Das Krawattendrama

Aufregende Stunden beim "Mannheimer Morgen"

Von Wolfgang Michal

Die Krawatte - Sprungfeder für den Satz ganz nach oben? Photo: Dorothea Jacob/pixelio

 

Anzüge und Krawatten gehörten in meiner Jugend zum Kampf der Kulturen. Und an einer Krawatte wäre ich beinahe gescheitert.

Im Herbst 1975 absolvierte ich gerade mein Tageszeitungspraktikum beim »Mannheimer Morgen«. Ich saß bei einer jungen Kollegin im Zimmer, hatte die Füße auf ihren Schreibtisch gelegt und machte smalltalk, als der Lokalchef (ich glaube, er hieß Schiele) das Zimmer betrat und fragte, ob ich einen Termin beim Schwurgericht wahrnehmen könne. Totschlag.

Ich sagte Ja, nahm die Füße aber nicht vom Tisch.

Der Lokalchef war schon fast wieder aus der Tür, da hielt er plötzlich inne, machte auf dem Absatz kehrt und sagte: »Bei Gericht repräsentieren Sie die Zeitung, also sollten Sie sich entsprechend anziehen, Jackett und Krawatte, verstehen Sie?«

Ich sagte: »Ich habe keine Krawatte.«

Meine Kollegin kicherte.

Ich nahm die Füße nicht vom Tisch.

Nicht aus Bosheit, oder weil ich ein besonderer Rüpel gewesen wäre, ich begriff einfach nicht, welcher Film in diesen Sekunden vor dem inneren Auge des Lokalchefs abgelaufen sein musste. Das Blut schoss ihm in den Kopf und er schrie so laut, dass die Finger der Kollegen vor den Tasten ihrer Schreibmaschinen einfroren: »Was bilden Sie sich ein! Wenn Sie glauben, Sie müssten hier Upton Sinclair spielen, dann sind Sie fehl am Platz. Wenn Sie nicht wissen, wie man aufzutreten hat, dann können Sie gleich morgen Ihre Koffer packen. Dann ist Ihre Ausbildung zu Ende!« Er knallte die Tür ins Schloss. Es war totenstill.

Ich wusste zuerst gar nicht, was mir passiert war. Ich sagte nur: »Ich habe wirklich keine Krawatte.« Meine Kollegen schwiegen. Doch in den nächsten Stunden kümmerten sie sich rührend um einen Ausweg. Sie boten mir zahllose Krawatten und Fliegen aus ihren Beständen an, auch rote Fliegen, falls ich einen gewissen Widerstand ausdrücken wollte. Sie legten mir nahe, keinen Grundsatzstreit aus der Sache zu machen, sie sagten, ich solle mir »durch so was« den Berufseinstieg nicht versauen. Es lag ein Hauch von Rebellion und Resignation in der Luft. Und abends in der Kneipe erzählten mir die Kollegen beim Bier ihre Lebensläufe. Sie schilderten, welche Kämpfe sie ausgefochten und welche Narben sie davongetragen hatten. Es schwappte nur so aus ihnen heraus.

Am nächsten Morgen hatte sich der Lokalchef wieder beruhigt, sein Stellvertreter, ein warmherziger Mensch, hatte vermittelt. Ich entschuldigte mich und wir einigten uns auf einen Kompromiss: Ich sollte von jetzt an Reportagen schreiben. Bei Reportagen waren Krawatten nicht erforderlich.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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