Dirty Harry

Das Schleswig-Holstein-
Musik-Festival leidet unter minderbegabten Streichern, die sitzen in der Politik

Rauchzeichen und ein Bild von einem Mann. Wir laden es allegorisch auf: Peter-Harry, den Untergang der schönen Künste betrachtend, die er selbst von Bord gestoßen hat (Zeichnung: Max Milan Marsalek)

Ach Peter-Harry, unser Mann in Schleswig-Holstein, dem Land zwischen den Meeren, berühmt für seine weiten Horizonte, für die herrlichen, großrahmigen Pferde, für das schwarzbunte Milchvieh mit widerstandsfähigem Fundament und das Schleswig-Holstein-Musik-Festival. Peter-Harry Carstensen hat das alles im Blick, der gelernte Landwirtschaftslehrer (mutmaßliches Fachgebiet Ausmisten) ist schließlich Ministerpräsident.

Erinnern wir uns: Gegründet wurde das Festival 1985 unter Zuhilfenahme des Weltklasse-Dirigenten Leonard Bernstein von dem Pianisten Justus Frantz und dem damaligen CDU-Ministerpräsidenten Uwe Barschel im Kieler Schloss, (das von vorn so hässlich ist, dass sich auf der Website keine Außenansicht findet). 1987 hat Lenny Bernstein dann auf Schloss Salzau die Orchesterakademie des SHMF gegründet. Sein Sohn Alexander besuchte kürzlich das Herrenhaus am Selenter See, war beeindruckt von der besonderen Atmosphäre aus Landluft und Konzentration.

Die ländliche Westside-Story wurde ein Riesenerfolg, ist mit Gastspielen internationaler Künstler und Konzerten in Scheunen, Schlössern und Ställen eines der größten Musikfestivals in Europa. Im vergangenen Jahr brachten es die rührigen Veranstalter auf 136 Konzerte, dazu fünf Musikfeste auf dem Lande und zwei Kindermusikfeste.

Nun ist das Festival wieder in vollem Gange. Der Pianist Martin Stadtfeld kam im braunen Cordanzug, spielte im Rinderstall von Haseldorf Bachs englische Suite Nr. 4, und an einer besonders schönen Stelle im pianissimo hat ein Rindvieh im Publikum gehustet. Dafür hat aber kein Handy geklingelt.

Die Münchner Philharmoniker kamen mit dem 22jährigen Geiger Ray Chen nach Hamburg, das im Sommer zu Schleswig-Holstein gehört. (Ray who? Mal reinhören bei Youtube wie der junge Mann vor zwei Jahren im Reine Elisabeth Wettbewerb in Brüssel das Blaue vom Himmel herunter spielte). Außerdem gibt es kaum einen Menschen, dem ich so gerne bei der Arbeit zusehe, wie dem schwedischen Dirigenten Herbert Blomstedt, der gerade 84 Jahre alt wurde.

Die King’s Singers waren auch da, das einzige Ensemble zu dem ich auch pilgern würde, wenn sie nicht in Norderstedt auftreten würden. Sollte ich eine Rating-Agentur gründen, um bedeutende Kunstereignisse zu würdigen, käme die weltbeste A-cappella-Formation ganz nach oben. AAA+.

Das Festival kann süchtig machen, wenn man die richtigen Konzerte bucht. Die kulturelle Landnahme auf internationalem Niveau verdient allen Respekt, wäre da nicht Peter-Harry.

Bei seinem ersten Auftritt im Kieler Schloss verglich er sich mit Johannes Brahms. Dessen Vater kam aus Schleswig-Holstein, die Mutter aus Hamburg. Bei ihm, Peter Harry, sei es genau umgekehrt, erzählte er, der Vater kam aus Hamburg, die Mutter aus Schleswig-Holstein. So was will man wissen, immerhin spricht der Landesvater. Als der dann noch lobend all die großen Kommunisten erwähnte, deren Werke diesmal zu hören seien, hatte er die Lacher auf seiner Seite. Peter-Harrys Versprecher sind inzwischen eine schöne Tradition. Auf einem Festakt in Berlin stellte er den Intendanten des Schleswig-Holstein Musikfestivals vor. Allerdings heißt der nicht Kurt sondern Rolf Beck.

Doch mit Kultur hat Peter-Harry nichts an der Backe. Obwohl Schleswig-Holstein nur einen Micky-Maus-Etat von gerade mal 0,6 Prozent des Landeshaushaltes in Kultur investiert, macht sich die Landesregierung stikkum vom Acker. Bisher trug das Land 20 Prozent des Etats von rund sieben Millionen Euro. 80 Prozent brachten Einnahmen, Spenden und Eigenkapital. Nun werden die Zuschüsse zum Schleswig-Holstein Musikfestival innerhalb von drei Jahren schrittweise auf Null gebracht. Was aber den Landesvater nicht daran hinderte, dem Papst anlässlich einer Privataudienz einen Bildband über das Schleswig-Holstein Musik Festival zu überreichen. Die schönsten Bilder zeigen das Herrenhaus Salzau, bisher Besitz der Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein. Das musikpädagogische Herzstück des Festivals, eingebettet in einen herrlich beschwingten Landstrich zwischen Ostsee und Holsteinischer Schweiz, diente als Sommercamp für junge Musiker aus aller Welt. Nun soll es verkauft werden.

Letzte Frage: Was wird aus Peter-Harry? Bei der Landtagswahl 2012 will er nicht mehr als Ministerpräsident antreten. Wir werden seiner gedenken. Er zählt zu den Landespolitikern, die Spuren hinterlassen, und sei es eine Kulturbrache.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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