Die Kinder des Saturn

Hilft Melancholie gegen Trübsinn?

Von Till Bastian

Zu den ältesten Erfahrungen der Menschheit gehört, dass sich unser inneres Erleben verdüstern kann. Worte wie „Trübsinn“ oder „Schwermut“ sprechen für sich selbst, sie bedürfen keiner Erläuterung. Und sie betonen zweierlei: das Dunkel, das den Schwermütigen umgibt und das Gefängnis, worin er sich befindet. Es handelt sich quasi um Dimensionen des Ortes und der Zeit. Örtlich die Einschließung, die den Schwermütigen an einen Fleck bannt, den er nicht oder nur höchst ungern verlässt - das Anderswo lockt ihn nicht, droht mit Gefahr und Belastung. Zeitlich die Dunkelheit: Der „Seelenfinsternis“ dämmert kein Morgen, und wenn dennoch der Tag anbricht, wird er nichts bessern.

Der Melancholiker haust, so scheint es, in einer Welt, der jeder Wandel verdächtig ist. Er gefährdet das düstere Schmalspur-Leben, auf das er sich mühsam eingerichtet hat. Veränderung könnte ihn vollends aus dem Gleichgewicht werfen, um das er mit größter Anstrengung kämpfen muss.  

Bis zu dieser Zeile habe ich „Melancholie“ und „Schwermut“ als gleichbedeutende Worte gebraucht. Doch gerade im Ringen ums Gleichgewicht offenbart sich ein Unterschied: Der melancholische Mensch kann noch kämpfen - der schwermütige nicht mehr. Kennzeichen der Schwermut (klinisch: der Depression) ist ja nicht die Trauer, sondern das Nicht-Können: Auch trauern kann der Schwermütige nicht. Schwermut ist verfestigte, „geronnene“ Melancholie. Jeder Melancholiker weiß, dass er ständig in Gefahr schwebt, in solche Episoden abzurutschen. Der Dichter Hugo von Hofmannsthal hat die tiefe Schwermut als „Schweben über dem Bodenlosen, dem Ewig-Leeren“ beschrieben; er wurde „der Welt zurückgegeben“, als er 1907 ein Bild van Goghs (eines anderen Schwermütigen) betrachtete und sich „wie neugeboren aus dem furchtbaren Chaos des Nichtlebens...“ fühlte.

Der Melancholiker lebt, umgeben von der Geschäftigkeit seiner Mitmenschen, ein stilles, in sich gekehrtes Leben. Der Schwermütige ist übler dran; er stürzt aus der Melancholie ins Nicht-Leben, ins Bodenlose. Nicht immer kehrt er zurück, oft endet der tiefe Fall im gewollten eigenen Tod. Der Schwermütige ist zu einer geordneten Tätigkeit kaum noch in der Lage; der Melancholiker hingegen arbeitet meist hart, oft bis zur Erschöpfung, aber er kann sich an den Früchten seines Tuns nicht freuen; hinter jedem Erfolg droht das Scheitern. Gerade dann, wenn er ein bekannter Künstler ist, öffnet sich eine tiefe Kluft zur Mitwelt, die ihn durchaus anerkennt, während er sich selbst für einen Versager und alle Mühe für vergeblich hält (die Aufzeichnungen des Schriftstellers John Lord über die Zeit, als er Alberto Giacometti Modell saß, geben davon Zeugnis!).

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Das Wort „Melancholie“ leitet sich von einem der vier Körpersäfte ab, die die alten Griechen voneinander unterschieden haben, der „schwarzen Galle“ („melas“ = schwarz, „chol“ = Galle). Diese entspringt, so glaubte man, in der Milz (griechisch „splen“, woher das englische Wort „spleen“ stammt) und anders als Urin wird sie von unserem Körper nicht ausgeschieden. Hippokrates spricht von „melancholischen Leiden“, bei denen durch „Austrocknung“ des Körpers der „fetteste und beißendste“, eben der schwarze Teil der Galle in ihm zurückbleibt; das Substantiv „Melancholie“ verwendete etwa zur gleichen Zeit (414 vor der Zeitenwende) als Erster der Dichter Aristophanes. Im Traktat „Die Natur des Menschen“, vermutlich vom Schwiegersohn des Hippokrates verfasst, wird behauptet, dass „schwarze Galle“ im Herbst besonders reichlich vorhanden sei – ein früher Hinweis darauf, dass die längere Dunkelheit am Jahresende gerade den Melancholiker mit großer Härte trifft.

Von einem Schüler des Aristoteles, Theophrast, wurde erstmals ein Zusammenhang zwischen Melancholie und Begabung erörtert: „Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker; und zwar ein Teil von ihnen so stark, dass sie sogar von krankhaften Erscheinungen, die von der schwarzen Galle ausgehen, ergriffen werden ...?“ Als Beispiel nennt Theophrast den Helden Herkules, der im Wahn seine Kinder tötete.

Im Frühmittelalter wurde die Melancholie dem Saturn zugeordnet, dem äußersten der damals bekannten sieben Planeten. Die damals weit verbreitete Alchemie verband diesen riesigen „Wandelstern“, dessen Name der des Kinder fressenden Göttervaters der Antike ist, mit dem Organ Milz und dem Element Blei, das – als die niederste Stufe der metallenen Stofflichkeit – auch als „Melancholie der Materie“ bezeichnet wurde; die Begriffe „Melancholiker“ und „Saturnkind“ waren synonym.

Die Melancholie, glaubte man, sei Folge des Sündenfalls: Adam und Eva hätten im Garten Eden als Sanguiniker gelebt; mit der Entzweiung von Gott hätten sie jedoch ihre Fröhlichkeit verloren; für die Menschen „jenseits von Eden“ seien nur noch die „schlechten“ Temperamente übrig, so die Melancholie; einzig den „unschuldigen“ Kindern sei eine kurze Weile des Frohsinns geschenkt. Der melancholische Mensch galt als Beute des Bösen; es kostete einigen Mut, wie der Arzt Johannes Weyer (1515 – 1588) darauf hinzuweisen, es könne sich bei den der Hexerei verdächtigten Frauen um kranke Menschen handeln, deren Seele von Melancholie verwirrt sei und die sich die Begegnungen mit dem Teufel in ihrem Wahne bloß eingebildet hätten.

Renaissance und Humanismus indes entdeckten nicht nur die Antike, sondern auch die Melancholie neu und sahen in ihr eine produktive Möglichkeit des menschlichen Daseins, von der man auch klugen Gebrauch machen könne; diese These wurde vor allem von Marsilio Ficini (1433 – 1499) vertreten, dem Leiter der von den Medici neu gegründeten Platonischen Akademie. Freilich wurden im „Herbst des Mittelalters“ die Klagen über die soziale Untätigkeit vieler Zeitgenossen immer häufiger, desgleichen die Forderungen nach Gewerbefleiß und Unternehmergeist; was früher als Sünde gegen den Willen Gottes gegolten hatte, etwa „Trägheit“, wurde mit dem Aufstieg einer neuen Wirtschaftsform (des Merkantilismus) bald als soziale Untugend betrachtet. Seinem 1557 entstandenem Bild „Der Müßiggang“ („Desidia“) hat Pieter Brueghel der Ältere (1525 – 1569) folgendes Motto beigesellt: „Trägheit macht kraftlos und lässt die Nerven eintrocknen, sodass der Mensch zu nichts mehr taugt.“ 70 Jahre später, 1620, veröffentlichte Sir Francis Bacon sein berühmt-berüchtigtes „Novum Organon“. Darin hieß es wörtlich: „An die Stelle des Glücks der Betrachtung tritt die Sache des Glücks der Menschheit und die Macht zu allen Werken.“

So wurde das Programm einer technokratischen Revolution verkündet, die bis heute anhält und nicht nur die gesamte Erdkugel fest in ihren Griff genommen hat, sondern auch das Seelenleben der von ihr überrollten Menschen.

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Dem Melancholiker von heute nützt solches Wissen freilich nur sehr bedingt. Er und die Welt sind entzweit, gründlicher und tiefer als das bei anderen Menschen der Fall ist. Melancholie ist eine tiefe Empfindung, aber ein Empfinden des Vergeblichen, des Scheiterns, der Sinnlosigkeit. Aber Scheitern steht nahe bei der Schuld; deshalb sucht der Melancholiker nach sicheren Orten, fernab vom Weltgetriebe; es steckt jedoch keine Verachtung der Mitmenschen in diesem Rückzug, sondern eher der Wunsch, wieder sicheren Boden unter den Füßen zu spüren. Abgeschiedenheit mindert das Gefühl, etwas zu schulden, wenngleich sie dieses Gefühl des Schuldens nicht völlig tilgen kann. Diese Flucht mündet nicht in Wut, Hass oder Abscheu; weit eher empfindet der melancholische Mensch sich selber als mängelbehaftet, unzureichend und zu nichts von bleibendem Wert befähigt. Wahr ist in jedem Fall, dass melancholische Menschen meist korrekt, gründlich und gewissenhaft sind. Was sie hemmt, ist die Angst vor eigenen Fehlern und vor selbstverschuldeten Katastrophen; nicht die Welt erachten sie für schlecht, sondern sich selbst, und ihr Exil beruht nicht zum wenigsten auf der Scheu, sich den anderen zuzumuten.

Das also ist das Bild, das der melancholische Mensch uns zeigt. Er ist nicht traurig, sondern betrübt. Sein Dasein wirkt auf seine Mitmenschen kümmerlich, reduziert wie das eines Tieres im Winterschlaf. Aber dieser Eindruck könnte voreilig sein, entstanden nicht zuletzt aus dem (in der gegenwärtigen Zeit besonders heftigen) Wunsch, sich von der Melancholie des anderen abzugrenzen, da diese als gesellschaftsfeindlich gilt und für die lärmenden Anhänger des Massenfrohsinns nur schwer zu ertragen ist. Dieser Massenfrohsinn, zusammengespannt mit permanenter Beschleunigung aller Abläufe, ist das Lebenselixier der modernen Erlebnisgesellschaft. Doch es könnte sein, dass das von ihr verhängte Melancholieverbot sich am Ende rächt. Nach einer klassischen Formulierung von Sigmund Freud kehrt „das Verdrängte unerledigt wieder“ – als die „Volksseuche“ depressiver Erkrankungen. Melancholie, recht verstanden, könnte nämlich auch ein gutes Vorbeugemittel gegen Depressionen sein. Similia similibus curentur – Behandele Ähnliches mit Ähnlichem, sagen die Homöopathen.

Wer eine milde Melancholie zu handhaben weiß, sich quasi in ihr eingehaust hat, kann sich durch ständige Balancier-Übung am Ende oft ganz gut davor schützen, in bodenloser Schwermut zu versinken. Er leugnet die Abgründe ja nicht, er hat sich an ihre Existenz gewöhnt. Und er lässt sich nicht von der Illusion verwirren, das Leben sei ein einziges rauschendes Fest – wer nicht mithalten kann (und das sind die meisten), verzweifelt irgendwann an sich und an der Welt. Dem läßt sich vorbeugen, wenn wir die Melancholie richtig dosieren lernen. Aber wer darüber nachzudenken wagt, hat sich in Zeiten der hektischen Massenverblödung endgültig zwischen alle Stühle gesetzt.

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Der Arzt Till Bastian, Jahrgang 1949, arbeitet an einer psychosomatischen Fachklinik in Oberschwaben und hat soeben das Buch „Seelenleben. Eine Bedienungsanleitung für unsere Psyche“ veröffentlicht (München 2010: Kösel-Verlag). Darin werden die hier gerafft dargestellten Gedanken ausführlich dargestellt.

  


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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