ARD & Co.: Die vorhersehbare Talkshow

Warum die ARD ein Nachwuchsproblem hat

Von Wolfgang Michal

Aus diesem Holz sind deutsche Talkshows geschnitzt

 

Beim deutschen Fernsehen gibt es einen extrem kleinen Adress-Zettelkasten. Ehrlich! Diesen Zettelkasten leihen sich die 25 Talkshow-Redaktionen reihum und ziehen daraus ihre 6 aus 49 Kandidaten. Mehr als 49 Gästenamen passen leider nicht in das Kästchen.

Ausgetauscht werden die 49 Namen nur einmal im Jahrzehnt. 1980, 1990, 2000 und 2010 wurde der Austausch aber versehentlich vergessen. Deshalb dominieren Heiner Geißler und Heinz Olaf Henkel noch immer die Hitlisten der Talkshow-Gäste.

Hergestellt wurde der Zettelkasten nach Auskunft der Landesmedienanstalten vom Bastelkreis des Baden-Badener Seniorenstifts während des Ersten Weltkriegs. Die Karteikärtchen sind deshalb noch alle in Sütterlinschrift gehalten. Und diese Schrift können nur die alten Redakteure lesen. 

Junge, unbekannte Leute werden vom deutschen Fernsehen äußerst ungern in Talk-Shows eingeladen. Denn unbekannte junge Leute kennt ja niemand - sonst wären sie nicht so unbekannt. Unbekannte junge Leute, die keinerlei Talkshow-Erfahrung haben, sind außerdem nicht talkshow-erfahren...

Da die deutschen Fernsehanstalten (wie der ehemalige Regierungsbunker im Ahrtal) mit allem ausgestattet sind, was Menschen so brauchen, wenn sie ohne Kontakt zur Außenwelt überleben wollen, verlassen auch die Talent-Scouts des deutschen Fernsehens nur in Notfällen das Betriebsgelände, um in den Städten und Dörfern des Landes nach redegewandten Menschen Ausschau zu halten. Sorry, das war natürlich ein Scherz. Das deutsche Fernsehen hat gar keine Talent-Scouts. Wozu auch?

Würde man die 49 Talkshow-Gäste des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf einer Skala von -5 (ganz links) bis +5 (ganz rechts) einordnen, so würden sie (Ausnahme Lafontaine) maximal -1 bis +2 erreichen. Denn die deutschen Talkshow-Redaktionen möchten, dass die Menschen, die in aller Herrgottsfrühe aufstehen müssen, nach - und vor allem während! - der Sendung gut schlafen können.   

Alle deutschen Talkshows stammen von der gleichen Urmutter ab: vom Internationalen Frühschoppen mit vier Journalisten aus fünf Ländern. Geändert haben sich seit dieser Zeit vor allem die Länder. Manche gibt es gar nicht mehr. Deshalb wird es immer schwieriger, Gäste zu finden.   

Beim ARD-Presseclub z.B. mussten die Redakteure 30 Jahre lang nach einem linken Wirtschaftsjournalisten suchen, um wenigstens einen Hauch von Ausgewogenheit anbieten zu können. Da die Redakteure aber trotz des intensiven Studiums aller vier abonnierten Tageszeitungen (FAZ, Welt, Süddeutsche, Handelsblatt) nirgends im Lande fündig wurden, mussten sie 30 Jahre lang auf einen freischaffenden Pulloverträger aus dem Hörfunk und einen <s>linken</s> sozialdemokratischen Wirtschaftsprofessor aus Bremen zurückgreifen.

Bei den amerikanischen Journalisten war es noch schlimmer. Aus Mangel an Deutsch sprechenden Amerikanern mussten die Redakteure seit dem preußisch-deutschen Krieg von 1866 ohne Unterbrechung auf Don F. Jordan zurückgreifen, der es wie kein zweiter verstand (Kunststück, es gab ja keinen zweiten!), die Einschätzungen der US-Botschaft über deutsche Politik(er) ins deutsche Fernsehen zu bringen. Don F. Jordan ist noch immer aktiv. Bei welchen Zeitungen er geschrieben hat, entzieht sich dem deutschen Fernsehen allerdings bis heute.

Erwähnt werden soll zum Abschluss noch die äußerst kluge Sandra Maischberger mit ihrer sehenswerten Talkshow „3 nach 90“. Zwar haben ihre Lieblingsgäste Norbert Blüm, Hans-Jochen Vogel, Hans-Dietrich Genscher, Arnulf Baring, Kurt Biedenkopf und Gregor Gysi bei der ARD noch nicht das Bleiberecht als Talkshow-Einrichtungsgegenstand erkämpft, aber sie werden auch im nächsten Jahrhundert ganz sicher wieder dabei sein.

Bis dahin freuen wir uns auf spannende Diskussionen mit Peter Scholl-Latour (86), Richard von Weizsäcker (90), Helmut Schmidt (92) und Joopi Heesters (107). Geplantes Thema: Wo bleibt der Nachwuchs? Schaffen die gesellschaftlichen Institutionen einen Generationenwechsel?


 

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vonhaeften

http://www.vonhaeftens-blog.de

Donnerstag, 06-01-11 15:45

Eine Untersuchung mit erheblich mehr Datenmaterial über die deutschen Talkshow finden Sie auf den Seiten
http://www.vonhaeftens-blog.de/node/358
http://www.vonhaeftens-blog.de/files/FOREN/HartAberFair/gen_html_hartaberfair_startseite.html
htt[..]

 

Robert

http://trinkblog.de/

Samstag, 08-01-11 22:49

Wenn unsere Gesellschaft überaltert, warum sollten dann die Talkshows nicht auch mittun? Wahrscheinlich sind die Teilnehmer an den Talkrunden auch epräsentativ für die Leute, die noch immer "politische" Diskussionen via Fernsehen konsumieren.

 

Jan

Dienstag, 11-01-11 09:29

@Robert
Weswegen konsumiert denn das jüngere Publikum wohl keine Talkshows? Vielleicht weil dort nur steinalte Politiker sitzen, die genauso weltfremd daherreden wie sie auch Politik machen?

 

Willi Ann

Dienstag, 11-01-11 13:03

Die Jüngeren liegen abends doch alle schon im Bett (und lesen unter der Bettdecke ein Bu..., ach nee, klicken sich aufm Iphone durch youtube), zu Recht hat die ARD sie abgeschrieben.

 

Olaf

http://www.wort-schuetzen.de

Dienstag, 11-01-11 15:07

Och, was habt Ihr denn...?

Entweder belebt die Konkurrenz das Geschäft und unbekannte Junge werden bekannt gemacht. Oder die Quote schlägt erbarmungslos zurück und von den meisten Talkshows bleiben nur ein paar Erinnerungen.

Aber so viele Jahre wird das Verbrechen an der guten Kommunikation nicht anhalten, denn bei einigen der oft (aber nicht gern) gesehenen Gäste steht die biologische Lösung ja quasi schon vor der Tür.

Man muss eigentlich nur ein bisschen warten können... ;o)

 

Rozi

Mittwoch, 12-01-11 03:33

Existieren denn gar keine Diskussionssendungen mehr, die sich eher an Menschen in der jüngeren Lebenshälfte richten? Ich kann mich noch gut und auch gerne an die Sendung "Live aus dem Schlachthof/Live aus dem Alabama" - dort abgelöst vom immerhin und immer noch sehenswerten Donnerstagsmagazin "Quer!" - bayerischen Dritten erinnern. Dort wurde eben nicht nur von den immergleichen Masken immergleiche Standpunkte breitgetreten, sondern von sowohl sachlich, als auch kontrovers diskutiert. Auch im ZDF gab es doch mal etwas ähnliches, vielleicht auch woanders. Die verfügbaren Talkshows laufen schon lange unter dem Ausschluss meiner Persönlichkeit, aber trotz zwischenzeitlichen Überschreitens der wahrscheinlichen Lebensmitte würde ich etwas wie "Live aus dem Schlachthof" nach wie vor gern anschauen.

 

Jannis K.

http://netzfeuilleton.de

Mittwoch, 12-01-11 12:14

Wo ist denn hier der Flattr-Button angebracht, er wäre nämlich angebracht.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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