Magda - Das Magazin der Autoren

[ Artikel drucken ] [ Fenster schließen ]

         

Vor Jahresfrist

Alles geht, einer bleibt

Von Tom Dauer

(Copyright: Tom Dauer)

Eine Andacht im Schnee

„Man muss den Menschen Raum geben“, sagte Michael Mannhardt. Er ist Pfarrer. „Raum, sich zu entfalten.“ Er deutete hinter den improvisierten Altar auf den zugefrorenen See, dessen Ufer in der Dämmerung mit Wäldern und Bergen verschmolzen. Dann faltete er seine Hände auf der Brust. „Und Raum in den Herzen. Damit sie bleiben können.“

Mit dem wolle er mal ein Bier trinken gehen, hatte Christian Kühme angekündigt, nachdem er den Pfarrer kennengelernt hatte. Ein guter Typ, mit dem man sich über alles Mögliche unterhalten könne. 

Es sollte nie zu einem Bier kommen.

Vor einem Jahr lag viel Schnee in den Bergen. Flocke für Flocke war ein Tiefschneetraum gewachsen. Bis zu dem Moment, an dem der Traum radikal endete, zerstört von einem markerschütternden Krachen. Ein Riss in der Schneedecke. Ein Körper versinkt, haltlos, grundlos, wird verbogen, zerbrochen vom Schnee, der in die Ohren dringt, in den Mund, alles erstickt, bis die Lawine zum Stillstand kommt und nichts mehr ist, wie es vorher noch war. Christian, 27, lebte nicht mehr.

Gestorben sein Lächeln, das immer nur ein Lächeln war, und nie ein Grinsen. Die braunen Haare ungebändigt, nach links und rechts stehend, wie elektrifiziert von einer Energie, die in strahlenden Augen einen Ausgang fand. Etwas zu tief auf der Nase saß eine schwarz umrandete Brille. Modisch. Ein smarter Typ – hätte gesagt, wer ihn nicht kannte. Denn er war nicht nur clever, geschäftstüchtig, gewitzt. Er war vor allem aufmerksam, ehrlich interessiert und charmant. Ein Freund. Dann war er weg.

365 Tage sind seither vergangen. Schnee ist geschmolzen und wieder gefallen. Vergessen hat Dich niemand. Dein Raum sind wir.


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen