Noch ein Anti-Fleischbuch … oder?
Was Foers Buch „Tiere essen“ mit einem macht
Achtung: Dies ist keine Buchbesprechung! Ein Welt-Bestseller – und genau das ist Jonathan Safram Foers „Tiere essen“ erfreulicherweise - muss man nicht nochmals besprechen. Der Fokus dieser Anmerkungen ist auf einen Teilaspekt gerichtet - einen, der in der Diskussion meines Wissens bisher kaum vorkam. Es gibt in jedem Menschenleben so etwas wie Erinnerungsknoten, die ein kluger Mensch einmal der „persönlichen Mythologie“ zugerechnet hat. Dazu gehören auch Gerichte. Bei Foer ist es das Hühnchengericht seiner wunderbaren jüdischen Großmutter, an das sich für ihn Familienglück und seelentiefe Geborgenheitsgefühle angelagert haben.
Hühnchen war Heimat.
Wenn Foer sich also, angesichts des Massenelends in Hähnchenmastanstalten, gegen Fleischverzehr entscheidet, ist da immer – unbewusst aber nicht unwirksam - auch ein Stückchen Abschied im Schwange. Vom kleinen Glück, von der Jugend, von einem prägenden Kleinkosmos im Dunstkreis von Omas Küche.
Wie recht er hat! Nie sah ich meinen schwierigen Vater entspannter und glücklicher als über einer Gänsekeule. Nie wieder Weihnachtsgans mit Fülle? Das hieße auch – irgendwie -, eines der raren, milden Bilder von Heinrich Lieckfeld beschädigen. Und wenn ich gegenüber Bekannten aus kulinarisch üppigen Gegenden wie Baden Württemberg oder dem Rheinland die karge nord-niedersächsische Küche meiner Heimat hochhielt, hatte ich stets ein überragendes Argument: Birnen, Bohnen und Speck. Ja. Speck!
Kann ich, will ich mir dieses Argument vom Teller ziehen lassen? Wer sich zum Vegetarismus verfügt, greift in seine Erinnerungen ein und in sein Sozialgefüge.
Foers „Tiere essen“ enthält all die sauber und vollständig recherchierten Scheußlichkeiten, von denen wir (oder die allermeisten von uns) wissen: Die Welt ist zugepresst mit Hekatomben von Schlachttieren, die ein Nicht-Leben hindurch vegetieren müssen, ehe sie massen-gemeuchelt werden. Das wissen wir, gruseln uns knapp … und überlegen zwei Stunden später, ob Rind oder doch besser Pute zu dem wunderbaren Bio-Lauch passen, den wir mit lieben Freunden verspeisen wollen.
Foer schafft es, das Sandstrahlgebläse der Zahlen/Daten/Fakten, dem wir routiniert ausweichen, auf seine Seelenbiographie zu richten. Und damit auch auf unsere. Und plötzlich gibt es kein Ausweichen mehr. Geschichten, von einem erlebbaren Ich erzählt, machen mehr mit uns als Nachrichten aus Horrorland. Horrorland ist abgebrannt, liegt dort, wo wir eh nicht hindenken. Geschweige denn hinkommen.
Ein Appetitverderberbuch? Ich denke: Nein. Es ist ein subkutanes Buch. Eines über bessere Einsichten und wie man sie vielleicht doch leben kann. Geschmackvoll. Dem Leben zugewandt. Unbedingt lesen!




