Magda - Das Magazin der Autoren

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Tagebuch

Aufzeichnungen des gewöhnlichen und ungewöhnlichen Alltags

Von Fritz-Jochen Kopka

Foto: Fritz-Jochen Kopka

Tagebücher schreibt man mit der Hand. Notfalls mit dem Computer

12. November ’11

„Positiv ist, dass wir die Partie noch gedreht haben. Zum Schluss haben wir gegen 15 oder 20 Ukrainer gekämpft, das war sehr schwer, aber am Ende haben wir das Spiel verdient gedreht.”

Wer erzählt solchen Blödsinn? Der Sportsfreund Podolski. Gegen die Ukraine in der 66. Minute eingewechselt. Wenn er in der Startelf gewesen wäre, hätte der Bundestrainer ihn wohl zum Kapitän machen müssen, das wär’s doch gewesen: Der Spieler, der den Kapitän ohrfeigt, wird selbst Kapitän. Ganz so weit wollte Jogi Löw wohl nicht gehen, vielleicht wäre da einiges zu offensichtlich geworden. Wie geht man mit einem Fußballer um, der anscheinend lauter gelbe Männchen sieht? (Die Ukraine spielt in gelben Trikots) Der anscheinend glaubt, dass diese seltsamen Osteuropäer, wenn es eng wird, mehr und mehr Spieler aufs Feld schmuggeln? Und der natürlich keine Ahnung davon hat, was es heißt, ein Spiel zu drehen. Ein Spiel, Sportsfreund Podolski, hat man gedreht, wenn man aus einem Rückstand einen Sieg macht. Und ihr habt 3:3 gespielt, das ist ein Unentschieden, kapiert?

Der Bundestrainer fand, dass die Zeit für Experimente gekommen sei. Besser jetzt experimentieren als im kommenden Jahr zur Europameisterschaft. Das können wir uns als Europameister, der wir ja schon sind, nicht leisten. Torwartdebüt, Dreierkette, 1 – 3 – 4 – 2 - 1-System (oder so ähnlich). Und: Die Zauberspieler Özil und Götze erstmals zusammen im Mittelfeld. Leider wussten die ungebildeten Ukrainer nicht, was Mesut Özil für ein Zauberer ist und verwickelten ihn in ganz profane Zweikämpfe. Kein Wunder, wenn man da plötzlich 1:3 zurückliegt.

 10. November ’11

Normalerweise sprechen alte Leute gern von der guten alten Zeit. Nun haben wir einen alten Herrn, der von der guten neuen Zeit spricht: der Altbundeskanzler Helmut Schmidt, 92, beim Hausfest des Burda-Verlags genannt Bambi-Verleihung, ausgestrahlt vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Trotz Finanzkrise und territorialen Kriegen lobt Helmut Schmidt unsere als die beste aller Zeiten und weiß nach drei gesellschaftlichen Zusammenbrüchen wohl, was er sagt. Trotzdem mutet das Lob unserer Zeit oder welcher Zeiten auch immer seltsam an. Und es kann sein, dass der Zuspruch und die Hingabe, die Helmut Schmidt nach einem umkämpften Leben nun von allen Seiten erfährt, auch irgendwie den Charakter verändert.

Man muss aber die Veranstalter loben für die Originalität, mit der sie immer neue Bambis erfinden. Den Millenniums-Bambi zum Beispiel oder den Come-back-Bambi oder den Bambi fürs Fernsehereignis des Jahres. Man macht die Bambis nach den Personen = Stars, die zur Verfügung stehen. Wie wär’s mit einem Bambibambi? Man müsste nur noch klären, wem man den geben könnte. Aber da fällt dem Hauses Burda schon was ein.

Trotz allem steht die Veranstaltung jeweils unter keinem guten Stern. Die Leute, die da im Publikum sitzen, sind ja selber alle irgendwas und gönnen ihren Kollegen nur spärlichen Beifall. Das Missvergnügen ist ihnen tief ins Gesicht gegraben, wenn jemand anderer als sie selbst etwa als beste Darstellerin ausgezeichnet wird. Der Preis sollte besser ihnen zustehen, auch wenn sie im zurückliegenden Jahr gar keinen Film gemacht haben. Auch seltsam, dass jeglicher Prämierte sich wortreich bei Herrn Burda bedankt, den er bis dahin vielleicht gar nicht gekannt hat. Was muss dieser Hubert Burda doch für eine bezaubernde Persönlichkeit sein. Ich schlage ihm hiermit vor, ein Burda-Fernsehen zu installieren, das in Zukunft sein Hausfest ausstrahlt, wäre das nicht logisch?

 7. November ’11

Vergangenes Wochenende sah ich drei Spiele der böhmischen (tschechischen) Gambrinus Liga (und dabei drei Heimniederlagen). Als ich zurückkam, brach sich Bastian Schweinsteiger das Schlüsselbein gegen Neapel und fällt für den Rest des Jahres aus. Frau Schlammerl von der FAZ sah patriotisch ein grobes Foul des Neapolitaners, aber es war wohl ein normaler Luftkampf, in dessen Folge Schweinsteiger unglücklich am Boden aufkam. Immer der, der ausfällt, ist im deutschen Sportjournalismus der wichtigste Mann des Teams. Zunächst Arjen Robben, dessen Mitwirkung sich inzwischen als eher kontraproduktiv herausstellte. Nun Schweinsteiger. Wird er im Krankenstand eine ähnlich unangenehme Überraschung wie Robben erleben? In der mageren Partie der Bayern beim FC Augsburg (2:1) sah es nicht so aus.

 

Vom Maler Otto Niemeyer-Holstein lernte einer meiner ältesten Freunde, der Pfarrer, woran man merkt, dass jemand alt ist. 

Niemeyer-Holstein kaufte 1933 ein Stück Brachland an der schmalsten Stelle der Insel Usedom zwischen Koserow und Zempin. Ein ausrangierter S-Bahnwagen, den der Maler als „bevorzugter Kriegsgeschädigter” 1932 für 60 Reichsmark kaufen konnte, diente als erstes Domizil des Ehepaars Niemeyer auf der Insel, ihr Lüttenort. Heute ist das ein – sehr spezielles – Museum. Man kann dort sehen, was Niemeyer-Holstein gemalt, aber auch, was er um den S-Bahnwagen herum gebaut hat, ein Arbeits- und Wohnplatz ganz nach den Vorstellungen eines Malers. Er nannte sich Käpten und seine Frau Annelise Stuermann (Steuermann), segelte, lehrte und war allezeit für einen unangepassten Spruch gut.

Der Pfarrer, mit dem er gut befreundet war, merkte an zwei Dingen, dass der eigentlich unverwüstliche Niemeyer-Holstein alt geworden war. Er testete bei mir mit diesen beiden Fragen:

Glaubst du ständig, dass du bestohlen wirst? Und: Hörst du Stimmen?

Ich konnte beides verneinen. Aber bei Niemeyer-Holstein war es eben so: „Man wird ja so bestohlen”, sagte er häufig, konnte aber keine konkreten Beispiele anführen. Oder das vermeintliche Diebesgut fand sich unvermutet wieder an. Und zweitens die Stimmen, die er zu hören glaubte, die er aber auch nicht definieren konnte. Ja. Das ist das Alter. Gut zu wissen irgendwie. 

2. November ’11

Der Lärm der Bundesliga drang dieses Wochenende stark reduziert an mein Ohr. Ich war in Böhmen oder Tschechien oder wie auch immer und nahm eine andere Liga in Augenschein, die Gambrinus-Liga, die so heißt, weil sie von der großen Gambrinus-Brauerei gesponsert wird. Wieder zu Hause hörte ich, welchen Zumutungen unser Bundestrainer Löw ausgesetzt ist. Wie so oft und so gern sah er sich ein Spiel des SC Freiburg, seines Heimatclubs, an. Leider ging es diesmal gegen Leverkusen und leider sah der arme Jogi eine starke Leistung des längst abgeschriebenen Ex-Capitano der Nationalmannschaft Michael Ballack, der anscheinend Herrn Löw das Leben sehr schwer gemacht hat, wofür man sich natürlich rächen muss. Hier nun schoss der abgeschriebene, gleichwohl seit Wochen in guter Form befindliche Ballack ein schnelles Tor und spielte auch noch eine Weile mit gebrochenem Nasenbein. Ein Könner und Kämpfer. Keiner, der auf seine alten Tage noch mal so viel Kohle wie möglich abkassieren will. Die Ballack-Jäger und Opportunisten in den Medien haben sich längst gedreht und wollten, unverschämt, wie sie sein können, von Herrn Löw ein paar Worte hören, wie er Ballacks Leistung einschätze.

„Dazu möchte ich heute nichts sagen”, sagte der mit der Gabe der freien Rede nicht gesegnete Joachim Löw. So so. Heute nicht. Wann dann? Wenn Ballack mal einen schlechten Tag erwischt? Wenn er auf der Ersatzbank sitzt? Unser Bundestrainer Jogi Löw zeigt sich abermals als ein Mann, der es nicht vermag, über seinen Schatten zu springen. Falls er überhaupt einen Schatten hat. Wir kennen ja die Geschichte von Peter Schlemihl und werden in Zukunft mal verschärft darauf achten, ob Herr Löw einen Schatten wirft. Der übrigens heute schon verlauten lässt, dass es ihm Unbehagen bereiten wird, wenn er einige Spieler, die es verdient hätten, nicht zur Europameisterschaft nominieren wird, weil der Kader ja begrenzt ist. Da zeigt sich der Meister mal sensibel. Dazu möchte ich heute schon sagen, dass es mir das sehr wehtun wird, auch wenn ich noch gar nicht weiß, wen es dann treffen wird. Etwa so. 

26. Oktober ’11

Die charmante Oma Kathrin und der rüstige Opa Klaus, der immer noch klempnert und sein Faible für ein schönes Glas Wein entdeckt hat… („Rotwein ist für alte Knaben…”) Traurig ist es, im TV beinah allabendlich großartige DDR-Schauspieler sehen zu müssen, die nun – in die Jahre gekommen – in Serien matronen- und knasterhaft gutmütige alte Omas und Opas spielen, die kein Wässerchen trüben können, aber es gleichwohl faustdick hinter den Ohren haben. Wenn sie Glück haben, dürfen sie auch verrückte Käuze und skurrile Schachteln darstellen oder gar Tatort- und Polizeirufkommissare. Jeder Schritt und auch das Atmen fällt ihnen schwer, aber sie kommen mit ihrer steinzeitlichen Berufserfahrung ans Ziel. Schade, dass wir sie nicht in ihren großen Rollen in Erinnerung behalten, sondern so, als komische Alte. Und sie haben sich, was man so sieht, ja wirklich gut gehalten.

Ist es das Geld? Oder das Nicht-los-lassen-können? Dass man nur darin einen Sinn sieht, etwas zu tun, egal, was es ist?

Die Puhdys rocken ja ooch immer noch. Anscheinend brauchen wir diese Gespenster, sie sichern uns den Glauben, dass das Leben ewig sein könnte.

24. Oktober ’11

Irgendwann bekam Schiedsrichter Manuel Gräfe aus Berlin Angst vor seiner eigenen Courage. Er hatte einen Elfmeter gegen die Bayern gepfiffen und Jerome Boateng die Rote Karte gezeigt. Als er sah, was er angerichtet hatte und die Bayern 0:2 zurücklagen, zückte er viermal gelb für Hannover und einmal gelbrot. Aber München schaffte nur noch den Anschlusstreffer. Spielentscheidend wird wohl gewesen sein, dass Thomas Müller es versäumte, einen oder zwei Elfmeter für die Bayern herauszuholen, worauf man sich bis dahin immer verlassen konnte. In der Nachspielzeit hätte es doch noch einen Elfmeter für die Bayern geben können, aber hier war nun Philipp Lahm der Gefoulte, und die Schiedsrichter haben sich bereits so an die Arbeitsteilung der Bayern und den Spezialisten Thomas Müller gewöhnt, dass dieses Foul gegen Lahm nicht akzeptiert wurde. So gewann Hannover gegen den bereits feststehenden Meister 2:1 und wird sich irgendwie rechtfertigen müssen.

Philipp Lahm ist ein Fußballspieler ohne Fehl und Tadel. Das Kapitänsamt und das beharrliche Lesen der Bildzeitung verderben ihm allerdings den Charakter. Er ist kein Leader, eher ein stiller Spieler, das Kapitänsamt verlangt jedoch von ihm, dass er den Mund aufmacht, die Mitspieler antreibt und die Öffentlichkeit mit den typischen Bayern-Parolen versorgt. All das liegt ihm nicht, aber es gehört zu seinem Job als Kapitän und so nimmt er diese Rolle wahr.

22. Oktober ’11

Ich wusste, dass sie beim Tie-Break klingelt. Oder bei der 500 000-Euro-Frage… 

Rastplatz (was weiß ich wo). Ein dicker Sachse mit philosophischem Bart salzt ein hartgekochtes Ei. Im Geiste sage ich: Streu mal nicht so viel Salz auf deine Eier, Dicker, sonst kriegen deine Kinder Glatze! In dem Moment werde ich inne, dass der Sachse mich fixiert. Kann er Gedanken lesen und haut mir gleich eins auf die Fresse?Ich sehe auf sein Kfz-Kennzeichen. Er ist aus Leipzig. Vielleicht ein Generationsgefährte, dem ich bekannt vorkomme und der überlegt, wo er mich, der ich keinen Bart trage und noch relativ dünn bin, hinstecken soll.   

19. Oktober ’11

Andrea kam von der Buchmesse zurück und sagte: Klaus-Peter Thiele ist gestorben.

Ja. Das war auch mir nahegegangen. Klaus-Peter Thiele war der Holt in der Verfilmung von Dieter Nolls Roman „Die Abenteuer des Werner Holt” („davon wisst Ihr Westler nichts”). Der Roman war ein ungeheurer Publikumserfolg. Als die Zeitungen noch Fortsetzungsromane druckten, rissen sie sich um diesen Text. Ich habe den Roman zuerst in der Schweriner Volkszeitung gelesen. Oberschüler, die in den Krieg ziehen und Helden sein möchten. Werner Holt ist aber auch bei Frauen ein Held. Der Verfilmung des Romans sah man mit Spannung entgegen. Wer konnte den Holt spielen? Ein unbekannter Schauspieler (vielleicht auch Schauspielschüler) namens Klaus-Peter Thiele war’s. Es war die erste und die größte Rolle seines Lebens, worin eine Tragik gelegen haben könnte. Aber Klaus-Peter Thiele sah immer gut aus, vom Anfang bis zu jenem Tag vor drei Jahren, als ich ihn in unserem Supermarkt traf. Er konnte sich nicht an mein Gesicht, aber schon noch an meinen Namen erinnern. Wir sahen uns manchmal bei den Partys eines gemeinsamen Freundes, bis diese Freundschaft jedenfalls für mich in die Binsen ging. Dem geht’s richtig gut, sagte Thiele, sie haben dieses tolle Ökohaus und müssen nicht mehr arbeiten. Ich gab ihm meine Karte, aber er rief nicht an. Er war ein bisschen altmodisch, vornehm, oft empört, manchmal ironisch und, wie gesagt, ein absolut gutaussehender Mann, was alles ganz gut zusammenpasste. Warum, frage ich mich, konnte man mit diesem markanten Kopf im deutschen Film nicht mehr und nichts mehr anfangen.

Jenny Petra ist auch gestorben, sagte ich. Die kennst du wahrscheinlich nicht. Nein, sagte Andrea. Schlagersängerin, sagte ich, hieß eigentlich anders, ich glaube Edith Kaus oder so. Was hat sie gesungen? Wenn ich in den Urlaub fahr, dann gehören mit dazu / weiße Wolken, blaues Meer und du. Warst du so ein Schlagerfan? Man konnte den Schlagern nicht entgehen, sagte ich. Ja, aber du hast die ganzen Texte im Kopf! Ich merke mir auch vieles andere. Ja, aber diese Schlager! Man kann nichts dagegen tun. Sagte ich. Es passiert einfach so. Die Schlager sind im Kopf. 

17. Oktober ’11

Nicht nur, dass die Bayern Meister werden, sie werden auch einige Rekorde aufstellen. Zum Beispiel den Rekord der wenigsten Gegentore (Manuel Neuer). Und zweitens wird Mario Gomez die 40 Treffer von Gerd Müller aus der Saison 1971/72 übertreffen. Das alles steht jetzt schon fest. Die Sportjournalisten wissen es hundertprozentig. Sie fallen allerdings schnell vom Glauben ab, wenn die Bayern plötzlich mal 0:0 wie gegen Hoffenheim spielen. Aber wenn die Berliner Hertha, die so glücklich ist, dass sie sich das Bayern-Gen (Kraft, Ottl, Lell und Babbel, der Trainer) implantiert hat, in München antritt, erhält der Glaube noch einmal kräftigen Sauerstoffzustrom. Selten hat man so eine hilflose Abwehr und einen so schlecht reagierenden Torwart gesehen, der seinem Job erst nachging, als das Spiel längst entschieden war. Am Ende war die Hertha glücklicher als der Sieger: Man hatte wenigstens nicht zweistellig verloren.

Was für eine Liga. Die Schiedsrichter fühlen sich herausgefordert, Schicksal zu spielen. Die Regel des passiven Abseits gibt ihnen dazu alle Möglichkeiten. Hannover und Mainz schießen Tore, seine Majestät, der Schiedsrichter, sagt,  nein, da stand noch ein Spieler herum, der dem Torwart die Sicht versperrt haben könnte. Am Ende werden dann nur noch die Tore der Bayern anerkannt, das wäre die Konsequenz.

 

Ich geh nur in den Supermarkt, wenn die Rentner schlafen, sagte Eugen, zum Beispiel gegen  14 Uhr, da haben sie ihre Mittagsmahlzeit eingenommen und sich aufs Ohr gehauen. Und wenn sie wieder aufstehen, haben sie so ein schönes rotes Rentnerohr.

14. Oktober ’11

Ich dachte schon, es sei mir gleichgültig, aber nach dem ersten Sieg von Hansa Rostock in dieser nicht mehr ganz jungen Saison konnte ich doch besser schlafen.

Dominic Peitz machte das erste Tor der Rostocker mit dem Kopf. Der 60er Torwart rammte ihn zur Strafe zu Boden, so dass Peitz verletzt ausgewechselt werden musste. Kiraly, der Münchner Torwart, wiegt  91 Kilo, wenn das mal ausreicht (er nimmt ja ständig zu im Spätherbst seiner Karriere). Man sollte überlegen, ob man bei Torwarten nicht eine Gewichtsobergrenze einführen sollte. Das  sind ja lebende Rammbäume, die da im Strafraum auf die Sportjugend losgelassen werden, die Spieler müssen geschützt werden.

Der Jubel auf der Rostocker Bank der Leidgeprüften war verhalten, kaum erkennbar. Der Trainer erhob sich so langsam wie ungläubig, ging ein paar Schritte nach links und drückte dem Manager verstohlen die Hand. Vor dem Schlusspfiff ist nichts entschieden. Man hat sich oft genug zu früh gefreut.

 

Vorm Haus gegenüber stand ein roter Rettungswagen und spuckte sein blaues Licht in die Straße. Die alte Frau Klaus, sagte Fred, da ist ja auch ihr missratener Sohn und die Schwiegertochter.

Die Frau, die er Schwiegertochter nannte, stand hinter dem Wagen und winkte. Der Sohn, selbst schon weißhaarig, hinkte um das Auto herum wie eine Märchengestalt.

Sie sagte ja öfter, dass sie nicht mehr leben will, sagte Fred. Die ist tot. Die will schon lange nicht mehr leben.

Die Situation sah aber anders aus.

Sie kann nicht tot sein, sagte ich. Toten winkt man nicht.

Das sah Fred ein. 

11. Oktober ’11

„Paul Ingendaay erzählt allzu unbekümmert aus dem Leben eines Versicherungsvertreters”, sagt die strenge „Zeit”. Mit sich selbst ist die „Zeit” in ihrer Sonderausgabe zur Frankfurter Buchmesse nicht so streng. Sie verspricht, allzu unbekümmert, möchte man sagen, einen „Überblick über das, was Sie derzeit unbedingt lesen sollten, um auf Partys zu glänzen”. So etwas erwartet man von „Bild der Frau”, aber es scheint das Literaturverständnis der Zeit wiederzugeben. Aufschneiderei und Partygewäsch, darum sollte es gehen. Das „Zeit-Magazin” ist es ja auch, das die Leser des öfteren auffordert, eigene Texte einzusenden, die dann von den extrem kompetenten Zeit-Koryphäen redigiert und perfektioniert werden(Originalton: Wir machen Ihre Texte schöner). Man wundert sich über so viel Selbstgefälligkeit und Ignoranz.

Die Kanzlerin gibt Statements zur Lage der Nation und der EU ab, die Zeit-Redakteurin Radisch äußert sich zur Lage der Literatur. Vor einem Jahr stellte sie fest, dass es er der Plapperton sei, der die aktuelle Literatur so erfolgreich mache. Ja ja, Iris Radisch ist für die großen Befunde, die Paradigmenwechsel und die Großtendenzen zuständig. Sie setzt sich nicht an die Tastatur, wenn sie nicht etwas Bedeutungsvolles oder Alarmierendes herausgefunden hat. Nun, wenige Tage vor der Buchmesse, stellt sie fest, dass sich die deutsche Literatur vom Ich verabschiedet hat und die Familie zurückholt in ihr Reich. Als Protagonisten der Ich-Literatur nennt sie Peter Handke (in Paris lebender Österreicher) und Botho Strauss, ein guter Mann, aber doch eher eine imposante Außenseiterfigur der deutschen Literatur. Und den aufblühenden Familienroman vertreten bei Radisch Josef Bierbichler (schreibender Schauspieler), Oskar Roehler (schreibender Regisseur) und Eugen Ruge (Spät- und Seiteneinsteiger). Sie arbeiten ihre persönlichen Familiengeschichten ab und sind nicht als Belege für eine Tendenz, einen Umbruch geeignet, der einen Schlussstrich bedeutete für die wilden Abrechnungsromane von Einzelkämpfern, zu denen Radisch auch „Guntram Vespers Roman Die Reise” zählt. Hä? Die Reise? Der Romanessay von Bernward Vesper? Den soll plötzlich Guntram Vesper geschrieben haben, bloß, weil er zufällig auch Vesper heißt und schreibt?

Entweder verfügt Radisch über geheime Informationen oder sie ist zerstreut. Nichts Schlimmes. Kann jedem passieren. Aber wer sagt mir, dass sie nicht auch zerstreut ist, wenn sie zur Lage der Literatur spricht. Die Familie, das weiß jeder, der liest, ist der eigentliche Kraftquell der Literatur. Und auch die extremen Ichs, die wütenden Einzelgänger arbeiten sich im Umfeld einer Familie ab. Also. Iris Radisch hat etwas entdeckt, was schon immer da war. Warum auch nicht. Vermutlich reibt sie sich die Hände, wenn ihr ein Satz wie dieser einfällt: „Der Held unserer Zeit heißt neuerdings wieder Opa Erich.”  Das sei ihr gegönnt. Aber ihre sensationellen Entdeckungen sollte sie mit etwas Distanz anschauen.

9. Oktober ’11

Als PS zum Fußballländerspiel ein Lob des Spezialistentums. Thomas Müller hat auch gegen die Türken einen Elfmeter herausgeholt, gerade im richtigen Moment, als die Türken das Anschlusstor schossen und es noch einmal spannend wurde. Wie Karl Valentin auf der Brettlbühne ist Müller auf dem Fußballplatz zäh und skurril. Wenn es ihm gelingt, in den Strafraum des Gegners einzudringen, bildet sich sofort ein Knäuel, aus dem heraus Müller mit seinen unglaublich drahtigen Gliedern entweder ein Tor erzielt oder einen Elfmeter herausholt. Das macht er inzwischen schon so professionell, dass es einem schon nicht mal mehr sonderbar vorkommt. Wenig später foult Philipp Lahm einen Türken im Strafraum. Kein Elfmeter. Die Türken haben da eben keinen Spezialisten.  

8. Oktober ’11

Als Nationalmannschaftsskeptiker (das sucht man sich nicht aus, das hängt einem an) sage ich, dass das Team gestern gegen die Türkei eine souveräne Leistung hingelegt hat. Ohne Özil, ohne Klose. Was heißt das? Jeder in diesem Team ist ersetzbar, woran im Falle Klose sowieso nicht zu zweifeln war. Auch die scheinbar Unersetzbaren sind ersetzbar, ich nenne Schweinsteiger, Lahm und – nicht nur wegen des Stabreims – Löw. Man spürte die Selbstsicherheit der Mannschaft, die Vielzahl der zweiten Bälle landete in ihren Reihen, man sah nur wenige technische Schwächen. Podolski mit allen seinen  Einseitigkeiten fiel etwas ab, Khedira, in seinem Bemühen auch offensiv Akzente zu setzen und den abwesenden Toni Kroos auszustechen, wirkte eher glücklos. Eine Bemerkung wert ist die zickige Körpersprache des Bundestrainers bei Toren, Gegentoren, Fehlern und bedrohlichen Situationen. Ich glaube, dafür kann er nichts. Das ist authentisch.

Ach ja Khedira. Der vor einem Jahr voller Hochmut Ballack als einen Mann von vorgestern darstellte und sich nun plötzlich, da er Konkurrenz auf seiner Position wittert, selbst wie ein Mann von gestern gebärdet und Respekt für seine erbrachten Leistungen „von früher” einfordert. Das ist ja auch noch das Tolle am Fußball. Wie schnell sich der Wind dreht. Und wie die Maulfrechen plötzlich im Regen stehen.

 

Sagen Sie mir, wo der Tisch mit den Büchern von Tomas Tranströmer steht?, fragte ich scheinheilig im Dussmann-Kulturkaufhaus, Berlin Friedrichstraße.

Den kann ich Ihnen zeigen, sagte die Buchhändlerin. Da steht nur ein Schild drauf mit den Worten: Wir haben nachbestellt. Der Hanser Verlag druckt nach.

Es war kein Buch von Tomas Tranströmer da. Gar keines. Für einen Tag war der Literaturnobelpreisträger aus der Zeit gefallen. Schön, wenn man mal feststellen kann, dass der Literaturbetrieb unvorbereitet zur Schule kommt.

7. Oktober ’11

In der Nacht der Verkündigung las ich Tomas Tranströmers Texte im Bett. (Ich las natürlich nicht die Texte von Tranströmer, sondern die deutschen Nachdichtungen.) Es war ein schmaler Band aus der Weißen Reihe des untergegangenen Verlags Volk und Welt, „Formeln der Reise”, ja, schöner Titel. Der Umschlag war mit einer Dreckschliere versehen, und im Buch selbst war über Tranströmer nur zu vernehmen, dass er 1931 in Stockholm geboren wurde, Psychologie studierte und jahrelang in einer Anstalt für kriminelle Jugendliche tätig war. Dann der Satz „Heute arbeitet er halbtags als Berufsberater.” Heute, das war 1983. Formeln der Reise heißt auch ein Gedicht, übertragen von Pierre Zekeli. Der letzte Abschnitt: „Unterwegs in der langen Finsternis. Eigensinnig schimmert /meine Armbanduhr mit dem gefangenen Insekt der Zeit.//Das vollbesetzte Abteil ist dicht von Stille./Im Dunkeln strömen die Wiesen vorbei.//Aber der Schreiber ist halbwegs in seinem Bild/und reist dort gleichzeitig als Maulwurf und Adler.”

Anziehend, rätselhaft und auch kurios.

Man sagt, dass der gewiss nicht leicht eingängige Tranströmer in Schweden eine Art Volksdichter geworden sei.

Über das Phänomen Literaturnobelpreis könnte man nachdenken. Manche sagen, die Verleihung des Preises komme einem Pyrrhussieg gleich. Der Preis lähmt, die Geehrten könnten hernach nicht mehr schreiben wie zuvor, sie würden unkreativ, ihre Texte irgendwie ministrabel. Einige Dichter lehnten den Preis ab, am entschiedensten wohl Sartre.

Deutschland hasst seine Literaturnobelpreisträger und liebt seinen Papst. Einen solchen Satz lässt man am besten so stehen.

Die Dreckschliere auf dem weißen Buch habe ich mit der kleine Klinge des Taschenmessers und einem feuchten Tuch entfernt. Es ging. Das war das wenigste, was ich für Tomas Tranströmer tun konnte.

Am selben Tag kam die Nachricht vom Tod Steve Jobs’. In der Debatte des Deutschlandradios sollten die Anrufer sagen, ob sie den Visionär von Apple wirklich so visionär fänden. Einige meinten, dass ihnen die Handys furchtbar auf die Nerven gingen und hatten Steve Jobs gründlich missverstanden. Man kann es eine List nennen, dass der Applechef die Leute durch die vielen Funktionen der Phones vom Gequatsche in der Öffentlichkeit abhält. Ich erinnere mich, wie er vor gar nicht langer Zeit das iPad vorstellte, in Pullover und Jeans, und wie er zeigte, dass Leidenschaft und Hingabe auch leise lodern können. Wie er einst erzählte, eröffneten ihm die Fehlschläge in seinem Leben immer neue, bessere Wege. Der Abbruch des Studiums, der Rauswurf bei Apple. Und in Andeutungen hat er unterstellt, dass es auch mit dem Rauswurf aus dem Leben so sein könnte.

5. Oktober ’11

Immer schön, wenn man auf ungewöhnliche Formulierungen stößt. Wie heute bei Günter Bannas in der FAZ:

„Pofalla stammt, wie das zu nennen ist, aus kleinen Verhältnissen.”

Wie das zu nennen ist… Also er, Bannas, würde einen Arbeiter- und Spätheimkehrersohn wie Pofalla nicht „kleinen Verhältnissen” zuordnen, er steht da drüber, kleine Verhältnisse gibt es für ihn nicht, nur ordentliche und unordentliche Verhältnisse. Aber irgendeine geheimnisvolle nebengeordnete Instanz scheint auf solche Sprachregelungen zu bestehen. Kann man nichts machen. Und der „leicht näselnde” Pofalla ist der Leidtragende.

Fernsehen: Tiere und Köche gehen immer.

4. Oktober ’11

Pofalla kann Bosbachs Fresse nicht mehr sehen. Bei seiner eigenen macht er eine Ausnahme.

2. Oktober ’11

Die neueste Anschleimtour der Reporter:

Wie haben Sie es geschafft, dass der Rafael plötzlich so erfolgreich Fußball spielt…

Wie haben Sie es geschafft, dass der Chancentod Lewandowski jetzt plötzlich Tore schießt…

Ja, was soll ein Trainer da sagen. Wenn er klug ist, ekelt er sich einfach nur.

29. September ’11

Ich hatte den Band Begegnungen von Joachim Fest dabei, aber ich merkte bald, dass das Lesen bei mir nicht die Begeisterung auslöste wie bei meinem Freund, der mir das Buch ans Herz gelegt hatte. Über nahe und ferne Freunde, ist der Untertitel, und Fest referiert die Begegnungen und Gespräche mit Leuten wie Sebastian Haffner, Johannes Gross, Hannah Arendt. Nichts gegen Konservative an sich. Fest schreibt im Stil eines Herrenreiters, recht steif sitzt er auf seinem Pegasus, kaum, dass er sich Auslassungen (Ellipsen) gestattet, was aber ratsam wäre. Und dieses Schreiben aus der Erinnerung, die memorierten Gespräche… Fest bedient sich dabei unentwegt des Konjunktivs und scheint es zu genießen, wie gut er diese schwierige grammatikalische Form beherrscht. Ich empfinde das Übermaß dieser Mollakkorde als Belästigung. Ein guter Text sollte nicht mehr als zehn Prozent konjunktivischer Wendungen enthalten. Bei Fest könnten es neunzig sein.

Am Nebentisch saß Bruno, der Österreicher, mit seiner Frau, und ich dachte sofort an seine Schulden. Bruno war wirklich das Schulden-Monster, er war ein Workaholic, saß den ganzen Tag im Büro, und alles , was dabei herauskam, waren Schulden. Er floh der Schulden wegen von Salzburg nach Stockholm und von Stockholm nach Berlin. In Berlin kann man wahrscheinlich mit seinen Schulden besser leben als in jeder anderen Stadt. Man existiert einfach nach der Maxime, dass einem nackten Mann nicht in die Tasche gefasst werden kann und bewahrt die Ruhe. Und ganz so sah Bruno eben auch aus, wie er da saß, im Biergarten, mit seiner Frau. Ein nackter Mann, der die Ruhe bewahrt.

Koch Spirituosen in der Liebknecht-Straße am Alexanderplatz. Auf dem Namensschild der Verkäuferin steht Fr. Vorsatz. Ein passender Name für so einen Laden, sage oder lobe ich. Der gute Vorsatz, nicht zu viel zu trinken, aber auch nicht zu wenig…

Die Frau ist ganz meiner Meinung.

27. September ’11

Trainer Dutt war stolz, dass sich sein Team nicht abschlachten ließ. Lediglich 0:3 in München gegen die Bayern, da kann man recht zufrieden mit sich sein.

Was ist da los? Leverkusen spielte Champions League und gehörte vor der Saison zu den Titelanwärtern in der Bundesliga. Muss man da in München gleichsam mit vollgeschissener Hose antreten? Sollen wir die Saison jetzt schon am siebten Spieltag begraben und uns bis Mai das Triumphgeheul der Bayern anhören? Oder wäre es besser, wenn wir unser Interesse auf die tschechische Gambrinusliga richteten?  Eine Liga, die sich derart dominieren lässt, ist unsere Aufmerksamkeit nicht wert.

Andererseits schützt die Dutt’sche Demut möglicherweise vor dem Burn-out-Syndrom.

Ich frage mich: Was wäre gewesen, wenn Schalke am vorletzten Spieltag nicht sang- und klanglos in Gelsenkirchen gegen die Bayern untergegangen wäre, sondern durch irgendeine absurde Eigendynamik gewonnen hätte? Wäre Ralf Rangnick dann auch mit dem Burn-out-Syndrom zurückgetreten? So aber wirkte nicht nur der Trainer, sondern das ganze Team ausgebrannt, um am nächsten Spieltag aus der Asche aufzuerstehen. Das Team.

Ausgebrannt ist man, wenn man sich einer unlösbaren Aufgabe gegenüber sieht. Das gab es früher auch schon, als das Wort Burn out noch unbekannt war. Wie ging man damals mit diesem Zustand um? Man versuchte ihn zu bekämpfen. Sich zusammenzureißen. Zu motivieren. Oder stellte fest, dass man den falschen Job hatte und suchte sich einen anderen (Du musst dein Leben ändern. Ist das nicht Sloterdijk, der des öfteren auch ziemlich ausgebrannt aussieht oder eben schläfrig, erschöpft?) Heute hat das Ding einen Namen, man kann sich behandeln lassen und ein Buch schreiben wie Miriam Meckel, die heute schon wieder fit genug ist, um Günther Jauch zu verspotten, weil er ihrer Freundin Annne Will den schönen Sendeplatz am Sonntagabend weggenommen hat, falls das nicht die ARD war.) Ich glaube aber, dass auch Günther Jauch bald ausgebrannt sein könnte, wenn er öfter mal als einzigen Gast die Kanzlerin in der Sendung hat (vielleicht auch mal den Papst), um staats- und EU-tragende Gespräche zu führen.

Kurz und gut. Der medizinische Begriff, die anerkannte Krankheit erlauben uns, die Kampfhandlungen einzustellen und uns fallen zu lassen, nicht mehr handeln müssen, sondern behandelt werden.

Was aber, wenn ganze Kollektive burn out haben wie zum Beispiel die FDP oder auch die Linkspartei vor den Berliner Wahlen und natürlich auch danach? Wie kann es dazu kommen und was macht man dann? Du musst dein Leben ändern, du musst dein Leben ändern, du musst dein Leben ändern.

In seiner Jean-Paul-Biographie fragte Günter de Bruyn, wenn ich mich recht entsinne: Wie wird jemand Alkoholiker? Indem er mehr will, als er kann. Das ist zwar eher eine philosophische Antwort auf eine medizinische Frage, aber bedenkenswert ist sie schon. Vom Hochmut zum Kleinmut ist oft nur ein Schritt.  

20. September ’11

Wenn’s auf dem Platz funktioniert, geht’s auf den Rängen und in der Pressekonferenz schief. So kommt es, dass die FAZ den FC Schalke 04 ermahnen muss, seine Fans im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu disziplinieren und von freien Meinungsäußerungen gegen ihr früheres Idol Manuel Neuer abzuhalten. Wie macht man das? „Einfach ein bisschen Zivilcourage zeigen”, fordert der Sportweise Peter Penders vom Verein. Ach, so macht man das. Hier empfiehlt sich jemand für höhere Aufgaben.

Schalke war ohne Chance gegen Bayern München. Trainer Jupp Heynckes sprach von „großem Fußball” seines Teams, und über Franck Ribéry im speziellen: „nach hinten ist er besser als im vergangenen Jahr”. Da wird sich mancher freuen, nur nicht der kleine Königsmörder Horst Heldt, Manager von Schalke, der sich beeilt, von der Schwäche seines Vereins auf die ganze Liga zu schließen. „Die Liga muss sich etwas einfallen lassen”, um sich gegen die Bayern zu behaupten. Und dann wurde er witzig, wie er fand. Die Bayern, schlug er vor, dürften nur noch mit neun Mann spielen, man könnte ihnen das Auswechseln verbieten oder Münchner Spieler schon nach einer Gelben Karte vom Platz stellen.

Da wüsste ich schon, wieviel Gelbe Karten den Bayern gezeigt werden würden. Eine vielleicht? Aber auch erst beim Stand von 5:0 für die Münchner oder so. 

19 . September ’11

Michel Houellebecq war zu Buchvorstellungen in Brüssel und Den Haag avisiert, vor Ort aber nicht zu erblicken. In eben diesem letzten Roman „Karte und Gebiet”, dessen flämische Übersetzung vorzustellen war, ließ der Autor Houellebecq eine Romangestalt namens Houellebecq ermorden. Da mussten, bei Nichterscheinen des Autors, die Alarmglocken läuten, es sei denn, man kennt Houellebecq ein wenig und weiß, dass die Unzuverlässigkeit zu seinen Tugenden gehört. In der Qualitätszeitung FAZ schreibt nun Jürg Altwegg, gerühmt als Vermittler  französischer Literatur, dass Houellebecq als „Hauptdarsteller in seinem eigenen Buch” die Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas aufsucht und als Rache dafür, dass Dignitas seinen sterbewilligen Vater ins Jenseits befördert hat, die Sekretärin erschlägt.

Wenn ich noch lesen kann, verhält es sich aber so, dass Houellebecq doch eher als Nebendarsteller in seinem Buch auftaucht und dass es der Hauptakteur des Buches, der Maler Jed Martin, ist, der bei Dignitas aufkreuzt und um sich schlägt. 

Man wundert sich nicht zum ersten Mal, mit welcher grandiosen Selbstgefälligkeit Leute über Bücher urteilen, die sie nicht kennen. Was soll man tun, wenn man sich nicht auf seine Qualitätszeitung verlassen kann? Reden wir jetzt alle miteinander über Bücher, die wir nicht gelesen haben, diskutieren wir über Filme, die wir nicht sahen, und ereifern wir uns über eine Wahl, die uns eigentlich nicht interessiert, weil die Politiker nur Politikerdarsteller sind?

16. September ’11

Literaturkritiker haben, das ist bekannt, nicht nur einen sechsten, sondern oft auch einen siebten, achten und neunten Sinn. Sie finden Sachen heraus, auf die kein normaler Mensch käme. So ist es nicht verwunderlich, dass ein Helmut Böttiger im so genannten politischen Feuilleton des Deutschlandradios die „ganz große Täuschung” enthüllt, die hinter den „literarischen Verarbeitungen früher DDR-Erfahrungen“ steckt. „In diesem Herbst werden die Umstände der DDR-Sozialisation auf ganz neue Weise enthüllt”, hat Böttiger bemerkt. Da sind wir aber mal gespannt.

Nun. Böttiger berichtet, dass in den neuen Romanen von Angelika Klüssendorf und Antje Ravic Strubel, die in der DDR spielen, zwei Lieder eine großen Rolle spielen, „Am Tag als Conny Kramer starb” und „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst”. Die Lieder besetzen sozusagen die Gefühle der DDR-Jugendlichen.

Dass weder Klüssendorf noch Strubel den Namen der Sängerin Juliane Werding nennen, macht Böttiger ganz hellhörig. Das „muss etwas bedeuten”, raunt er. Und, man sollte es nicht glauben, Böttiger kommt den Gründen auf die Spur :  „Ausgerechnet eine blonde, üppige Sängerin aus dem Ruhrpott bringt das Selbstgefühl der DDR-Bürger auf den Punkt!”, ermittelt er. Und dann kann er nur noch jubeln: „Der Westen liefert die Häkelmuster! Dass weder Juliane Werding noch die Herkunft dieses Schlagers ausdrücklich genannt werden, legt umso mehr den Finger in die Wunde. Klüssendorf wie Strubel demaskieren gerade dadurch alle Hohlheiten der DDR-Nostalgie um sie herum.”

Man möchte einen sicher honorigen Literaturarbeiter wie Helmut Böttiger nicht unbedingt damit konfrontieren, welche Hohlheiten sein eigener Text enthält. Jeder Autor schießt mal übers Ziel hinaus, wenn es ihn packt. Aber gibt’s da keinen Redakteur? 

Wenn man aus Böttigers halluzinatorischen Worten etwas entnehmen kann, dann ja wohl dies: Die DDR war ein leeres Gefäß. Und falls darin doch etwas enthalten war, dann kam dies aus dem Westen. „Damit”, staunt Böttiger, auch über sich selbst, „konnte man in den bundesdeutschen frühen Siebzigerjahren nicht rechnen: dass man einmal für das Lebensgefühl in der DDR stehen würde.” Hören wir recht? Nimmt er alles auf seine Kappe? Die Lieder aus dem Westen, aber auch Stasi, Doping, Staatspartei? Respekt, Respekt.

12. September ’11

Bayern München – SC Freiburg 7:0. Wen juckt’s! Es juckt auch niemanden, dass das 2:0 aus Abseitsposition erzielt wird. Im Gegenteil: Der Schiri wird ausdrücklich gelobt, dass er das schöne Hacketor von Ribéry nicht annulliert hat. Fußballerisch gesehen leben wir bereits in einer Bananenrepublik, und der Fußball ist oft der Vorläufer für gesellschaftliche Entwicklungen auf anderen Gebieten. „Gomez überragend” heißt es in den Medien. Nun, er musste zweimal nur den Fuß hinhalten, einmal wurde er vom Gegenspieler so angeschossen, dass der Ball ins Tor fiel und viertens holte Thomas Müller wieder einen Elfmeter für ihn heraus, den vierten im vierten Spiel. Die Quote ist unschlagbar. Wir Fußballfreunde leiden darunter, dass die Saison extrem langweilig zu werden verspricht. Den gedemütigten Freiburgern schickte Bastian Schweinsteiger, der emotionale Führer, eine weitere Demütigung hinterher: „Wenn wir gewollt hätten, hätten wir auch noch höher gewinnen können.” Feiner Sportsmann. „Wir dürfen jetzt nicht arrogant werden”, erläuterte hingegen Vorstandsvorsitzender Rummenigge und zeigte, mit Blick auf die Konkurrenten, auch gleich, wie das geht: „Die Dortmunder Niederlage ist etwas überraschend. Auf der Gegeseite bei Hertha haben drei Bayern-Spieler mitgewirkt. Das ist auch ein bisschen eine Erklärung.” Typischer Fall von nicht lernfähig. Als die Hertha zu Hause gegen Nürnberg verlor, haben da auch drei Bayern-Spieler mitgewirkt. Das war auch ein bisschen eine Erklärung.

Landesbischof Ralf Meister, Nachfolger von Margot Käßmann, in der FAS:

„Spiritualität darf nicht als Freiheit verstanden werden, sich der Vernunft der Welt zu entziehen.”

„Wer seinen Glauben ohne intensiven Zweifel vorträgt, der hat vom Glauben nicht viel verstanden.”

„Es wird vom Fußballgott und ähnlichen Gestalten geredet – aber das hat doch mit Gott nichts zu tun! Der sogenannte Fußballgott besteht aus unseren Wünschen und Sehnsüchten und allem, was uns sonst noch einfällt. Echte Frömmigkeit greift nach etwas vollständig anderem.”

Ich stelle mir vor, wie ein solcher Christ im Stadion an der alten Försterei steht und sich anhören muss, wie die Masse mindestens elfmal Fußballgott brüllt, nämlich jedes Mal, wenn der Stadionsprecher die Spielernamen der Heimmannschaft ausruft. Und wenn jemand eingewechselt wird, dann noch mal. Und noch mal. Und wenn jemand ein Tor geschossen hat, abermals. Fußballgott. Fußballgott. Da eitern uns Christen die Ohren. 

9. September ’11

Hofberichterstatter Horeni schreibt in der FAZ:

„Joachim Löw sprach gerade davon, wie froh er über die erwünschten Schwierigkeiten sei, die sich seinem Team auf dem Weg zur Europameisterschaft im kommenden Sommer in Danzig auftaten, als plötzlich auch für den Bundestrainer alle Lichter ausgingen. Löw saß im stockfinsteren Pressekonferenzraum, aber er redete einfach weiter in die Dunkelheit hinein, als wäre nichts geschehen.”

Horeni will uns auf seine unaufdringliche Weise zeigen: Löw ist nicht nur ein herausragender Fußballfachmann. Er imponiert auch durch seine menschlichen Tugenden. So hat er zum Beispiel keine Angst im Dunkeln. (Es sei denn, es handele sich beim geschilderten Vorgang um Pfeifen im Walde. Aber das wollte Horeni uns, glaube ich, gerade nicht sagen.) Löw fördert junge Spieler, er ist unsentimental im Umgang mit Auslaufmodellen, er lässt das Team rotieren, er pflegt sich regelmäßig mit Niveacreme, kann schwimmen und mit dem Ball jonglieren wie ein Gartenzwerg. Mit einem solch unerschrockenen Trainer haben wir die Europameisterschaft eigentlich schon gewonnen. Wir können sie folglich ausfallen lassen. Die Stadien in Polen und in der Ukraine sollen sowieso nicht sicher sein. Und auch Weltmeister von 2014 sind wir im Prinzip schon jetzt. Streichen wir also auch die nächste Weltmeisterschaft. Titel sind alles, was Joachim Löw noch fehlt. Da wollen wir doch nichts anbrennen lassen, Freunde.  

Bei der Gelegenheit ein Wort zu Thomas Müller. Der junge Bayern- und Nationalspieler hat sich offenbar auf das Herausholen von Strafstößen spezialisiert. Drei Elfmeter in drei Spielen ergeben eine tolle Quote. Natürlich muss der Schiedsrichter mitspielen, das ist klar. Äußerlich erinnert Thomas Müller stark an Karl Valentin. Und er besitzt durchaus mimisches Talent. Nach jedem verlorenen Zweikampf schneidet er ein Gesicht, als habe der Gegenspieler ihm ein Bein abgehackt. Welcher Schiedsrichter kann da schon nein sagen!

6. September ’11

Fußballprofis sind eigentlich chronisch Kranke, die manchmal in der Lage sind, zu unser aller Vergnügen Fußball zu spielen. Hannovers Ersatztorhüter Markus Miller leidet an mentaler Erschöpfung und beginnendem Burnout. Woher kommt die Erschöpfung, kann man fragen, denn Miller musste sich zuletzt ja nicht dem Wettkampf, sondern nur dem Training stellen. Erschöpft es ihn, dass er nur der zweite Mann im Tor ist? Sind die Leiden der Fußballprofis eher seelischer Art? Hamburgs Stürmer Paolo Guerrero, der wegen seiner Flugangst berühmt ist, verkrampfte im Flieger nach Zürich derart, dass eine alte Oberschenkelverletzung wieder aufbrach. Und Sami Allagui von Mainz 05 erlitt einen Schwächeanfall, der allerdings keine ernsten Ursachen haben soll. Allagui hatte nur zu wenig gegessen und getrunken. Bundestrainer Jogi Löw sagt über Lukas Podolski, seinen Lieblingsspieler: „Er freut sich, wenn man ihn kritisiert. Er nimmt die Dinge an. Vor allem, wenn man mit Bildern arbeitet, ist Lukas empfänglich.”  Da können auch wir uns ein Bild machen.

Gleichzeitig sehe ich im TV die hinkenden, kollabierenden, sich erbrechenden, bandagierten und getapten Tennisprofis in New York. Sport ist Mord, und Massensport ist Massenmord, sagt angeblich der Volksmund. 

2. September ’11

Grundlage für ein freies Leben ist radikaler Konsumverzicht. Laut Tom Hodgkinson (Zeit, 25. 8. 11). Vor allem: Weg mit dem Fernsehapparat. 

1. September ’11

Seit drei oder vier Wochen spielen wir Tischtennis auf einem glatten Hallenboden. Ich weiß nicht, warum der Belag plötzlich so glatt ist; wir spielen da schon seit fünfzehn Jahren oder so, immer mittwochs. An einem Mittwoch lagen plötzlich lauter Filzmatten in der Halle. Wir räumten sie beiseite und spielten unsere Spiele. Nach dem Training breiteten wir die Matten wieder aus. Beim nächsten Mal waren die Matten weg, aber der Boden war eben glatt. Wenn man jetzt spielt, fühlt man den unsicheren Grund, auf dem man spielt. Wir alle. Wir sind jetzt irgendwas zwischen Tischtennisspieler und Eiskunstläufer. In der Halle, sie gehört zu einer Schule mit einem angeblich strengen Direktor, liegen immer vergessene Sportkleidungsstücke. Johannes sucht sich da was heraus, ein Hemd, einen Schlüpfer, irgendeinen Lappen, macht es nass, legt es neben den Tisch und feuchtet damit ab und zu seine Sohlen an. Aber sicher kann auch er sich nicht fühlen. Gerd, der Rechtsanwalt, dreht ab und zu eine Pirouette, liegt aber nie am Boden. Mich erwischt es einmal, ich lande auf dem rechten Knie und dem Ballen der rechten Hand. Kann weiterspielen, aber der Spaß ist schon irgendwie vergangen. Man liegt, glaube ich nicht falsch, wenn man diese Angelegenheit als Parabel versteht.

Der Millimetermann steigt aus dem Golf und belauert den PKW noch eine Weile. Mit seiner Frau, der Sturmwarnung, pflegt er nicht so einen engen Kontakt.

Vor meinem Fenster: Kleinkinder, Kleingärtner, Kleinrentner.  Nur die Kleinkinder sind echt klein. Wie sagte Stephan: Ich bin der kleinste Kleinrentner von Berlin-Mitte. Und ist dabei 1,93 m groß.  

 22. August ’11

Bayern München gegen Hamburger SV 5:0. Was sagst du nun? Ich sage, dass das vierte Tor (Mario Gomez) aus Abseitsposition erzielt wurde. Aber das rührt ja niemanden. Es wird nicht thematisiert. Abgesehen davon hatten die Bayern es mit einem Gegner zu tun, der unübertroffen darin ist, teure und falsche Personalentscheidungen zu treffen.

Den Bayern werden irreguläre Tore anerkannt, den Gegnern reguläre Treffer aberkannt (letzte Woche in Wolfsburg – kicker online: Schiedsrichter Knut Kircher (Rottenburg)   Note 5, wohltuend großzügige Spielleitung, allerdings hätte Riberys tätlichkeitsverdächtige Schlagbewegung gegen Mandzukic mindestens mit Gelb geahndet werden müssen (19.). Spielentscheidender Fehler: Helmes stand bei seinem Treffer nicht im Abseits (39.). Richtig erkannt wurde hingegen die Schwalbe von Kroos (42.). Vertretbar auch, bei Luiz Gustavos Körpereinsatz gegen Koo nicht auf Strafstoß zu entscheiden. – Da kommt einiges zusammen, mein lieber Mann!)

In der Nacht spielte Maria Scharapowa das Finale von Cincinnati gegen Jelena Jankovic. Die in USA lebende Russin gegen die in Dubai und San Diego lebende Serbin. Obwohl Scharapowa wegen ihrer Werbeeinnahmen die bestverdienende Sportlerin der Welt sein soll, gefällt sie mir, sie ist im Tenniszirkus mit seinen Ehrgeizlingen, Selbstdarstellern und Halbverrückten trotz allem authentisch, genauso, wie ich auch die Williams-Schwestern für authentisch halte. Ich gebe zu, dass ich Frauentennis lieber sehe als Männertennis, ohne Gründe angeben zu können, vielleicht ist der Faktor des Unberechenbaren höher, vielleicht offenbaren sich die Emotionen deutlicher. Scharapowa spielte so gut wie lange nicht, sie ging im ersten Satz mit 4:1 in Führung, aber es scheint ihr Schicksal zu sein, dass sie in jedem Spiel ein tiefes Tal zu durchschreiten hat. So fabrizierte sie wie so oft eine unbegreifliche Serie von Doppelfehlern. Sie verlor die Geduld und wollte mit Gewaltschlägen sofort den Punkt machen. Das ist das Fatum des athletisch überlegenen Sportlers: Er macht’s mit der Kraft und vergisst seinen Kopf. Jankovic, auch irgendwie authentisch, indem sie ihre schlechte Laune und ihre grusligen Manieren selten versteckt, gewann sieben Spiele in Folge, den ersten Satz noch 6:4, im zweiten lag sie 2:0 vorn. Dann nahm Scharapowa, von sich selbst entsetzt, Jankovic den Aufschlag ab, rettete sich in den Tiebreak und holte sich den zweiten Satz. Im Entscheidungssatz brachte keine von beiden bis zum 3:3 ihren Aufschlag durch. Dann schaffte Scharapowa in ihrem Aufschlagspiel das 4:3. Danach war es, als hätte sie einen Bann gebrochen (Jankovic hat manchmal wirklich etwas Hexenhaftes, ich sage das mit allem Respekt). Scharapowa siegt 6:3. Selten war die Erleichterung in einem Sportlergesicht so sichtbar. 

Danach war es um zwei in der Nacht. Nach dem aufreibenden Tennismatch waren Körper und Geist nicht in der Lage, sich zur Ruhe zu begeben. Ich brauchte ein Kreuzworträtsel und eine Schlaftablette.

19. August ’11

Ein glücklicher Opa auf dem Weg neben der Kleingartensparte „Stallwiese”. Sein Enkel kritzelt Bilder in den schwarzen, fest gestampften Sand.

18. August ’11

Sie macht nicht viel. Aber was sie macht, macht sie schlecht.

Die ging ja noch, sagten wir, als die Versicherungsagentin wieder raus war.

17. August ’11 

Wieder eine Gelegenheit sich zu freuen, dass man kein Auto mehr besitzt. Nun gut, unseres haben sie vor ein paar Jahren geklaut, aber das ist ja fast noch gnädiger, als so ein ausgebranntes Wrack anschauen zu müssen.

Obwohl man in Berlin oft das Gefühl hat, die Stadt schlafe nie und keiner je wirklich unbeobachtet sei, werden die Brandstifter nicht ermittelt. Was sind das für Täter, was geht in ihnen vor? Es gibt – hoffentlich – kein Verständnis, von keiner Seite. Eines stimmt jedoch auch. Wir reden gelegentlich von der Gefahr der Überbevölkerung (siehe Jonathan Franzen: „Freiheit”), von der Übermotorisierung hingegen reden wir kaum. Obwohl wir das Gefühl haben, es gebe zu viel PKW auf der Welt, machen BMW und Daimler wieder Rekordumsätze, die Werke können die Aufträge kaum abarbeiten. Das Gespenst der automobilen Gesellschaft ist unbesiegbar. Autos stehen Autos im Weg, und das Subjekt im Auto wird unvermittelt zum Objekt. Ohne es zu ahnen.

14. August ’11

Die besten Nachos von Berlin gibt es im CinemaxX am Potsdamer Platz. Aber das ist doch ein Kino! Ja. Das ist ja das Schlimme. Da ist am Donnerstagabend ganz schön was los. Schlangen an allen Kassen. Sie sind nicht besonders lang, aber sehr langsam. Vor uns sagt ein wuchtiger Mann mit Stoppelhaarschnitt zu seiner schmalen Frau: Geht hier überhaupt nicht vorwärts. Saftladen, Mensch.

Eine Kinokarte kaufen, so was geht heute nicht mehr ohne den Computer. Du kannst den Kinosaal in der Simulation sehen und dir deinen Platz aussuchen. Der Mann vor uns, der sich beschwert hat, dass die Leute alle so lange gebraucht haben, nimmt sich jetzt so richtig Zeit. Er überlegt und überlegt, welches die zwei Topplätze sein könnten und will wissen, ob die Karten finanziell differieren. Er ist nicht nur der Fettkloß, sondern auch der Finanzminister der Familie. Nach den Tickets geht’s um das leibliche Wohl der kulturinteressierten Berliner. Da fällt Wahl noch schwerer. Es stehen vier Sparmenüs und ein Pärchenmenü zur Auswahl. Der Familienfinanzminister handelt nach einer einfachen Faustregel: viel und günstig. Er entscheidet sich für das Pärchenmenü: 1 große Portion Tortilla Chips sprich Nachos, ein großes Warsteiner und ein großer Softdrink (Coke) – „Sie sparen bis zu 20 %”. Da kann er zusätzlich noch eine große Portion Popcorn mitnehmen. Nicht, dass sie noch verhungern während der Filmveranstaltung.

Um welchen Film geht’s denn? Berechtigte Frage, wenn auch der Film beim von CinemaxX angestrebten „perfekten Kinoerlebnis” zweitrangig sein mag… Erst kommt das Fressen oder auch das Schmatzen und Schlürfen und dann die Kunst… Es war „Company Men”, das Regiedebüt von John Wells. Hochrangige Manager, die in Folge der Finanzkrise gefeuert werden. Es trifft den 37jährigen wie den 56jährigen, dem die Bewerbungstrainerin rät, sich die Haare zu färben. Aber auch das bringt nichts. Der berühmte amerikanische Optimismus, das Yes, we can, hält nur eine halbe Stunde. Den Männern, die eben noch im Luxus mit Villa, Golfclub und Porsche lebten, vergeht die Zuversicht. Auch ich habe es nicht leicht. Die Nachos im CinemaxX am Potsdamer Platz sind frisch und knusprig, vielleicht ein bisschen zu hart. Als die Zähne meines Hintermanns beginnen, sie zu zermalmen, zucke ich zusammen und blicke erschreckt zurück. Aber der Typ hinter mir ist härter als die Männer im Film. Mein Entsetzen rührt ihn nicht. Rechts neben mir stopfen sie Popcorn aus einem Riesenplastiksackerl in die nimmersatten Schnäbel. Die Verpflegung reicht bis zur letzten Minute des Films. Ohne essen zu können, wäre das Filmerlebnis öde. Jetzt weiß ich auch, warum in Hellersdorf solche Volumina unterwegs sind. Dort gibt es auch ein großes Kino. Sie gehen da rein und fressen von Anfang bis Ende fettes Zeug. 

11. August ’11

Der Mann auf der nächtlichen Ehrenfelsstraße war so bissig wie sein Hund: Warum fahren Sie denn uff’n Bürgersteig? Is doch so ’ne schöne Straße hier! Nächste Mal mach ick Anzeige.

Ist wohl so. Der Deutsche erstattet gern Anzeige. Zumindest droht er gern damit.

„Nach einer halben Stunde landete der Ball an der Seitenlinie bei Joachim Löw. Der Bundestrainer nahm ihn elegant an und ließ den Ball lässig auf seinem Fuß tänzeln. Es war, als wollte auch der Bundestrainer gegen Brasilien zeigen, dass technisch hochklassiger Fußball mittlerweile auch in Deutschland zuhause ist.” Wer das Geschehen ein wenig verfolgt, weiß sofort: Das kann nur Hofberichterstatter Horeni von der FAZ geschrieben haben. Die Schleimspur ist breit. Man muss achtgeben, dass man nicht reintritt. Dem Kenner ist bekannt, wie das aussieht, wenn der Bundestrainer mit dem Ball jongliert. Es hat etwas verdammt gartenzwerghaft Selbstgefälliges an sich, Zeitlupe. Ich meine, es war auch nicht nötig, dass der Bundestrainer technische Klasse zu zeigen versuchte, die Spieler zeigten sie wirklich. Andererseits entging uns nicht, dass auch der Bundestrainer beim Spiel ins Schwitzen gerät. Er sollte in Zukunft doch lieber dunkle Hemden tragen. Hat er noch nichts von den guten Deos gehört? Sieht er nur die Werbung, in der er selbst auftritt? Horeni wiederum hat schon so schlechte Augen wie jene sagenhaften greisen DDR-Sportreporter, die nicht mehr viel sahen, aber eben zuverlässige Reisekader und ideologisch geschult waren. Horenis Meinung nach war es André Schürrle, der in den Strafraum der Brasilianer eindrang und den Strafstoß herausholte. Es war aber Toni Kroos. Zwar sind beide Spieler blond, zwar haben beide zwei Arme und zwei Beine, man kann sie aber schwerlich verwechseln. Gut, sage ich, wenn der Horeni so schlecht sieht, dann ist er vielleicht gar nicht ein solcher Schleimer, es sind halt die Augen, die ihm etwas vormachen, was gar nicht ist.

Mehmet Scholl (der neue Netzer bei der ARD) sah  eines der besten Spiele von Mittelfeldakteur Toni Kroos. Muss ich ihm recht geben. Kroos habe seine herausragenden fußballerischen Fähigkeiten zuletzt bei Bayern München kaum gezeigt, aber vielleicht, so Scholl, fehlten ihm da die Mitspieler, wie er in Mario Götze gegen Brasilien eben einen hatte.

Ja, das war gut gesehen. Man kann bei Bayern München kaum noch von einem Spielkonzept sprechen. Es ist alles darauf angelegt, dass Robben und Ribery irgendwann mal mit dem Kopf durch die Wand stoßen. Und wenn die beiden Einzelkönner oder auch Egoisten verletzt sind, müssen die Ersatzleute so spielen wie sie. Das ist monoton. Fußball der neunziger Jahre.

10. August ’11

Nun kann ich nicht mehr bei netto einkaufen gehen. Der Kassiererin gefiel meine Unterschrift nicht. Ich lehnte es ab, für sie Schönschreibübungen zu leisten. Sie sehen alle zu viele Daily Soaps und Gerichtshows und wollen nun in ihrem Supermarkt Ermittler spielen. Die Schlange wurde länger. Die Kassiererin rief den Chef. Ich sollte beweisen, dass die Kreditkarte mir gehört. In einem Supermarkt, wo ich seit 35 Jahren einkaufe. Ein Trinker in der Schlange forderte mich auf, Folge zu leisten. Wir stehen hier wie blöd, maulte er. Sie haben es wohl eilig, an Ihre Flasche zu kommen, wollte ich sagen, tat es aber nicht. Wer weiß, warum er trinkt. Ich gab die Waren (Wert 12,35€) zurück, der Zahlvorgang wurde storniert. Ich entfernte mich. Für immer, nehme ich an.

9. August ’11

Jupp Heynckes ist ohne Zweifel ein Unikum im deutschen Fußball. Er ist schon so lange dabei, als Spieler und als Trainer, er schien immer wider Willen zu reden, und sein Kragen war stets zu eng. Er hatte sich schon zur Ruhe gesetzt, als die Bayern ihn zur Überbrückung nach dem Klinsmann-Intermezzo für ein paar Wochen holten, und da bekam der alte Jupp wieder Lust auf Fußball. Er coachte mit dem Eigensinn, der ihn auszeichnet und plagt, Bayer Leverkusen, und als den Bayern nach dem Missverständnis mit Louis van Gaal nichts mehr einfiel, holten sie abermals den alten Jupp. Wer viel Geld hat, braucht nicht innovativ zu sein. Die Bayern kaufen nicht Zukunft, nicht Leistung, nicht Talent, sie kaufen Ruhm, Namen und Erfolg und wir heimlichen Experten wussten von Anfang an, dass das natürlich nicht gut gehen kann. In den letzten Tagen vor Saisonbeginn wurden ständig Bilder gezeigt, auf denen der alte Jupp fröhlich lachte. Diese Bilder hatten etwas extrem Gemachtes und Unechtes, so irgendwie fröhliche Rentner auf Mallorca-Tour. Man weiß ja, wer bei den Bayern angeheuert hat, befindet sich im Paradies, der Verein hat sein Feld so gut bestellt, dass es seinen Mitarbeitern blendend geht. Die Zufriedenheit und der Hochmut gucken ihnen aus allen Knopflöchern. Aber auf dem Platz müssen sie sich trotzdem abmühen. Nicht jeder Gegner erstarrt vor Ehrfurcht vor den satten Bayern. Und vom Jupp sehen wir jetzt wieder Bilder, auf denen er nicht lacht und der Kragen enger zu sein scheint als je.

 8. August ’11

„Der Ball liegt nach Arangos Freistoßhereingabe im Bayern-Tor, doch der Treffer zählt aus unerfindlichen Gründen nicht.”  Kicker-online. Schiedsrichter Babak Rafati. Da wissen wir also, was uns diese Saison wieder erwarten wird. 

Wider Erwarten gewinnt dann Mönchengladbach doch in München gegen die Bayern, und das Tor – nun, blöder kann man sich als Torwart und Innenverteidiger nicht anstellen als die Münchner Neuzugänge Manuel Neuer und Jerome Boateng, unabhängig davon, dass Neuer in deutschen Medien und von deutschen Fußballexperten unablässig als bester Torwart der Welt bezeichnet wird. Jugendfreunde, Superlative im Fußball: bester Torwart, bester Trainer, bester Mittelfeldspieler, bester Außenstürmer – lasst sie doch einfach stecken! Sie stimmen nie. Erlaubt ist hingegen ein Vergleich des Dortmunder Spiels mit dem FC Barcelona. Es gab da einige schnelle, verwirrend schöne Spielzüge, die auch noch drei mal mit einem Tor abgeschlossen wurden. 

6. August ’11

Wenn es nicht hinkt, ist es auch kein Vergleich, sagt ein Internet-Experte lässig im Deutschlandradio, und schon ist der Tag für mich gerettet. 

5. August ’11

Das berühmte Bayern-Gen, im Fußball jetzt, sollte man es nicht richtiger Aufschneider-Gen nennen? Umso schlimmer, wenn andere Teams wie die Berliner Hertha es einkaufen wollen. (Lell, Kraft, Ottl).

4. August ’11

Hellersdorf in Ostberlin ist ein kleineres Marzahn. Die Neubaublocks sind nicht so gewaltig, und nach der Wende haben sie das Zentrum ausgebaut und es Helle Mitte genannt. Was fällt mir auf, wenn ich in Hellersdorf bin? Also zum Beispiel in den Malls Leute, die ihr Frühstück verzehren, Latte Macciato trinken und sich wie Geschäftsleute gebärden, wobei sie mit Vorliebe mit dem Löffel gestikulieren. Befindlichkeits- und Bewerbungsgespräche. Die Klientin der Sozialarbeiter betont, dass sie gerne arbeitet, weil sie „auf Arbeit akzeptiert” ist. Der Manager spricht gleichförmig, aber unaufhörlich. Am Ende der Sätze hebt er die Stimme, wie um anzudeuten, dass er noch viel mehr zu sagen weiß: Ich bin noch längst nicht am Ende meiner Weisheit. Er hat eine Igelfrisur und eine schwammige Hüftpartie. Ein Grundvertrauen ist ja da, sagt ein Sozialarbeiter mit dünnem blondem, gleichwohl langem Haar. Der Manager erzählt von guten Anfangserfolgen Neueingestellter. Echt? Das ist ja toll, sagt seine Kandidatin.

Mir drängt sich eine Frage auf: Was esst ihr denn hier alle? Wieso? Na, weil ihr so dick seid.

Beim Inder bin ich der einzige Gast. Ein paar Meter weiter sitzen sie vor der Kneipe, trinken Bier, haben nichts zu tun, ihre Unterhaltung klingt wie Streit, und einer schreit: Weil ick keen Arschkiecher bin! Ick ooch nich, sagt  der andere und holt noch mal Bier. Wenn sie Arschkriecher wären, hätten sie vermutlich Karriere gemacht. Oder was wollen sie sich und der Welt sagen?

2. August ’11

Solche Filme sind schnell wieder aus den Berliner Kinos verschwunden, und in den Kinos der meisten anderen Städte kommen sie gar nicht erst an: „Win Win” von Thomas McCarthy. Das Kant Kino 3 war mehr als halb gefüllt, es hat kaum mehr als 30 Plätze. Ein großes Wohnzimmer, in dem allerdings Fremde sitzen. Nur zwei von ihnen essen Popcorn. Es geht gleich los, ohne Werbung und alles. Ich liebe solche Filme, sage ich mir nach wenigen Minuten. Mike ist Anwalt in einem Vorort in New Jersey und nebenbei Trainer einer Highschool-Ringer-Mannschaft. Als Anwalt setzt er sich für die Armen ein, ist finanziell kurz vor dem Ruin und gesundheitlich nahe am Herzinfarkt. Seiner Familie, Frau und zwei Töchter, verschweigt er das. Und dann macht er einen Deal, der tatsächlich eine Win-Win-Aktion sein könnte. Übernimmt die Betreuung für seinen Klienten Leo, der im Anfangsstadium der Demenz ist, kassiert monatlich 1600 Dollar und steckt ihn trotzdem ins Heim, weil die Betreuung Leo’s in seinem eigenes Haus zu aufwendig wäre. Jaa, nur aus Not ging ich den schlechten Pfad, heißt es bei Villon. Dann taucht Kyle, der Enkel Leo’s, aus Ohio auf, der mit seiner suchtkranken Mutter nichts mehr zu tun haben will. Der entpuppt sich nicht nur als cooler Typ, dessen kriminelle Karriere unausweichlich scheint, sondern auch als hochbegabter Ringer, der Mike’s Loser-Team eine Adrenalinspritze verpasst. Die bedenkliche Komödie scheint vollends zur Tragödie zu werden, als die kaputte, aber reuige oder vielleicht auch nur geldgierige Mutter auftaucht… 

Nach dem Kino gehen wir erheitert, beseelt und beschwingt die lange, lange Kantstraße lang und wollen eigentlich auch Filme machen. Man nennt dieses Stück der Stadt wohl das alte Westberlin. Wilmersdorfer Witwen und so. Schuhläden. Migranten. Aber auch dieses alte Westberlin erneuert sich. Als ich vor fünfzehn Jahren das letzte Mal im Kant-Kino war, machte es einen verdammt versifften Eindruck und nicht nur dies. Jetzt ist es rekonstruiert, sauber, selbstbewusst. Auch der 2001-Shop, in dem die Schnäppchenjäger die CD’s wie im Akkord klappern ließen, ist erweitert, erneuert, hell. Andererseits sitzt vor der Paris-Bar die Silver Generation, langweilt sich und möchte, dass man ihre Rolex-Uhren bewundert. Damals, als Deutschland und Berlin vereinigt wurden, schien das hier der größte Platz der Welt zu sein. Aber darauf kommt es nicht an, wie man in einem Film wie „Win Win” sieht. Da ist eher der kleinste Platz der Welt interessant. Die Familie, die um ihren Bestand kämpft. Der kleine Anwalt, dem der Arzt wegen seiner Herzprobleme Joggen empfiehlt, wobei er dann fast einen Herzinfarkt erleidet. Die strenge Frau mit ihrem versteckten Charme, der man ansieht: Der gute Mike hätte ihr alles offenbaren können, sie würde es mittragen. Co-Trainer Terry, der gleichzeitig ein sympathisches Großmaul und ein Hasenfuß ist. Der alte Coach Vic, der immer, wenn ihn etwas wundert, einen unvergleichlich halboffenen schiefen Mund hat. Der abgründige Charme des demenzkranken Leo. Und Kyle, der Ringer, „der Teenager auf dem Höhepunkt seiner Unerreichbarkeit”, wie es in einer Rezension hieß. Allein seine Bewegungsabläufe auf der Matte, das Schleichende, Lauernde, animalisch Explosive, die unmotivierten Sprünge! Und dieses kleine handliche Reservoir an Lebensweisheiten, das der Junge sich in seinem kurzen, enttäuschungsreichen Leben zurecht gelegt hat. Ja, Mann, das war gut. Das alles war gut.

Alex Shaffer, der Darsteller, ist Laie und natürlich Ringer. Über den Regisseur sagt er: „Ich mag diesen Typ, und ich wollte seinen Film nicht kaputtmachen.” Mehr Worte muss man nicht machen.

Wie kommt man in einen solchen Film? Na, weil man den ersten Film dieses Regisseurs gesehen hat, das war „The Station Agent”. McCarthy’s Co-Autor Joe Tiboni ist übrigens ein alter Freund des Regisseurs und Anwalt in New Providence. In seiner Highschoolzeit war er wie McCarthy im Ringerteam aktiv. Nichts im Leben war umsonst. 

 

31. Juli ’11

Deutschland feiert. Martin Mosebach wird 60. Feiert? Mosebach? Ja, Martin Mosebach ist zum Beispiel Büchner-Preisträger des Jahres 2007, und die großen Feuilletons halten ihn für ganz etwas Besonderes. Einen flexiblen Konservativen mit Geist, Klasse, Bildung und Manieren. Ich hingegen habe einmal eine Seite Mosebach gelesen und schnell genug gehabt von den bemühten Wortgirlanden. Lesen ist eine demokratische Sache. Angeblich beschreibt Mosebach Helden des Scheiterns. Wie es ja eine gewisse Schicht gibt, die gar nicht genug von der Poesie des Scheiterns faseln kann. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung fand folgende Worte für den Büchner-Preisträger: „Die Auszeichnung gilt einem Schriftsteller, der stilistische Pracht mit urwüchsiger Erzählfreude verbindet und dabei ein humoristisches Geschichtsbewusstsein beweist, das sich weit über die europäischen Kulturgrenzen hinaus erstreckt; einem genialen Formspieler auf allen Feldern der Literatur und nicht zuletzt einem Zeitkritiker von unbestechlicher Selbstständigkeit.” Da fällt einem doch das Ohr ab. Kultur der Spache ist was anderes. Sachlichkeit, Angemessenheit sollten auch in der schöngeistigen Literatur ihren Wert haben. 

Warum tust du mir das an? Das ist der Satz, den ich in letzter Zeit auffällig oft höre. Warum tust du mir das an. Oder: Warum mutest du mir sowas zu! Zum Beispiel in der Serie Mad Men. Aber auch in anderen Filmen. Oder im wirklichen Leben. Was bedeutet das? Zeugt es von Egoismus? Von einer besonderen Empfindlichkeit? Sind wir alle Prinzessinnen  auf der Erbse? Warum tust du mir das an? Warum legst du mir, verdammt noch mal, eine Erbse unter meine Matratzen? 

Früher sagte man in solchen Fällen, am besten im sächsischen Sound: Ich bin sehr enttäuscht. Am besten aber sagte man gar nichts. 

29. Juli ’11

Das Wunder des Malachias ereignete sich. Ich hatte mir zwei Achten ins Fahrrad gefahren und schlingerte nur noch so durch die Gegend. Also auf zu Atze’s Fahrradladen, aber das sogenannte Fahrradhaus war nicht mehr da. Stattdessen eine Handvoll Arbeiter, die mit wenig Mitteln ein wahres Chaos an Straße, Bürgersteig und Bäumen veranstalteten. Einer pflaumte mich an, wahrscheinlich passte es ihm nicht, dass ich mit meinem Fahrrad ein wenig normales Leben in ihrem Einzugbereich verbreitete. Was tun? Ich fuhr weiter, denn da, wo früher die libysche Botschaft war, einem überdimensionierten, freistehenden Haus, das es zwischenzeitlich schon weit gebracht hatte auf dem Weg zur Ruine, gibt’s auch noch einen Fahrradladen. Verkaufen Sie nur, oder machen Sie auch Reparaturen? Sie machen auch Reparaturen. Der Fahrradhändler vermittelte einen korrekten, vertrauenerweckenden  Eindruck. Die Acht im Vorderrad fand er noch nicht mal so bedeutend, aber die im Hinterrad nannte er dramatisch. Das war mir nicht aufgefallen. Ich sehe ja auch nur das Vorderrad schlingern.  Auf dem Rückweg waren die Arbeiter mit ihrem Kran und ihrem Lastwagen wieder weg, und das Fahrradhaus war wieder da. Kann doch nicht wahr sein. Das Wunder das Malachias hatte nicht stattgefunden. Einerseits wollte ich den kleinen, traditionsreichen Laden unterstützen, andererseits war mir der Seniorchef nicht geheuer. Wenn ich das richtig sehe, färbt er sich die Haare und brabbelt unentwegt unverständliches Zeug. Neulich hatte er große Mühe, eine Sattelstange zu finden. Okay, probiere ich also den anderen Laden aus.

Ich löste im Automaten ein Kurzstreckenticket und fuhr nach Köpenick. Dort hatte das Wunder des Malachias aber nun wirklich stattgefunden. Der ganze Anfang der Bahnhofstraße ist weg. Eingezäunt. Die Bagger schaffen in ihrer stoischen Gründlichkeit die Basis für ein offenbar monumentales Einkaufszentrum. Auf der anderen Seite der Straße steht schon das Forumcenter. Wer soll denn so viel kaufen! Bei C &  A hätte mich ein dreiteiliger Nadelstreifenanzug für 50 € reizen können, aber ich hatte keine Lust, ihn mühselig anzuprobieren in diesen engen Kabinen mit ihrem merkwürdigen Geruch. Bei Thalia gab’s Mike Leigh’s Another Year für 14,99, hätte ich fast gekauft. Ich machte ein paar Fotos von der Galerie aus nach unten, da kam der Securityman und meinte, das dürfe man nur mit Genehmigung des Centermanagements. Sie können einem aber auch die Freude an allem verderben. Und was ist nun mit dem, was ich gesehen habe, ohne es zu fotografieren, und mit dem, was ich aufschreibe? Brauche ich auch dafür die Genehmigung des Centermanagements?  

28. Juli ’11

Der Briefträger hat mir das neue Cicero-Heft in den Kasten gesteckt. Ich dachte, die machen eine Werbeaktion, aber es war ein Fehler, es gehörte der Zahnärztin in der Parallelstraße. Aha, dachte ich, die Zahnärztinnen sind es also, die diese Hefte abonnieren und sich dann für topinformiert und mit besten Argumenten ausgestattet halten. Ich blätterte das Heft mal durch. Sie denken bei Cicero wahrscheinlich, sie sind ziemlich scharf, wenn sie Frau Merkel anpinkeln, mal von dieser Seite, mal von jener. Von der Anfangseuphorie ist nichts geblieben. Sie tun jetzt nur noch so, als wüssten sie von allem die wahren Hintergründe, aber das bringt nichts.

„Mit dem Green Ape Project fordern wir Grundrechte, die bisher Menschen vorbehalten sind, auch für Menschenaffen.” Mutet komisch an, wenn ein Interview so anfängt. Ist aber doch ernst gemeint.

27. Juli ’11

Ein klassischer Satz aus dem FAZ-Sportteil: DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach sprang dem Verbandschef zur Seite. Den kann man getrost in die Schublade stecken und bei vielen Gelegenheiten wieder hervorholen.

Was E. L. Doctorow dem Kulturkorrespondenten Jordan Merjias in New York erzählte:

Wenn es keine Botschaft ist, die Sie Ihren Leser zu verkünden haben, was gibt dann bei Ihnen den Ausschlag, um eine Geschichte zu erzählen?

Gute Frage. Und ich kann Ihnen darauf auch eine Antwort geben. Wir tragen immer Ideen mit uns herum und müssen nur darauf warten, bis sie sich in uns durchsetzen. So las ich vor sieben Jahren einen Artikel in der „New York Times” über einen kleinen Park in einem eleganten Stadtviertel, dessen Bewohner nicht länger dulden wollten, dass dieser Park, in dem einst das Haus der Brüder Collyer (die Protagonisten des Romans „Homer & Langley”) stand, ihren Namen trug. Ich dachte mir: Fünfzig Jahre nach ihrem Tod sorgen die beiden immer noch für Unruhe. Etwas geht da vor, und es interessiert mich. Eines Tages habe ich dann, ohne zu wissen, was ich tat, den ersten Satz des Buches niedergeschrieben. Es war, aus welchem Grund auch immer, ein Augenblick, der mir wichtig war und in mir etwas auslöste. Erste Sätze sind wichtig, sehr, sehr wichtig. Sie sind die Samenkörner eines Buches…  Irgendein Bild oder eine Idee oder ein Satz bewirken etwas in mir, und ich fange zu schreiben an, um herauszufinden, was es ist. Bei "Loon Lake" waren es genau diese beiden Wörter des Titels, die ich auf einem Straßenschild sah. Allein ihr Klang brachte mich dazu, mit dem Schreiben zu beginnen. Bei "Billy Bathgate" war es ein Bild von Männern im Smoking, die auf dem Deck eines Schleppers standen. Ich fragte mich: Was tun die da? So hat dieses Buch angefangen… Ich musste lernen, dem Schreibakt zu vertrauen, und zwar als etwas, das nicht vollkommen berechenbar ist. Wenn man schließlich weiter im Buch fortgeschritten ist, begreift man allmählich, was man tut, und muss die Prämissen erfüllen. Es ist also keine total mystische Sache, es ist harte Arbeit, und manchmal geht man ganz aufgeregt an die Arbeit, nur um im Nichts zu landen. (FAZ, 8. 1. ’11)

26. Juli ’11

Eine schreckliche Klarheit ist über mich gekommen, seit ich nicht mehr trinke.

Im Wäldchen stand ein Werkstattwagen der Wasserbetriebe, genau auf meiner Laufstrecke. Ich musste einen Bogen machen. In dem Moment krachte ein Ast von einem Baum und schlug einen Meter neben mir auf. Die Männer von den Wasserbetrieben standen da wie die Ochsen. Der eine sehr dick, der andere sehr doof. Ich muss mich irgendwie abreagieren, verdammt, ich hätte tot sein können. Der Wagen hatte dort nichts zu suchen.

Wozu die Schuldfrage stellen. Dann landet man beim Internet. Das Internet war schuld, dass dieser verirrte Mann eine Bombe zündete und 68 junge Menschen erschoss. „Der Attentäter von Utoya gesteht und erklärt sich nicht für schuldig”. Ich will nicht lesen, dass dieser Irre sich nicht für schuldig hält. Soll er es denken, soll er es sagen, aber mir muss man nicht übermitteln, was da wie ein Argument klingen soll, eine ernstzunehmende Ansicht. Ist es relevant, dass ein Massenmörder sich für unschuldig hält, gehört das in eine Titelzeile? Man kann sich seine Gedanken über Freiheit  (ein Wort, das wir in der Regel leichtsinnig benutzen, ein bisschen philosophisches Denken täte jedem gut), über offene Gesellschaften und logistische Intelligenz machen (die besaß der Täter im Übermaß). Und über das, was Camus vor über fünfzig Jahren schrieb („Der Fall”). Dass der Mensch in der modernen, in der Mediengesellschaft unter seiner Namenlosigkeit leidet. Er würde alles tun, um seinen Namen aufblitzen zu sehen in den Medien. Ein Verbrechen begehen für die Unsterblichkeit. Es muss nicht stimmen, aber solche Leute könnte es geben. Es könnte eines von mehreren Motiven sein. Eine unterbewusste Stimmung.

Was ist in dieser Gesellschaft geschehen, dass die Menschen so grausam geworden sind. Das fragt sich Henning Mankells Kommissar Wallander immer wieder. Er findet keine Antworten.  Auch er nicht.

25. Juli ’11

Vier Tage nichts getrunken, und schon spielt man den Antialkoholiker: Was versprechen die Leute sich nur davon, wenn sie Alkohol trinken!

Nun, wo es vorbei ist, kann man sich fragen, ob es sich gelohnt hätte, die Tour de France zu schauen.  Nun ja, die letzten beiden Bergetappen vielleicht. Der heroische, gleichwohl fragwürdige Kampf Thomas Voecklers, das Gelbe Trikot so lange wie möglich zu tragen. Er ging dabei bis an die Grenzen, riss das Rad von einer Seite auf die andere, wackelte bedenklich mit dem Kopf und fauchte die fanatischen Zuschauer an wie ein wildes Tier. Dabei wusste er selbst am besten, dass er die Tour nicht gewinnen konnte. Zu schwer fielen ihm die Berge, zu schwach war er im Zeitfahren. Lohnt sich das also? Sicher, er ist ein französischer Mythos geworden. Zeitweise gelingt es ihm, das Unmögliche für möglich zu halten. Im nächsten Jahr, kann sein, wird dieser Mythos wieder belebt. Bis dahin bleiben die Landschaften in Erinnerung. Die Tour de France ist Landschaftsfernsehen.

23. Juli ’11

Gibt es auch mal einen Tag, wo du keinen Alkohol trinkst?

Fängst du jetzt auch schon an mit dem Quatsch?

22. Juli ’11

Ich wollte von Houellebecq nicht reden, ohne mich an Doctorow zu erinnern, dessen zuletzt erschienener Roman „Homer & Langley” den Ton des großen, uneitlen, souveränen Erzählers hat. Wir haben darüber nachgedacht, wie Fontanes „Effi Briest” anfängt, ein großartiger erster Satz, eine Beschreibung voller Einzelheiten, nicht ohne Behäbigkeit. Doctorows Roman beginnt so: Ich bin Homer, der blinde Bruder.

Der Satz ist fast zu gut für einen Anfang, er setzt so viel Phantasie in Bewegung, dass man sich beinahe den Roman sparen könnte, was man natürlich nicht tut. „Ich habe mein Augenlicht nicht auf einmal verloren, es war, wie im Kino, ein langsames Ausblenden.” So geht es weiter. Langley, der sehende Bruder, zieht in den Krieg. Er war schon immer ein ruheloser Geist, aber als er zurückkommt, geraten die Brüder, die Angestellten, das Haus,  das Umfeld in den Sog seiner Projekte und Ideen. „Als Ihr Bruder aus dem Krieg wiederkam, da hab ich gewusst, er ist nicht ganz richtig im Kopf, sagt die Haushälterin.” Langley hat eine metaphysische Vorstellung der Wiederkehr von Lebensereignissen. Jeden Tag kauft er alle verfügbaren Tageszeitungen, um aus dem Kern der Beiträge der verschiedenen Kategorien letztlich eine einzige Ewigkeitszeitung herzustellen. So besessen er von dieser Idee ist, so kühl geht er äußerlich damit um. „Sag mir, Homer, wie können wir frei sein, wenn unsere Freiheit in deren Belieben steht?”, sagt Langley eines Tages in der Zeit des zweiten Weltkriegs. „Die” sind Polizisten, die wegen des Angriffs auf Pearl Harbour das japanische Ehepaar verhaften, das im Haus der Brüder putzt. Man hätte sie gar nicht ins Haus lassen dürfen, meint Langley über die Polizisten. („Dieses Haus ist unser unverletzliches Reich… Man wirft sie raus und knallt ihnen die Tür vor der Nase zu, so macht man das.”) Und Homer denkt: Der Feind bringt deine latenten Urinstinkte zum Vorschein, er lässt die primitiven Bereiche deines Gehirns aufleuchten.    

Wenn ich an den verwahrlosenden Schriftsteller Houellebecq denke, den Michel Houellebecq in seinem Roman beschreibt, fällt mir eine alte Geschichte von Doctorow ein, „Das Leben der Dichter”. Der Erzähler berichtet von Mattingly, dem raubeinigen Wüstenmaler. „Warte nicht, bis du fünfundvierzig bist, ist seine Devise für Männer, die sich davonmachen, tu es jetzt…; er arbeitet wie verrückt, unterrichtet, malt, bringt seine Bilder unter die Leute, nur um die Alimente und die Miete zahlen zu können, er trägt Jeans und ein durchgescheuertes Hemd mit Schnürsenkelkrawatte und ein Cordjackett und abgestoßene, derbe Schuhe, und er hat zu trinken aufgehört, und etwas von seiner raubeinigen Männlichkeit hat sich in Feistigkeit verwandelt, und der Übergang von einem Künstler zu schlichter Verwahrlosung ist fließend, das weiß ich genau. Verwahrlosung ist ein innerer Zustand, der alleinlebende Männer mittleren Alters trifft…”

Ist es nicht so, dass wir Leute, auf die diese Beschreibung zutrifft, im wahren Leben sehen, und sei es im Spiegel?  

21. Juli ’11

Mich interessieren Schornsteinfeger nicht, die sich zusammentun, um Schornsteinfegerbücher zu schreiben, und ich halte auch nichts von Bratkartoffeln, die sich selber aufessen.

Irgendwann schrieb ein SZ-Autor, den eine Radio-Moderatorin mit ihren Auslassungen über das Wetter nervte: „Schau halt aus dem Fenster, du gutgelaunte, blöde Radiokuh.”

Mich nerven die gutgelaunten blöden Radiokühe auch oft. Und den sensiblen Theaterkritiker Stadelmaier, den ja alles nervt, besonders sein Job als Theaterkritiker, nerven die Radiokühe ebenfalls, besonders die aus den Kulturradios, wenn sie etwa sagen, dass eine Pianistin „in Wiesbaden mit Chopin aufgeschlagen” habe. Dabei wollte sie doch nur das Beste, zum Beispiel das edle Kulturradio etwas flotter rüberbringen.

Eine Geisel der Menschheit sind die Musikredakteure, die sich darin gefallen, Musik rauszusuchen, die zwar entfernt zu den Wortbeiträgen passt, aber nicht zu meiner Morgenlaune und die folglich im Radio nichts zu suchen hat, weil sie eher die Stimmung von Volksfesten, Diskos oder Jazz Sessions wiedergibt. In manchen Sendern lassen es sich die Musikredakteure nicht nehmen, die CD der Woche Pop und die CD der Woche Klassik persönlich vorzustellen und warten dabei mit haarsträubenden („vollmundigen”) Werturteilen auf. Sie zeigen sich in der Regel leidenschaftlich und tun so, als hätten sie lange in den Staaten gelebt. Wenn sie ein paar englische Titel ansagen dürfen, fühlen sie sich wie Weltenbummler, und am liebsten würde sie auch die deutschen Sätze irgendwie amerikanisch aussprechen, jedenfalls versuchen sie es.

Bei den Sprechern kennen wir die hochnäsig-gelangweilten Snobs (Ach, mir hängt das alles schon so zum Halse raus, aber euch biederen Hörern muss man es ja hundert Mal erklären) und die harmonisierenden Schönsänger. Es ist wirklich ein Singsang, in dem da über die Katastrophen in Japan und überall berichtet wird, sie überziehen die harten Facts mit Zuckerguss und glauben wahrhaftig, sie könnten wie Orpheus singen. Daneben gibt es den Moderatorentyp, der seinen Interviewpartnern die extra lauernden Fragen stellt. Das heißt, er legt in seine Frage diesen lauernden Unterton, als müsse der Befragte fürchten, er könnte auf Grund dieser scheinbar naiven, in Wahrheit hinterhältigen Frage entlarvt werden. Wahrscheinlich hält er sich für einen investigativen Journalisten. Keine Ahnung. Gibt es nicht jemanden beim Radio, der diese Leute coacht? Der ihnen sagt, mach mal halblang, Freundchen, sprich einfach nur die Inhalte und fertig. Und wenn du keine Inhalte hast, dann besorg dir welche.

Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben. (Adorno, Minima Moral

19. Juli ’11

Wenn ich mir die Feuilletons der Zeitungen anschaue, sage ich mir, dass sie das auch ganz weglassen könnten. Der Sommer ist der größte Feind der Kunst. Die Open-Air-Festivals sind nur Surrogate.

Gelegenheit für Frank Schirrmacher (einen FAZ-Herausgeber, man kann ihn googeln), grundsätzlich zu werden, natur- und technikwissenschaftlich, menschheitsgeschichtlich und zukunftsskeptisch. Wir Menschen opfern Google, der amerikanischen Suchmaschine (kann man die eigentlich googeln? Oder beißt sich dann der Hund in den Schwanz?) unser Gedächtnis und damit auch unsere Assoziationsfähigkeit sowie unsere Identität. Die Zeit ist noch viel moderner, als wir glauben, dass sie es ist, und sie verändert unser Leben enorm, und wenn wir das nicht wahrhaben wollen, dann werden wir das Nachsehen haben. (Demgegenüber vielleicht Heiner Müller: „Es gibt da einen Kern, der von allem unberührt war bei mir.”)

Da scheint also wieder mal einer mit Windmühlenflügeln zu kämpfen. Im Sommerloch. Frank Schirrmacher erfindet einen Frank Schirrmacher, der von den Kollateraleffekten der Weltwahrnehmung durch Suchmaschinennutzung, von Überforderung durch Echtzeitkommunikation und permanentem Vernetzungsstress halluziniert und sich fragt, was fang ich nun an mit meinem großen ausgeräumten Hirn. Er wünscht sich – ich würde sagen: nicht ganz zielführend – die Entwicklung einer europäischen Suchmaschine. Statt der verdammten amerikanischen. (Wir haben es da übrigens mit einem neuen, kaum verhohlenen Antiamerikanismus zu tun. Die deutschen Fußballerinnen jubelten den Japanerinnen zu und freuten sich über das Missgeschick der amerikanischen. Und nun der Kampf gegen die amerikanische Suchmaschine.)

Schließlich noch eins. Das Gedächtnis ist partout nicht bereit, sich opfern zu lassen. Suchmaschine hin, Suchmaschine her. Es sitzt da in unserem verdammten Schädel und meldet sich auch, wenn es überhaupt nicht gefragt ist.  

18. Juli ’11 

Der Opa, gestandener Laupenpieper, will seinen autistischen Enkel aufheitern und singt unsinnige Liedchen. Hilft nichts. Der Enkel bleibt trotzdem zurück und rührt sich nicht. Er sitzt auf einem kleinen hölzernen Laufrad, ein ziemliches unmodernes Spielzeug. Und Opa singt. Plötzlich stößt sich der kindliche Autist ab und kracht mit seinem Holzrad gegen die Einkaufstüte des Opas und gegen die Fersen. Der Opa hört auf zu singen, um anzufangen zu schreien. Ich knall dir eine, du, brüllt er und holt aus, kann sich aber noch gerade so zügeln. Das macht man nicht! Auf den Opa rauf fahren! Das tut doch weh! Der Enkel sagt was, aber nichts, was irgendwie auf die Mahnungen des Alten einginge, der schon dabei ist, die herausgefallenen Pflaumen aufzusammeln. Der kleine Autist kennt keine Gnade.

16. Juli ’11

Dr. Theo Zwanziger kann nicht mehr die Knie durchdrücken, aber auf die Pauke hauen: „Silvia Neid ist DFB, da gibt es gar nichts anderes. Das ist meine Trainerin, ich werde sie nicht so einfach gehen lassen.” So spricht ein Mann, der von seiner Machtfülle überzeugt ist und dabei wie ein Somnambuler wirkt. Gestern wollte er, dass sich Michael Ballack bei Bundestrainer Löw entschuldigt, weil der ihn stillos aus der Nationalmannschaft rausschmiss, heute sollen sich Bernd Schröder, der Potsdamer Trainer, und Siegfried Dietrich, der Frankfurter Manager, bei Silvia Neid entschuldigen. Ich entschuldige mich schon mal im Voraus bei Theo Zwanziger für meinen Vorschlag. Wer soll es ausüben, das Präsidentenamt, an seiner Statt? Den Bürokraten Niersbach, der am liebsten jedes Wort eines Nationalspielers zum Absegnen vorgelegt bekommen möchte, wünscht man sich auch nicht in dieser Funktion. Ich sag jetzt mal was: Marco Bode. Ein sehr kluger, sehr sympathischer Mann mit vielfältigen Interessen und einer makellosen Laufbahn als Fußballer. Kein Bürokrat und kein Machtpolitiker, aber davon haben sie beim DFB eh genug.  

15. Juli ’11

Am Fenster sehe ich seit Jahren mehrfach in der Woche einen jungen Mann vorbeigehen und im Vorbeigehen älter werden. Das heißt, sein Leib nimmt zu und seine Haare nehmen ab. Sein Schritt ist mühselig. Er trägt schwer an einer massigen Aktentasche, aber anscheinend nicht nur an ihr. Der Schritt ist mühselig schon morgens, wenn er von Südosten in Richtung Westen geht, und noch mühseliger abends. Wenn er nicht Kopfhörer in den Ohren hätte, würde ich ihn für ein Gespenst halten. Kopfhörer als Faktor der Realität, das hätte man auch nicht von denen gedacht.

Der Nachbar hat die Bildzeitung erwartungsroh weit ausgebreitet und neigt sich ihren Inhalten zu. Was man früher als Bauernschläue bezeichnete, könnte man heute Bildschläue nennen. Ehre, wem Ehre gebührt.

Wen es interessiert: Die drei vollkommenen Erzeugnisse, die den Schriftsteller Houellebecq im Roman des Schriftstellers Houellebecq zeitweise zu einem glücklichen Verbraucher machten, sind die Schuhe Paraboot Marche, der Laptop mit integriertem Drucker Canon Libris und der Parka Camel Legend. 

14. Juli ’11

Als ich das Gerät einschalte, köpft Japan in einer undurchsichtigen Situation das 2:1 gegen Schweden. Als ich in der Küche bin, schießen sie das 3:1, aus 35 m, über die herausgelaufene Torfrau hinweg. So ein Tor hat der Frauenfußball noch nicht gesehen. Die USA gewinnen 3:1 gegen Frankreich. Wieder war der Kopf von Abby Wambach im entscheidenden Moment da. Also zwei, die noch Weltmeister werden können. USA und Japan. Der willensstarke Fußball gegen den zauberhaften Fußball. Power gegen Magie.

Der anachronistische Zug, der unserem Team seit dem verlorenen Viertelfinale anhaftet, steht ihm nicht mal schlecht. 

13. Juli ’11

Warum halten die Leute es immer noch und immer wieder für originell, wenn sie sagen: Ich wünsche dir alles, was du selbst dir auch wünschst. Alles soll in Erfüllung gehen.

Das ist doch bestenfalls eine Patentlösung für Denkfaulheit.

Wenn die wüssten, was ich mir wünsche! Die sollten sich vorsehen, sagt Stephan, und es hört sich nicht mal an, als sei es lustig gemeint.

 

In einem Urlaub vor langer Zeit fing ich an, „Unendlicher Spaß” (Infinite Jest) von David Foster Wallace zu lesen. Ich besaß das Buch einfach und wollte sehen, ob ich was damit anfangen kann. DFW hat, wie man weiß, Selbstmord begangen, und ich muss sagen, dass die Suizidquote bei Leuten, die solche Bücher schreiben, ungefähr bei 50 Prozent liegen muss. Man kommt aus diesem Labyrinth, das man selbst geschaffen hat, nicht mehr raus. Man erreicht die Unendlichkeit, indem man nichts zu Ende kommen lässt, die Möglichkeit eines Endes für irgendetwas ausschließt. DFW zeigt nicht nur die Langeweile, er stellt die lange Weile auch her. Sie hört nicht auf. Es wäre leicht, mit dem Buch umzugehen, wenn das alles wäre. Aber man bekommt bei DFW auch, was man nirgendwo anders bekommt, man blickt in seelische Abgründe und auf menschliche Höhen, und niemand kennt sich mit Süchten, Heilungen und Waffenstillständen annähernd so gut aus wie er.

Alle anderen Bücher, die ich zwischendurch las, kamen mir superkonventionell und banal vor. Das hat sich inzwischen wieder gebessert. Ich lese DFW nur noch selten und schon gar nicht im Bett, es ist einfach zu schwer. Ich las zur Abwechslung Fritz J. Raddatz (man kann sich keinen größeren Gegensatz vorstellen), Philip Roth, E. L. Doctorow und jetzt Michel Houellebecq. 

Versuche mal, ohne aufs Buch zu schauen, den Namen Houellebecq zu schreiben, das geht sicher schief. Das Buch heißt „Karte und Gebiet”, was darauf anspielt, dass Jed Martin eines Tages auf die Idee kommt, Departmentalkarten von Michelin abzufotografieren und zu bearbeiten („Diese Karte war geradezu erhaben; bis ins Innerste aufgewühlt begann er vor dem Verkaufsständer zu zittern. Noch nie hatte er etwas so Herrliches gesehen, das so reich an Emotionen und Sinn war wie diese Michelin-Karte der Departments Creuse und Hautre-Vienne im Maßstab 1:150 000.”), womit  der große Erfolg des Künstlers Martin beginnt, der ihn zum Multimillionär macht, was den Künstler erstaunlich kalt lässt. Der einzige Effekt dabei ist Unabhängigkeit. Jed Martin redet nur, wenn er reden will, also selten, und er arbeitet, wenn er eine Idee, eine Vision hat, ebenfalls selten, aber dann intensiv.

Houellebecq, der große Quertreiber und Provokateur, erzählt die Geschichte des Künstlers vom jungen Mann bis zum Tod ungewohnt konventionell. Ungewöhnlich ist, wie er sich selbst einbringt: Jed Martin braucht für den Katalog seiner großen Ausstellung einen Einführungstext und bittet Houellebecq, den er verehrt, aber nicht persönlich kennt, um diesen Essay. In einer hinreißenden Mixture aus Fact und Fiction beschreibt sich nun Houellebecq als kaputten Typ, der aber in der für einsame Intellektuelle charakteristischen äußeren Verwahrlosung jede Menge erstaunlicher Ideen und Ansichten hat. („Er stank ein bisschen, aber nicht so stark wie ein Kadaver – letztlich hätte alles noch schlimmer kommen können.”) Ein origineller Geist darf eine Schlampe sein, er findet seine Mitte wieder. Der Schriftsteller, gesehen von dem Künstler, der ein Phantasieprodukt ebendieses Schriftstellers ist, eine reizvolle Konstellation, ein schräger, gebrochener Blick, der es Houellebecq auch erlaubt, sich als traurigen Verbraucher darzustellen, der von den wenigen, genau gesagt drei perfekten Erzeugnissen, die er in seinem Leben kennenlernte, schwärmt, um dann zu beklagen, dass diese vollkommenen Produkte von den Produzenten wegen des unentwegten Zwangs zur Innovation aus dem Programm genommen werden. Aber … „auch wir sind Produkte…,”, lässt Houellebecq Houellebecp sagen, „kulturelle Produkte. Auch wir sind eines Tages überholt…”

Auf einer anderen Ebene beschreibt Houellebecq die Abschiede, die jeder Mensch, in diesem Fall eben Jed Martin, in seinem Leben erfährt. Und je schwerer der Verlust ist, desto undramatischer geht Martin, und ja auch Houellebecq, damit um; es bleibt nur Trauer. Da kann man nichts schönreden. Die wenigen Chancen, die sich auf der menschlichen Seite bieten – man hat sie nicht beim Schopf gepackt. „Kleiner unentschlossener Franzose”, sagt Olga, seine russische Geliebte, zu Jed. Und Frédéric Beigbeder, auch so ein Einbruch der Realität in die Fiction, beteuert: „Liebe ist etwas Seltenes. Wussten Sie das nicht? Hat man Ihnen das nie gesagt?” 

11. Juli ’11

Am Ende des Tages ist die deutsche U 17 Dritter im Weltfußball, die deutschen Frauen (die eben noch mit dem Slogan „Dritte Plätze sind was für Männer” vollmundig, sagt man da wohl, beworben wurden) sind im Viertelfinale des so genannten Sommermärchens ausgeschieden, und Maja Haderlap, 1961 in Bad Eisenkappel/Österreich geboren, hat mit einer Wald- und Grenzgeschichte den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Nebenbei habe ich das erste Mal mit Hilfe eines Anzünd-Kamins gegrillt. So sieht ein erfülltes Leben aus.

Die deutschen Frauen waren durchschnittlich zehn Zentimeter größer als ihre japanischen Gegenspielerinnen und hatten noch nie gegen sie verloren. Bei kicker-online tippten 73 Prozent der User, dass Deutschland Weltmeister wird. Und nun dürfen die deutschen Fußballfrauen nicht mal an der Olympiade 2012 in London teilnehmen. Die deutschen Event-Macher („Wir sind die Einzigen, die es wirklich können.”) haben das Ereignis so hoch geschossen, dass nach einer letztlich gewöhnlichen Niederlage die Welt zusammenbrach.

Nach dem Spiel schritt Dr. Theo Zwanziger von deutscher Frau zu deutscher Frau (alle zehn Zentimeter größer usw.) und versuchte, durch Handauflegen, Schulterklopfen und Streicheln Trost zu spenden. Er sah aus wie ein Mann, der sich wie ein Messias oder ein Wunderheiler dünkt, aber die, habe ich festgestellt, besitzen mehr Humor. Auf jeden Fall hat sich Theo Zwanziger als Präsident des Deutschen Fußballbundes überlebt. So geht das nicht mehr.

Die Leere im Gesicht der Trainerin Silvia Neid nach dem Spiel erinnerte mich an die Leere im Gesicht von Heiner Brand. Anscheinend stattet Zwanziger seine obersten Trainer mit umfassender Macht aus. Die müssen sich nicht befragen lassen, die können ihre eigenen Prinzipien unterlaufen (zum Beispiel das Leistungs- oder auch das Stammspielerprinzip), die müssen keinen guten Draht zu den Klubs haben, die müssen nicht zum Championsleague-Finale zwischen Potsdam und Lyon fahren, die können eigenwillig bis zur Beratungsresistenz sein. Das sind alles nur Anmerkungen zur Güte. Mir schien, dass im besten Spiel der deutschen Mannschaft gegen Frankreich die schillernde Lira Bairamaj eine Tendenz zu technisch versierter Spiellust und Unberechenbarkeit einbrachte, während wir ansonsten Spielerinnen haben, die Fußball eher arbeiten als spielen. Gegen Japan saß Lira wieder auf der Bank. Wir meinten, wir müssten es mit unserer körperlichen Überlegenheit schaffen, wir Deutschen.

Die Japanerinnen waren technisch ziemlich perfekt, hatten eine gute Raumaufteilung; bei ihnen kam auch der fünfte oder sechste Pass bei der Mitspielerin an, während für andere Mannschaften nach dem dritten Pass in der Regel Schluss ist. Was mich stört ist, dass die Japanerinnen sich nicht allzu interessiert daran zeigen, Toren zu schießen. Allerdings war der Spielzug, der in der in der 108. Minute zum 1:0 führte, so kurz und bündig und der Winkel der Torschützin so spitz, dass man nur staunen konnte.

Noch im ersten Spiel hatte der ARD-Reporter hochnäsig davon gesprochen, dass die Schüsse aufs deutsche Tor eine Beleidigung für Nadine Angerer seinen, denn die sei bekanntlich die beste Torhüterin der Welt und könne verlangen, nur durch ernsthafte Bedrohungen aus ihrer Ruhe aufgestört zu werden  (wie ja auch Manuel Neuer bei den Männern der beste Torhüter der Welt ist und Bastian Schweinsteiger gerade noch der beste Mittelfeldspieler der Welt war), aber bei diesem Tor machte Nadine keine gute Figur. So verhält es sich mit den Superlativen. Ich verwende keine mehr. 

Als mir einfiel, dass ja noch die U 17 in Mexiko gegen Brasilien um Platz drei spielt, schoss der Brasilianer Adryan gerade das 3:1 für sein Team. Dann wurde Koray Günter eingewechselt, der seinen Mitspielern dieses Mal ziemlich normale Frisuren verpasst hatte. Er machte kurz vor dem Pausenpfiff den Anschlusstreffer. Was ich dann sah, machte mich glücklich. Ich kann mich nicht erinnern, je eine deutsche Mannschaft mit soviel Leidenschaft und Hingabe bei kühlem Verstand spielen gesehen zu haben. Aycicek und Aydin schossen zwei unglaublich abgezockte Tore. Dritte Plätze sind was für Jungs, aber was ist das für ein dritter Platz! Und was sind das für Jungs!

Das sind doch keine Deutschen, sagt Till mit selbstironischem Lächeln. Ja, ja und: na und? Was ist heute noch ein Deutscher in diesen Altersstufen.

Maja Haderlap ist eine hagere Frau mit einem leicht überdimensionierten Haarschopf. Sie hat den ruhigen, beherrschten, gleichmäßigen Erzählerton, der allein oder vor allem zählt, wenn es um Literatur geht, und gleich am Beginn klingt ihre Geschichte so: „…  nun hat das Wäldchen seine Vertrautheit verloren. Es hat sich dem großen Wald angeschlossen und sich in ein grünes Meer gewandelt, voll spitzer Nadeln und scharfkantiger Schuppen, mit einem wogenden, ausufernden Unterholz aus rauen Borken. Kaum schaue ich aus dem Schlafzimmerfenster, drängt sich der Wald in mein Auge oder lauert mit seiner geriffelten und gezackten Oberfläche hinter der Wiese. Eines Tages wird er über seine Ufer treten, fürchte ich, und die Waldraine verlassen, er wird unsere Gedanken überfluten, wie ich schon jetzt das Gefühl habe, dass der Wald die Gedanken der Männer besetzt, die mit meinem Vater arbeiten oder uns besuchen, um mit ihm auf die Jagd zu gehen.”

Auch wenn die Juroren einmal mehr zeigten, dass eine Diskussion nicht mehr möglich ist, da jeder dem anderen seine exklusiven Standpunkte um die Ohren haut und sich nicht bewegt: In Maja Haderlap haben sie nicht die Falsche getroffen, als sie ihre Stimme vergaben.

8. Juli ’11

In der Nacht um eins hätte ich mir das Halbfinale der U 17 anschauen können. Mexiko gegen Deutschland. Die Unsrigen verlieren durch einen Fallrückzieher in der 90. Minute gegen Gastgeber Mexiko. Der Torschütze wird in die Geschichte eingehen, Julio Gomez, bereits längere Zeit an der Torlinie behandelt und mit einem dramatischen Kopfverband ausgestattet, so dass auch er wie ein Außerirdischer anmutet. Das Spiel wäre wahrscheinlich nichts anders ausgefallen, wenn ich wach geblieben wäre und zugesehen hätte. Aber wie sicher kann man da sein.

Interessant an Klagenfurt ist die Janusköpfigkeit der Juroren. Jeder der sieben schlägt zwei Autoren vor. Für diese kämpft der Juror und mehr noch die Jurorin wie eine Löwin, während sie die Autoren ihrer Juroren-Kollegen mit Herablassung oder Spott bedenken. So ist es eher ein Wettstreit der Juroren als einer der Autoren, und wir wohnen diesen Selbstentblößungen mit ungläubigem Erstaunen bei. Hier und da kommt es wohl auch zu einem Deal. Schonst du meinen Autor, schon ich deinen.

7. Juli ’11

„Die fundamentale Täuschbarkeit des Menschen gehört zu Kleists großen Themen.” Wolfgang Schneider über Günter Blambergers Heinrich-von-Kleist-Biographie in der FAZ.

Jetzt geht das wieder los. Klagenfurt. Wettlesen der Autoren, Wettspreizen der Juroren. Man ist viel Selbstgefälligkeit gewöhnt, aber das hier liegt doch noch weit darüber. Auf Jurorenseite. Wo früher Herr Reich-Ranicki, Frau Löffler, Herr Hage, Herr von Matt und Herr Karasek saßen, spreizen sich heute Herr Spinnen, Frau Fessmann, Frau Strigl und Herr Winkels. Zu den exemplarischen Nichtigkeiten fällt ihnen ungeheuer viel ein. Was früher niemand glauben wollte: Es geht immer noch erheblich schlimmer. Auf Autorenseite gibt’s wieder die schwierigen Kindheiten und die ekligen Familien oder die sogenannten Kabinettstückchen. Der Herr Jungdichter zeigt, wie zynisch er sein kann. Ist ja nur Papier. Wie sagte einst Wulf Kirsten: Das liegt weit im Vorfeld der Literatur. Aber Herr Spinnen hüpft auf seinem Sessel herum und findet es einfach grandios. Er hat den Text ja auch selbst ausgesucht, den Herr Jandl (Paul) noch nicht mal witzig findet, während Frau Fessmann entdeckt, dass da ein Mephisto zu uns spricht, was natürlich Wasser auf Herrn Spinnens Mühlen ist. Nach dem zweiten Autor bin ich erstmal erledigt und fassungslos. Dann doch lieber Frauenfußball. 

6. Juli ’11

Wie komme ich bloß um diese verdammte Geburtstagsfeier heute abend herum. Leute, die man nur einmal im Jahr sieht, die Raucher auf dem Balkon, gute Laune, dieses pausenlose „lecker, sehr lecker”, die schrecklichen Weine des Gastgebers, der ein heimlicher Sommelier ist und dann der lange Weg nach Hause durch die verdammte Berliner Nacht.

Silvia Neid. Sieht sie, so wie sie da an der Seitenlinie steht, nicht aus wie ein braver Sohn, den die Eltern für den Sonntag fein gemacht haben? Und die Eltern wären in diesem Fall dann Dr. Theo Zwanziger und Steffi Jones. Es hat auch was Wehmütiges. So schön, wie die Eltern möchten, dass das Leben ihres Kindes sich gestalte, wird es nicht werden. Die Sonntagstracht steht immer quer zu dem, was wirklich ist.

Michael Ballack konnte nicht auf dem Platz zeigen, dass er nicht mehr ins Nationalteam gehört. Birgit Prinz hingegen konnte es. Was ist eigentlich schlimmer.

Irgendwie gefällt mir das Wort nicht. Nationalteam. Erst recht nicht Nationalmannschaft. Die Schweizer, glaube ich, sprechen von ihrer Nati. Die Russen sagen Sbornaja. Warum haben wir nicht so ein Wort. Aber nicht so was wie damals: Bertis Buben.

Während die Frauen unter großer Anteilnahme der Nation (wie echt auch immer) Fußball spielen, kickt die U 17 im Schutze der Nacht in Mexiko. 17 Jahre?, zweifelt Andrea, das sind doch Männer! Ich sage: Nicht, wenn du die Gesichter siehst. Das sind nämlich angestrengte Jungsgesichter. Eierschalen hinter den Ohren und so. Der Reporter müht sich, Fußball auch als soziales Projekt zu beschreiben. Teamgeist. Verehrung des Trainers. Das ist unser alter Fahrensmann Steffen Freund. Und darum spielen die Jungs gern das Lied „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt”. So geht’s da zu, wenn man richtig hört. Zum Betreuerstab gehören auch ein Koch und zwei Lehrer. Das sei ganz wichtig, denn sie sollen nicht aufhören zu lernen, die Jungs. Nicht jeder wird vielleicht den Sprung zum super verdienenden Profi schaffen. Mir allerdings erschien es so, als hätten sie auch mindestens drei Friseure mit nach Mexiko genommen, denn sie traten da alle auf  mit seltsamen, ich sag mal, Clubfrisuren, die Seiten kahl, die Tolle mit Cola oder Zuckerwasser stabilisiert. Aber dann stellt sich heraus: Die Mutter des Abwehrspielers Koray Günter besitzt einen Friseursalon in Dortmund. Da hat der Sohn sich einiges draufgedrückt. Er schneidet nun dort in Mexiko die Haare, und seine Kunden, die gleichzeitig seine Mitspieler sind, sehen ein bisschen wie Außerirdische aus. Die Gegner zeigen sich leicht irritiert. Die deutsche U 17 ist bis ins Halbfinale vorgedrungen.

Berlin Alexanderplatz. Der Bratwurstverkäufer warnt vor herumstreunenden Unterschriftensammlern. Das seien Betrüger. Eine Bratwurst ist kein Betrug, da hat er’s leicht. Ein Blick zu Wohlthat. Manfred Krugs „Mein schönes Leben”  wird verramscht. Hardcover erste Auflage 2003, nun für immerhin noch 4,99. Bei Amazon gibt’s das gebraucht in sehr gutem Zustand ab 0,99. Das kann natürlich jeden treffen, es sei denn, man schreibt mit Vorsatz kein Buch. Aber der gute Manfred, der nach der Schauspieler- auch eine Schriftstellekarriere im Auge hatte, kannte nicht die Ermahnung, die Cary Grant an Peter Bogdanovich richtete: „Peter, um Gottes Willen, hör auf, überall herumzuerzählen, dass du glücklich bist. Und red nicht immer so viel davon, dass du verliebt bist.” Warum, fragte ich (Bogdanovich). „Weil die meisten Leute weder glücklich sind noch verliebt.” Und ich dachte damals noch, die ganze Welt liebe Verliebte. Aber Cary sagte: „Glaub das bloß nicht.” Also. Wenn ein Prominenter von seinem schönen Leben erzählt, dann zielt er an den vitalen Interessen der Leute vorbei. „Mein Leben – was für eine Zumutung”, das wäre die Richtung. Das Interview mit Peter Bogdanovich stand übrigens in der FAS. 

 


 


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