„Jetzt mussten wir selbst ran“

Nach der Machtergreifung der Medien erläutern Pressegeneräle ihr Programm

Von Tom Schimmeck

The pen is mightier than the sword

Berlin, 3.7.2010 Zwei Wochen nach dem spektakulären „Presseputsch“ mühen sich Deutschlands neue Machthaber um eine Beruhigung der Lage. Kai Diekmann (vormals Bild), am vergangenen Mittwoch nach einer stürmischen Nachtsitzung im ehemaligen Kanzleramt zum neuen Vorsitzenden des „Rates der Pressegeneräle“ gewählt, sprach von einer „notwendigen Konsolidierung“. Stolz präsentierte er ein persönliches Glückwunschtelegramm von Papst Benedikt.

„Die Machtübernahme durch die Leitmedien“, erläuterte Diekmanns Vorgänger Dirk Kurbjuweit (Ex-Spiegel) vor ausgewählten Schreibsoldaten im Café Einstein Unter den Linden, habe man „eben hier“ bei einem zufälligen Treffen führender Alpha-Journalisten „spontan beschlossen“. Allen Anwesenden sei ein Putsch plötzlich „als einzig logische Folge“ ihrer Kommentare und insbesondere des „Spiegel“-Titels vom 14. Juni („Aufhören!“) erschienen. „Wir hatten Rot-grün, Schwarz-rot und Schwarz-gelb heruntergeschrieben. Jetzt mussten wir selbst ran.“ Die „Trümmerfrau Angela Merkel“ habe ihn angesichts der „Scherben ihrer Kanzlerschaft“ persönlich um Ablösung gebeten. Seine Entscheidung, bereits nach wenigen Tagen ins zweite Glied zurückzutreten, erklärte Kurbjuweit mit „notorischer Nachdenklichkeit“: „Ich bin zu sensibel für die Führung einer Junta.“

Wirtschaftsgeneral Gabor Steingart (Ex-Handelsblatt) legte unterdessen in einem Tagesbefehl an die Vorstände der wichtigsten DAX-Unternehmen Grundzüge der neuen Politik dar: Man werde „Deutschlands Abstieg zügig stoppen“ und den „Weltkrieg um Wohlstand proaktiv vorbereiten“. Vor allem das Verhältnis zu China müsse neu bewertet werden. Im Inland gelte es zunächst, „den sozialen Missbrauch und eine vieles erdrückende – fast schon sozialistische – Bürokratie“ einzudämmen. Bis zum Jahresende, versprach Steingart, würde der „Faktor Arbeit“ durch Lohnkürzungen und die „Verschlankung der Sozialsysteme“ um „mindestens 30 Prozent verbilligt“.

Das von den Medienmächtigen angekündigte „Ende der Gleichheit“, beteuerte Finanzgeneral Rainer Hank (vormals Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung), müsse „niemandem Angst machen“. Nach einer kurzen Phase der Anpassung werde die „weitgehende Deregulierung der Arbeits-, Güter- und Kapitalmärkte und eine ebenso weitgehende Privatisierung des öffentlichen Sektors“ automatisch zu mehr Wohlstand für alle führen: „Die Märkte werden es richten!“ Bald, ergänzte der neue Chefgeneral Diekmann, werde die Nation auch vom Anschluss Griechenlands als 17. deutschem Bundesland profitieren, den er in den EU-Gremien zügig vorantreibe. Größere Küstenabschnitte Spaniens, die „ohnehin in deutscher Hand“ seien, könnten bei den in Südeuropa grassierenden Zahlungsproblemen „ebenfalls angegliedert werden“. Diekmann selbst soll bereits eine griechische Insel als Sommerresidenz requiriert haben. Schon Axel Springer, erläuterte ein Presseoffizier aus seinem Stab, habe "dort tiefe Inspiration gefunden“.  

Verteidigungsgeneral Josef Joffe (ehemals Die Zeit) bedankte sich bei den Streitkräften für ihre schnelle Einsicht in die neue Macht der Vierten Gewalt. In einem mehrfach von starkem Beifall unterbrochenen Vortrag vor dem Verein Atlantikbrücke benannte er den Kampf gegen „politisch korrekten Quatsch“ als weiteres Kernanliegen der Medienjunta. „Wir bereiten dem Klimageschwätz ein Ende“, so Joffe. Ab sofort werde man sich auf „brutale Marktreformen“ sowie die "Zerschlagung des Islamofaschismus“ konzentrieren. Der kommissarische Regierungssprecher Matthias Matussek wandte sich derweil energisch gegen „das Gerede vom Presseputsch“. Die weitgehend unblutige Machtübernahme durch die Leitmedien stelle einen „Akt nationaler Notwehr“ dar. Ab heute, drohte Matussek, werde man „feministischen Sirenen und tränenschlierigen Bedenkenträgern“ offensiv gegenübertreten, ihnen „auch mal den Arsch aufreißen“. Die militärische Abriegelung der nicht an der Machtübernahme beteiligten Pressehäuser werde aufrechterhalten, „bis das Vaterland gefestigt ist“. Die Sperrung des Internets hingegen könne bereits in der kommenden Woche gelockert werden, so Matussek – „schon damit ich wieder bloggen kann.“

Bereits am Montag hatten nach den Privatsendern auch die Spitzen von ARD und ZDF ihre „unbedingte Kooperationsbereitschaft“ mit den Pressegenerälen bekräftigt. Gerüchte, der scheidende SZ-Chefredakteur Hans-Werner Kilz sei unter Hausarrest gestellt worden, wurden nicht offiziell bestätigt. „Der gute Kilz“, hieß es allerdings im Umfeld des für Kultur und Forschung zuständigen Befehlshabers Frank Schirmmacher (Ex-FAZ), sei „ein Methusalem“, habe schon 2004 beim Kampf von Bild, Spiegel und FAZ gegen die Rechtschreibreform gezaudert. Schirrmacher kündigte an, die für den kommenden Sonntag angesetzte Inthronisierung des neuen Bundespräsidenten Günter Jauch werde der Leitmedien-Regierung „ein Glanzlicht aufsetzen“ und „eine neue Epoche einläuten“. Kritik an der Verzehnfachung des Präsidentengehalts bezeichnete er als „kleinliche Neiddebatte“, einer neu erwachten Nation müsse ein Jauch „allemal einen kleinen zweistelligen Millionenbetrag wert sein“. Die Medienjunta werde die Politik, so Schirrmacher, „zunächst einmal von allem Ideologischen, ja sogar von allem Zivilisatorischen befreien“.


 

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VonFernSeher

http://vonfernseher.de

Samstag, 19-06-10 03:50

Ich habe (hier, wo ich bin) keine gedruckten deutschen Zeitungen, deshalb muss ich fragen: Sind die beigefügten Zitate auch alle so in Artikeln des jeweiligen abgedruckt worden? Dann wäre dies ein echtes Meisterstück.

Aber auch so ist es ein sehr guter Beitrag!

 

ebertus

http://www.notina.net

Montag, 21-06-10 09:36

Apropos SZ: Auch für Marc Beise, dem Chef der Wirtschaftsredaktion sollte sich noch ein Plätzchen im Dunstkreis der Medienjunta finden. Beise hat sich das redlich verdient, setzt er doch Chomsky's Propagandamodell bei jedem Text, in jedem Videobeitrag absolut zielführend um.

 

VonFernSeher

http://vonfernseher.de

Dienstag, 22-06-10 09:48

Ich weiß ja nicht, wie's 'rüberkam, aber meine Frage war durchaus ernst gemeint und über eine Antwort würde ich mich freuen.

 

Beantworter

Donnerstag, 24-06-10 14:00

Welche Frage war ernst gemeint?
Sie möchten wissen, ob Joffe wirklich gegen den "Islamofaschismus" kämpfen möchte und ausgerechnet(!) Schirrmacher, den ich als einzigen von der "Junta" schätze, die Politik vom "Zivilisatorischen" befreit haben will?
In meinem Land bekomme ich auch keine gedruckten deutschen Presseerzeugnisse, aber die Zeitungen kann ich im Internet genauso lesen wie Sie!

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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