Schulz & Schulz

Groborientierung für meinen Minikosmos, Teil 4

Von Tom Schimmeck

Copyright: Schimmeck

Hart am Inzest

Das zentrale Sujet heute scheint schwer zu fassen: das Nichts, die strukturelle Ereignislosigkeit unseres Dorfgeschehens. Mein Hinterkleinhausen ist, wie viele anderen Weiler der schlafenden Region, sehr sehr alt, 800 Jahre und mehr. Im siebten Jahrhundert, sagen die Geschichtsbücher, begannen slawische Stämme hier zu siedeln. Dann suchte Karl der Große hier Punkte zu machen, später Otto der Große. Doch stets, "bei all diesen Vorgängen", blieb die Gegend "in einer Nebenlage".

Die Eichen in der Dorfmitte, die man in solchem Zeithorizont eigentlich als jung bezeichnen müsste, ragen auf wie geronnene Zeit. Die Fachwerkhäuser rundum ruhen, als stünden sie schon seit dem Urknall da. Gewiss gibt es aktuelle Ereignisse, Glücks- und Unglücksfälle aller Art. Vorgestern erst hat sich Altbauer Heinrich Teile seines rechten kleinen Fingers abgetrennt - am Holzspalter. Hab ich heute morgen am Jägerzaun von Nachbar Günter erfahren, der, gummibehandschuht, gerade eine Zweigstelle der Bundesgartenschau zu schaffen schien. Womit bewiesen wäre: Selbst hier geschieht viel.

Das große Ganze aber dringt nur stark gedämpft durch. Obwohl wir natürlich bemüht sind, kosmopolitisch teilzunehmen, tüchtig Radio, TV, Zeitungen ganz nach Gusto und das WWW (immer noch slow, slow, slow) genießen – und folglich touchiert werden vom Geschehen in den anderen Winkeln der Welt. Leider wirkt immer alles so weit weg. Denn hier weht nur ein Lüftchen, die Blätter rauschen (bald!), ein Hund bellt, ein Vogel piepst, auch mal zwei. Und dann fährt, eine Stunde später, vielleicht ein Auto vorbei. Freunde der Action fallen in unserer Nebenlage nach ca. 1,5 Tagen tot um.

Wenn ich auf dem Dorfplatz mit den Eichen zusammen herumstehe, frage ich mich manchmal: Wie nur haben Menschen gelebt, als es noch kaum Signale aus der Restwelt gab? Als schon das übernächste Dorf weit weg schien? Was wussten sie? Was ahnten sie? Wie erging es ihnen, so un-abgelenkt, ganz auf sich gestellt, den langen Tag miteinander arbeitend, essend, redend, schlafend? Waren sie sicherer, glücklicher? Möglicherweise. Gewiss aber war es auch verdammt eng. Man gluckte aufeinander, ständig hatte jeder jeden im Blick. Der Raum für Alternativen, für Individualität, muss winzig gewesen sein.

Schon bei Partnerwahl. Die verlief hart am Inzest. Gefühlt jeder Dritte heißt hier Schulz. Sehe ich jeden Tag auf dem Schriftbalken über unserem Tor, wo die Namen des Erbauerpaares verewigt sind: Heinrich Christoph Schulz und Dorothea Elisabeth Schulz, geborene Schulz. Darüber steht, quer über die Vorderfront, ein Satz, der selbst den Atheisten anrührt: "Laß mich allein auf Jesum bauen, laß mich in allen meinem Thun, voll Hoffnung Dir mein Gott vertraun und in der Zuversicht beruhn, du werdest auf mein Bestes sehn und mir es lassen wol ergehen."


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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