ein alternatives Klima, in dem sich alle darüber Rechenschaft ablegen, wer die gebenden Gruppen sind...

Spiegel: Welche Gefühle haben Sie noch für die SPD?

Sloterdijk: Ich würde sagen, Melancholie und Nachsicht. Ich habe nie etwas anderes als die SPD wählen können, aus familiären und persönlichen Gründen, nicht unbedingt aus philosophischen. Aber es gibt einen Trost: Die objektive Sozialdemokratisierung der Staatsstruktur sorgt dafür, dass man die Sozialdemokratie als Partei während ihres Aufenthalts im Oppositionssanatorium vorübergehend entbehren kann.“

Das hätte Sarrazin nicht schöner sagen können. Die taz schrieb damals über Sloterdijks Süffisanz süffisant:

„Besonders lächerlich ist, dass die Stammtischparolen gegen ,Unproduktive’ und ,Transfermassennehmer’ ausgerechnet von lebenslang auf Staatskosten durchgefütterten Beamten wie Sloterdijk und Arnulf Baring stammen, die ihre Pensionen parasitär aus Töpfen saugen, in die sie – im Unterschied zu den Rentenbeziehern – keinen Cent einbezahlt haben.“

Gleiches gilt natürlich für den Beamten Thilo Sarrazin, der von Sloterdijk stets verteidigt wird (und über dessen Kaltduscher-Thesen hier kein Wort mehr verloren werden soll, weil er eh schon in allen Medien seitenweise Sprechverbot erhält).

Sarrazin & Sloterdijk - das sind also die Sozialdemokraten, die heute die intellektuelle Ausstrahlung der Sozialdemokratie prägen. Sie treten an die Stelle altkritischer Geister wie Habermas oder Grass (die nun über 80 sind).

Und die SPD-Führung? Sie hat - gedanklich ausgezehrt und von irrlichternden Medien umgeben – offensichtlich nicht mehr die Kraft, ein klärendes Donnerwetter zu veranstalten und verweist hilfesuchend auf ihre Schiedskommission.

Man muss sich schon in den Arm zwicken, um zu begreifen, dass dies kein böser Traum ist: Die SPD, die in Godesberg die christliche Ethik, den Humanismus und die klassische Philosophie als ihre geistigen Wurzeln benannte, ist nicht nur mit neoliberalem Gedankengut kontaminiert, sondern auch mit humanismus-kritischen (ja anti-humanistischen) Ideen, deren Verbreiter nichts inniger ersehnen, als lebenslang in der Sozialdemokratie bleiben zu dürfen.

Soll man derart treuherzige Seelen von der Bettkante stoßen?


 

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Limited

Montag, 06-09-10 23:09

Ziemlich bizarr, diese Geschichte.

Arbeiterbildungsvereine, Solidarität, Internationalismus, Empathie - das hätte ich mal mit Sozialdemokratie verbunden.

Hört man Sarrazin oder Sloterdijk (oder auch Clement) zu, ist da wenig von zu finden. Eher das Gegenteil.

Beides soll sozialdemokratisch sein? Nö, entweder das eine oder das andere.

Da wird sich die SPD wohl entscheiden müssen, ob sie Grundwerte hat oder Stammtischparolen auf der Suche nach Mehrheiten nachläuft. Ein weiteres Chisma der Glaubwürdigkeit für die SPD:

 

vera

http://opalkatze.wordpress.com/

Dienstag, 07-09-10 11:58

Hehe. Nächstes Mal bitte Giordano und Broder.

 

phs

Dienstag, 07-09-10 15:40

Lieber Autor,
auch noch so gut klingende Headlines befreien offensichtlich nicht vom inhaltlichen "zu kurz springen".
Wiederholen Sie doch bitte nicht die Fehl- Falsch oder willentlich bösen kurzatmigen Interpretationen der Elmenauer Rede.
Sie reihen sich, offensichtlich ohne Sloterdijk etwas umfassender gelesen zu haben, in die Reihe der es-ist-super-dagegen-zu-sein Denker ein. Lesen Sie doch mal "Die Sonne und der Tod" dort hätten Sie es erfahren können, was Sloterdijk gesagt hat und wie sich aus seiner Sicht die Dinge darstellen. Wenn Sie dann Ihre Meinung noch halten würden, würde ich mich auf eine gute Auseiandersetzung freuen. Schreiben Sie nicht einfach ab oder nach. Das ist billig.

Mit freundlichen Grüßen
phs

 

Wolfgang Michal

http://www.magda.de

Dienstag, 07-09-10 18:12

@phs: Wie soll ich mich mit jemandem auseinandersetzen, der anonym bleibt?
Was man Sloterdijk (Wie Sarrazin) einfach vorwerfen muss, ist das Zündeln mit missverstehbaren Begriffen. Und das Kokettieren mit aristokratischen Haltungen.

 

Dr. Joke Frerichs

http://www.joke.frerichs.de

Freitag, 10-09-10 19:45

Ich stimme dem Artikel voll inhaltlich zu.

 

j.beck

Samstag, 11-09-10 16:16

Offensichtlich leidet Sloterdijk unter den Spätfolgen des "tantrischen Sackhüpfens" während seiner Zeit im Ashram. Man könnte es auch politisch unkorrekt ( und das ist ja jetzt allerorts en vogue) beschreiben mit "der hat wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank".
Ja, irgendwas scheint hier schief zu laufen. Dachte man doch, dass Gedankengut aus dem Nationalozalismus a la Sarrazin zu einem Aufschrei auch bei den "anständigen Deutschen" führen würde. Aber nein, weit gefehlt. Die Diskussion kommt dem Mainstream gerade Recht. Die Gefahr kommt ja nicht aus Istanbul sondern sitzt in Frankfurt in hohen Türmen und jagt virtuellen Geld um den Erdball. Nachdem unsere bürgerliche Regierung eine Klientel nach der anderen bedient und als Höhepunkt vor der Atomlobby kniet ist der Zorn auf Migranten zu richten. Denn das Sparpaket war selbst für bürgerliche Hardliner zu unausgewogen. Der permanente Hass von denen die Nichts haben gegen die, die gar nichts haben ist ja Teil der Strategie um hinter den Kulissen weiter jede Sauerei möglich zu machen. Mit dem 11 September und Sarrazin ist das Islambashing punktgenau eingetütet worden. Die Slooterdijks, Sarrazins, Clements, von Dohnanys, Broders und wie sie alle heißen haben die SPD gemeinsam mit den Steinmeiers und Schröders begraben.

 

Karolina

Dienstag, 14-09-10 00:05

Ja, man soll. Denn diese "treuherzigen Seelen' sind weder treu noch herzig. S. und S. Diese beiden sind Brunnenvergifter und wer weiss, wieviel von diesem Dreckwasser die SPD bisher getrunken hat ?

Aber es geht nicht allein um SPD Denke. Die anderen sind ja nicht besser. Gut zu wissen, von wem Westerwelle seine spätrömische Dekadenz hat.

Dachte ich doch, dass die da "unten "es nicht wert sind, sie zu unterstÜtzen, Arbeitsplätze zu schaffen etc. . Die da oben sind es wert, dass man ihnen gibt. Die gebende Hand gibt sich selbst. Darum die Steuerflucht, dieAbwanderung der Unternehmen in Billiglohnländer, darum die Billiglöhner hier und die Ausbeutung dort.

Also runter von der Bettkante und sich reuevoll erneuern.

Ein sehr guter Bericht. Habe viel gelernt. Dankeschön.
K.D.

 

Traumdeuter

Freitag, 12-11-10 01:56

Hätte er geschwiegen, wäre er Philosoph geblieben.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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