Jenseits aller Erwartungen? Nein!

Fukushima sprengt schon jetzt die Vorstellungskraft aller

Von Kenji Higuchi

Copyright: Kenji Higuchi

"A Beautiful Day at Crystal Beach" (Foto: Kenji Higuchi)

Dieses Desaster musste kommen. Auch wenn in unseren Medien immer wieder die Vokabeln „unerwartet“ oder „unvorhersehbar“ heruntergebetet werden: Die Katastrophe musste kommen. Der unerschütterliche Glaube in unsere Fähigkeit, die Natur ausbeuten und beherrschen zu können, begann in der Ära des Erdöls und bestimmt heute das Atomzeitalter. Japans Energieindustrie stellt Profit über Menschlichkeit.

Jeder weiß, dass Erdbeben Tsunamis auslösen. Die Tokyo Electric Power Company (Tepco) hat versäumt, dieses Wissen beim Bau ihrer Reaktorkomplexe einzubringen. Jetzt müssen wir uns ständig anhören, das Unglück übersteige alle Erwartungen. In Zeiten wie diesen sollte man nicht so gedankenlos daherreden.

Verantwortungslose Statements sind inzwischen gang und gäbe. Die Atomgiganten wissen sehr wohl, dass sie am Ende sind, wenn sie die Reaktoren nicht in den Griff bekommen. Im Jahr 2001 hat ein Seebeben sieben Reaktoren der Tepco-Anlage Kashiwazaki-Kariwa in der Präfektur Nigata getrroffen. Die Kraftwerke fielen  21 Monate lang aus, acht Millionen Kilowattstunden Strom fehlten. Fehlten sie wirklich? Der Engpass blieb aus, der Strom reichte

Wenn wir jetzt  „planmäßige Stromabschaltungen“ erleben, dient das mitnichten dem Einsparen von Energie. Vielmehr nutzen  Wirtschaft und Politik solche Maßnahmen, um der Öffentlichkeit zu suggerieren, dass Atomkraft in Japan unverzichtbar sei. Man will uns weismachen, dass das Licht ausgeht, wenn wir uns vom Atomstrom lossagen. Ich kann unseren Fernsehanstalten und Printmedien nicht verzeihen, dass sie uns mit solchen Fehlinformationen füttern.

Zu Japan gehören die Opfer der Verstrahlung. Wir nennen sie  „Hibakusha“,  wörtlich übersetzt heißt das: Explosionsopfer. Ich dokumentiere als Fotograf seit 40 Jahren die Hibakusha der Atomindustrie. Wenn ich jetzt höre, dass Menschen nur 30 Kilometer von Fukushima entfernt wohnen bleiben, dann kann ich mit Sicherheit sagen, dass sie in einen Strahlensee treiben.  Ihr Siechtum wird bald beginnen.

Die Drecksarbeit in unseren Reaktoren wird an Unterfirmen ausgelagert. Gefahren-Outsourcing hat Methode in Japan: Immer gehen die riskanten Aufträge an Vertragsfirmen. Außerdem wurden Technik-Soldaten unserer Selbstverteidigunskräfte abkommandiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich diese bedauernswerten Männer mit Atomreaktoren auskennen.

Es ist eine Schande, dass unsere Medien nur Wissenschaftler zu Wort kommen lassen, die den Segen der Regierung haben. Was sie sagen, hat den Segen der Atomindustrie. Ich könnte jedes ihrer Argumente widerlegen, aber Bürger wie ich, die gegen Atomenergie Widerstand leisten, reden in den Wind. Ich bin es leid. Mir flößen die Nuklearschwärmer so viel Furcht ein wie das Erdbeben.

Sobald ich kann, werde ich in Fukushima die Zerstörung dokumentieren. Aber im Moment kann ich nicht, denn Eisenbahn-  und Straßenverkehr sind zusammengebrochen. Wir müssen aus der vorhersehbaren Katastrophe Lehren ziehen. Die Geschichte wird sie uns offenbaren. Je schneller wir lernen, desto besser.

Kenji Higuchi ist Fotograf und Held. Er folgte in den Achtzigern den Putztrupps, die in Japan in verstrahlten Arealen der Kernkraftwerke Drecksarbeit leisteten - ohne um die Gefahren zu wissen - mit der Kamera. Er dokumentierte das Leiden von Strahlenopfern - die es in Japan schon im "Normalbetrieb" gab. Er zog Anfeindungen und Spott auf sich ... und hielt durch. Bis heute. Vor zehn Jahren, 2001 wurde er mit dem Nuclear Free Future Award (NFFA) ausgezeichnet.

Der diesjährige NFFA wurde am Sonntag, 10. April, in der Berliner Urania verliehen. Die Preisträger sind die russischen Aktivistinnen Nadezhda Lvovna Kutepova und Natalia Manzurova, die beiden ZDF-Journalistinnen Barbara Dickmann und Angelica Fell, der Physiker Hans Grassmann sowie der österreichische Aktivist Heinz Stockinger und die australische Ärztin Helen Caldicott.

 

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Petra Haag

http://www.petra-haag.com

Montag, 11-04-11 10:41

Beängstigend, wachrüttelnd, die Wahrheit. Danke!

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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