Dem Bauern sein Grund

oder: Warum die Garmischer Bauern mit ihrer Wut auf die Stoderer (Stadtmenschen) aus München nicht allein sind

Von Tom Dauer

Copyright: Tom Dauer

Auch wenn die Odelfässer auf den Wiesen stehen: Düngen dürfen die Bauern im Oberland nicht wie sie wollen.

Es ist in jüngster Vergangenheit vielfach kolportiert worden, dass sich die Bauern im Oberland gegen die Bewerbung Münchens für die Olympischen Spiele 2018 wehren würden. Das stimmt nicht. Es sind Bauern aus dem Werdenfelser Land, die sich auch von Ministerpräsident Seehofer nicht so einfach vereinnahmen lassen. Die sich gegen ihren Bürgermeister Thomas Schmid, gegen ihren eigenen Verband und gegen die Münchner Bewerbungsgesellschaft stellen. Gegen eine Allianz also, der sie vorwerfen, nur Lug und Trug zu verbreiten. Womit sie wohl Recht haben.

Doch egal ob Oberlandler oder Werdenfelser: Einig sind sich die Bauern in ihrem Gift (Ärger) auf die Stoderer aus München in jedem Fall. Das merkt man nicht nur, wenn ein Bauer über das Land, den Hof und die Maschinen spricht, die ihm gehören. Man merkt es auch, wenn er über das Land, den Hof und die Maschinen spricht, die ihm nicht gehören

Neulich etwa war in Schmidham, also im Oberland, eine Feuerwehrversammlung. Debattiert wurde wie immer leidenschaftlich, und zwar nicht nur über die Frage, warum die Sonderdilchinger einen eigenen Löschwagen haben und die Schmidhamer nicht. Sondern auch darüber, ob man die nächste Übung nicht auf der Schwoag abhalten solle. Natürlich war ich dafür. Der Einfirsthof gehört mir zwar nicht, aber ich wohne darin, mit Frau und Kind, und bin an seiner und unserer Rettung im Brandfall interessiert. Anders der Rinslmayer Maxi. Der sagte, die Schwoag gehöre doch sowieso „bloß da Stod Minga“, der Stadt München also. Was er nicht sagte, aber wahrscheinlich dachte: Da kann man ihn auch abbrennen lassen.

Tatsächlich erwarb München die Schwoag im Jahre 1914 von der Familie Taubenberger, in deren Besitz sie seit Ende des 15. Jahrhunderts gewesen war. Die Stadt tat das mit vielen Höfen, denn ab 1883 bezog sie ihr Trinkwasser vom Taubenberg, aus den Mühltaler Hangquellen, aus den Tälern von Mangfall und Schlierach. Bis heute kommen etwa 80 Prozent der 100 Milliarden Liter Wasser, die die Münchner jährlich verbrauchen, aus unserer Gegend. Aus dem „malerischen Mangfalltal“, wie die Münchner Stadtwerke sagen. Wo die Bauern, das sagen die Stadtwerke nicht, seit langem revoltieren.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts mussten bayerische Soldaten den Bau des Kanalsystems, der das Mangfalltal mit München verbinden sollte, vor aufgebrachten Landwirten schützen. In den 1960er-Jahren blieb den Stadtbediensteten nichts anderes übrig, als das Dorf Thalham zwangszuräumen, bevor sie 70 Häuser platt machten – weil sie in Thalham das Zentrum des Wassereinzugs vermuteten. Was gar nicht stimmte. Weshalb sich der Verein der Wasserschutzzonen-Geschädigten bis heute gegen die Trinkwasserentnahme und die damit verbundenen Auflagen, zum Beispiel zur Landnutzung oder zur Ortsentwicklung wehrt.

Willy Bogner, Chef der Münchner Bewerbungsgesellschaft, sollte diese Geschichte kennen. Schließlich lebte er einige Jahre auf „Neistodl“. Der Neustadl-Hof liegt zwei Kilometer von der Schwoag entfernt, den Berg hinauf, in unmittelbarer Nachbarschaft also und im Wassereinzugsgebiet. Aber vielleicht hat der Skisportler und Unternehmer damals genau so wenig Gespür für die Sorgen der Bauern gehabt wie heute. Der Hof gehörte ihm ja nicht.

PS: Ein kleiner Teil des Münchner Trinkwassers wird seit den 1950er-Jahren aus dem Loisachtal gewonnen. Aus der Region also, in der – sollten die Werdenfelser Bauern doch noch einknicken – rund um das Gut Schwaiganger die nordischen Disziplinen stattfinden werden. Und da es dort in den meisten Jahren gar keinen Schnee gibt, wird man, wie das Bündnis Nolympia darstellt, Schneekanonen einsetzen müssen. Für die man Wasser braucht. Trinkwasser. Aber davon haben die Münchner ja genug. Im Oberland.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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