Wanderarbeit, Öko und Meer

Unter „wwoof“ findet man Wege zur Natur und zu sich selbst

Von Claus-Peter Lieckfeld

Martina am 11. August 2010: Fensterkitten am Gewächshaus

Das Wandern war bekanntlich nicht nur der Müller Lust, sondern auch der Schmiede, Bäcker, Wagner, Zimmerleute. Heute sind letztere so ziemlich die einzigen, die unter breitkrempigen Hüten und in schwarzen Hosen mit Riesenschlag und kettenbehängten Westen die Tradition des Wanderarbeitens aufrecht erhalten. Lehr- und Wanderjahre auf „Schusters Rappen“ sind ungefähr so weit weg wie Bartwickel und hölzerne Butterfässer.

Aber manchmal kehrt das Alte zurück, neugewandet. Zeitgemäß übers Internet und natürlich mit englischem Kürzel: wwoof willing workers on organic farms – ist ein Internet-Portal, mittels dessen sich Menschen (junge meist) in aller Welt Orte rauspicken können, an denen sich befristet leben und arbeiten lässt. Der Name – auf Deutsch etwa: Freiwillige Mitarbeiter auf Öko-Höfen – sagt schon, dass es sich um Angebote handelt, die mehr Erdnähe und Naturverbundenheit versprechen als sie etwa vollmechanisierte Agrarfabriken bieten können.

Martina Schneebacher, 23, aus St.Marein bei Graz (Österreich) klickte sich im Frühsommer diesen Jahres wwoof-mäßig ins Netz, als für sie eine Entscheidung anstand: Kunst/Kultur oder Agrarkultur? In Graz hatte sie eine vierjährige Fachschulausbildung als Keramikerin erfolgreich hinter sich gebracht und noch zwei Jahre Metalldesign drangehängt – ein Doppel, das einen Kunst-Studiengang ermöglicht. Aber kleben Österreichs Täler nicht schon voller meisterlicher Kunsthandwerker, die Feingewirktes, Kunstgewebtes, Handgeschmeicheltes und Schwerverkäufliches feilbieten? Sollte man seine Existenz auf tönerne Füße stellen? Statt zur Drehscheibe entschloss sich Martina erst einmal, ein etwas größeres Rad zu drehen. Die Prägung im elterlichen Bio-Gemüseanbau-Betrieb gab die Richtung vor.

Die wwoof-Regeln stehen für Freiheitsgrade aber auch für Risiko. Sobald man sich einen Großraum rausgesucht hat – im Fall Martina war es der deutschsprachige, möglichst an der Küste –, bekommt man (nachdem man einen geringen Euro-Betrag überwiesen hat), eine Auswahl zugeschickt. Die Standards, egal ob für Australien, Lateinamerika oder Europa: An- und Abreise zahlt man selbst, keine Bezahlung, Kost und Logis frei, über den Daumen gepeilt fünf bis sechs Arbeitsstunden pro Tag – variabel und nach Möglichkeit in Einvernehmen mit dem Gast- und Arbeitgeber.

Beim ersten Mal, einem Hofladen an der Ostsee, der sich auf alte Apfelsorten und Verarbeitung spezialisiert hatte, verkürzte Martina die verabredeten drei Wochen: Zu viel Reglement, zu wenig Möglichkeiten, die Freizeit auch nur einigermaßen variabel gestalten zu können. In den wwoof- Chat-Runden warnt sich die große Wanderarbeitergemeinde vor Flops und „hypt“ besonders gute Lokalitäten. 

Der übernächste Griff dann gleich ein Glücksgriff. Die Umweltstation Iffens am Jadebusen, Deutschlands ältester noch lebendiger Öko-Lernort – eine Zeitinsel aus den Tagen, als „Öko“ noch frisch war wie selbst geschnittener Blattsalat – bietet Anregung, Inspiration und auch die nötigen Entfaltungsmöglichkeiten. Morgens Wallnüsse knacken, etwas Küchenhilfe, nachmittags Unkraut jäten (das kann sie seit Kindertagen in den elterlichen Beeten bei Graz), nachmittags Wattlaufen. Und abends?

 … das wird sich ergeben. Und das Weitere bitteschön auch: Nach Iffens wird Martina noch in einem Betrieb bei Wiesbaden vorbeischauen, der sich auf Kräuteranbau und Verarbeitung spezialisiert hat.

Und dann? Zurück in Graz wird sie – angeregt aber unaufgeregt – entscheiden, ob  Kunsthandwerk oder Volleinstieg in den väterlichen Bio-Gemüseanbau-Betrieb. Oder am Ende sogar beides? In der Umweltstation Iffens hatte sie eine junge Schmuckdesignerin und Malerin kennengelernt, die Milch und Honig – oder richtiger „Honig“ und Milch – gut auf die Reihe bringt. Honig: Das ist Kunst und Kunsthandwerk; Milch: Aushilfe in einem benachbarten Bauernhof, der sich auf Milch und Käserei spezialisiert hat.

Man wird sehen. Wwoof schärft nämlich – wenn es gut geht – die Sehkraft. 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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