Der Tod, der aus der Erde kommt

Indigene Völker bezahlen für unsere Gier nach Uran

Von Claus Biegert

Copyright: ippnw

Was Uran von allen anderen Erzen, die täglich weltweit aus der Erde gefördert werden, unterscheidet: Wir sind ihm nicht gewachsen. Wir haben mit Uran die Kernspaltung zu Wege gebracht und tun so, als ließen sich sämtliche Gefahren der Radioaktivität  beherrschen.  Dem ist nicht so! Wir wissen es – wenn wir ehrlich sind - und handeln dennoch so, als wüßten wir es nicht. Bis heute wird Uranerz wie Silber, Gold, Eisen, Zink, Kohle etc. im Stil des Bergbaus abgebaut, es gilt das Bergrecht des 19. Jahrhunderts (sofern überhaupt Rechte gelten, und nicht nur Claims abgesteckt werden), und Menschenrechte gehören nicht zum Vokabular der Uran-Miner.  Das Erz und seine Zerfallsprodukte strahlen auf unabsehbare Zeit. Diese Strahlung gefährdet unsere Gesundheit und die aller nachfolgenden Generationen.

… konzentriere Dich auf Uran!

Vor dem September 1977 hatte ich nie über Uran nachgedacht. Damals tagte bei den Vereinten Nationen in Genf der Entkolonialisierungsausschuss mit indianischen Delegationen von Alaska bis zu den Anden. Ich traf viele Freunde wieder – seit dem Aufstand von Wounded Knee 1973 bereiste ich als Journalist das indigene Nordamerika – und ich fand viele neue Freunde. Zu den neuen Freunden zählte Winona LaDuke, eine High School-Absolventin aus Minnesota, ihr Vater war ein Anishinabe aus dem Reservat White Earth. Am letzten Tag, es war am Abend in der UNO-Cafeteria, kam Winona an den Tisch, an dem ich mit anderen Journalisten saß, und reichte mir ein Blatt, auf dem sie mit Filzstift das Navajo-Reservat gezeichnet hatte und mit ein paar Flecken die Uranvorkommen. „Solltest du weiterhin über uns schreiben, solltest du dich auf Uran konzentrieren. Es wird meistens auf indianischem Land abgebaut.“  Ein Aufruf, der mein Leben in die heutigen Bahnen gelenkt hat. Wenige Monate später besuchte ich Winona, als sie – inzwischen eine Studentin der Ökonomie in Harvard – während ihrer Semesterferien bei den Navajo arbeitete.

Foto: IPPNW

In dieser Zeit erschienen ihre ersten Artikel zum Thema, es waren die ersten Berichte über Uranabbau überhaupt, niemand hatte vor ihr das Problem aufgegriffen. Die Gebiete des Uranabbaus waren als Lebensraum nicht mehr tauglich; 80 Prozent der ursprünglichen Strahlung blieb in den Abraumhalden, die, Wind und Regen preisgegeben, für eine stetige radioaktive Verseuchung des Landes sorgten. Die indianischen Bergleute starben und mit ihnen die Angehörigen, die ihre Heimat nicht verlassen konnten. Nationale Opfergebiete nannte die US-Regierung diese Regionen. Für die Ureinwohner waren es heilige Orte, deren Unversehrtheit Voraussetzung für eine intakte Erde war. Das trieb Winona zur Weißglut, die Welt ließ es kalt. Die nukleare Gesellschaft verlangte ihren Treibstoff. Winona schrieb und schrieb; jahrelang kamen die meisten Artikel aus ihrer Feder. Inzwischen hatte sie auch Kontakte zu anderen Uran-Regionen der Welt aufgenommen und konnte zeigen, dass sich in Kanada und Australien parallele Katastrophen abspielten:  Hier wie dort waren die Ureinwohner die Opfer und die Verantwortlichen die bekannten internationalen Konzerne.

Wismut – das Verhängnis nebenan

Dann kam der 26. April 1986. Der GAU von Tschernobyl bestimmte die Nachrichten aller Medien aller Erdteile. Ich musste an die Bergleute der Navajo denken und alle anderen Menschen der weltweiten „nationalen Opfergebiete“: Sie starben ohne spektakuläre Umstände und waren daher kein Thema. Sie sind bis heute die Kollateralschäden einer nuklearen Konsumgesellschaft. Daraus entstand die Idee, auf allen Kontinenten die Menschen zu suchen, die sterben müssen, weil wir Atomstrom wollen. Die sterben müssen, weil wir auf atomare Abschreckung setzen. Die unerwähnt bleiben, weil die Medien für Katastrophen ihre eigenen Kriterien haben.

Als Journalist wusste ich gut genug, dass ich daran wenig ändern konnte. Ich entschied mich für eine berufliche Pause und wechselte  ins Lager der Aktivisten. Von dort aus sah ich dann, dass uns von den radioaktive verseuchten Stammesvölkern nicht so viel unterschied: In nächster Nachbarschaft, in der DDR, befand sich Wismut, die größte Uranmine Europas, für Jahrzehnte der Lieferant für das russische Nuklearprogramm.

Die Idee zum World Uranium Hearing war geboren, aus einer Handvoll Gleichgesinnter wurde mit den Jahren ein internationales Team. Sechs Jahre nach Tschernobyl, von 13. bis 18. September 1992, tagte dann in Salzburg das World Uranium Hearing: Rund einhundert Betroffene berichteten als „Zeugen“ vor einem internationalen, über 300-köpfigen „Board of Listeners“ über die täglichen Auswirkungen von Uranabbau, Atomtests und der Lagerung radioaktiven Mülls. Erkennungszeichen des WUH wurde ein Logo, das einer Felszeichnung der Njamal aus dem Nordosten Australiens entlehnt war und die Regenbogenschlange darstellte. In der Mythologie vieler Aborigine-Stämme schläft die Regenbogenschlange unter der Erde. Wer ihren Schlaf stört, so die Warnung, werde unbezwingbare tödliche Kräfte entfesseln. Die Felszeichnung der Njamal zeigt die erwachte Schlange.

Indigene Völker klagen an

Die Geladenen kamen aus allen Erdteilen; die Mehrheit war indigener Herkunft. Die historische Woche endete mit der „Deklaration von Salzburg“, die zwei Jahre später von der UN-Working Group on Indigenous Populations in Genf als relevantes Dokument angenommen und dem Archiv des UN-Menschenrechtszentrums zugeteilt wurde; unter dem Kennzeichen E/CN.4/Sub.2/AC.4/1994/7 6 June 1994  kann die Deklaration in Englisch, Spanisch, Russisch und Chinesisch abgerufen werden; sie ist auch im Internet in Englisch einzusehen und zum Down-load bereit. Die Deklaration von Salzburg endet mit der Forderung: Uran und alle radioaktiven Mineralien müssen in ihrem natürlichen Umfeld verbleiben!

Als ich zusammen mit Christa Lubberger und Franz Moll (und bald darauf Craig Reishus) als Nachfolgeprojekt des WUH den Nuclear-Free Future Award ins Leben rief, war klar, dass dem Beginn der nuklearen Kette ein besonderes Augenmerk gelten sollte. 1998 hatte der NFFAward in Salzburg seine Premiere, der Ort der Preisverleihung wechselt seitdem jedes Jahr, um auch Einladungen aus den Ländern ehemaliger Preisträger Folge leisten zu können. 2005 – wir waren zu Gast im Nobel-Institut in Oslo - gehörte Joe Shirley Jr., der Stammespräsident der Diné Nation, zu den Preisträgern. Er hatte ein Gesetz unterzeichnet, das künftig den Abbau von Uran auf dem Reservat der Diné untersagt (Diné nennen sie sich selbst, Navajo wurden sie von den Spaniern genannt). Im Dezember 2006 waren wir dann zu Gast in Window Rock im Bundesstaat Arizona, dem Sitz der Stammesregierung. Die Preisverleihung war Höhepunkt des dreitägigen Indigenous World Uranium Summit, dem die Organisatoren (unter Leitung des Seventh Generation Fund) den Untertitel „From Salzburg to Window Rock“ gegeben hatten; der Wortlaut findet sich unter www.sric.org/uraniumsummit

Die UNO merkt auf

Die Versammelten von Window Rock kamen aus Kanada, China, den USA, Brasilien, Indien, Australien und Vanuatu und bekräftigten in ihrer Abschlusserklärung die Deklaration von Salzburg und riefen nach einer eine weltweite Ächtung jeglicher Uranverarbeitung. Inzwischen war der Gebrauch von Uranmunition (Geschossen, die mit abgereichertem Uran gehärtet sind) bekannt geworden, und neben dem klassischen Uranbergbau wurde inzwischen das sogenannte In-situ Leach Mining praktiziert, bei dem toxische Lösungsmittel in den Boden gepumpt werden, um das Uran unterirdisch vom Muttergestein zu trennen, was eine Kontaminierung der Grundwasservorkommen mit sich brachte. Uranmunition und In-Situ Leach Mining waren 1992 beim World Uranium Hearing noch nicht thematisiert worden. Die Teilnehmer von Window Rock plädierten außerdem für eine Fortsetzung von Gipfeltreffen dieser Art. Man war sich auch einig, dass vereinte Anstrengungen nötig und überfällig waren, um Kontakte zum uranreichen Kontinent Afrika aufzubauen.

Günter Wippel, einem Aktivisten aus dem Schwarzwald, gelang es 2009, eine Gruppe aus afrikanischen Uranabbauzonen zu einer Tour durch Deutschland zu gewinnen. Die Delegierten kamen aus Niger, Namibia, Südafrika, Tansania und Malawi. Die gemeinsame Rundreise festigte den Zusammenhalt der isoliert arbeitenden Gruppen, und Ende des Jahres formierte sich die African Uranium Alliance mit Sitz in Malawi. Die Verseuchungen und skandalösen Arbeitsbedingungen in der Sahara von Niger sorgten sogar für einen Bericht im „Spiegel“.

Die nächsten Opferregionen liegen in Afria

Eine Nachricht bahnt sich ihren Weg, wie Wasser, das den Berg abwärts rinnt. Hindernisse können Wasserläufe und Nachrichten verzögern, verhindern können sie sie nicht. So hatten die Informationen über Uranabbau (von den großen Medien ignoriert) in den Publikationen der deutschen Sektion von IPPNW immer wieder ihren Platz gefunden (seit 2000 gab es eine Kooperation zwischen NFFA und IPPNW), und persönliche  Erfahrungen zeigten ihre zusätzliche Wirkung. Günter Baitsch, ein Kardiologe aus der Schweiz, hatte bei einer Reise in Nordafrika gesehen, wie die Tuareg, ihres Nomadenlebens beraubt, zu Handlangern der französischen Uranindustrie degradiert worden waren. Bald war der Entschluss gefasst: Zur IPPNW-Weltkonferenz 2010 in Basel muss es eine Vorkonferenz über Uranabbau und indigene Völker geben. Eine Arbeitsgruppe nahm im Dezember 2009 ihre Arbeit auf, und am 26. August 2010 tagte an der Universität Basel die Konferenz „Sacred Lands, Poisoned Peoples – Indigenous Peoples, Health and Uranium Mining“.

Die Aussagen der Betroffenen aus Uranregionen in Kanada, den USA, Indien, Namibia, Niger und Australien bewegten die Gemüter. Einer der Ärzte verfasste kurzerhand einen Aufruf zur weltweiten Ächtung von Uranabbau und der Herstellung von Yellowcake (Handelsbezeichnung für Uranoxid). Am 29. August gab der internationale Rat von IPPNW seine Zustimmung. Die Resolution war angenommen. Die indigenen Sprecher der „poisoned peoples“ sahen ihre Reise nach Europa von Erfolg gekrönt. Der Weg führte von Salzburg über Window Rock nach Basel. Die hier vorliegende „Erklärung von Basel“  und die IPPNW-Resolution zur Ächtung der Urangewinnung und der Herstellung von Yellowcake sind Zeugnisse dieses Weges. Der Aufruf zur Ächtung ist eine Verpflichtung für uns alle. Wir dürfen nicht länger eine Energiequelle anzapfen, die Menschenopfer verlangt.

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Claus Biegert arbeitet führend für den Nuclear Free Future Award, eine Organisation, die weltweit  Menschen auszeichnet, die sich gegen den (sogenannten) friedlichen wie gegen den militärischen Atom-Komplex engagieren.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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