Hält der Damm?

Die größte Katastrophe könnte Pakistan erst noch bevorstehen

Von Tom Dauer

Am 4. Januar 2010 stürzten gewaltige Felsmassen von den Hängen oberhalb des Dorfes Attabaad. Sie erschlugen 20 Menschen, begruben ein ganzes Dorf, rissen zwei Kilometer des Karakorum Highway mit sich – und stauten den Hunza-Fluss zu einem See, der inzwischen 25 Kilometer lang und 100 Meter tief ist. Noch ist nicht klar, ob der natürliche Damm dem Monsunregen und dem Schmelzwasser der Gletscher standhalten wird. MAGDA-Autor Tom Dauer sprach mit Dr. Hermann Kreutzmann, Professor für Humangeographie an der Freien Universität Berlin, der kürzlich von einer Reise ins Hunzatal zurückkehrte.

MAGDA: Herr Dr. Kreutzmann, der Karakorum Highway, die wichtigste Lebensader zwischen Zentral- und Südasien, ist an vielen Stellen nicht mehr passierbar. Wie kamen Sie überhaupt aus dem Hunzatal zurück?

Hermann Kreutzmann: Wir bewegten uns wie die vielen Menschen fort, die ohne Hab und Gut unterwegs sind. Zwischen Erdrutschen verkehren Busse; über die kaputten Abschnitte muss man zu Fuß gehen. Kurz vor Gilgit, von wo aus wir nach Rawalpindi flogen, musste uns ein Bagger mit seiner Schaufel über Schlamm und Erdmassen heben.

MAGDA: Wie schätzen Sie die Situation der Menschen in den gebirgigen Regionen des Landes ein?

HK: Die Situation ist verheerend. Da sich die Flut nun stark im Süden Pakistans auswirkt, werden Armee und Hubschrauber abgezogen. Das ist einerseits verständlich. Andererseits können die Menschen im Norden nicht mehr versorgt werden. Die Lebensmittel im Distrikt Gilgit-Baltistan reichen vielleicht noch für eine Woche. Die Menschen fürchten, dass sie vergessen werden.

MAGDA: Sie waren in Gulmit, wo Sie in den 1990er-Jahren drei Jahre gelebt haben. Das Dorf liegt an der Nordspitze des im Januar aufgestauten Gojal-Sees. Die Regenfälle der letzten Wochen haben dafür gesorgt, dass der Wasserspiegel weiter anstieg und sieben Häuser zerstörte. Die Menschen dort leiden doppelt.

HK: Ja, denn nördlich des Sees, zwischen Gulmit und dem Khunjerab-Pass, leben etwa 20.000 Menschen, die seit Januar vom Rest Pakistans abgeschnitten sind. Sie können nicht medizinisch versorgt werden, der Warenverkehr ist äußerst mühsam. Da der See nicht von Lastwagen passiert werden kann, müssen alle Güter in Kähnen über das Wasser gebracht werden. Viele Bauern können deshalb ihre Produkte nicht verkaufen, weil sie zu teuer sind. Felder, Obstplantagen sind zerstört worden. Dazu kommt, dass der Tourismus im Hunzatal komplett zusammengebrochen ist. Das aber war die wichtigste Einnahmequelle.

MAGDA: Wie reagieren die Menschen?

HK: Sie sind wütend und verzweifelt. 300 Familien haben ihr Zuhause verloren. Ihrer Meinung nach hat die pakistanische Regierung versagt. Nach dem Bergsturz im Januar hätte man genügend Zeit gehabt, um das Wasser langsam und kontrolliert abzulassen. Jetzt aber ist Sommer, und es gibt – neben den Regenfällen, die so stark sind wie zuletzt 1992 – aufgrund der Schneeschmelze 20 Mal so viel Wasserzufluss wie im Winter! Da kann man nichts mehr machen.

MAGDA: Und jetzt?

HK: Jetzt bahnt sich eine Katastrophe an. Die Entwicklung wird von niemandem ernst genommen. Klar, es ist schwer einzuschätzen, was passieren wird. Vielleicht hält der Damm, vielleicht gibt er aber auch dem Druck des Regens und des Schmelzwassers nach.

MAGDA: Was würde im schlimmsten Fall passieren?

HK: Im schlimmsten Fall hätten wir eine Katastrophe, die die jetzige weit in den Schatten stellt. Wenn ein weiterer Bergsturz in den See rutscht und der Damm bricht, entsteht in dem engen Tal eine Flutwelle, die bis zu 100 Meter hoch sein könnte. Man geht davon aus, dass 10.000 Menschen, die unterhalb des Sees siedeln, ihr Leben verlieren würden.

MAGDA: Wie kann man das verhindern?

HK: Im September wollen chinesische Spezialisten damit beginnen, den See um 30 Meter abzulassen. Man kann nur hoffen, dass er bis dahin hält.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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