Max und die Meise

Eine geheimnisvolle Beziehung

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Foto: Radio Tonreg


Onkel Max hatte gegen Ende seines Lebens nur noch ein Bein. Er nahm seine Versehrtheit tapfer hin. Sehr oft saß er nun mit einer Decke über dem Knie auf der Terrasse und beobachtete Stare beim Landen, Amseln beim Sonnenbaden, Finken beim Hüpfen. Manchmal ruckelte Max selbstvergessen mit dem Kinn, wenn er einem Vogel zuschaute, der seinem Körper beim Laufen durch Vorschnellenlassen des Kopfes zusätzlichen Schwung verschaffte. Mit feinen Antennen nahm er die Gesten des Lebens in sich auf. Er hatte das Glück, dass er von seinem Garten direkt auf den Mindelsee mit seinen Schilfwiesen und bis zum Bodensee blicken konnte. Max, der Vogelliebhaber, lebte also, was das betraf, im Paradies, denn sein Haus stand mitten in einem der vogelreichsten Gebiete Europas – in der zauberhaften Natur des Bodanrücks, wo es überall fliegt und flattert, zilpt und zalpt, schnattert und piept.

Vor ein paar Monaten bekam Max Besuch von einer Kohlmeise. Sie landete auf einem knorrigen Ast des nahen Zwetschgenbaums und blickte ihn an. Minutenlang wiegte sie ihren schwarz-weißen Kopf hin und her; der Vogel schien auf geheimnisvolle Weise an ihm interessiert. Endlich hüpfte die Meise auf ihn zu – und als sie nah genug war, sah Max, dass auch sie nur ein Bein hatte.

Hallo Kumpel. Sagte Max. Hat dich ein jagender Sperber angegriffen?

Die versehrte Meise kam von da an jeden Tag. Schon bald wagte sie es, aus seiner Hand zu picken. Das staksige Bein trug den stattlichen Meisenkörper mit Grazie, emsig hüpfte der lädierte Vogel zwischen Sonnenblumenkernen und Samen umher. Einen Sommer lang hielten Max und die Meise einen innigen Plausch. Sie hatten eine gemeinsame Melodie gefunden, die weit über das Meisen-zizibäh hinausging.

Onkel Max starb vor einigen Wochen.

Von der Meise fehlt seither jede Spur.

Es kommt nun immer wieder vor, dass jemand aus seiner Familie etwas verstohlen zum verwaisten Landeplatz im Zwetschgenbaum blickt und Ausschau nach einem gefiederten Boten hält – man kann ja nie wissen.



Zu Vogelbeinen hat Autorin Ilona Jerger ein besonderes Verhältnis. Auch sie ist, wie Max, am Bodensee groß geworden und das Max-Planck-Institut für Ornithologie Radolfzell hat nur einen Steinwurf von ihrem Elternhaus entfernt seinen Sitz. Ungezählte Male hat sie als Kind den Kopf in den Nacken gelegt und zugeschaut, wie junge Forscher in den Obstbäumen ihres Großvaters herumturnten, um Netze zu befestigen und Vögel zu beringen. Obwohl nur ein einziger Ring von ihr persönlich an ein Vogelbein gesteckt wurde, kann sie die dürren Stelzen noch heute fühlen: diese ungefiederten, fast nur aus Knochen bestehenden und mit Hornschuppen bekleideten Beine, die sich zerbrechlich und doch stark anfühlen. Bis heute wurden Millionen Vögel mit den so genannten Radolfzell-Ringen bestückt, die der Erforschung des Vogelzugs dienen.

 


 


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