Gute Flamme

Was uns heute behagt, befeuerte einst die kulturelle Entwicklung des Menschen

Von Sabine Böhne

Copyright: Feuerwehr Allensbach

Wehe, wenn das Feuer einmal ausging (Foto: Feuerwehr Allensbach)

Dicht gedrängt scharen sich die Gestalten um das Feuer. Schmatzend nagen sie die letzten Fleischreste von den Knochen, bevor sie die Überreste des Antilopenbratens in die Flammen werfen. In der sengenden Hitze verfärben sich die Knochen schwarz und werden im Laufe der Zeit von immer neuen Sedimentschichten begraben.

Die Szene könnte sich vor 1,5 Millionen Jahren vor der Höhle von Swartkrans im heutigen Südafrika abgespielt haben. 1988 fanden Archäologen dort tief im Boden vergraben die Spuren des Gelages. Sie untersuchten die angebrannten Antilopenknochen und ermittelten die Temperatur, der sie ausgesetzt waren. Das Ergebnis sorgte für Aufsehen in der Szene. Das Feuer muss es auf bis zu 500 Grad Celsius gebracht haben. Diese Hitze entwickelt kein Buschbrand, wohl aber ein Lagerfeuer. Der Fund gilt seither als Zeugnis für das älteste Feuer der Menschheit.

Der Funke sprang vermutlich bei einem Waldbrand über, wie er seit Jahr und Tag in der afrikanischen Savanne ausbricht. Vielleicht fiel einem Hominiden ein brennender Zweig vor die Füße. Er trug die Flamme in einer Baumrinde zu seiner Höhle und hielt sie mit getrockneten Zweigen und Ästen am Leben.

Es war die Initialzündung für die kulturelle Entwicklung des Menschen. „Das Feuer befriedigte viel mehr Bedürfnisse, als wir es uns in unserer hochentwickelten Umgebung vorstellen können“, sagt die Archäologin Barbara Rüschoff-Thale aus Münster. Kannten die Lebewesen auf der Erde Wärme bis dato nur in Form von Sonnenstrahlen, konnten sich die Frühmenschen jetzt auch nachts vor der Kälte schützen. Das Feuer hielt wilde Tiere auf Distanz, half bei der Jagd und katapultierte unsere Urahnen in eine neue Dimension der Ernährung. „Manche Speisen wurden überhaupt erst genießbar“, sagt Barbara Rüschoff-Thale, „andere konnten besser verwertet werden. Die Garung spaltet zum Beispiel die Eiweiße im Fleisch auf, die wiederum wichtig für die Hirnbildung beim Menschen waren.“

Die Flammen schweißten die Menschen zusammen. Wo Lagerfeuer loderten, zog es die Mitglieder einer Gemeinschaft wie magisch an. Beim Anblick des farbenprächtigen Spektakels tauschten sie Erfahrungen aus, entwickelten Sprache und Kreativität. Das heiße Element befeuerte zugleich die Organisationsfähigkeit des Menschen. Da er es lange nicht selbst entzünden konnte, durfte er es niemals ausgehen lassen. Die Gruppe musste sich daher darauf verständigten, wer es hütete. Erst frühestens vor 40.000 Jahren fanden die Menschen heraus, wie sie mit Hilfe von Steinen Funken schlagen oder durch Reibung von Holzstäben die nötige Hitze erzeugen konnten. Gleichwohl war es bis zur Erfindung des Streichholzes Anfang des 19. Jahrhunderts immer leichter, ein Feuer am Brennen zu halten als es neu zu entzünden.

Welchen Stellenwert die stets lodernde Flamme besaß, zeigt sich in den Kulten des Altertums. Was für Griechenland und Olympia das ewige Feuer der Göttin Hestia, war für die Römer das Herdfeuer im Tempel der Vesta. Es wurde von den so genannten Vestalinnen bewacht. Kam eine von ihnen ihrer Pflicht nicht nach und ließ es ausgehen, wurde sie lebendig begraben.

Je weiter sich die Menschen entwickelten, desto kühner ihr Umgang mit dem heißen Element. Als sich die Jäger und Sammler vor etwa 10.000 Jahren auf die Landwirtschaft verlegten, nutzten sie es zur Brandrodung und Düngung der Felder. Gleichzeitig begannen sie, aus Ton Keramikgefäße zu brennen. Immer neue Materialien brachten sie mit Feuer in Berührung: Bronze, Kupfer und Eisen. Um die Metalle aus dem Erz zu schmelzen, bauten sie Öfen, die sie mit Pusterohren und Blasebalgen anheizten. Der Trend zum Eisen brachte im Mittelalter das Handwerk des Schmieds hervor. Er fertigte neue landwirtschaftliche Geräte für die Bauern und staffierte die Ritter mit Rüstungen, Steigbügeln und Lanzen aus.

Die Fürsten der Renaissance waren ebenfalls Feuer und Flamme. Wo Herrscher wie die Medici ihre Herrlichkeit demonstrieren wollten, holten sie mit spektakulären Feuerwerken symbolhaft die himmlische Sphäre auf die Erde. Kein Königshof, kein fürstlicher Palazzo im Europa des 16. Jahrhunderts, an dem ein Fest ohne extravagantes „fuoco artificiale“, künstliches Feuer, endete.

Jahrtausende langes Rätselraten um die wahre Natur des Feuers, verstärkte noch seinen Mythos. Während die griechischen Philosophen sich über das heiße Element den Kopf zerbrachen, glaubten die Naturwissenschaftler der Neuzeit, die Ausdünstung eines ominösen Stoffes namens Phlogiston erzeuge das Feuer. Erst der französische Chemiker Antoine Laurent de Lavoisier entdeckte 1772, welch elementare Rolle der Sauerstoff bei der Verbrennung spielt und bezeichnete den Prozess als Oxidation.

Er bestimmt unser Leben bis heute. Ob in Auto, Flugzeug oder Heizungskeller, das Feuer brennt inzwischen allerdings meist im Verborgenen. „Man kriegt es kaum noch zu Gesicht“, sagt der Künstler und Bergbauexperte Thomas Rother. Auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen hat er eine verlassene Werkhalle zum privaten Atelier und Museum umfunktioniert. Herzstück der Halle ist eine alte Schmiede. Wann immer Besucher zu ihm in den Kunstschacht kommen, zieht es sie früher oder später dorthin.  „Die Leute wollen das Feuer sehen“, sagt Thomas Rother. „Das steckt ganz tief in ihnen drin.“ Wie vor 1,5 Millionen Jahren, als sich die ersten Menschen in Südafrika um ein Lagerfeuer scharrten.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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