Schwarzrotgoldener Schwellkörper

Michael Schumacher ist ein Typ zum Abwinken

Manchmal bin ich mit meinen Jungs in Kerpen. Den Ort muss man sich nicht wirklich merken. Er liegt im Erftkreis in der Nähe von Köln, bevor du im Auto runtergeschaltet hast, bist du auch schon durch. Kerpen ist nicht der Arsch der Welt, aber man kann ihn von da aus verdammt gut sehen. Ludwig van Beethoven wohnte dort, sehr kurz, aber lang genug, dass es der Bürgermeister ständig erwähnt; ich könnte mir sogar vorstellen, der große Meister ertaubte erst richtig, als er die Kerpener reden hörte. Adolph Kolping wurde in Kerpen geboren und der Schlagersänger Graham Bonney bereitet sich von hier aus auf seine Konzerte in den Baumärkten vor. Vor allem aber gibt es in Kerpen den Seifenkistenverein „Flinke Flitzer“ und eine Kartbahn. Nicht irgendeine Kartbahn, sondern die Kartbahn, auf der Michael Schumacher als Kind lernte, im Kreis zu fahren und ganz viel brumbrum zu machen. Auf der er zum besten Autofahrer aller Zeiten wurde.

Wenn ich dort ein paar Runden drehe, hängen meine Jungs mich regelmäßig ab, so als kurvte ich im Bobbycar hinter ihnen her. Dann gucken sie mitleidig und ihre Blicke scheinen zu fragen: Wo hast du denn deinen Führerschein gemacht? Aber für mich haben Karts überhaupt nichts mit Autos zu tun. Weil du dabei mit dem Hintern auf der Straße sitzt, dich die Kolben bis ins Rückenmark penetrieren und dir heißes Öl aufs Beinkleid spritzt. Einmal stand Kollege Schumacher direkt an der Strecke. Einfach so. War zuhause, beim Papa, dem die Bahn gehört. Stand da und grinste, was er noch besser als rasen kann. Mein Jüngster dachte wohl, er sähe den Hetzengel Michael persönlich. Dann war vor lauter Glotzen plötzlich nur noch Kurve. Bloß gut, dass diese Dinger starke Bremsen haben.

Wir wohnen nicht weit weg von Kerpen. In Langenfeld am Rhein, wenn der Wind schlecht steht, kann man von uns aus Bayer Leverkusen riechen. Unseren Ort muss man sich schon eher merken. Langenfeld liegt eine Stunde vom Nürburgring entfernt und ist seit einem Jahr schuldenfrei, was uns bis Wuppertal berühmt machte. Das Geld wurde zwar gleich in einen riesigen Brunnen auf dem Marktplatz investiert, der völlig sinnlos ist, weil er alle nass macht und beamtete Handlanger  damit beschäftigt, unsere Steuern in die Reinigung der verstopften Düsen zu stecken.

Aber ansonsten ist Langenfeld eine hübschekleinespießige Stadt mit einer Fußgängerzone, in der sich knapp eine Milliarde selbstgerechter Rentner in den Cafes auf ein weiches Käsebrötchen zusammenrotten, während unser hoffnungsloser Nachwuchs aus Langeweile kifft und in abbruchreifen Spelunken chillt, weil es trotz städtischen Reichtums kein brauchbares Jugendhaus gibt. Was in Stupidedia über sie steht, weise ich jedoch empört zurück: „Junge Leute treffen sich am liebsten am Kiosk der S-Bahn“,  kann man dort lesen, „nicht, weil er so toll ist, sondern weil man hofft, von hier aus schnell weg zu kommen. Leider wird die Linie von der Bundesbahn betrieben, so kommt man selten weg. Wer es dennoch schafft, wird nie wieder gesehen.“

Alles Schikane. Denn Langenfeld hat viel mehr zu bieten. Bei uns wohnt zum Beispiel Menderes Bagci, der wegen unheilbarem Schwachsinn in allen sieben Staffeln an Dieter Bohlen beim Suchen eines deutschen Superstars scheiterte. Doch was noch wichtiger ist: Vermutlich haben wir die meisten Fans von Michael Schumacher. Überall laufen sie herum. Früher in Rot wie Ferrari, jetzt in Silber wie Mercedes. Sie hängen grölend ihre schwarzrotgoldenen Fahnen raus, setzten sich lustige Kappen auf, stellen das Bier auf ihren Wänsten ab, gehen vorm Gasgebengucken zu FrittenFranz oder auf eine Pizza bei Tutti Frutti vorbei; und wenn sie lallend lieb Vaterlandes Hymne singen, stehen sie stramm vor Einigkeit und recht viel Freizeit und ihre Augen wässern vor Glück. Jetzt erst recht. Nach so langer Zeit der Enthaltsamkeit. Freie Fahrt für freie Bürger! Schumi ist wieder da!

Ich bin nie dabei, hab ihn auch nicht vermisst. Den Kerl muss man ja auch nicht mögen, auch wenn seine Karre am Sonntagmittag bei uns aus jeder Kneipe röhrt. Für mich redet er viel zu viel Blech, er ist glatt wie die Politur eines Autos und wirkt deutscher als der deutsche Volkswagen. Er kennt nur die linke Spur im Leben und wird sich irgendwann vermutlich selbst überholen. Er ist der Saubermann in einem Sport, der Dreck verspritzt und bisweilen auch Blut. Er sagt Sachen wie „Meine Frau kocht sehr gut. Eine Emanze könnt ich mir an meiner Seite nicht vorstellen.“ Wissen Sie, unter uns. Für mich ist er ein Typ zum Abwinken. Einer, der sicher blonde Frauen mit Fußkettchen mag.

Ein Spießer bleibt ein Spießer bleibt ein Spießer. Es reicht nicht, mit Saus und Braus in Monaco zu wohnen oder ein Haus in der Schweiz zu besitzen, mit Blick auf den See. Kleiner Mann? Dickes Auto! Ich glaube fest an diese tradierte Schwellkörpertheorie. Herr Schumacher braucht so einen Phallus aus gehärtetem Kunststoff und die zarteste Versuchung, seit es Geschwindigkeiten gibt. Er ist ein großer Sportler, siebenmal Weltmeister, aber ihn als groß oder gar fair zu bezeichnen, ist genauso wenig glaubhaft, als würde man Lance Armstrong Stützräder ans Fahrrad bauen. Michael Schumacher hat Jacques Vielleneuve von der Piste gedrängt, damit der bloß nicht gewinnt. Schumi schummelte häufig bei der Technik, schob ein Familienmitglied von der Strecke. Und dann das, wofür man ihm heute noch am liebsten sein Grinsen für immer hinter die Ohren binden würde: Als sich am 1. Mai 1994 das junge Dasein von Ayrton Senna in Imola an den Folgen einer zu engen Kurve erledigte, goss sich der heilige Michael bei seiner anschließenden Siegesfeier trotzdem zufrieden Schaumwein übers Haupt. Da hätte ich ihm gern in den Pokal gekotzt.

Was das alles mit Langenfeld zu tun hat? Aber hallo, sag ich Ihnen. Michael Schumacher hat seine Lehre zum Kfz-Mechaniker in unserer Stadt gemacht, hier sprang der Funke über, in seinen Adern floss seitdem endgültig Benzin. Aber viele behaupten, er durfte als Stift nur die Werkstatt fegen, weil er nicht mal eine Zündkerze unfallfrei herausschrauben konnte; und Cora, das schrille Boxenluder seines Bruders Ralf wurde bei uns als Tochter eines Tankstellenpächters an der Düsseldorfer Straße geboren. Sie sehen, wir sind in Sachen Rennsport ziemlich kompetent. Ich bin auch sicher, Schumacher lernte in Langenfeld, wie schnell man vermögend werden kann. Es gibt Menschen bei uns, die dadurch reich werden, indem sie für Baustellen tiefe Löcher graben und sich stolz Erdbeweger nennen. Oder als Bauern Land verkaufen. Oder Baggerseen für Wasserski hergeben. So ein Journalist wie ich zählt da nichts in den Reihenhaussiedlungen, wo samstags das Auto geputzt und abends zwischen den Rabatten die Schweinelendchen auf den Grill gelegt werden. Ich habe mich längst damit abgefunden. Doch für Schumi waren wir der richtige Nährboden. Alles RTL-Gucker. Aber wie.

Womit wir beim Thema sind. Endlich! Denn von wegen, er klappt den Helm zu auf der Suche nach der Wahrheit. Ein Mann, der nur lebt, wenn er kämpft. Von wegen, er soll mit seiner Rückkehr die Krise bei Daimler abschütteln. Als er sich letzte Woche in einem Autohaus von Mercedes in Manama vorstellte, prangte das Schild Gebrauchtwagen über der Tür. So sieht`s aus. Es geht einzig und allein um Quote. Oft auch mal um Tote. Am Sonntag kam Michael Schumacher in Bahrain auf den sechsten Platz. Elf Millionen Zuschauer waren dabei. 51,4 Prozent Marktanteil! Sechs Millionen mehr als im letzten Jahr. Kerpen ist überall. Langenfeld sowieso. 


 

Anzeige: 1 - 1 von 1.
 

dorabella

Montag, 15-03-10 18:21

Schön böse!
Wie schon die Wise Guys sangen:
Zur Formel I nur noch ein Wort:
Im Kreis rumfahren ist kein Sport.

 
 

Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015