Die wahre Weltkrise

2010 – Das Jahr der Biodiversität – Noch ein Todesjahr

Von Monika Rößiger

Tropische Schwärmer - ausgerottet, noch ehe sie benannt sind? Photo: Veronika Straaß

Ein Oktopus, der sich als Flunder tarnt; ein Schwamm, der einen Wirkstoff gegen Herpes birgt; ein Lotusblatt, das sich selbst reinigt - oder einfach nur die Schönheit einer Orchidee, die das Auge des Betrachters entzückt. So unterschiedlich diese Lebewesen auch sind, eines ist ihnen gemeinsam: vier Kreationen aus der Werkstatt der Evolution, die Beispiele für biologische Vielfalt verkörpern. Diese Vielfalt, auch Biodiversität genannt, scheint so unerschöpflich wie das Reservoir von Abermillionen Pflanzen- und Tierarten. Und ist doch in Gefahr.  

Biodiversität steht für den natürlichen Reichtum auf unserem Planeten. Damit ist nicht nur der Reichtum an Arten gemeint, sondern auch der an Lebensräumen und Lebensgemeinschaften und der genetischen Ressourcen. Biodiversität ist die Grundlage für intakte Ökosysteme, von denen letztlich unser aller Überleben abhängt. Einem funktionierenden Naturhaushalt verdanken wir es schließlich, dass wir sauberes Trinkwasser und saubere Luft genießen können, dass Bienen und andere Insekten für die Bestäubung der Pflanzen sorgen, die uns ernähren oder erfreuen. Wälder, Moore und Meere bieten uns in der Freizeit Erholung und dem Künstler Inspiration. Obendrein speichern sie Kohlendioxid, von dem der Mensch bekanntlich viel zu viel freisetzt. Die Anpassung von Tieren und Pflanzen an ihren natürlichen Lebensraum hat Ingenieure und Techniker schon auf manch kluge Idee gebracht; und die raffiniertesten Wirkstoffe für Medizin und Kosmetik sind oft „made by evolution“. „Bionik“ heißt die relativ neue Wissenschaft, die systematisch Baumuster der Natur erforscht und auf technische Verwendbarkeit abkkopft. 

 

Galoppierender Artentod

Biologische Vielfalt ist also wichtig, nicht nur aus ethischen, sondern definitiv auch aus ökonomischen Gründen. Seltsam nur, dass sie so wenig geschützt wird. Jahr für Jahr verschwinden Lebewesen für immer von der Erde. Jahr für Jahr verlängern sich die Roten Listen für bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Leider hat sich, seit die Misere (immerhin) Weltthema ist, der Trend noch dramatisiert – und der Artenschwund beschleunigt.

Mehr als 17.000 Arten verzeichnen die Roten Listen der Weltnaturschutzunion (IUCN). Jede dritte Amphibien- und jede vierte Säugetierart ist vom Aussterben bedroht. Die Aussterberate ist nach Angaben der IUCN zwischen 1000 und 10 000mal höher als sie natürlicherweise – also ohne das Zutun des Menschen – sein würde. Der rasante Verlust an Biodiversität ist neben dem Klimawandel und seinen Folgen die größte Herausforderung, der sich der Mensch global stellen muss, im Bereich Sicherung der Lebensgrundlagen.

Rund 1,9 Millionen Arten von Pflanzen und Tieren, Pilzen und Mikroorganismen sind beschrieben. Auf ihre Gefährdung untersucht wurden 48.000 Arten. Wieviele Arten aber insgesamt auf der Erde leben, ist unbekannt. Wer sollte sie auch zählen können? Ein Menschenleben reicht nicht aus dafür. Deshalb sind wir auf Experten-Schätzungen angewiesen, die allerdings sehr unterschiedlich ausfallen. Die Vereinten Nationen, die 2010 zum Internationalen Jahr der Biodiversität erklärt haben, gehen von etwa 15 Millionen Arten aus. Und von 150 Arten, die weltweit jeden Tag (!) aussterben. Darunter  viele, die noch gar nicht vom Menschen entdeckt wurden.

 

Brasilien – das reichste Land der Erde

Gründe für das Artensterben gibt es viele, der wichtigste ist Verlust der Lebensräume. Wo Wälder gerodet, Teiche trockengelegt, Flüsse kanalisiert, Felder mit Pestiziden gespritzt und Hecken abgeholzt werden, da wird es eng für Wolf und Luchs, Teichmolch, Europäischen Flußkrebs, Feldlerche und Nachtigall. Weitere Bedrohungen der Biodiversität sind der Klimawandel und die Invasion fremder Arten, Überfischung oder Wilderei. Lebensräume werden aber auch durch Straßenbau, Landwirtschaft und Besiedlung vernichtet, in der ersten Welt ebenso wie in der dritten.

Nur: Die biologische Vielfalt ist nicht gleichmäßig auf unserem Planeten verteilt. Rund 70 Prozent aller Arten befinden sich nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen in 17 Ländern der Tropen und Subtropen. Zu den Hotspots der Biodiversität zählt zum Beispiel Brasilien: Experten schätzen, dass hier 56 000 Arten höherer Pflanzen beheimatet sind. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es "nur" 2.700 höhere Pflanzenarten.

Aber ausgerechnet die Ökosysteme, in denen die Artenvielfalt besonders hoch ist – Regenwälder und Korallenriffe – zählen zu den am stärksten gefährdeten Lebensräumen.

 

Ja, mach nur einen Plan …

Was hat die Politik bisher unternommen?

1992, auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro, einigte sich die Völkergemeinschaft auf die sogenannte Biodiversitätskonvention. Dieser Vertrag zur Erhaltung der biologischen Vielfalt wurde inzwischen von 193 Staaten unterzeichnet. Sie verpflichteten sich, die Bestimmungen in nationales Recht umzusetzen, was in Deutschland beispielsweise erst 2007 geschah – 15 Jahre nach der Verabschiedung der Konvention.

Neben weiteren Verträgen unterzeichneten die Regierungsvertreter in Rio auch die "Agenda 21", ein Programm mit dem Ziel einer umweltgerechten Entwicklung für das 21. Jahrhundert. Nachhaltiges Wirtschaften gilt seitdem als Leitbild, was eigentlich bedeutet, daß nicht mehr Rohstoffe entnommen werden als natürlicherweise nachwachsen. Leider hapert es mit der Umsetzung, auch und gerade in reichen Industriestaaten, von denen man eine Vorreiterrolle erwarten würde. Im Jahr 2009 war die Belastung, die der Planet gerade noch ertragen hätte, schon am 25. September erreicht – so berechnete das Global Footprint Network. Mit anderen Worten: Mehr als drei Monate vor Jahresende, so Greenpeace, war die Erde ökologisch schon im Minus. (Diese Bilanz bezieht sich nicht nur auf den Rohstoffverbrauch sondern auch auf die Produktion von Treibhausgasen und Müll.)

"Das internationale Jahr der Biodiversität wird zur Farce", moniert die Umweltorganisation EuroNatur in Radolfzell. Im März haben sich die europäischen Staats- und Regierungschefs wiedergetroffen, um die Weichen der EU-Politik für die nächsten zehn Jahre zu stellen. "Die EU-Politik der letzten Jahre ist im Bereich Biodiversität eine einzige Enttäuschung," kommentiert Lutz Ribbe von EuroNatur. "Das liegt nicht an fehlenden finanziellen Mitteln, sondern an der mangelnden Bereitschaft, tatsächlich etwas zu tun." Seit 2006 gebe es einen Aktionsplan der EU zur Biodiversität, mit 160 konkreten Maßnahmen, unter anderem zur Renaturierung verloren gegangener Lebensräume wie Feuchtgebiete. Aber die wenigsten Maßnahmen werden umgesetzt. Stattdessen würden nicht erreichte Ziele einfach als neue deklariert und das Datum ihrer Umsetzung auf weitere zehn Jahre in die Zukunft verschoben.

 

Wieviel Plus macht ein Riff?

Auch der WWF weist darauf hin, daß die EU-Umweltminister in diesem Jahr einen ähnlichen Beschluß für 2020 gefaßt haben wie schon im Jahr 2001 für das laufende Jahr: Den Verlust der biologischen Vielfalt stoppen. Freilich ohne dass viel geschehen wäre. Günter Mitlacher vom WWF fordert deshalb, dieses Ziel in die Agrar- und Wirtschaftspolitik zu integrieren. Wie andere Umweltorganisationen auch kritisiert er die verfehlte Subventionspolitik der EU. Noch immer fließen Unsummen in zerstörerische Praktiken von Landwirtschaft und Fischerei, dagegen ist für die Renaturierung von Flussauen oder die Anlage naturnaher Wälder plötzlich kein Geld da.

Und während die Banken-, Finanz- und Eurokrise alle in Atem halten, wird vergessen, welche irreparable Folgen der Verlust der Artenvielfalt hat. Der Wert der "Dienstleistungen" aller Ökosysteme weltweit wurde mit mehreren Billionen Euro pro Jahr beziffert. Auch wenn das sehr vage klingt,  allein die Größenordnung macht deutlich, dass wir uns den Verlust dieser Gratis-Dienste nicht leisten können. Ein konkreter Zahlenwert wurde bislang immerhin für Korallenriffe ermittelt: Die geldwerten Leistungen dieser Meeresökosysteme beziffern Marisa Martinez und Mitarbeiter (in einer Studie aus dem Jahr 2007) mit 172 Milliarden Dollar pro Jahr.

Das dürfte fürs Erste reichen, um den monetären Wert von Ökosystemen und ihrer Basis, der Biodiversität zu verdeutlichen. Die Zeit zum Handeln drängt. Und dass Politiker auch schnell sein können, wenn es um neue Gesetze und die Bereitstellung von Geld, viel Geld geht, zeigt ja gerade die Griechenland-Euro-Krise. Der Erhalt unserer Lebensgrundlagen sollte uns mindestens soviel wert sein.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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