Standortmarketing aus dem Setzkasten

Wie die Heimatzeitung für gute Stimmung sorgt

Meine Heimatzeitung gibt sich dem Konsumrausch hin. Immer wieder, zuletzt unter der Überschrift „Kasse stimmt in leuchtender City“. Es war das zweite Adventswochenende, die Geschäfte in der Fußgängerzone waren bis 24 Uhr geöffnet, im Zeitalter der Events müsste man sagen: erlebbar.

In der sonntäglichen Redaktionskonferenz, die über die Themen für die Montagsausgabe entschied, dürfte dieser lange Sonnabend gar keine Rolle gespielt haben, der Platz – mindestens eine halbe Seite plus Umfrage „Wie gefällt Ihnen der lange Einkaufsbummel?“ – dafür ist stets fest gebucht. Die Heimatzeitung berichtet immer so ausführlich über diese Tage, an denen andernorts die Geschäfte zu sind und die Stadt wie ein glitzernder Konsumtempel voller Versprechen weit ins Land hinaus strahlt. Allein 142 Artikel spuckt das Archiv der Heimatzeitung für das Suchwort „verkaufsoffener Sonntag“* für das Jahr 2010 aus, Ankündigungen und Nachberichte – jeden zweiten Tag also druckt das Blatt so einen Text. Es wird nicht mehr hinterfragt, ob ein verkaufsoffener Sonntag tatsächlich noch ein Thema für den Lokalteil-Aufmacher ist.

Denn das ist er natürlich nicht, dafür sind verkaufsoffene Sonntage inzwischen viel zu häufig, die anfangs lauten Proteste dagegen sind weitgehend verstummt, außerdem passiert an so einem ja irgendwie doch ganz normalen Geschäftstag in der Stadt nicht so wahnsinnig viel: Wo immer ein verkaufsoffener Sonntag ist, strömen die Menschen in Scharen. Daß die Heimatzeitung trotzdem berichtet, hat nichts mit dem Kriterium Relevanz zu tun, daß über Platzierung und Umfang von Artikeln entscheiden müsste, sondern damit, daß die Zeitung – auch aus Eigennutz – Standortmarketing betreibt. Hätte sie eine Agenda, in der ihre Prinzipien der Berichterstattung niedergeschrieben sind, stünde dort in Artikel 1 nicht der gute, alte Hanns-Joachim-Friedrichs-Spruch, sondern „Gut für die Wirtschaft, gut für uns“.

Artikel über verkaufsoffene Sonntage und ähnliche Einkaufsaktionen sind nichts anderes als das Schmiermittel, mit dem die Zeitung hofft, in unsicheren Zeiten ihr Geschäft noch ein wenig am Laufen zu halten. Sie schaltet einfach in den Dauerwerbebetrieb und bereitet der lokalen Wirtschaft einen Boden, auf dem noch viel wachsen soll. Indem sie den Standort – eine Stadt mit den längst überall üblichen Filialisten – immer wieder hoch schreibt und den Shoppern der Region einbläut, daß es sich in der Stadt – dem Oberzentrum! – phantastisch einkaufen läßt und der Bummel zum Erlebnis wird, wie man es sonst nirgendwo mehr haben kann, sorgt sie für gute Stimmung bei den Kaufleuten, die größtenteils ihre Anzeigenkunden sind. Mehr noch: Die Zeitung sieht sich als Teil einer gemeinsamen Kraftanstrengung, mit der Abwanderung, Leerstand und Tristesse verhindert werden sollen und auch noch diesem Internet ein Schnippchen geschlagen wird, wo immer mehr Leute ihre Einkäufe tätigen. Die Zeitung degradiert sich mit einer Mischung aus kleingeistigem Patriotismus und Anbiederei an die Geschäfte selbst zur Standortmarketingagentur.

Kein Wunder, daß es nie Berichte darüber gibt, daß so ein verkaufsoffener Sonntag mancher Verkäuferin auch das letzte bißchen Zeit mit der Familie nimmt, daß es für manchen Ladeninhaber schwierig und teuer ist, die Sonntagsöffnung hinzukriegen, ganz zu schweigen von den Vorbehalten jener, die meinen, Sonntage hätten noch eine andere Funktion, als nur den Konsum zu fördern. Nein, genörgelt werden darf nicht, nichts soll die gute Stimmung verderben.

Aber auch für den Redaktionsbetrieb haben diese fröhlichen Shopping-Vor- und Nachberichte einen Vorteil: So werden Zeitungszeilen befüllt, über deren sinnvolle Nutzung sich die Redakteure an den aus Kostengründen personell schmal besetzten Sonntagsdiensten keine Gedanken mehr machen müssen. Und so lesen sich diese Texte dann auch. Wie aus Satzteilen zusammengefügt, die vorgefertigt in einem Kasten mit der Aufschrift „Shopping-Paradies“ liegen. Vielleicht werden die Texte auch längst von Artikelschreibautomaten verfaßt. Zumindest klingen sie so.

Hier einige Leseproben aus diesem Jahr, die zugleich die unfaßbare Inhaltsleere der Texte verdeutlichen:

• Die Texte verweisen gleich im ersten Satz auf die Besuchermassen und das – zumeist natürlich fabelhafte – Wetter:

„Ein überwältigender Ansturm: Zehntausende nutzten den zweiten verkaufsoffenen Sonntag des Jahres zu einem entspannten Einkaufsbummel durch die Innenstadt oder einen Ausflug in die umliegenden Einkaufszentren.“ (NWZ, 3. Mai 2010)

Strahlendes Herbstwetter lockte am Sonntagnachmittag Tausende in die Innenstadt zum Einkaufsbummel.“ (NWZ, 11. Oktober 2010)

„Von seiner schönsten Seite präsentierte sich der November zum vierten verkaufsoffenen Sonntag: Der blaue Himmel lockte Tausende in die Innenstadt und die Stadtteilzentren zum Bummeln und Einkaufen.“ (NWZ, 8. November 2010)

Wenn das Wetter nicht mitspielt, wird es schön geredet (Schneematsch und feuchte Kälte = Winterstimmung) – und wenn nicht ganz so viele Shopper kamen, wird die Zahl eher vage angegeben: „Winterstimmung und gute Ergebnisse für den Handel: Trotz Schneematsch und feuchter Kälte kamen jede Menge Kunden aus der Region in die Innenstadt und in die Stadtteilzentren.“ (NWZ, 6. Dezember 2010)

Um die „jede Menge Kunden“ zu illustrieren, fügt das Blatt gerne auch Beweisfotos an.

• Das vor allem von Innenstadt-Kaufleuten getragene City-Management Oldenburg (CMO) gibt sich viel Mühe besonders an diesen Tagen, die Artikel räumen den CMO-Aktionen deshalb viel Platz ein:

„Die Stadt blüht auf, und daher schickt das CMO eine Riesentulpe auf Stelzen und eine Klatschmohnwiese durch die Straßen der Innenstadt. Für die Vitaminbilanz gibt es kostenlos Äpfel und Orangen.“ (NWZ, 25. März 2010)

„‚Die Musik, die Zirkusdarbietungen und die Aktionen rund ums Thema Fahrrad haben die Menschen begeistert’, bilanziert Gerhardine Müller-Meinhard Cardoso, Vorsitzende des City-Managements Oldenburg (CMO), den Tag.“ (NWZ, 3. Mai 2010)

„Gefragt war auch heißer, ostfriesischer Tee, der am Brunseck ausgeschenkt wurde an jene, die unter Anleitung von Katharina Janssen Teetassen anmalten. Besonders Frauen ließen sich inspirieren, fröhliche orange- oder lilafarbene Riesentassen auf Plakatwänden zu bemalen. ‚Die sollen später die Wanderbaustellen in der Stadt schmücken’, sagt Birgit Beuse vom City-Management (CMO), das die Aktion organisiert.“ (NWZ, 8. November 2010)

„In Erfüllung ging ein Wunsch der CMO-Vorsitzenden Gerhardine Müller-Meinhard Cardoso, die sich von den 80 bunten Lichtsäulen einer Heidelberger Firma eine ganz besonders stimmungsvolle Inszenierung der Innenstadt gewünscht hatte. Viele blieben am Julius-Mosen-Platz stehen und bewunderten den orange-grün-weißen Lichttorbogen, in der Haarenstraße standen rote Lichtkegel und am Lefferseck blau-weiße. ‚Eine tolle Idee’, meinten drei junge Frauen aus dem Ammerland, die auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt vorbeikamen. (NWZ, 6. Dezember 2010)

• Die Artikel führen Beweise dafür an, daß praktisch das gesamte Umland in die Stadt strömte:

Auch aus dem Umland nutzten viele den verkaufsoffenen Sonntag: ‚Wir kommen aus Leer’, erzählt Birgit Meinert.“ (NWZ, 3. Mai 2010)

„Und die Besucher kamen nicht nur aus Oldenburg und umzu, sondern auch aus den benachbarten Niederlanden reisten viele an und nutzten den Sonntagsausflug zum gemeinsamen Einkaufen. Das bewiesen die Autokennzeichen in den gut belegten Parkhäusern.“ (NWZ, 11. Oktober 2010)

„Besucher aus Friesland fanden ebenso wie Gäste aus den Niederlanden aber (sic!) den Weg nach Oldenburg, das bewiesen die Kennzeichen in den gut frequentierten Parkhäusern.“ (NWZ, 8. November 2010)

• Auch wenn es – jahreszeitlich bedingt – wenig überraschend ist, erwähnen die Artikel mit großer Detailfreude, was über die Ladentische ging:

„Wie viele andere, hat die 42-Jährige es besonders auf die neue Frühlingsmode abgesehen.“ (NWZ, 3. Mai 2010)

„In der Innenstadt war vor allem schon Warmes für den Herbst und Winter gefragt, da wanderten schon Pullover, warme Stiefel oder Steppjacken in die Einkaufstüten … Die Besucher der Stadtteilzentren hatten in den Möbelhäusern und Einkaufsmärkten vielfach auch Elektronik und größere Anschaffungen im Visier. ‚Wir wollen uns einen neuen Fernseher anschaffen und uns in Ruhe einmal umsehen’, sagte ein Paar aus Sandkrug in einem Elektronikmarkt. So mancher mag auch schon an Weihnachten gedacht haben, denn hier und da sah man auch schon Spielzeugschachteln aus den Einkaufstüten ragen.“ (NWZ, 11. Oktober 2010)

„Bei den meisten Familien standen schon erste Weihnachtseinkäufe oder doch zumindest Adventsdekoration auf der Liste. … Da wurden schon Kugeln und Kerzenleuchter gekauft. Viele trugen auch Tüten, in denen Kleidung oder Spielsachen verpackt waren.“ (NWZ, 8. November 2010)

„Besonders gefragt waren warme Sachen, Bekleidung überhaupt und Elektronik. Auch bei Büchern, CDs und Spielen gab es Schlangen vor den Kassen.“ (NWZ, 6. Dezember 2010)

• Manchmal werden auch Gruppen erwähnt, die man eher selten beim Shopping trifft:

„So lange die Sonne schien, gönnte sich auch mancher eine Pause im Café, … und sah sich dort unversehens als Zaungast der Abschlusskundgebung der Hartz-IV-Demo. Dort ergab sich dann noch manches Gespräch – und so blieb alles friedlich.“ (NWZ, 11. Oktober 2010)

Auch viele Kinderwagen schiebende Väter waren mit von der Partie.“ (NWZ, 8. November 2010)

• An einer beliebigen Stelle wird das Fazit eines wunderbaren Einkaufsbummeltages gezogen. Dafür gibt es einen Standardsatz, der klar macht, daß die Leute nicht nur ziellos durch die Stadt irrten, sondern der Rubel ordentlich rollte:

„Die Menschen seien nicht zum Schauen, sondern zum Einkaufen gekommen, freut sich die Geschäftsführerin des Männermodehauses Bruns.“ (NWZ, 3. Mai 2010)

„…das Fazit der Kaufleute war durchaus: ‚Es wurde nicht nur geschaut, sondern auch gekauft.’“ (NWZ, 11. Oktober 2010)

„Die Kaufleute waren sich am Ende des Tages einig, es wurde auch gekauft, nicht nur geschaut.“ (NWZ, 8. November 2010)

„Viele nutzen die lange Einkaufsnacht am zweiten Adventssonnabend nicht nur zum Aussuchen der Geschenke, sondern auch zum Kaufen, schließlich hatten nun die meisten ihr Weihnachtsgeld auf dem Konto. In den Reihen des City-Managements (CMO) gab es zufriedene Gesichter über die Umsätze.“ (NWZ, 6. Dezember 2010)

Am 2. Januar 2011 steht der nächste verkaufsoffene Sonntag an. Das City-Management schreibt von der "ersten Chance im neuen Jahr gemütlich durch die Stadt zu bummeln". Die Leute bei der Heimatzeitung wissen wahrscheinlich auch schon, was sie schreiben werden. 

 

* Nachtrag: Der Link ins Archiv der Heimatzeitung funktioniert nur tagsüber. Offenbar legt dort nach Dienstschluß jemand einen Schalter um.


 

Anzeige: 1 - 10 von 19.
 

Sebastian

Mittwoch, 15-12-10 18:29

"In der sonntäglichen Redaktionskonferenz, die über die Themen für die Montagsausgabe entschied," ???

Die Redaktionskonferenz, die über die Themen für die Montagsausgabe entscheidet, findet bei Lokalzeitung üblicherweise freitags statt.

 

PM

Mittwoch, 15-12-10 19:41

Wie ist denn wohl das vom 11. Oktober zu verstehen "...gönnte sich auch mancher eine Pause im Café, … und sah sich dort unversehens als Zaungast der Abschlusskundgebung der Hartz-IV-Demo. Dort ergab sich dann noch manches Gespräch – und so blieb alles friedlich."?
Weil die Shopper mit den Demonstranten geredet haben, sind die Demonstranten also nicht gewalttätig geworden? Das ist ein perfider unterschwelliger Vorwurf an Demonstranten, der sich für eine Zeitung, die auf demokratische Grundregeln achten soll, geradezu verfboten ist. (Aber dass es bei Lokalblättern mit den (politischen) Grundrechtern nicht so weit her ist, weiß wohl jeder Leser dieser Postillen.) Peinlich.

 

Felix Zimmermann

http://www.magda.de

Mittwoch, 15-12-10 21:47

@ Sebastian: Vielen Dank für den Hinweis, dann müßte man die "sonntägliche Redaktionskonferenz" durch die "freitägliche Redaktionskonferenz" ersetzen. Wobei: Ich kenne das etwas anders, da gab es zumindest eine kurze Konferenz am Sonntag, um die Plätze im Blatt endgültig zu verteilen.

 

hiro

Donnerstag, 16-12-10 09:20

Möge es die NWZ noch lange geben: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich meine Mutter besuche und das Käseblatt noch genau so gehaltvoll ist wie Damals (TM).

 

Silke

http://www.liebig-braunholz.de

Donnerstag, 16-12-10 09:45

Ein schönes Thema, das sich auf alle Heimatzeitungen dieser Republik kopieren lässt. So einfach lässt sich Zeitung machen, wenn es billig und schnell gehen soll. Immer wieder schön zu lesen, was die Lokalreporter so beobachten und dem Leser dann erzählen. Der Nachrichtenwert muss erst noch erfunden werden, der diese Beiträge rechtfertigt.

 

Jörn

http://eliterator.blog.de

Donnerstag, 16-12-10 10:36

Wahrscheinlich gibt es zum Thema Shopping-Sonntag eine schöne Excel-Datei mit Wortbausteinen. Oder die Artikel werden überhaupt nur noch maschinell erstellt. Danke für die schöne Übersicht. Achtet man als Regionalzeitungsleser gar nicht so drauf.

 

medienfloh

http://www.newzblog.de

Donnerstag, 16-12-10 11:34

Sonntags gehört die Mami mir!

(frei nach "Samstags gehört der Papi mir!")
Ich sollte mich mal ransetzen und den Schlagzeilomaten "Business" programmieren.

 

susi print

Donnerstag, 16-12-10 12:55

Sehr schön sind die zukünftigen Zeitungszitate vom 8. November 2011 ;-)

 

Felix Zimmermann

http://www.magda.de

Donnerstag, 16-12-10 13:10

@ susi print: Ich hab's korrigiert und aus dem 8. November 2011 den 8. November 2010 gemacht, vielen Dank für den Hinweis. Kann aber gut sein, daß die oben zitierten Sätze auch 2011 wieder auftauchen werden. Mal sehen.

 

vera

http://opalkatze.wordpress.com/

Donnerstag, 16-12-10 13:52

http://www.umblaetterer.de/

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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