Huii ... Spinne!

Von Ehefrauen und Achtbeinern

Von Claus-Peter Lieckfeld

Jetzt,  geschieht es wieder! Der Oktober krakelt erste, noch etwas schlampige Eisränder auf die Windschutzscheiben und ich weiß, dass nun die Zeit gekommen ist, in der mein schlichter deutscher Vorname "Peter" sich ändert. Das geschieht immer im Oktober.

Aus Peter wird, allerdings nur in meinen vier Wänden und auch da nur manchmal, "Petaaaaah!". Gesangstechnisch ausgedrückt:  Das "er" von Peter oktaviert mit extremem Stimmdruck auf der zweiten Endsilbe nach oben.

Es ist Oktober, wie gesagt, und die Spinnen, die mit ihren acht Augen dafür eine adäquate  Möglichkeit sehen, flüchten sich in beheizte Behausungen.  (Anmerkung für geschulte Naturfreunde: Sie sehen  natürlich keine Möglichkeiten, ihr Thermo-Regulationssystem diktiert ihnen entsprechende Such- und Ausweichbewegungen.) Veronika, die meine, ist arachnophob, also sie ist Spinnen-Panikerin. Das ist ihr ziemlich peinlich. Denn Veronika ist Diplombiologin, schreibende Diplombiologin, die aller Welt und vorzugsweise Kindern schriftlich die Wunder der Natur erklärt. Aber sie kann kaum anders (zum "kaum" komme ich  noch kurz!). Wenn so ein achtbeiniges Krabbeltier sich über Wände und Fußböden bewegt, steht es unweigerlich in der Luft:  dieses "Petaaaah".

Dann weiß ich, was zu tun ist. Ich besorge mir ein Glas und ein Stück Papier, stülpe das Glas über die Spinne, die das in aller Regel ruhig mit sich geschehen lässt und erst in dem Moment rappelig wird, in dem ich ihr das Stück Papier unterschiebe. Dann kippe ich das Glas, fixiere mit leichtem Andruck den Papierdeckel und expediere die Spinne mit kräftigem Wurfschwung dahin, wohin sich nicht will: in die Kälte, nach draußen.

Und jedesmal, wenn ich diesen Liebesdienst an ihr (an meiner Frau, nicht an der Spinne) verrichte, frage ich mich: Was ist das eigentlich - "Arachnophobie"? Woher kommt sie, diese leicht hysterische Spinnenfurcht? Warum habe ich sie nicht und andere haben sie so ausgeprägt, dass eine winzige Spinne ausreicht, um für sie ein ganzes Haus unbewohnbar zu machen?

Erst einmal, es hilft den Spinnenphobikern nicht, dass man ihnen allerlei erfreuliche Dinge über Spinnen erzählt. Etwa, dass Spinnen verhindern, dass unsere Felder  von Insekten kahlgefressen werden und dass sommerliche Mückenplagen ohne Spinnen unweigerlich von belästigend auf unerträglich anwachsen würden.
Pelzig, behaart, langbeinig, huschend ... diese  Kombination reicht aus, um gelinde bis heftige Angstkrämpfe auszulösen. Irrational aber real.

Eine (zumindest versuchsweise) "Dennoch-Erklärung"  finde ich nach einschlägiger Suche: Es kann in wärmeren Zeiten auch bei uns sinnvoll gewesen sein, Giftspinnen -  die  es heute bei uns in bedrohlicher Weise nicht mehr gibt -  schnell auszuweichen. Und dieser Reflex  hat sich bei einigen Menschen in auffälliger Weise gehalten, auch wenn es dafür heute so wenig Grund gibt, wie Distanz zu Säbelzahntigern und Höhlenbären zu halten.

Diese und ähnliche  Erklärungen -  wenn es denn welche  sind - helfen nicht wirklich weiter. Und auch die kulturanthropologischen - wie "Spinnen standen unter anderen Tieren als Pestbringer in Verdacht" - befriedigen nicht wirklich. Dass Spinnen, was ihren Körperbau anbelangt, denkbar weit von menschlicher Gestalt entfernt sind ... Nebbich! Das ist die Giraffe auch. Und meine Frau, die in Afrika Feldforschung betrieben  hat, liebt Giraffen. Und Schlangen, die anatomisch noch weiter von uns entfernt sind, noch mehr.

Kurzes Rumlesen in wissenschaftlichen und halbwissenschaftlichen Foren offenbart: Die es wissen könnten, wissen es auch nicht. Aber sie wissen es auf höherem Niveau nicht wie unserereiner.

Immerhin, es gibt Abhilfe. Desensibilisierungstrainig ist in aller Regel erfolgreich ... so dass  die Probanden am Ende eine wuchtige Vogelspinne über ihre Unterarme krabbeln lassen können.

Vroni, die meine,  sagt, so etwas wolle sie nicht. Braucht es am Ende auch nicht! Und sie hat sich in der Tat selbständig  schon auf etwas mehr als Ameisengröße hoch- (oder sagt man?) runter-sensibilisiert.

Dabei könne es doch bleiben, meint sie. Und das meine ich auch. Denn, wenn irgendwann -  etwa nach einem höchst erfolgreichem Desensibilisierungsprogramm - im heimischen Terrarium eine abnorm langbeinige Bananenspinne herumstaksen würde?  Dann würde ich vielleicht ...

Ich weiß nämlich nicht so ganz genau, wie  arachno-immun ich bin. Und ich will es auch nicht wissen. Ehemänner ertragen es nämlich nur schwer, wenn sie kleine Vorsprünge einbüßen, die sie zu ihren gewohnheitsrechlichen Besitztümern zählen.
 
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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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