Kennzeichen M

Parallelgesellschaften der Peripherie

Von Tom Dauer

Copyright: Tom Dauer

Der Kindergarten, den unser kleiner Mensch besucht, liegt im Nachbarort. Mit dem Radl sind das vielleicht 20 Minuten. Und doch führt der Weg in eine andere Welt. Man merkt das an den Namen seiner Kollegen.

Die Buben und Mädchen, die derzeit in Schmidham aufwachsen – das aus städtischer Sicht schon im oberbayerischen Jodelreservat liegt –, werden Pauli, Vroni, Magdalena, Notburga, Basti, Simon und Christina gerufen. Zwei Maxis gibt es auch. Die Gleichaltrigen in Warngau – das dank Bundesstraße und Zuganbindung zum Münchner Einzugsgebiet zählt – heißen zum Beispiel Lisanne, Celine, Lioba, Samantha, Luana und Jennifer. Ihre Eltern sind BMWler, Siemensianer, Anwälte und Unternehmensberater. Die Sprösslinge holen sie spät nachmittags vom Kindergarten ab. Mit Dienstwagen, deren Kennzeichen „M“ schon für böses Blut in der Gemeinde sorgte. Einige Alteingesessene glaubten, ihre Kinder bekämen keinen Platz in der katholischen Versorgungseinrichtung mehr, weil dieser von Münchnern, anderen „Zuagroastn“ und deren Bälgern in Beschlag genommen worden sei.

Die meisten Maxis, Tonis, Seppis und Marias aus Warngau und den Dörfern drumherum sind am Nachmittag zuhause. Manchmal müssen sie auf dem Hof helfen. Ansonsten verbringen sie genau die Kindheit, von der Eltern schwärmen, die ihren eigenen Nachwuchs nach dem Kindergarten noch in die musikalische Frühförderung schicken.

Ich bin gespannt, ob diese Kinder irgendwann zusammenfinden werden. Im Fußballverein vielleicht. Oder ob es so kommen wird wie in einer Nachbargemeinde. Dort wurde ein Arbeitskreis zur Integration neuer Gemeindemitglieder gegründet. In dem Gremium ist nicht ein einziger Einheimischer vertreten.


 


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