Lachszucht – Notzucht am Meer

Edelfisch aus Käfigen – Sauerei unter Wasser

Von Claus-Peter Lieckfeld

Lachs ist billig. Das Meer zahlt die Zeche. (Foto: H.Siepmann/Pixelio)

Eigentlich fühlen sich Aquafarmer im Allgemeinen und die Lachsindustrie im Besonderen gut aufgestellt. Die noch immer rasant wachsende Weltbevölkerung giert nach Eiweiß. Und die Ozeane sind fast leer gefischt. Liegt da nicht der Königs(aus)weg direkt und küstennah unter Wasser: genauer, in Aquakulturen, wo auf wenigen Kubikmetern hunderttausend-tonnenweise Fisch eingezäunt, gemästet und geerntet wird?

Schon heute stammt ein Drittel der globalen maritimen Fischernte von „Käfigtieren“ – und die Werbestrategen der Aquakultur haben für ihren weiteren Vormarsch ein werbetechnisch passendes Banner aufgezogen. Auf dem steht „Blaue Revolution“ oder besser noch „blaugrüne Revolution“. Grün, weil – so heißt es – die Verhaustierung von  Wildfisch den Druck aus den Trawler-Netzen nimmt. Indem wir viel Fischeiweiß aus Käfigen liefern, so sagt die Aquakultur-Industrie, brechen wir die Macht eines Marktgesetzes, das da lautet: Was knapp ist, wird teuer. Und wenn Fisch nur teuer genug ist, lohnt auch noch das kommerzielle Abfischen bis runter zum letzten Heringsschwanz.

In Käfigen dagegen wächst die Marktmacht, die auf Sicht die elektronisch dirigierten Supertrawler von den Weltmeeren fegt. Denn die Zuchttiere aus den Käfigen machen Fisch zum Schnäppchen und Fischfang unrentabel. Ergo: Wir, die Aqua-Industrie, sind öko! Die Rettung der globalen Fischfauna wächst hinter unseren Absperrungen heran.

Chiles Fjorde – Killing Zones

Soweit so gut … oder doch nicht so gut? Kritiker der Salzwasser-Aquakultur sagen, die Alternative „Anbau oder Raubbau“ böte die Wahl zwischen „Pest und Cholera“. Und dass dabei „Pest“ keine bildhafte Übertreibung ist, liegt auf der Hand, beziehungsweise kurz unter der Wasseroberfläche.

Nirgendwo wird das derzeit deutlicher als in den chilenischen Fjorden, einem der Brennpunkte der Lachszucht.  (Zahlen und Zeugnisse über das Zuchtlachs-Business in Chile entnehmen wir der herausragenden ARD-Filmdokumentation Lachsfieber von Wilfried Huismann und Arno Schumann)

In den 17 000 Kubikmeter-Käfigen von Marine Harvest, dem weltweit größten Global Player der Lachsproduktion, drängen sich jeweils 200 000 Tiere - durchschnittlich eine Million pro Farm. Man könnte es auch anders sagen: Marine Harvest pfercht doppelt so viele Lachse in seine Käfige, wie auf demselben Raum in Europa erlaubt sind.

Europa oder Südamerika, Massentierhaltung ist Salmon farming in jedem Fall. Und Massentierhaltung auf engem Raum lässt sich – einerlei ob in Ställen oder im Meer – wohl nur mit der chemischen Keule in profitable Bereiche knüppeln. Hektor Koll, chilenischer Meeresbiologe und Naturschützer, sagt, was das in seiner Heimat bedeutet: „In Chile gibt es keine Beschränkungen. In Norwegen [dem Mutterland der Zuchtlachs-Produktion] darf man 1 Gramm Antibiotika pro Tonne Lebendlachs einsetzen. Bei uns werden bis zu 800 Gramm eingesetzt … Das geht aus dem Umweltbericht der Unternehmen hervor: In einem Jahr hat Marine Harvest in einer einzigen Farm soviel Antibiotika ins Futter gemischt wie die gesamte norwegische Lachsindustrie.“

Ungenießbar, aber nicht unverkäuflich

Chilenischer Zuchtlachs ist bisweilen so hoch mit Antibiotika belastet, dass er keine Zulassung für den US-Markt bekommt. Doch unverkäuflich ist er deswegen noch lange nicht: Er wird auf lokalen chilenischen Märkten angeboten – wo im Übrigen auch Lachs aus virusverseuchten Beständen landet, illegal aber punktgenau.

Diese Viruskrankheit ist einer der Gründe, warum Lachsfarmen einen so desaströsen Einfluss auf das Ökosystem haben: Seit Jahren wütet in den chilenischen Fjorden die Viruskrankheit ISA (Infectious Salmon anemia – infektiöse Blutarmut bei Lachsen) Die Tiere sterben zu Hunderttausenden, denn die drangvolle Enge in den Käfigen und die kurzen Entfernungen zwischen den Farmen bietet dem aggressiven tödlichen Erreger ideale Ausbreitungsmöglichkeiten.

Woher die Krankheit stammt ist eindeutig: Sie wurde mit importierter Lachsbrut aus Norwegen ans andere Ende der Welt verfrachtet, wo es bis vor kurzem weder „Atlantische Lachse“ noch deren Seuchen gab.

Kleinere Lachsfarmer gingen dutzendweise bankrott; Marine Harvest macht auch diese Schicksale zu Geld: Die Company kauft die maroden Anlagen auf und baut so ihre Vormachtstellung weiter aus.

Kosten lassen sich leicht an anderer Stelle einsparen. Etwa am Faktor Mensch. Während in Norwegen in den letzten Jahren nur ein Wartungstaucher ums Leben kam, waren es in Chile im selben Zeitraum hundert. Sie starben bei Käfig-Wartungsarbeiten und bei der Beseitigung der ganz normal abgesunkenen „Totfische“.   Die Männer waren jämmerlich ausgerüstet, mussten ohne Rettungstaucher arbeiten (wie es die Vorschriften eigentlich verlangen) und sie mussten ohne Sicherheitsstandards arbeiten, wie sie weltweit für Berufstaucher vorgeschrieben und üblich sind.

Die Autoren der TV-Dokumentation „Lachsfieber“ lassen einen Taucher zu Wort kommen: „ … der verunglückte Kollege hatte keine gültige Lizenz. Schäden an der Ausrüstung führten dazu, dass er unter Wasser keine Luft bekam. Ein Rettungstaucher war nicht zur Stelle. Er starb, als er das Schutznetz gegen Seelöwen reparierte, in 40 Meter Tiefe. Das Unternehmen behauptete während der Verhandlung, er sei in 20 Meter Tiefe verunglückt [Anm. der Redaktion: Bis 20 Meter Tiefe dürfen Wartungstaucher offiziell tauchen]. Jeder weiß: das kann nicht sein. Außerdem musste Pedro Pablo während eines Sturms tauchen, obwohl die Marine als die zuständige Behörde jeden Tauchgang untersagt hatte.“ Die Taucher stehen unter Druck, jedes, auch das unmenschlichste Risiko einzugehen. Wer sich weigert, verliert seinen Job. 

Tote Taucher Bagatellposten

Das Unternehmen zahlte nach zweijähriger Verhandlung 2000 Euro Strafe wegen Verstoßes gegen Sicherheitsvorschriften. Ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung strengte der zuständige Staatsanwalt nicht an. Das Lachsland Chile ist ein sicheres Land. Für Investoren. Ein sicheres Land auch deshalb, weil Schädigungen der maritimen Umwelt den Verursachern so gut wie freistehen. Dass der Meeresboden unter Lachsfarmen unter einer dicken Schicht nicht gefressener Futter-Pellets und Lachsscheiße verödet, ist vielfach bewiesen. Unterwasserkameras liefern Horrorfilm-Szenen. Tauchfahrten des Grauens. Ein einziger Fjord mit seinen dicht gereihten Lachsfarmen muss die Fäkalmenge einer Millionenstadt schlucken. Ausgebrochene Lachse fressen die schon angeschlagenen Fischbestände leer. Und kranke virusverseuchte Lachse stecken ihre wilden Verwandten massenhaft an. Im Umfeld von Lachsfarmen sind Meer und Meeresgrund eine ökologische Wüste – wie jüngst Göttinger Forscher des Max-Plack-Instituts belegten und berichteten:  (www.scinexx.de; Chile: Lachsfarmen zerstören Ökosysteme)

Aber der größte Skandal steckt – versteckt – in den Bilanzen: Um ein Kilo chilenisches Lachsfleisch herzustellen werden fünf Kilo an wildlebendem Fisch zu Lachsfutter verpresst – und dieser Rohstoff wird überwiegend in Form von Fischnachwuchs im Humboldtstrom abgefischt. Die wenigen verbliebenen Fischer, die dieses Lachsfutter heranschaffen, vernichten damit zwar ihre eigene berufliche Zukunft, aber was bleibt ihnen anderes übrig, wenn sie nicht schon heute verhungern wollen? Sie haben keine Wahl, denn ihre traditionellen küstennahen Fischgründe haben Marine Harvest und andere bereits vernichtet.

In den Werbeblättern der Lachsindustrie tauchen diese Probleme üblicherweise gar nicht erst auf, was nicht heißt, dass sie nicht bekannt wären. So will man – in Europa! – die ruinöse Eiweiß-Bilanz der Lachsfleischproduktion dadurch verbessern, dass man den Gekäfigten nicht wie bisher ausschließlich Fischmehl-Pellets anbietet sondern pflanzliche Kost – die den carnivorischen Tieren allerdings mit Hilfe von Fischöl und ähnlicher Würze künstlich schmackhaft gemacht werden müssen. Die Hälfte des Rohmaterials zur Fischfütterung (die Angabe stammt von der norwegischen Lachsfutter-Industrie) ist pflanzlichen Ursprungs, der Rest stammt nach wie vor aus dem Meer.

Gibt es Lachszucht ohne Raubbau?

Es bleiben mehr als genug andere Probleme, für die keine Lösung in Sicht ist; um nur drei zu nennen:

1) Die Folgen von Antibiotika-Eintrag (auf der Nordhalbkugel allerdings deutlich weniger als in Chile!) schädigen das maritime Leben.

2) Zigtausend Tonnen von Fischkot verwandeln die Meeresböden um die Anlagen in Todeszonen.

3) Käfig-Ausbrecher ohne Wandertrieb lassen auch den Wandertrieb wildlebender Lachse erlöschen, sobald es zu Verpaarungen kommt.

Also kein Weg zum Bio-Zuchtlachs? Keiner auf dem nicht mehr oder minder Natur zertrampelt wird?

Vielleicht doch. Allerdings wäre eine radikale Abkehr vom bisherigen Milieu nötig - vom meersalzigen. In diesem Sinne titelte die renommierte US-Wissenschaftszeitschrift Scientific American am 14. Januar 2010: >>Wandel auf See: Erstmals nickt eine Umweltschutzgruppe nachhaltige Lachsfarmmethoden ab<<

Die Gruppe heißt Monterey Bay Aquarium`s Seafood Watch; und sie verlieh dem Lachsfleischhersteller AquaSea Corp das Attribut „Best Choice“ für einen epochalen Schritt. Für den an Land.

Seit einiger Zeit „farmt“ die Company nicht mehr nur experimentell sondern kommerziell in Containern mit Süßwasser. Das bedeutet, ihr Zuchtlachs belastet nicht länger das küstennahe Meer.

Die radikal neue Methode, nach der AquaSea Corp schon jetzt 90 700 Kilogramm Zuchtlachs pro Jahr herstellt, war, recht betrachtet, eine Zufallsentdeckung. Ursprünglich wollte die Wissenschaftsabteilung von AquaSea Corp nur labornah Lachse (die ja bekanntlich auch im Süßwasser leben können) in Containern untersuchen: „Wir hatten gar nicht mal vor, landgestützte Fischzuchtprogramme zu fahren“, so Per Heggelund von AquaSea Corp, „Wir wollten eigentlich Fragen der Genetik klären … des Lebenszyklus, des Wachstums und der Eiproduktion“. Heraus kam – möglicherweise – ein Ausweg: Graved Lachs ohne gravierende Umweltprobleme.

Ob sich die AquaSea Corp-Methode durchsetzt, bleibt abzuwarten. Bis es möglicherweise soweit ist, bleibt festzustellen: Zuchtlachs aus dem Meer ist keine kleinere Schweinerei als Schweine aus Massentierhaltung. Das lässt sich hinter keinem Siegel verbergen, egal ob blau oder blaugrün. 

 

 

 

 

 

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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