Morbus Hegemann

"Axolotl Roadkill" als Symptom

Von Martin Rasper

Man muss gar nicht viel darüber wissen, wie der Literaturbetrieb im einzelnen funktioniert oder wie in Verlagen die Entscheidungen fallen, welches Buch gemacht wird und welches nicht (das wissen Verleger und Lektoren manchmal selbst nicht); man muss sich auch nicht lange damit aufhalten, aus welchen Blogs und Schülerzeitungen die jugendliche Autorin Helene Hegemann ihr Material im Einzelnen zusammengekratzt hat (weil es am Thema vorbeiführt); nein, man muss nur kürzeste Zeit in diesem Buch lesen, in dieser Mischung aus billigstem Porno und gestelzter Beamtenprosa, aus provokant sein wollendem Selbstekel und altkluger Pseudo-Reflexion, um zu begreifen, dass es hier um etwas ganz anderes geht.

„Axolotl Roadkill“ ist kein Buch, sondern ein Symptom. Es zeigt, wie Leute ein Werk veröffentlichen, vermarkten, hochschreiben können, nur weil es über eine einzige definierte Qualität verfügt: weil es gerade noch einen Tick dreister ist als alles, was es bisher gab. Es ist krasser als die „Feuchtgebiete“ und viel krasser als Leberts „Crazy“ (erinnert sich da noch einer dran?). So einfach ist das.

Symptomatisch für diese schräge Haltung ist Maxim Biller, der das Werk in der FAS ungelogen als „große Kunst“ anpreist und die Deutung vorgegeben hat, hier gehe es aber um sowas von echtem Leben. Wie Biller sich da ranwanzt, als wäre er bereits jetzt ein seniler Macho wie Bernd Eichinger und die jugendliche Autorin sein Bushido, das ist schon lustig.

Dabei ist das, was er schreibt, sogar wahr – aber in anderem Sinn, als er denkt. Dass nämlich der durchschnittliche Berliner Jugendliche sich derart besinnungslos durch seinen Alltag schleppt und kotzt und vögelt, das glaubt Biller nicht mal in seinen feuchtesten Träumen, das schreibt er nur so in die Zeitung. Aber in einer anderen Hinsicht ist dieses Buch offenbar tatsächlich eine Stimme seiner Generation: Es ist Ausdruck einer erschreckenden Auflösung von Maßstäben und Begriffen. Offenbar gehört inzwischen auch der Beruf des Schriftstellers zu jener diffusen Befindlichkeit, in der der Berufswunsch entsteht, man wolle „irgendwas mit Medien“ machen; beim Schreiben scheint das zudem noch mit geringerem technischen Aufwand zu gehen, denn Sprache hat man ja schon, sie ist viel einfacher zu bedienen als eine komplizierte Fotoblitzanlage oder eine digitale Schnittsoftware.

Das ist einerseits relativ erschreckend, könnte einem aber auch wurscht sein, wenn es um verwirrte Jugendliche ginge. Dass die Pubertät eine schwierige Zeit ist, ist inzwischen wissenschaftlich erklärbar; die Mehrzahl der Synapsen wird neu verschaltet, das gesamte Gehirn umorganisiert, das Leben muss neu gelebt werden. Aber wir sprechen hier von Erwachsenen! Und dass ein großer Teil des Kulturbetriebs da mitmacht; dass da Lektoren, Verleger, Rezensenten, Buchhändler, Talkshowredakteure, Podiumsveranstalter sich beteiligen, dass ihnen der Geifer fließt; dass schließlich die offenbar vollends besinnungslose Jury des Preises der Leipziger Buchmesse das Ding nominiert; und dass es (u.a. natürlich als Folge alles dessen) eine erhebliche Zahl von Leuten gibt (Platz 5 der Spiegel-Liste!), die ein Buch einfach nur deswegen kaufen, weil es ein Skandal ist (Lesen kann man es ja eh nicht) – das ist schon ziemlich bescheuert.

Man wird nicht falsch liegen, wenn man als Diagnose „Morbus Hegemann“ stellt, wobei die Benennung sich hier nicht nach der jungen Autorin richtet, sondern nach ihrem Vater, dem Dramaturgen Carl Hegemann, dem das früh halbverwaiste Mädchen sich in ihrer existentiellen Not hier offenbar völlig ausgeliefert hat, indem sie das macht, was der Papa beruflich auch macht, nur eben noch viel doller und perfekter, wie Kinder das eben tun, wenn sie wollen, dass Papa sie lieb hat.

Die junge Frau hat ihren Berufsweg begonnen, sie macht jetzt „was mit Medien“. Ein bisschen erschreckt stelle ich fest, dass mir noch nicht einmal die in solchen Fälle übliche Floskel in den Sinn kommt, ihr „für den weiteren Lebensweg alles Gute“ zu wünschen. Da sollen sich die anderen drum kümmern, die sie in diese Lage gebracht haben.

 

 

 



Kommentar



Anzeige: 1 - 3 von 3.
 

Eva Morgenstern

Sonntag, 14-02-10 14:38

Glückwunsch, Herr Rasper, das ist das, was es zu dem Thema zu sagen gibt!

 

Birgit Ohlsen

http://www.friededenhuetten.de

Sonntag, 14-02-10 18:36

Blendend formuliert, Sie sprechen mir aus dem Herzen!

 

Jörg Linz

Dienstag, 16-02-10 23:09

Zum ersten Mal lese ich in diesem Zusammenhang Lebert / Crazy, auch so ein Hype, der von Verwandten gepusht wurde, nichts sagend und prmitiv formuliert.

 
 

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