Weißer Rauch über Gösgen

Ein Frühlingstag in Aarau – mit Ausblick auf acht Milliarden Kilowattstunden im Jahr

Von Claus-Peter Lieckfeld

Copyright: Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG

Dampf überm AKW: "Der strahlt nicht" (Foto: Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG)

„Des hätt’ i ma niä träume la’, dass i nomal in so ä Outo iistigä würd.“
sagt mein neuer Freund Sammi aus Aarau/Schweiz.

„Wieso? Was ist falsch an meinem Auto … zu klein … die falsche Marke?“
Sammi grinst und deutet vom Beifahrersitz aus mit dem Daumen nach hinten. Den Aufkleber an der Heckklappe meint er: „Atomkraft – Nicht schon wieder!“
Sollte ich jetzt eine Debatte lostreten, gar die junge Freundschaft mit einem harten, kernigen Schlagabtausch belasten? Womöglich die Gesetze schweizerischer Gastfreundschaft missachten und die gerade in Aussicht gestellte Schwarzwälderkirschtorte am hauseigenen Gartenteich atmosphärisch belasten? Ich belasse es bei einer Minimal-Retourkutsche: „Nein, nein ich weiß ja, euer Gösgen  [das AKW liegt dampfend und überLEBENSgroß  fast am Stadtrand von Aarau]  ist mindestens so sicher wie Fukushima!“. Wir einigen uns körpersprachlich darauf, das Thema ruhen zu lassen … auf unbestimmte Zeit.

Sammi nimmt mir, nach Torte und Kaffee, das Versprechen ab, Aarau nicht zu verlassen, ehe ich mir die Altstadt angeschaut habe. Er selbst kann mich leider nicht begleiten. Schwere Arthritis und die Spätfolgen eines fast tödlichen Motorradunfalls vor fast 20 Jahren.

Die beste Annäherung sei die über die Kettenbrücke, sagt er, und das stimmt offensichtlich. Über eine steinerne Rampe, die sehr viel jünger ist als sie aussieht, erklimmt man - die Aar überquerend – das Niveau der ehemaligen Stadtmauer.
Auf halber Höhe sticht ein seltsames Artefakt ins Auge: ein kleines Denkmal überlebter Technologie. Ein frisch unter Farbe gesetzter 1:1-„Ausschnitt“  aus einer Brückentragekonstruktion: letztes Überbleibsel einer Kettenbrücke, die hier stand und 1949 durch eine Rampe ersetzt wurde.

Ich stehe und lese die Infotafel, und den Blick hebend sehe ich ein echtes Stück überlebter Technologie: Im Aaretal dampft übermächtig und optisch beherrschend der Kühlturm des AKW Gösgen.

Als Veteran der Anti-AKW-Bewegung hat man so seine Stichworte, darunter etliche, die noch immer stechen. Gösgen? Gösgen? …da war doch was?

Richtig! Weiland, bei der Großdemo gegen Grohnde/Weser,  (wo ich mich fast ernsthaft an einem Wurfanker verletzt hätte) waren in unserem Demo-Trupp Schweizer „zum Anlernen“ dabei - Mittzwanziger wie ich ich damals, die Gösgen verhindern wollten. Das war Mitte der Siebziger… 20. Jahrhundert, nicht neunzehntes!

Neben mir kommt ein Kinderwagen zu stehen. Eine Frau, die nach geschätztem Alter eher Oma als Mutter des pudelbemützten Kleinkindes sein muss, liest ebenfalls die Kurzbeschriftung des Kettenbrücken-Denkmals.
Ich kann die Worte plötzlich nicht mehr halten, deute flussaufwärts  auf den himmelhohen Dampfpilz über dem Kühlturm: „Und Sie haben keine Angst um ihr Enkelkind?“ sage ich mit Mut zum Risiko (vielleicht ist die Frau ja doch eine sehr Spätgebärende und keine junge Oma?)

„Nein“ sagt sie, in wunderfein schwyzerisch gefärbtem Hochdeutsch, „und ich kann Sie beruhigen, der Rauch da drüber, das ist Wasserdampf. Der strahlt nicht.“
Touchez!

Oder sagen wir mal so: Die Situation bietet keinen festen Grund, um ein Stehgreif- und Zufallsgespräch von flüchtigem Rauch auf manifeste Risiken umzubiegen.

Auf der Fahrt von Aarau an den heimischen Ammersee habe ich dieses Hirnkreiseln, das einen befällt, wenn man etwas vergessen hat, was man eigentlich für fest gemerkt hielt: Gösgen … Gösgen … Gösgen? Da war doch was …?

Das Internet hilft mir, zuhause angekommen, auf die Sprünge: Im Spätsommer 2002 hatte der Baseler Zoll zwei Verdächtige festgesetzt, auf deren Computer sich technische Detailpläne des AKW Gösgen befanden, ohne dass die zeitweise Festgesetzten auch nur halbwegs nachvollziehbare Erklärungen dafür abgeben konnten. Die Bundespolizei wurde mit einer Entwarnung zitiert, die etwa so klingt wie: Dein Mörder, liebes Fast-Mordopfer,  war ungefährlich; seine Pistole hatte Ladehemmung. Die Schweizer polizeiliche Originalmitteilung: „“Es handelt sich nicht um Terroristen, sondern eher um Vorläufer!“

Vom heimischen Schreitisch aus, sehe ich die Rückfront meines Autos, „Atomkraft – nicht schon wieder!“ Ich möchte mich sofort wieder hinters Steuer klemmen, drei Stunden westwärts fahren, die Jung-Oma finden und sie drignend auffordern, ihr Enkelkind zu retten. Aber da tobt wohl doch nur diese international nicht akzeptable German Angst in mir, chodrrr?

PS:
Die geplante Erweiterung (Gösgen II) schien bisher ein Selbstläufer zu sein im überaus kernkraftfreundlichen Umfeld der Anlage, die 15% des schweizerischen Strombedarfs deckt. Der Neubau soll auf Erdbebensicherheit bis Stärke 7 ausgelegt werden. Zwei unter Fukushima.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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