Rothirsch: König ohne Land?

Interview mit dem Waldexperten Georg Meister

Von Claus-Peter Lieckfeld

In den Wald hineingefüttert. Photo: Templermeister/pixelio.de

Hirsche überall? Klingt gut. Aber gut für wen?

Wenn eine Stiftung aus dem Umfeld des Deutschen Jagdschutzverbandes (also der traditionellen Jagdlobby) davon spricht, dass Rotwild „erschossen“ und nicht „erlegt“ wird, dann muss Ungemach im Schwange sein. Oder? 

Die Deutsche Wildtier Stiftung tritt, pünklich zur Brunftzeit, mit einer Kampagne an die Öffentlichkeit, die – so jedenfalls klingt es beim ersten Hinhören - sehr mehrheitsfähig aufstampft: „Freiheit für den Rothirsch – der König will wandern“ lautet der Kampagnen-Titel.

„Städte und Straßen stören den Wanderwillen von Rotwild ganz erheblich“, heißt es weiter in einer Pressemitteilung der Stiftung vom 27. September – übrigens völlig zutreffend. Gleichwohl wird gefordert, dass die Rotwildrudel in allen Bundersländern wieder frei ziehen sollen und nicht, wie in Bayern und Baden Württemberg, auf festgelegte Rotwildgebiete beschränkt bleiben, außerhalb derer sie „erschossen“ werden. magda befragte den renommierten Wald- und Jagdexperten Dr. Georg Meister, was von dieser Kampagne zu halten ist. 

Frage: Warum sagt die Deutsche Wildtier Stiftung, dass Hirsche „erschossen“ werden?

Meister: Damit wird suggeriert, dass Hirsche nur im Rahmen eines (auf starke Trophäen ausgerichteten) Abschussplanes von einem waidgerechten Jäger „erlegt“ werden dürfen. Andere Jäger – also zum Beispiel solche, die mit Trophäenzucht nichts am Jagdhut haben und meinen, dass naturnaher Wald wichtiger sei als hohe Wilddichten – „erschiessen“ einen Hirsch.

Frage: Unsere Wälder sind ja …

Meister: Moment! Entschuldigung, wenn ich da gleich einhake. Rothirsch und Wald, das gehört eigentlich gar nicht zusammen. Die Deutsche Wildtier Stiftung hat ganz richtig festgestellt, dass Hirsche ihrer Natur nach Tiere des Offenlandes sind. Unter natürlichen Zuständen würden sie nur in kleinen Teilbereichen des Waldes vorkommen.

Frage: Was soll man sich unter „natürlichen Zuständen“ vorstellen?

Meister: Dazu gestatten Sie mir einen ganz kurzen Schlenker durch die Jahrtausende. Rothirsche waren nach den Eiszeiten  in den steppenartigen offenen Landschaften sehr zahlreich und wurden dort von den Wölfen und den Steinzeitjägern gejagt. Nach der natürlichen Wiederbewaldung des allergrößten Teils unserer Landschaft wurden die Hirsche zu seltenen Tieren.

Frage: Selten? Seit dem Hochmittelalter bis in unsere Tage gibt es Darstellungen der Hirschjagd.

Meister: Richtig, aber was man auf diesen Darstellungen meist nicht sieht: Um sie vor die Waffen zu bekommen, mussten die Tiere in den weniger dichten Waldteilen – zum Beispiel in Auwäldern oder Hochlagenwäldern – erst mühsam gesucht werden. Erst dann konnte man sie zu Pferde jagen und erlegen.

Frage: Woher kamen dann die vielen Hirsche, die zur Zeit der höfischen Jagd geschossen wurden?

Meister: Grundlage dafür war das feudale Jagdrecht. Es regelte unter anderem, dass die Landesherren auch auf fremdem Grund und Boden jagen durften. Und das hieß auch, dass auf Feldern und Äckern Hirsche leben und fressen durften. So hat man dem Offenland–Tier Hirsch seinen ursprünglichen  Lebensraum wiedergegeben. Deshalb konnte er sich wieder stark vermehren.,

Frage: Auf Kosten derer, die das Land bebauten … der Bauern?

Meister: So ist es. Und das blieb nicht ganz ohne Gegenwehr. Nach der Revolution von 1848 – das feudale Jagdrecht wurde einkassiert – hatte sich die Situation dann völlig verändert. Die zwei Drittel des Landes mit landwirtschaftlichen Flächen, auf denen bis 1848 unbeachtet der Besitzverhältnisse gejagt wurde, entfielen als Lebensraum der Hirsche. Sie durften nur noch in den Wäldern und den wenig intensiv genutzten Flächen wie zum Beispiel den Hochalmen, den Mooren und den Auwäldern leben.

Frage: Also wurde der Hirsch – von diesen Offenlandresten mal abgesehen – in die Wälder abgedrängt?

Meister: Genau. Aber nicht nur das. Einige Jäger und Förster haben etwa seit 1870 begonnen, in großen Waldgebieten die Zahl der Hirsche durch gezielte Hege zu vermehren.

Frage: Hege … das reimt der Waidmann gern auf Pflege?

Meister: Zu Hege gehört insbesondere eine intensive Fütterung und die Bekämpfung aller tierischen und menschlichen Feinde.

Frage: Und das ließ sich einfach so durchsetzen?

Meister: Das war zunächst durchaus schwierig. Aber dann fanden sich mächtige Schutzpatrone wie Kaiser Wilhelm II, oder Reichsjäger- und Reichsforstmeister Hermann Göring, für die ein mächtiges Hirschgeweih zum Allerhöchsten gehörte. Prachttrophäen wurden sehr bald zur offiziellen Zielvorgabe für „den waidgerechten Jäger“ schlechthin.

Frage:  Welche Auswirkungen hatte das auf den Wald?

Meister: Die vielen Hirsche fanden in dem ungeeigneten Lebensraum Wald zu wenig ihrer natürliche Nahrung. Sie haben deshalb viele Sträucher und Bäume verbissen (zusammengebissen). Die weniger schmackhaften und damit weniger verbissenen Bäume wie Fichten und Kiefern konnten sich so in vielen Wäldern durchsetzen. Dieser Zustand ist weder mit der Schutz- und schon gar nicht mit der Nutzfunktion des Waldes vereinbar. Heute gibt es fast nirgends ein Rotwildgebiet im Wald, in dem eine "waldverträgliche" Wilddichte nicht erheblich überschritten wird.

Frage: Wo gibt es denn in Deutschland noch geeignete Gebiete für das Rotwild?

Meister: Geeignete Gebiete für das Offenland–Tier Rothirsch gibt es bei uns eigentlich nur auf den größeren Truppenübungsplätzen, in den höheren Lagen des Hochgebirges sowie in halboffenen, wenig intensiv genutzten Landschaftsbereichen.

Frage: Und so ein wenig intensiv genutzter Landschaftsteil, der könnte …

Meister: Könnte! Wie das Beispiel in der Lausitz zeigt, wäre das bei Anwesenheit des Wolfes durchaus möglich. Das wollen die „hirschgerechten“ Jäger aber nicht, da der Wolf dann ja vielleicht auch einen Hirsch mit mächtigem Geweih erbeuten könnte.

Frage: Und was heißt das für die Forderung der Deutschen Wildtier Stiftung: „Unbeschränktes Wanderrecht für Rotwild“?

Meister: Wenn man die Hirsche wieder unbeschränkt wandern lassen will, muss man vorher untersuchen, wo denn heute noch geeignete Offenland- Lebensräume vorhanden sind und wo die Grundeigentümer bereit sind, ihre Grundstücke für diese großen Tiere zur Verfügung zu stellen.

Frage: Und was geschieht, wenn es diese Untersuchungen nicht gibt?

Meister: Das Rotwild wird auch alle ungeeigneten Wald–Lebensräume besiedeln, wenn es dort einen Großteil des Jahres gut gefüttert wird. Es wird dort enormen Schaden an den Wäldern anrichten, der den Grundeigentümern nur zu einem kleinen Teil ersetzt wird.

Frage: Kommt das nicht einer Teilenteignung der Waldbesitzer gleich?

Meister: So lange die Jagdgesetze so jagdfreundlich sind wie seit den Zeiten des Reichsjagdgesetzes aus der Nazi-Zeit, muss man diese Frage eindeutig bejahen. Host Stern hat das einmal „Knochenproduktion auf Waldbasis“ genannt. [Anm.: Hirschgeweihe sind nichts anderes als Knochengebilde]

Frage: Aber die Leute wollen doch Hirsche sehen?

Meister: In den normalen Rotwildgebieten sehen die Leute doch auch keine Hirsche, weil sie dort gejagt werden und deshalb sehr scheu sind.

Frage: Und was sollte man dann tun?

Meister: Es wäre doch kein Problem, in Deutschland einige große Rotwild– Parks mit viel Offenland einzurichten, in denen das Wild nicht bejagt wird. Dort könnte man dann von großen Aussichtsplattformen aus das natürliche Verhalten dieser faszinierenden Tiere beobachten.

Die Fragen stellte Claus-Peter Lieckfeld; er verfasste unter dem Titel „Tatort Wald“ eine sachorientierte Biographie über Georg Meister, ISBN 978-3-938060-11-7


 

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Ulrich Wotschikowsky

Dienstag, 05-10-10 15:37

Das habe ich sinngemäß schon gelesen, als ich vor 50 Jahren mit dem Forststudium angefangen habe. Nichts daran ist neu oder originell.
Es gibt reichlich Beispiele dafür, dass Rotwild in unseren Wäldern leben kann, ohne diese zu ruinieren. Ohne Fütterung, ohne Überhege. Parks für Rotwild einzurichten ist eine armselige Perspektive. Dann auch Parks für Kormorane, Wölfe, Kaninchen etc - eben alles, was da kreucht und fleucht und in unsere kleinkarierten Nutzungsvorstellungen nicht passt.

 

Elisabeth Emmert

http://www.oejv.de

Sonntag, 24-10-10 21:21

Der ÖJV ist gegen die Aufgabe der Rotwildgebiete. da dann die jagdlich bedingten Probleem für den Lebens- und Wirtschaftsraum Wald auf noch größeren Flächen auftreten würden. Bei der diesjährigen Änderung des Landesjagdgesetzes in Rheinland-Pfalz wurde "zur Verhinderung von Wildschäden" an der Ausweisung von Bewirtschaftungsbezirken festgehalten. Der ÖJV und die Grundbesitzer- und Waldverbände haben das begrüßt.
Es ist sicher richtig, dass Hirsche auch im Wald leben können und von Natur aus leben würden, aber eben nur in geringen Dichten und kleinen Familienverbänden. Die "Offenlandprägung" darf nicht so interpretiert werden, dass Rotwild im Wald total fehl am Platz ist und zwangsläufig enorme Schäden anrichten muss, das hängt vom jagdlichen Umgang mit ihm ab. Und der wird besonders beim Rotwild nach wie vor von Zahlenhege, Fütterung und Trophäenkult bestimmt.

Elisabeth Emmert, Bundesvorsitzende des Ökologischen Jagdverbands (ÖJV), weitere Informationen dazu unter www.oejv.de/Positionen.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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