Verkauf ab Hof
Oberbayerische Miniaturen, Teil 10

Keine 80 Euro wert, aber dafür aus dem eigenen Wald: Eine schlichte Weiß-Tanne auf ihrem Weg nach Hause.
Dem Quercher Sepp sein Hof liegt gleich an der B318. Die führt vom Tegernsee zur Autobahn, die wiederum nach München führt, weshalb sich der Verkehr morgens in die Stadt hinein und abends aus der Stadt heraus staut. Das ist jeden Werktag so. Noch schlimmer ist es an den Wochenenden, weil das Tegernseer Tal ein beliebtes Naherholungsziel der Landeshauptstadtbewohner ist. Deshalb bildet sich an schönen Sonntagen eine Autoschlange, die morgens von der Autobahnausfahrt bis zum Fuß der Berge reicht und abends wieder zurück.
Den Quercher Sepp stört das nicht, im Gegenteil. Er nämlich verkauft Christbäume. Und weil er einen Geschäftssinn hat, bestückt er seine Wiesen neben der B318 zur Adventszeit mit großen Plakaten, auf denen ein Pfeil zu seinem Hof weist. Darunter steht: „Josef Quercher – Christbäume vom Bauernhof“.
Darüber freuen sich die Münchner, weil sie eine Entdeckung gemacht haben: Bäume aus heimischen Wäldern! Dazu Kaffee und Kuchen vom Quercher Sepp seiner Frau! Das ist ja so schön und auch so authentisch.
Dem Quercher Sepp seine Christbäume stammen aber nicht aus seinem Wald. Sondern aus Dänemark, wo Nordmann-Tannen – ursprünglich heimisch im Kaukasus und im Norden der Türkei – in Plantagen angebaut werden. Der Quercher Sepp macht daraus gar kein Geheimnis. Er erzählt es nur nicht jedem. Sollen die Menschen ruhig glauben, der buschige, dicht benadelte und viel beastete Baum stamme aus bayerischen Wäldern.
Dann diskutieren sie wenigstens nicht, wenn sie 80 Euro dafür bezahlen müssen.



