Olympische Vorspiele

Wie Funktionäre und Kuhhändler Garmisch bedrohen

Copyright: Axel Doering

Garmisch: Baggern für Olympisches Gold 2018
Foto: Axel Doering

Garmisch-Partenkirchen und Oberammergau, nicht München, das sich offiziell bewirbt, trügen die Last der Winterspiele 2018. Selten kollidierte eine Bewerbung so sehr mit Vernunft, Klimaprognosen und Ökologie.

„Ja durchaus ... dass wir 2018, wie versprochen, eine grüne Olympiade bekommen, ist drin“, sagt Axel Doering, Vorsitzender der Kreisgruppe Garmisch vom Bund Naturschutz. „Die Winter werden hier nämlich immer grüner; Garmisch liegt, bildlich gesprochen, 300 Meter tiefer als noch 1972, und Schnee kommt fast nur noch aus den Kanonen.“ Dass München seine Bewerbung für die  Winterspiele 2018 Garmisch-Partenkirchen und Oberammergau auf die Schultern wuchtet, findet der gelernte Forstmann in mehrfacher Hinsicht daneben. Vor allem aber mit Blick aufs große Ganze: Wintersport im Zeichen der Klimaerwärmung, und das ausgerechnet an einem Ort, der mit 1,6 Grad Temperaturanstieg in den letzten drei Jahrzehnten die gruselige Zwei-Grad-Marke fast schon erreicht hat. Jenen Grenzwert, jenseits dessen der Planet nach Expertenprognose die Menschheit nicht mehr ernähren kann.

Dabei schien es, als hätten zumindest die Stammgäste die Zeichen der kommenden Warmzeit längst erkannt: Nach Erhebungen des Tourismusexperten Jürg Stettler ist Garmisch-Partenkirchen primär ein Ort für den Sommerurlaub (fast zwei Drittel der Besucher kommen im Sommer). Nur knapp vierzig Prozent kommen im Winter und davon wiederum nur zehn Prozent mit Skiern. Satte sechzig Prozent bekundeten, sie kämen, um „Erholung von Stress“ zu finden. Sport rangiert abgeschlagen bei zehn Prozent – gleichauf mit „Flirt und Erotik“. Da Sommerbuchungen aber traditionell im Winter erwogen und vorbereitet werden, lässt sich leicht vorhersagen, was passiert, wenn die Alpenstadt mit den Olympischen Spielen in die „Champions League der Skiorte“ geliftet wird, wie es sich Bürgermeister Thomas Schmid erträumt: Der Schnee-Rummel, so die Expertenmeinung, wird das Sommer-Image pulverisieren.

Außerdem müssten die Garmisch-Partenkirchner für das geforderte "Media-Village" und das "Snow-Village" den letzten verbliebenen Grünstreifen opfern, der die Stadt im Süden von den Ausläufern des Wettersteinmassivs trennt. Kaum einer im Ort glaubt so recht daran, dass dieser Freiraum mit seinen sanft geschwungenen Blumenmatten Olympia überleben würde.

Von Kosten ist wenig die Rede

Offenes Geheimnis im Ort ist auch, dass einige Grundbesitzer die Spiele wohl nur dann unterstützen werden, wenn ihnen anschließend die Möglichkeit offen steht, ihre Flächen als Baugrund zu versilbern. Kuhhandel im Zeichen der Ringe droht. Spiele und Spielchen, bei denen Garmisch-Partenkirchen nur verlieren kann, wäre es doch anschließend eine Stadt fast ohne Grün. Summa summarum ein kaum zu beziffernder Kostenfaktor, zu Lasten künftiger Generationen.

Von Kosten ist übrigens in den bunten Bewerbungsbögen erstaunlich wenig die Rede. Dabei müssen Entwicklungskosten – das IOC ist da beinhart – von den Bewerbern aufgebracht werden. Wegen der Totalbeschneiung müssen neue Speicherteiche in den Fels gesprengt und betoniert werden. Für die Hochleistungs-Schneekanonen sind eigene Stromleitungen erforderlich. Posten, die in den offiziellen Kostenrechnungen nicht einmal vorkommen.

Im benachbarten Oberammergau, wo Langlauf und Biathlon stattfinden sollen, müsste man sich wohl auf drei Jahre Platzbesetzung einrichten: Vor-Olympiade, Olympiade, Paralympics. Was aber Kritiker dort noch mehr verstört: Das sogenannte Mini Bid Book (eine Art Planungs-Skizzenbuch, das Bewerberstädte beim IOC vorlegen müssen) gibt für Oberammergau 10,5 Hektar Flächenverbrauch an. In den Unterlagen des beauftragten (Vor-)Planungsbüros Alfred Speer und Partner beläuft er sich dagegen auf mehr als das Doppelte: 23,5 Hektar.

Für Axel Doering sind solche Ungereimtheiten Puzzlesteine eines Gesamtbildes: „Im Zeichen galoppierender Erwärmung die Winterspiele an einem Brennpunkt der Erderwärmung zu platzieren, das ist von so niederschmetternder Blindheit gegen die Zeichen der Zeit, dass es einem fast den Atem verschlägt.“


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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