Der Kampf der Giganten

Oberbayerische Miniaturen, Teil 6

Von Tom Dauer

(Copyright: Tom Dauer)

7 Uhr früh: Im Bauwagen hofft man auf die Wachablösung

Ich hatte Angst vor dieser Nacht. Weil man nicht weiß, was auf einen zukommt, wenn man „Maibam passn“ muss. „Woch hoitn“ also, Wache schieben. Von 19 Uhr abends bis sieben Uhr früh. Damit weder die Sollacher noch die Unterdarchinger, Waller oder Föchinger den Maibaum stehlen. Ruckzuck geht das, wenn die Diebe mit Traktor und Rückewagen anfahren. Dann ist der Maibaum weg, über das Ortsschild hinaus, und du bist der Depp vom Dorf, weil du in deinem Suri eingeschlafen bist und nicht rechtzeitig „Der Bam bleibt do“ gerufen hast und man wegen dir eine Brotzeit aushandeln muss, für die der Maibaum von den Sollachern, Unterdarchingern, Wallern oder Föchingern zurückgebracht wird.

Es ist zum Glück nichts passiert in dieser Nacht. Kein Dieb war da. Das Maibaum-Passen verlief deshalb so wie in den beiden Wochen zuvor, und wie in den kommenden beiden Wochen vermutlich auch. In dem ranzligen Bauwagen vor der Tenne, in der der Maibaum gelagert, gehobelt und gestrichen wird, wurde getrunken. Und geraucht. Diskutiert und schließlich gestritten. Weil der junge „Michi-Bauer“ glaubte, seiner sei der größte und stärkste. Das tat der junge „Houchd“ aber auch. Und keiner ließ locker.

Kurz vor dem 1. Mai wird es daher zum „Kampf der Giganten“ – der junge Michi-Bauer – kommen: Eicher gegen Case. Alt gegen neu. 62 PS gegen 74 PS, mehr Hubraum gegen weniger Hubraum. Auf dem Spiel stehen 100 Liter. Bier. Der Michi-Bauer kriegt ein Tegernseer, der Houchd ein Augustiner. Falls er die Wette gewinnt. Dazu werden ihre Traktoren von Heck zu Heck mit einer Kette verbunden. Jeder startet in seine Richtung – und versucht, den anderen über den Ortsrand hinaus zu ziehen.

Das ganze Dorf wird dann wissen, wer den größten und stärksten hat. Anschließend werden alle zusammen friedlich den Maibaum aufstellen.


 


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