Ein bekannter Unbekannter

Der Hirschkäfer wird Insekt des Jahres. Sein Hauptaufenthaltsort: die Rote Liste

Es gibt Tiere, die man kannte, ohne sie jemals in freier Wildbahn gesehen zu haben: Nashörner, Giraffen, Löwen (Moment, ich rede von der Zeit vor dem Pauschal-Safari-Tourismus!). Wir kannten sie in der Steiff-Variante mit Knopf im Ohr oder aus Vorschul-Malbüchern. Übrigens: Mein erster Löwe trug eine Krone und über seiner Mähne ein goldbetresstes Hermelin-Cape. Und meine erste Giraffe hatte einen Tintenfleck am Hals, woher weiß ich nicht mehr.

Diese Tiergestalten haben sich ikonographisch festgesaugt im Bewusstsein, auch wenn ihnen kein bewusst wahrgenommenes Sein gegenüberstand. Oder, noch ein wenig philosophischer (über)formuliert: Es gab für uns die Idee des Löwen, lange bevor wir eines Löwen ansichtig wurden.

Unter dieses Kennen-per-Abbild fällt für mich auch das Insekt des Jahres 2012: der Hirschkäfer. Auch er entpuppte sich für mich vor mehr als einem halben Jahrhundert aus der Malbuch-Zweidimensionalität. Ich hatte ihn damals braun eingefärbt. Über den Rand hinaus, wie meine Mutter tadelnd feststellte. Der Hirschkäfer war Tier-Ikone, war Idee, war Emblem.

Kürzlich war ich auf seltsame Weise freudig erregt, als ich ihn ERSTMALS wirklich lebendig sah. Er pflügte mit seinen überdimensionierten Kopfzangen durch den Mulm eines schon dreiviertel zerfallenen Eichenstammes – bei Wilsede im Naturpark Lüneburger Heide. Er war also genau da, wohin er laut einschlägiger Literatur gehört und wo es ihn fast nicht mehr gibt: eben wegen der weithin fehlenden, zerfallenden Eichenstämme.

Hirschkäfer gehören zur Familie der Schröter (Lucanidae). Ihr Leben als männlicher Geweihträger ist verblüffend kurz. Etwa einen Monat ist der größte europäische Käfer auf seinen sechs Beinen unterwegs; und das auch nur mit einiger Mühe, denn das völlig überdimensionierte „Geweih“ zehrt Kraft und ist zum Nahrungserwerb völlig ungeeignet.

Hirschkäfermännchen können allenfalls etwas Baumharz lecken und auch das nur mit weiblicher Hilfe. Hirschkäferinnen (man müsste eigentlich Hirschkuh-Käferinnen sagen) können Holzhaut ritzen, ihre überarmierten Männer nicht.
Der kurze Käfersommer entspricht dem saugröbsten aller Wikingerklischées: Immer besoffen (vom vergorenen Baumsaft) und stets in Händel verwickelt. Die Zangen dienen fast ausschließlich dazu, Konkurrenten von den Bäumen zu hebeln, auf denen die unscheinbaren Weibchen hocken. Suff und Knuff.

Die Larven brauchen mürbes Totholz – vorzugsweise von Eichen. Und hier ist, wie schon gesagt, der Engpass: Eichenholz zerfällt kaum noch irgendwo auf natürlichem Wege – allenfalls in so geannen „Totholzinseln“ oder in Naturschutzgebieten. Ohne Tod kein Leben.

Manchmal machen die Käfer, die unsere Vorfahren - warum und wie auch immer – mit dem Donnergott Thor in Verbindung brachten, auch heute noch Schlagzeilen. Mitte des vergangenen Jahrzehnts etwa mussten „Hirschkäferbiotop-Ausgleichsflächen“ gefunden werden, weil am Frankfurter Flughafen eine Startbahnerweiterung den seltenen Platzbesetzern in die Quere kam. Es wurden „käferhöffige“ Baumstümpfe in die entfernte Nachbarschaft verfrachtet. Heute ist immer noch unklar, ob der Airlift für Lucanus cervus irgendwas gebracht hat.

Und ob das Jahr 2012, für das man den Prachtkerl zum Vorzeigeinsekt gekürt hat, eine Wende weg von der Roten Liste der Aussterbenden bringt?

Schön wär`s. Schön, aber leider auch eher unwahrscheinlich.
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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