Paul, Puyol und die Paella

Wir fordern: Tod durch Oktopussalat!

Von Michael Schophaus

In der Küche kann ich ganz gut sauber machen, mein Kochen ist dagegen eher übersichtlich. Um nicht zu sagen: langweilig. Oft mache ich Nudeln mit Gemüse, manchmal auch Gemüse mit Nudeln. Aber bei Paul würde ich mir sehr große Mühe geben; ich könnte ihn vielleicht mit Weinsoße, schwarzen Linsen oder Koriander zubereiten. Ach was, am liebsten würde ich gleich Oktopussalat aus ihm machen. Dazu müsste ich vorher das Messer schärfen und ihn genüsslich in Streifen schneiden. Schön langsam, um ihn leiden zu sehen. Bei jedem Schnitt in seine acht Arme würde ich ihm kaltblütig in die Glubschaugen sehen und bei meinem vorsätzlichen Mord „Villa!“  rufen und „Casillas!“ und vor allem „Puyol!“. Aus Rache für das Eins zu Null gegen Spanien. Mit weißen Bohnen und Tortilla schmeckt Paul bestimmt am besten.

Dieser schleimige Typ hat ja jetzt sogar eine eigene Seite bei Wikipedia. Darauf ist man sich allerdings nicht einig, ob er vor Elba im Mittelmeer oder vor Weymouth im Atlantik in die Fänge geriet; außerdem streitet man sehr wichtig darüber, ob er erst sechs Monate alt ist oder doch mit zweieinhalb Jahren hoffentlich kurz vor dem Ende seines erbärmlichen Krakendaseins steht. Sie kennen sicher den Grund meines grenzenlosen Hasses. Dieser Octopus vulgaris kroch schließlich in Oberhausen vor jedem Spiel der Deutschen über zwei Futterbehälter und holte sich immer dort die Miesmuscheln heraus, wo der spätere Sieger geflaggt war. Bis letzte Woche hat das wunderbar geklappt, aber dann falsche Kiste und aus! Sicher waren die Muscheln bei uns so mies, dass Paul sie nicht tentakeln wollte.

Nach der Klatsche war dieser Haufen Fischabfall für mich nur noch vulgärer. Eine glitschige Ansammlung von Zellen, eine unwürdige Missgeburt, ein nasser alter Sack. Begeistert schloss ich mich dem Aufruf  „Tötet Paul!“ im Internet an, der ihm ein vorzüglich grausames Ableben wünschte. Man will ihn in einer fettverschmierten Imbissbude im Ruhrpott in Mayo und Ketchup ertränken und in ranzigem Pommesöl frittieren. Ich finde, das ist eine gelungene Alternative zum Tod durch Oktopussalat; doch wenn schon, bitte alles bei lebendigem Paul, er hat es nicht anders verdient. Pulpo fiction, España! Nur noch lächerlich, dass ihm die Spanier aus Sorge vor einem Anschlag Leibwächter schicken wollten und die Gemeinde Carballiño 30 000 Euro Ablösesumme gesammelt hat, weil er als Attraktion des lokalen Tintenfischfestivals präsentiert werden sollte.

Es stinkt nach Fisch. Okay. Aber es stinkt leider auch nach schlechtem Fußball in Südafrika. Selten hat man bei einer WM ein solch trauriges Gekicke gesehen, da brauchst du weder deinen Blick wegen Früherwarallesbesser verklären noch die ständige Gesichtslähmung von Herrn Wulff belächeln, der wo grinsend auf der Tribüne saß beim Spiel gegen Uruguay; er will Jogis Buben jetzt unbedingt das Silberne Lorbeerblatt um ihre Heldenhäupter flechten, weil die lieber in Urlaub fahren als sich in Berlin mit einem großen Empfang den hartnäckigen Sympathie-Attacken des neuen Bundespräsidenten zu stellen. Ich las neulich, dass der Lieblingsfilm von Herrn Wulff „Keinohrhasen“ heisst. Muss man noch mehr dazu sagen?

Gerade kommt mein Chef zu mir rein und fordert mich auf, endlich mal auch was Nettes zu schreiben. Lieber Uly, mache ich sofort, nur noch das, verdammt noch mal: Brasilien, Portugal, Italien, England, Frankreich. Was haben wir uns da für sportliche Leckerbissen versprochen, die deutlich besser delektieren als ein Krake mit Ketchup. Wir müssen das jetzt nicht alles noch mal durchkauen, die Italiener wirkten platt wie eine Pizza, die Franzosen ersoffen im Selbstmitleid und bei Portugal habe ich immer das Gefühl, sie ersticken in ihrer Traurigkeit, weil sie nach Niederlagen aussehen, als habe man ihnen den Ball zum Spielen geklaut. Noch trauriger sahen nur die Nordkoreaner aus, sie weinten Rotz und Wasser, sicher auch aus Angst vor Volkes Zorn. Ich hoffe, sie haben einen Fernseher im Arbeitslager, damit sie wenigstens das Endspiel gucken konnten.

Gleich, Chef, gleich. Aber vorher noch, Spanien, soviel Zeit muss sein. Ist das die Zukunft des Fußballs? Eine Mannschaft, die spielt wie der Volkswagen fährt: Zuverlässig, unaufgeregt, langweilig. Wie eine gut geölte Maschine, eins, zwei, drei, wer hat den Ball? Ich war froh, dass ich gestern nicht auf dem Sofa lag, sonst wäre ich bei diesem rüpelhaften Grottenkick gegen Holland bestimmt eingeschlafen. War ich froh? Jedenfalls ist Spanien jetzt die Nation, die vor Stolz platzt, übrigens, da fällt mir gerade ein: Paul ist sicher auch in einer Paella total lecker.

So, jetzt also nett. Ich freue mich über die vielen dichten Bilder. Bilder, die bleiben. Müller. Wembleytor. Diego. Netzer. Friedrich. Klose. Reichsparteitag. Innerer. England. Vier. Eins. Argeninien. Vier. Null. Tröten. Tränen. Tintenfisch. Ich freue mich auch über den neuen deutschen Fußball, jung, mutig, frisch, und über den Dirigenten an der Düsseldorfer Oper. Er musste dirigieren, der arme Kerl, während die Sänger immer mal raus konnten beim Spiel gegen Spanien, um in der Kantine das Ergebnis zu aktualisieren. Für die Rückkehr auf die Bühne hatten sie vereinbart: Faust, Tor, Deutschland. Offene Hand, Tor, na ja, Sie wissen schon für wen. Keine Ahnung, wie viele falsche Töne es gab, als den Meister eben nicht die Faust traf. Andere Frage: Wer will schon an einem solchen Tag  Puccini hören?

Noch ein paar Eindrücke bleiben, für immer. Die Frage bei SAT1 nach dem Namen des Bundestrainers, heisst er a) Joachim Löw oder b) Bernd Tiger? Dann das weibliche Kreischen in meiner Kneipe, wonach du dich erst recht wieder auf die zweite Liga freust. „Der Lahm ist jaaaa soooo süüüüs!“ lautete der enthusiastisch vorgetragene, fachliche Einwand. Oder eine Islamistin mit schwarzrotgoldenem Tuch um den Kopf, die bei der deutschen Hymne ihre Hand aufs Herz legte; und ein, na ja, Fan der deutschen Nationalmannschaft, dem nach einer Schlägerei das Blut von seinem kahlen und vermutlich hohlen Schädel in die Augen lief und in die Kamera brüllte, dass er seinen Tod in Kauf nähme, Hauptsache Weltmeister! Ich finde, das ist echter Einsatz, doch wo wir gerade beim Sterben sind: Hat jemand noch mal den Namen Robert Enke gehört?

 

 

 

 

 

 


 

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Uly_F

http://altevaeter.wordpress.com

Montag, 12-07-10 18:28

Siehste, Michael, geht doch. Wirklich nett. Über Pulpo-Rezepte sollten wir uns allerdings nochmal unterhalten.

 

Nik

http://www.gastrosophie.eu

Dienstag, 13-07-10 11:06

Sehr, sehr schöner Text. Einige Krakeelige Anmerkungen dazu:
Man muss, will man Pulpo genießen, den Kraken natürlich weichklopfen, d.h. in guter Galizischer Manier das lebende Tier an den Tentakeln fassen und mit voller Wucht ca. 20-30 mal auf einen Stein (wahlweise eine paul-fütterungskiste) schmettern. Danach die Haut abziehen und dabei die Eingeweide entfernen. Anschließend die schönen Arme in mundgerechte Stücke schneiden und - keine angst - danach merkt der Krake nichts mehr - nach Geschmack einlegen, grillen, braten, frittieren.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



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