Überleben im Treibhaus

Plädoyer für ein Weltbürgerrecht

Von Till Bastian

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Der Klimawandel ist ein bereits in Gang befindlicher Prozess (Foto: Rike/pixelio.de)

Die erste Dekade des 21. Jahrhunderts brachte gleich in ihrem zweiten Jahr den verstörende Anschlag auf die Doppeltürme des New Yorker World Trade-Centers; und das Jahrzehnt wurde in seinem weiteren Verlauf vor allem geprägt vom „Krieg gegen den Terror“ - geführt unter anderem in Afghanistan und im Irak, mit äußerst fragwürdigen Mitteln und mit noch fragwürdigerem Ergebnis.

Das erste Jahr des neuen Jahrzehnts hingegen war geprägt von einer Naturkatastrophe in Japan und der ihr folgenden zweiten Kernschmelze in einem Atomreaktor nach Tschernobyl 1986, 25 Jahre zuvor – und vom gewaltsamen Tod Osama Bin Ladens, des Urhebers des Attentats auf das World Trade Center 2001. Durch diese Vielzahl von dramatischen Ereignissen und dazu noch durch eine längst nicht ausgestandene, seit Herbst 2008 die Öffentlichkeit erschreckende Wirtschaftskrise wurde ein anderes Problemfeld leider immer weiter in den Hintergrund gedrängt, nämlich die menschengemachte Umweltzerstörung und die mit ihr gekoppelten, rapide wachsenden Gefahren für ein friedliches Zusammenleben der Menschheit.

Und dennoch: Just dieses vergangene Jahr 2010 mit seinen beiden Mega-Katastrophen, den Waldbränden in Russland und der Überschwemmung in Pakistan, hat überdeutlich gezeigt, dass der Klimawandel samt seinen Folgeschäden nicht etwa ein Ereignis ist, das uns irgendwann in der Zukunft drohend ins Haus steht, sondern ein bereits jetzt in Gang befindlicher Prozess, dessen schädliche Folgen uns schon heute massiv treffen. Und das Schlimmste an alledem: Die ohnehin schon schwer benachteiligten Menschen in den sich ständig ausdehnenden Elendsquartieren unserer Welt sind von diesen Schäden in ganz besonders hohem Maße betroffen.

Die Unschuldigen zahlen die Zeche


Wir sind mit der Jahrhundertwende endgültig in ein neues Zeitalter eingetreten, das nach einem Vorschlag des Chemikers Paul Crutzen (ehedem Universität Mainz) als „Anthropozän“ bezeichnet werden sollte – als die Epoche der zivilisationsbedingten Klimaerwärmung. Dieser Klimawandel samt seinen heute bereits in aller Klarheit erkennbaren, äußerst schwerwiegenden Folgen – Abschmelzen der Polkappen, Anstieg des Meeresspiegels, Ausbreitung der Wüsten, Trinkwasserverknappung und sich verstärkende Flüchtlingsbewegungen – lässt sich nicht mehr aufhalten, allenfalls noch ein wenig abbremsen, und auch dies nur bei gewaltigen Anstrengungen, von denen, wie die gescheiterte Klimakonferenz von Kopenhagen lehrt, allenfalls zögerliche Ansätze zu registrieren sind. Es gilt mithin, sich auf diese globale Entwicklung einzustellen und sich an sie anzupassen.

Was bedeutet das, und was bedeutet es insbesondere dann, wenn wir unsere Träume von Frieden und weltweiter Gerechtigkeit nicht einfach auf den Müllhaufen der Geschichte werfen wollen? Es bedeutet, dass wir uns insbesondere jenes Problems annehmen müssen, vor dem der wortgewaltige Bischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu schon seit Jahren immer wieder und mit beredten Worten gewarnt hat: Denn es droht eine weltweite ökologische Apartheid, wenn nicht weltweit größte Bemühungen unternommen werden, um gerade den Ärmsten der Armen neue Wege zu öffnen, auf denen sie sich vor den Folgen des unvermeidlichen ökologischen Disasters einigermaßen wirksam schützen können.

Für die reiche, privilegierte Minderheit in den Metropolen der Industrienationen auf der Nordhalbkugel wird das Leben unter veränderten klimatischen Bedingungen möglicherweise etwas weniger komfortabel werden, etwas mehr Aufwand und etwas mehr ökologische Rücksicht erfordern – die Armen in den übervölkerten Ländern des Südens werden Wetterunbill, Wassermangel, steigende Nahrungsmittelpreise und Überflutung der Küstenregionen vom Nil-Delta bis zum Golf von Bengalen in voller Härte zu spüren bekommen, und gerade sie verfügen nur in sehr begrenztem Umfang über die Mittel, sich gegen dieses Schicksal zu wappnen.

Es gibt meines Erachtens nur einen einzigen Lösungsweg in dieser bedrohlichen Lage, und es wäre höchste Zeit, die ersten Schritte auf diesem Weg zu wagen: Es ist allein die Entwicklung eines ökologisch orientierten Weltbürgerrechts, die für die bedrohten Menschen des Südens in ihrer nicht selbst verschuldeten, aber äußerst mißlichen Lage Abhilfe schaffen kann. Nach derzeitiger Rechtslage ist nämlich weder die Menschheit in ihrer Gesamtheit, noch der bedrohte Einzelne ein Völkerrechtssubjekt, das von den Reichen und Mächtigen mehr erwarten darf als allfällige Almosen. Das Völkerrecht, auch das in Ansätzen bereits geschaffene Umweltvölkerrecht, ist ein Recht von Staaten, kein Recht der Menschheit oder ihr zugehöriger Gruppen oder Einzelpersonen. Das Recht, „im Recht zu leben“, das die aus Deutschland vertriebene Philosophin Hannah Arendt einst sehr treffend als das fundamentalste aller Menschenrechte bezeichnet hat, ist auf dem Feld der ökologischen Menschheitsbedrohung gegenwärtig noch weitgehend inexistent.

Dies lässt sich zum Beispiel an einer – an sich gewiss begrüßenswerten – Entscheidung der UN-Vollversammlung vom 28. Juli 2010 zeigen: an jenem Mittwoch hatte nämlich das Plenum der Vereinten Nationen auf Antrag Boliviens einmütig (das heißt: ohne eine Gegenstimme, aber bei 41 Enthaltungen) entschieden, das Recht auf Zugang zu sauberem Trinkwasser in den Katalog der Menschenrechte aufzunehmen. Diese Entscheidung weist in einer Zeit, in der geschätzte 884 Millionen Menschen über einen solchen Zugang nicht verfügen (und die Zahl der derart Benachteiligten wächst jeden Tag weiter an!) ohne Zweifel in die richtige Richtung; sie bleibt aber zunächst ohne unmittelbare Konsequenzen, da der am Zugang zu sauberen Wasser gehinderte Mensch bislang eben kein Völkerrechtssubjekt ist und aus seinem abstrakten Menschenrecht auf sauberes Wasser deshalb keinen konkreten, soll heißen: alltagspraktisch wirksamen Rechtsanspruch ableiten kann, nun auch wirklich mit sauberem Wasser versorgt zu werden.

Der ökologisch benachteiligte Mensch muss Gehör finden

Das Grundprinzip eines diesen eklatanten Mangel beseitigenden Weltbürgerrechtes wäre, wie gesagt, der konkrete und damit auch vor Gericht verfolgbare Rechtsanspruch, sich gegen die Folgen des ökologischen Disasters – etwa die Überflutung meines Wohnortes – zur Wehr setzen zu dürfen. Dies ist nur dann möglich, wenn erstens der ökologisch benachteiligte Mensch zum Rechtssubjekt mit konkreten Rechte  geworden ist (eben durch das zu schaffende Weltbürgerrecht) und wenn zweitens Instanzen geschaffen werden, vor denen er rechtliches Gehör finden und sein Recht gegebenenfalls auch durchsetzen kann – nötigenfalls auch gegen Widerstreben.

Selbstverständlich müssen dazu unter dem Dach der Vereinten Nationen entsprechende neuartige Institutionen geschaffen werden, aber es gibt keinen einleuchtenden Grund, dessentwegen dies grundsätzlich unmöglich sein sollte. Schließlich hat die Weltgemeinschaft es ja auch geschafft, den am 17. Juli 1998 gegründeten Internationalen Strafgerichtshof Wirklichkeit werden zu lassen (International Criminal Court, ICC; sein Statut trat am 1. Juli 2002 in Kraft, seine Arbeit hat der Gerichtshof am 16. 6. 2003 aufgenommen.). Derzeit hoffen Zehntausende von Menschen, den Tag noch zu erleben, an dem Diktatoren wie Hosni Mubarak oder Muammar al-Gaddafi sich vor jenem Gericht werden verantworten müssen (aus Ägypten sind in der Tat bereits mehrere entsprechende Anzeigen beim Sitz des ICC in Den Haag, Maanweg 174, eingegangen.

Ein ökologisch orientiertes Weltbürgerrecht wäre somit ein wesentliches - zugleich freilich ein in seiner konkreten Gestaltung erst noch zu konstruierendes - Werkzeug, wenn es darum gehen soll, die Anpassung an den unaufhaltsamen Klimawandel in einer Art und Weise zu bewältigen, die weltweit Frieden und Gerechtigkeit nicht beeinträchtigt, sondern, wo immer nötig, weiterhin stärkt und festigt. Als globale Bewältigungsstrategie wäre es wohl mindestens ebenso wichtig wie der Handel mit Emissionsrechten, die Förderung von erneuerbaren Energien und der Aufbau eines von fossilen Kraftstoffen unabhängigen Verkehrswesens.

Eine ausführliche Darlegung des Themas durch den Autor findet sich in Buchform.
 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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